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SWR2 Wort zum Tag

Eine Stunde und zehn Minuten: So lautet mein neues Erfolgsrezept.  Sport und Gebet. Und das jeden Tag. Egal bei welchem Wetter. 
Vor einem Jahr hat mich eine Unruhe gepackt. Mein Leben lief nicht mehr so rund wie gewohnt. Die Arbeit ist mir über den Kopf gewachsen, mein Privatleben ist zu kurz gekommen und was noch viel schlimmer war, es ist mir gar nicht aufgefallen.
Mein erster Gedanke: Ich muss was ändern, sonst lande ich direkt in der „Burnout-Falle". Wenn nichts mehr geht und ich mich leer und ausgebrannt fühle - ist es zu spät. 
 Ich habe das gemacht, was mir immer schon gut gefallen hat: Mich bewegen. Also laufe ich einfach mal los, ich finde bestimmt das richtige Tempo, war mein Motto. Und daraus ist ein Ritual geworden. Jeden Tag eine Stunde "Power-Walken" nur für mich. Das Kraft-Training zu Fuß tut mir gut. Und seitdem ich laufe, nehme ich vieles "sportlicher":
Die stichelnde Randbemerkung der Kollegin, den kleinen Fehler aus Unachtsamkeit, den schiefen Blick des Arbeitskollegen, die Wut im Bauch, den Stress im Kopf.
Ich kann vor meinen Problemen nicht weglaufen. Aber manches leichter, ja gelassener nehmen - das geht. Ein klarer Kopf, die gute Luft, die schöne Natur - das alles hilft mir, meine Gedanken zu ordnen und ich mich rundum wohl fühle.
So gewinne ich auf meine Weise Abstand zu alltäglichen Sorgen und finde wieder besser zu mir. So manches lasse ich einfach nicht an mich heran. Vielleicht entdecken Sie für sich, was Ihnen gut tut. 
Interessant ist auch das: Forscher haben herausgefunden, dass Laufen genauso gut tun kann wie ein Gebet. Beides macht ausgeglichener. Beim "Power-Walken" verbinde ich beides: Eine Stunde Sport und zehn Minuten Gebet. Wenn mich was belastet, spreche ich während des Gehens: „Jesus, erbarme dich meiner". Und wenn ich Gott um was bitten oder nur Danke sagen möchte, sage ich laut vor mich hin: „Du führst mich hinaus ins Weite. Du öffnest meinen Blick, du gibst meinen Schritten weiten Raum. Du bist mein Stock und mein Stab. Du begleitest mich auf meinen Wegen."

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"Wer liebt, teilt auf Augenhöhe." Vielleicht war das das Motto des heiligen Martin von Tours. Heute am Martinstag denke ich an ihn.
Dass Martin nicht auf einem Pferd sitzt, sondern einem Bettler auf Augenhöhe begegnet - das steht in der ältesten uns überlieferten Martinslegende. Mir gefällt das. Martin kümmert sich um einen Armen. Vielleicht ist das ein Obdachloser, ein Wohnungsloser oder ein Hartz IV Empfänger. Auf jeden Fall einer, der am Rand steht, der nicht viel hat, den keiner will, den keiner sieht. Das Entscheidende daran: Martin schaut hin und begegnet diesem Menschen auf Augenhöhe. Miteinander teilen sie sich einen Mantel. Solche Menschen, die sich wie Martin für andere einsetzen, gibt es auch heute in Kirche und Gesellschaft. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart werden jedes Jahr Ehrenamtliche mit einem besonderen Preis ausgezeichnet, der „Martinusmedaille". Der Preis soll eine Ehrung für Menschen sein, die sich um andere kümmern und zwar freiwillig, über längere Zeit und selbstverständlich ohne Lohn. Eine Ehrenamtliche kocht jeden Mittwoch in ihrer Kirchengemeinde für Menschen, die wenig haben. Familien, ältere Menschen, die einsam sind, auch junge Menschen kommen im Gemeindezentrum zusammen und essen gemeinsam. Eine Gemeinschaft, die gut tut. 150 Menschen kaufen täglich zu günstigen Preisen in einem  Caritas-Tafelladen ein. Ein Ehrenamtlicher hat die Nahrungsmittel jahrelang von verschiedenen Supermärkten abgeholt und in den Tafelladen gebracht. Heute hilft er den Menschen, die ins „Zentrum des Zuhörens" kommen - eine Anlaufstelle der Caritas, konkret bei praktischen Fragen weiter. Für ihn ist das selbstverständlich. Wie oft geschieht soviel Gutes, das niemand beachtet. Es sind viele, die sich bescheiden und unauffällig für andere engagieren. Nicht alle bekommen einen Preis, auch wenn sie ihn verdient hätten. Sie sind Vorbild für mich. Begegne ich Menschen auf Augenhöhe? Teile ich meine Zeit mit anderen? Wo bin ich hilfsbereit? Wann ist es mir eine Ehre, mich für eine gute Sache einzubringen, einfach so. Schaue ich hin, wenn einer meine Hilfe braucht? Mache ich den ersten Schritt, wenn ich Not sehen? Habe ich den Mut für andere stehen zubleiben und vom „hohen Ross" abzusteigen? Wie gut, dass es sie gibt, die vielen Ehrenamtlichen, die den Spuren des Heiligen Martin folgen. Egal ob mit und ohne Ehrung. Sie haben meine volle Wertschätzung: Dankeschön.

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Nach Gott fragen und von Gott reden - dieses Thema versuche ich in dieser Woche zu beleuchten. Fast kommt es mir vermessen vor, darüber zu sprechen. Denn die Gottesfrage ist ja nicht irgendeine Frage neben anderen - sie ist die Frage schlechthin. Weiter und tiefer als die Frage nach Gott reicht keine andere Frage. Und ich kann von Gott auch nicht sprechen wie über dieses oder jenes -  „wie über Baum und Stein", so hat es der evangelische Theologe Rudolf Bultmann einmal gesagt. Was wir mit dem Wort „Gott" benennen, ist Mitte und Grund unseres Denkens und Redens; Mitte und Grund unseres Lebens und unserer Existenz. Ich kann von Gott nicht sprechen, wenn ich nicht von Gott betroffen bin. Ja, vielleicht kann ich in lebendiger, in glaubwürdiger Weise überhaupt nur von ihm sprechen, wenn ich eine lebendige Beziehung zu Gott habe und wenn das Sprechen mit Gott am Anfang steht. Sollte ich dann aber nicht lieber schweigen? Nein, ich glaube, dass Christen die Frage nach Gott und die Rede von Gott nicht verstummen lassen dürfen, auch wenn dies oft nur völlig unzureichend gelingt. Viele Menschen hungern danach. Sie suchen nach etwas, das ihrem Leben Tiefe gibt; das sie trägt in dem, was sie tagtäglich beschäftigt, besorgt, glücklich macht, hoffen lässt. Und das auch noch Halt geben kann, wenn sie ins Bodenlose zu fallen drohen. Dass sie dabei auch unsicher sind und zweifeln, widerspricht nicht dem Glauben, sondern nimmt ihn ernst. Wir können auf vielfältige Weise mit Gott in Beziehung stehen. Zwischen unserem Fragen nach Gott, unserem Denken über ihn und dem Gott, der uns im Glauben begegnet, ist ein Abgrund, den wir mit unserer unzulänglichen Sprache kaum überbrücken können. Wir können von Gott nur in Bildern sprechen, und diese Bilder verhüllen ihn mehr als dass sie ihn zeigen. Aus der Sicht des Glaubens freilich ist dieser Abgrund immer schon durch die Liebe Gottes überbrückt. Und Glaubende sollen und dürfen auch in unzulänglicher Sprache über Gottes Liebe sprechen. Und über Jesus von Nazareth. Von ihm sagt die Bibel, er sei das authentische Bild des unsichtbaren Gottes. An ihm, an Jesus von Nazareth, können wir erkennen, wie Gott ist. Bei ihm geht es um tiefes menschliches Verstehen, um Vergebung; darum, dass Menschen aufgerichtet werden, die das Leben zu zerbrechen droht. Es geht um neues Leben, um Auferstehung aus tödlicher Erstarrung. Menschen sollen zur Freiheit ermutigt werden. In der Freiheit begegnen sich menschliche Sehnsucht und göttliche Liebe. Auch wenn die Worte immer unzulänglich bleiben: Man wird nie an ein Ende damit kommen, diesen Gott den Menschen nahe zu bringen.

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Der 9. November ist ein Datum von äußerst gegensätzlicher Bedeutung. Er erinnert einerseits an einen absoluten Tiefpunkt deutscher Geschichte, andererseits verbinden sich mit ihm aber auch Erinnerungen an Befreiung, an Neues, Hoffnungsvolles. Ich spreche von der Nacht des 9. November 1938, als überall in Deutschland Synagogen brannten, die Häuser jüdischer Mitbürger geplündert und verwüstet und ihre Bewohner gedemütigt, misshandelt und oft auch ermordet wurden. Schon seit mehreren Jahren waren jüdische Nachbarn, Kollegen und Freunde von einst zunehmend schikaniert und ihrer Rechte beraubt worden. Die Nacht des 9.November 1938 war dann der Auftakt zu einem staatlich angeordneten Morden, dem rund sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. Wie konnte es geschehen, dass dabei ungezählte Menschen zu Tätern und Mittätern wurden und schreiendes Unrecht für Recht halten konnten? Ich spreche aber auch vom 9. November 1989, als sich die Mauer mitten durch Berlin und das ganze Land öffnete - für viele war sie eine tödliche Grenze gewesen, 28 Jahre lang. Der unmittelbare Anlass schien ein Missverständnis zu sein, fast ein Zufall. Aber die Zeit war reif, dass daraus ein historisches Ereignis wurde. Die Sehnsucht nach Freiheit zerbrach die Dämme, hinter denen in 40 Jahren kommunistischer Diktatur ein Volk eingegrenzt und reglementiert worden war. Mutige Menschen kamen endlich zu ihrem Recht: evangelische und katholische Christen, Bürgerrechtler, Menschen mit Zivilcourage, die sich nicht vor der Anmaßung der Macht gebeugt hatten, vor der Vergewaltigung des Denkens, vor dem Auftreten der Lüge als Wahrheit. Sie hatten dem Willen zur Freiheit und dem Ringen um Menschenrechte den Vorrang gegeben vor der persönlichen Sicherheit. Sie mussten Repressalien ertragen und waren sicher manchmal sehr einsam. Der 9. November lässt uns tief in menschliche Abgründe blicken, und ebenso macht er die unzerstörbare Würde des Menschen sichtbar und seine Kraft, trotz vieler Mühen in eine bessere Zukunft aufzubrechen. Elend und Größe, Leid und Hoffnung, schwere Schuld und bewundernswerte Gewissensstärke - diese Gegensätze machen sich an den geschichtlichen Erinnerungen zum 9. November fest.  Sie gehören aber auch als stets präsente Möglichkeiten zu unserem Leben. Beides tragen wir in uns. Manchmal trennt nur eine schmale Zone das eine vom anderen.  Das Gedenken des 9. November soll uns davor bewahren, zu verdrängen und zu vergessen. Es will uns auch ermutigen, der Menschlichkeit in uns so viel Raum wie möglich zu geben.

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„Meine Bilder beschwören des Geheimnisvolle. Dieses Geheimnisvolle bedeutet - nichts. Denn es entzieht sich unserem Wissen." Der surrealistische Maler René Magritte hat das einmal gesagt. Ist dieses Wort Magrittes nicht eine zeitgemäße Weise, von Gott zu reden? Sollen wir - Kinder einer säkularen Welt  - nicht auf diese Weise von Gott reden: dass er sich unserem Wissen entzieht? Dass das, was wir mit dem Wort Gott meinen, alles sprengt, wonach wir fragen und wovon wir sprechen können?
Die Frage nach Gott treibt die Menschen um - heute vielleicht mehr denn je, wo wir in einer von Wissen durch und durch geprägten Welt vor allem nach einem suchen: Woran können wir unser Leben orientieren; was gibt unserem Leben Sinn? In der Suche nach dem oft so dunklen, rätselhaften Sinn des Lebens kann sich die Frage nach dem oft so dunklen, rätselhaften Gott verbergen. Es geht ja nicht um den Sinn von diesem oder jenem. Es geht vielmehr um die ersten und letzten Fragen: Woher kommen wir, wohin gehen wir? Was gibt mir Halt und Trost in einer Welt, in der es allzu oft so aussieht, als gebe es keinen Gott? Viele leiden an diesen Fragen wie an einer offenen Wunde. Für andere sind sie sinnlos, Ausdruck eines unaufgeklärten, unwissenschaftlichen Denkens. Nicht dem, der nicht an Gott glaubt, fehlt etwas, sondern dem, der an Gott glaubt, sagen atheistische Kritiker. Von „Gotteswahn" sprechen sie sogar. Gläubige sollten diese Kritik nicht einfach abtun. Sprechen wir nicht oft unangemessen von Gott - so wie man über irgend etwas neben vielem anderen spricht? Sind wir nicht oft viel zu rasch mit Antworten zur Hand und nehmen die Fragen der Menschen nicht ernst genug? Haben nicht auch glaubende Menschen oft eine unselige Konkurrenz aufgebaut zwischen dem, was wissenschaftliches Denken leistet und was der Glaube zu sagen hat? Und doch: Wenn alle wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, sind die eigentlichen Lebensfragen überhaupt noch nicht berührt. So hat es der Philosoph Ludwig Wittgenstein einmal gesagt. Was ist gut und was ist böse? Was tröstet uns in der Tragik? Was hält uns im Angesicht des Todes? Darüber gibt wissenschaftliche Logik keine Auskunft. Und auch auf die Sinnfrage schlechthin: Warum ist denn überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? - auch auf diese Frage gibt es keine logisch zwingende Antwort. Nicht wie die Welt ist, ist das Geheimnis, sondern dass sie überhaupt ist, sagt Wittgenstein. Er nennt dieses Geheimnis das „Mystische". Über das Mystische können wir in der in der Sprache von Logik und Wissenschaft nicht sprechen. Und so kommt Wittgenstein zu dem berühmten Satz: Wovon wir nicht reden können, darüber müssen wir schweigen. Darüber müssen wir schweigen. Kann nicht auch das Schweigen über Gott zutiefst angemessen sein? Muss man nicht zuerst einmal bereit sein, über Gott zu schweigen, um dann vielleicht auch einmal glaubwürdig von ihm zu reden zu können?

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Vor einem Monat ist Steve Jobs gestorben. Der Erfinder von IPot, IPhone, IPad ist tot.  Viele trauern um ihn und waren erschüttert über seinen Tod. „Einer, der die Welt veränderte", so konnte man in den Medien lesen und hören. Einer, der Visionen hatte und dafür die nötige Technik entwickelte. Und auch: einer, der mit seinen Erfindungen neue Visionen bei ungezählten Menschen frei gesetzt hat. Seine Erfindungen sind technisch perfekt und schön gestaltet. Es macht Spaß, damit umzugehen. Kommunikationstechnik zu beherrschen ist nicht mehr nur Sache von Experten, sondern jeder kann Experte sein und sich zur Welt der Wissenden dazu gehörig fühlen. Netzwerke von Kommunikation, ganz neue Gemeinschaften können mit Hilfe technischer Geräte entstehen. Tag und Nacht, immer und an jedem Ort kann ich mit Anderen Verbindung aufnehmen und bin meinerseits erreichbar. Erfindungen von Steve Jobs und anderen machen es möglich. Diese Erfindungen kommen offensichtlich den Bedürfnissen ungezählter Menschen entgegen. Für Steve Jobs, so wird gesagt, sei die Frage ausschlaggebend gewesen: „Was willst du, dass ich für dich tue?" Das ist auch eine biblische Frage.  Und er hat junge Menschen mit der Botschaft ermutigt: „Think different - habe Mut, eigenständig zu denken und zu handeln. Sei Du selbst." Man hat Steve Jobs eine Ikone genannt und ihn mit einer religiösen Aura versehen. Ja noch mehr: „IGod ist tot", hat jemand gesagt. Eine Messiasfigur, ein Retter ist zu betrauern. Anders lässt sich die weltweite Bestürzung über seinen Tod nicht verstehen. Hinter der modernen Kommunikationstechnik eröffnet sich eine Welt von Werten, die unsere Kultur verändert haben. Für viele Menschen sind sie existenziell, ja fast stiften sie Sinn. In einer Talkrunde am Tag nach seinem Tod sagte eine junge Frau, was Steve Jobs erfunden habe, ermögliche ganz neue Erlebnisse von Transzendenz. „Wie", fragte der Moderator, „können Computer Sinn stiften, Trost spenden bei Tod und Trauer, Geborgenheit schenken, wenn Menschen nicht mehr aus noch ein wissen?" Ich teile diese Einwände, auch wenn ich die technischen Entwicklungen bewundere. Ich frage mich aber auch, wo gerade junge Menschen das Rüstzeug mitbekommen, mit den rasanten technischen Entwicklungen so umzugehen, dass diese tatsächlich zu einem sinnerfüllten Leben beitragen und dass sie die eigentlichen Sinnfragen nicht verstellen. Und ich bin überzeugt, dass sich das Verlangen nach Transzendenz nicht durch Erfahrungen stillen lässt, die sich im Internet eröffnen. Dennoch nehme ich diese Phänomene ernst. In ihnen drückt sich das Lebensgefühl vieler Menschen aus. Aber was macht ein wirklich sinnerfülltes Leben aus? Die Frage: „Was willst Du, dass ich für Dich tue?", stellt sich dringender denn je.

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