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SWR2 Wort zum Tag


Wer anderen schenkt, wird selber reich.
Das ist eine etwas ungewöhnliche Maxime.
Für manche gehört der gelebte Geiz ja fast schon zum guten Ton.
Andere sind überzeugt, gar nichts zu besitzen, was man schenken könnte.
Oder sie halten das Geben für Verschwendung oder für bedrohlich. Man will vielleicht die wenigen Krümel Glut unter der Asche der Jahre für sich selber bewahren.

Die Bibel jedoch ist in diesem Punkt eigensinnig: Gebt, so wird euch gegeben. Eigentlich ist das eine simple Lebensweisheit. Man kann es an den vielen Eltern von Kindern ablesen. Sie haben gegeben, in ihre Kinder investiert: Viel Liebe, viel Zeit, viel Lebenskraft - manchmal auch viel Geld. Sie haben sich abgemüht mit ihren Kindern, bei den Hausaufgaben, bei den Fahrdiensten, haben sie in den Zeiten der Ausbildung unterstützt, haben ihre Partner akzeptiert und in die Familie geholt.
Jetzt sind die Kinder aus dem Haus, und ich beobachte, dass die Eltern nicht verwaisen, nicht einsam und ohne Antrieb sind. Nein, sie fühlen sich behütet, auch wenn der Umzug in die Pflege unvermeidlich ist. Die Liebe, die sie schenkten, fließt zurück, gibt ihnen das Gefühl, geborgen und gesegnet zu sein.

Das macht mich nachdenklich. Ich habe auch Menschen, denen ich unendlich viel verdanke. Wie viel Zeit, wie viel Zuwendung haben andere in mein Leben investiert, wie viel Trost und Verständnis wurde mir schon geschenkt. Letztlich verdanke ich ja alles meinem Schöpfer. Und dann weiß ich: Ich habe etwas zu geben, und das wächst in dem Maße nach, in dem ich es auch wirklich ausgebe. Ich bin nicht arm, nicht klein und ich muss auch nicht klein von mir denken. Und es ist nie zu spät, die Tür zu öffnen, die innere Grenze zu überwinden und meinem Mitmenschen etwas zu geben.

So erlebe ich es und lerne es täglich, denn immer noch bin ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Eine Frau an der Tankstelle, die an ihrem blöden Tankschloss verzweifelt - für mich nur ein Handgriff, und wie dankbar ist sie. Einem anderen den Vortritt lassen, an der Kasse, im Verkehr. Eine extra Portion Zuwendung für das traurige Kind oder den geknickten Partner.
Da lebt ein anderer wegen einer kleinen Geste wieder auf, atmet auf, fängt an, wieder etwas richtig zu machen. In diesen Augenblicken säst du eine Handvoll Segen, und du bekommst ihn zurück.

Wer sät, darf ernten. Wer andere beschenkt, wird selber reich.
Beginnt, sich selber zu mögen, sich selber zu trauen.
Das ist wahre Lebenskunst.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7280

Ein besonderer Höhepunkt des Jahres ist in unserer Gemeinde immer das Krippenspiel, das der Freundeskreis für Behinderte auf die Bühne bringt. Hier machen Junge und Alte mit, Menschen mit und ohne sichtbare Behinderungen. Sie alle erfüllen die Geschichte von der Geburt Jesu ganz neu mit Leben: Gott nimmt in seinem Sohn Jesus menschliche Gestalt an (Phil 2,6). Und die Menschen sind eben nicht immer jung, schlank und schön. Es gehört zum Leben dazu, einen verletzlichen Körper zu haben. Einen Körper, der alt wird oder krank. Der vielleicht im Rollstuhl sitzen muss. Nicht zu reden von den vielen unsichtbaren Narben und Verletzungen, die Menschen an sich tragen.

Wenn Maria im Rollstuhl nach Bethlehem geschoben wird und den Hirten und Weisen beim Niederknien vor der Krippe die Knie ächzen, dann wird es besonders deutlich: Gott ist wirklich mitten in dieses Leben hier gekommen. Gott überwindet Grenzen, indem er sich menschliche Grenzen zueigen macht. Er wurde als Jude in eine arme Familie hineingeboren und war wie sein ganzes Volk der Willkür der römischen Behörden unterworfen. Er weiß, was es heißt, sich mühselig von Ort zu Ort zu bewegen und Ablehnung zu erfahren. Er hat Schmerzen und einen grausamen Tod erlitten. Er hat Lasten und Beschwernisse mitgetragen. Darum kann er es nachfühlen, wenn Menschen leiden, weil chronische Schmerzen ihnen die Hoffnung rauben. Oder wenn ihre Mitmenschen keinen Gedanken daran verschwenden, welche Hindernisse schon ein normaler Einkauf für einen Rollstuhlfahrer mit sich bringt. Oder weil sie mit zunehmendem Alter nicht mehr ernst genommen werden.

Gott wird Mensch, Gott verlässt den Himmel und geht dorthin, wo es nicht so schön ist.
Er kommt zu konkreten Menschen, zu Menschen mit Behinderungen und Begabungen, zu Schwierigen und zu Glücklichen.
Vielleicht gehören Sie zu denen, die sehnlichst auf sein Eingreifen warten, weil es bei Ihnen gerade nicht so schön ist:
Vielleicht gehören Sie aber auch zu denen, die es gut haben.
Dann kommt er, um zu bitten. Hilf mir, sagt er. Ich brauche deine Kraft, deine Zeit, dein Geld, damit ich auch bei anderen ankommen kann.

Ich kenne Menschen, auf die beides zutrifft. Sie haben Gottes Hilfe im eigenen Leben erfahren. Und das gibt ihnen die Kraft, für andere Menschen dazu sein. Etwa, indem sie unsere Behinderten betreuen, oder im Tafelladen mithelfen. Oder Besuche.
Ich bin dankbar für solche Leute.
Denn an ihnen kann ich ablesen, was Gottes Kommen bewirkt.
Gott hat ihre Not verstanden und ihnen geholfen.
Jetzt können sie auch die Nöte anderer verstehen - und seine Liebe weitergeben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7279

Advent ist die Zeit der offenen Grenzen.
Christen feiern die Öffnung der Grenze, den Fall der Mauer zwischen Gott und Mensch.
Gott kommt zu den Menschen.
Gott kommt als Mensch zur Welt, er wird sichtbar, fühlbar, angreifbar, er teilt das Schicksal seiner Geschöpfe. Und das bedeutet, dass nun auch Menschen zu Gott kommen können - und zueinander. Sie sind nicht mehr sich selber überlassen.
Nicht mehr eingesperrt in dem Gefängnis aus Angst und Schuld, Leiden und Tod.
Die Grenze ist offen, es gibt einen Ausweg, es gibt Hoffnung und ein neues Miteinander.

Von offenen Grenzen war in diesem Jahr viel die Rede. In unserem Land dachte man dankbar daran, dass vor 20 Jahren die Mauer fiel und die Teilung Deutschlands ein Ende hatte.
Damals wurde durch eine unglaubliche Serie von Pannen und Missverständnissen in dem DDR-Medien verkündigt: Ab sofort herrscht Reisefreiheit! Und die Menschen in Berlin strömten an die Grenzübergänge, um die neue Freiheit zu genießen.
Aber nicht alle wollten das wahrhaben. Studenten zogen in dieser Nacht in die umliegenden Viertel Ostberlins. Und sie klingelten Sturm und riefen zu den Fenstern hoch: Leute, aufwachen, die Mauer ist offen! kommt raus und schaut euch das an. Was aber taten die meisten Leute? Sie schliefen weiter oder schimpften über die Ruhestörung: [Die Mauer soll offen sein? ich lass mich doch nicht verschaukeln!]

Eigentlich kann ich diese Leute gut verstehen. Ich wäre da auch sehr vorsichtig.
Aber - Grenze war ja offen. Das Unfassbare war ja geschehen, und es wirkt immer noch nach. Genauso ist es mit dem Kommen Gottes, mit Jesu Geburt, mit seinem Leben, Sterben und Auferstehen. Die Grenze ist offen! Und wer der Botschaft Glauben schenkt, wer sich aus dem Bett holen lässt und auf den Weg macht, wird es erfahren. Gottes Menschenfreundlichkeit, Bereitschaft zur Vergebung kann sich auch bei mir durchsetzen, in meinen Beziehungen. Ich muss nicht mehr eingesperrt zu sein, z. B. in der Mauer mit dem Namen: Ich bin im Recht! Ich gebe nicht nach!
Ich erlebe es, wie Gott die Kraft schenkt, den Stolz zu überwinden, auf einen Menschen zuzugehen, Dinge beim Namen zu nennen. Und wenn wir uns dann wieder in die Augen sehen können, wieder miteinander leben und arbeiten können, ist das ein echter Mauerfall, ein anderes Leben.

Advent. Eine Stimme ruft vor meinem Fenster: Die Grenze ist offen.
Trägheit, Vorurteile, Bequemlichkeit muss ich schon selber überwinden. Auch die Angst vor der Enttäuschung.
Aber ich mache mich auf den Weg.
Ich muss ja nicht gleich umziehen.
Aber ich kann schon mal lernen und genießen, mit offenen Grenzen zu leben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7278
02DEZ2009
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Licht

von


Eine Ausstellung in Berlin, Kunst des 20. Jahrhunderts. Als letztes Werk eine Arbeit von Gerhard Merz. Ein gänzlich leerer Raum, strahlend hell erleuchtet durch Neonröhren, fast schmerzte es in den Augen. Bevor man ihn betrat las man: Die Nacht ist fortgeschritten, der Tag nähert sich. Befreien wir uns also von den Werken der Finsternis, kehren wir zurück zu den Waffen des Lichts.
Adventliche, biblische Worte des Apostels Paulus in einer modernen Ausstellung. Beim Durchschreiten seines lichterfüllten Raums dachte ich: Woher nimmt dieser Künstler diese Wahrnehmung, diese Hoffnung? Ein Lichtraum, überraschend. Wer die Ausstellung durchschritt, erwartete am Ende anderes. Da sind die kraftvollen Werke, die zu Anfang des Jahrhunderts entstanden, Nolde und Kirchner und Beckmann, um nur einige zu nennen. Und dann bricht es ab, mit dem Nationalsozialismus. Und Künstler werden vertrieben, ermordet, ihre Werke zerstört. Mit war zum Weinen zumute, ich merkte, wie schwer es Künstlern wurde, danach zu einer neuen, eigenen Kunstsprache zu kommen. Gerhard Merz ist das - für mich beeindruckend - gelungen.
Es gibt Menschen, die, obwohl sie um die Dunkelheit der Nacht wissen, um die Abgründe der Welt, das Licht erkennen können, die es sehen können, strahlend hell. Ich spüre: Wir brauchen solche Menschen, die erkennen, wo ich nur schwarz sehen kann, die mir das Licht zeigen: Die Nacht ist fortgeschritten, der Tag nähert sich. Wir brauchen Menschen, die tiefer und weiter sehen können, prophetische Menschen. Künstler können Licht sehen, so hell, dass es fast weh tut. Ich ahne: Das kann auch schwer sein, wie ein Kampf, und für einen Kampf rüstet man sich ja auch mit Waffen. Die Dunkelheit gibt sich nicht so einfach geschlagen. Nur mit Licht kann ich ihr entgegentreten.
Es ist kein Licht, das aus uns kommt. Es kommt von außen. Quasi vom Ende der Zeit leuchtet es zurück in unsere Gegenwart. Oder auch quer, oder gebogen, oder wie immer auch unsere Zeit aussehen mag. Jedenfalls von der Grenze dieser Zeit leuchtet das Licht in unsere Gegenwart.
Und wenn es uns erscheint, dann verwandelt es die Perspektive. Advent kann die Perspektive auf das eigene Leben verändern, will es verwandeln. Unser dunkles Leben. Unser pessimistisches, verkrümmtes, niedergedrücktes Leben wird erleuchtet.
Das Licht - am Ende erstrahlend - bestimmte die Botschaft: Licht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7236

Wichtige Zeiten im Leben brauchen eine Vorlaufzeit. Es gibt Menschen, die sich auf den ersten Blick verlieben. Doch heiraten werden auch sie nicht von einem Tag auf den anderen.
Ich meine, Vorlaufzeiten sind uns Menschen angeboren. Wir springen nicht als fertige Wesen unseren Eltern aus dem Kopf wie einst die Göttin Athene dem Göttervater Zeus. Wir Menschen brauchen eine Weile! 9 Monate haben Mütter Zeit, um sich auf die Geburt ihres Kindes vorzubereiten. 9 Jahre ist der Mensch schulpflichtig bis zur Hauptschulreife. Auch die großen Kirchenfeste haben eine Vorlaufzeit: Sieben Wochen vor Ostern, eine Woche vor Pfingsten und immerhin vier Wochen vor Weihnachten. Vorlaufzeiten sind spannend, weil sie so abgründig und vielschichtig sind. Da kommt in der Verlobungszeit schon einmal die Frage auf, ob der andere tatsächlich der Richtige ist, da fragen sich Eltern, ob sie den Anforderungen eines kleinen Kindes tatsächlich gewachsen sind. Da ist ganz viel Liebe und zugleich die Angst davor, nicht genug lieben zu können - oder auch nicht genug geliebt zu werden. Und so liegen in diesen Zeiten himmelhoch jauchzende Begeisterung und unruhige Bangigkeit manchmal ganz nahe beieinander. Folgerichtig sind auch die Lieder der Adventszeit nicht durchgehend fröhlich, viele dunkle Töne gehören dazu. „Wie soll ich dich empfangen?“ fragt Paul Gerhardt in einem Adventslied, und das klingt verzagt und zärtlich zugleich, sehnsuchtsvoll und zögernd. Auch das Wort „empfangen“ ist so vielschichtig, kann die Begrüßung eines Königs genauso meinen wie die Zeugung eines Kindes und den Liebesakt. In der Tat kommt an Weihnachten all dies zusammen. Mich darauf vorzubereiten, auf die Geburt meines Königs, auf den Gott und Menschen, der mich mehr liebt als ich mich selbst, dafür braucht meine Seele Zeit. Die Adventszeit schreitet das aus, gestaltet mit ihren Ritualen den Weg zum Fest. Jede Kerze, die ich anzünde, kann mir so zum leuchtenden Fingerzeig werden, zum Licht, das in der Nacht angezündet wird und den Weg zum Ziel weist.
Sicher, manchmal würde ich auch am liebsten diesen Prozess abkürzen, so wie ein Kind. Erwachsen geworden weiß ich, dass ich Zeit brauche, dass ich mir die ganze Freude am Fest nehmen kann, wenn ich nicht auch die Höhen und Tiefen durchhalte, die zur Vorbereitung dazugehören.
Am Ziel geschieht die Geburt, am Ziel ereignet sich das Fest. Und ich merke dann, rückblickend, dass ich meine Zeit gebraucht habe, um jetzt aus vollem Herzen, strahlend und geliebt, mitfeiern zu können.

Mittwoch, 2.12.09
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7235
30NOV2009
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Wenn Sie - wie ich - überzeugter Frühaufsteher sind, werden Sie die Stunde kurz vor der Dämmerung kennen. Es ist die dunkelste Stunde der Nacht. Noch erhellt kein Lichtstrahl die Welt. Dann erst, ganz zart - färbt sich zögernd die erste Wolke. Konturen schälen sich aus der Dunkelheit - noch verschwommen, langsam immer deutlicher werdend. Die Nacht ist vorgerückt - der Tag aber nahe herbeigekommen.
Die Stunde vor der Dämmerung, die ersten Strahlen des Lichts, sie verkünden uns: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. Es ist jetzt Zeit, gute, segensreiche Zeit, aufzustehen, auch seelisch aufzuwachen. Warte ich eigentlich noch sehnsüchtig auf das Licht? Oder bin ich so traurig, dass ich die Hoffnung auf die Morgendämmerung verloren habe? Kann es sein, dass wir so viel Lichter anzünden, weil wir keine Geduld mehr zum Warten in der Dunkelheit haben?
Doch das Warten gehört dazu. Ich kann die Zeit des Wartens in der Dunkelheit nicht überspringen sondern muss sie aushalten. Und Vorsicht ist geboten, weil mir die Überzahl an Lichtern in dieser Zeit das Gefühl für die Dunkelheit nehmen kann - und damit auch das Gespür für die nahende Dämmerung. Wenn ich nicht mehr weiß, was mein Leben verdunkelt, weil ich nicht hinsehen will, dann kann ich mich auch nicht über das freuen, was es erhellen, erleuchten will.
Ein Licht brennt auf dem Adventskranz. Ein zarter, kleiner Hoffnungsschimmer. Wie wohltuend, wenn es eine Kerzenflamme ist, ein warmer Halt, kein aufdringliches Neonlicht.
Mitten in der Dunkelheit kann ich mich sehr einsam fühlen, und wer kennt nicht die einsam durchweinten Nächte. Mit den ersten Lichtstrahlen aber zeigen sich die Konturen: ich bin nicht allein. Ich warte nicht allein, da sind viele, die sich befreien lassen wollen von dem, was sie zurückziehen will in die Dunkelheit. Die Gesichter der anderen erkenne ich mit dem zunehmenden Licht, sie gewinnen Konturen. Ich bin nicht allein. Viele warten, warten in diesem Advent. Es mag kalt sein, dunkel und schwer, gemeinsam können wir warten, der Dunkelheit standhalten, und - wenn es gut geht - spüren: Wir sind schon jetzt geborgen bis zum strahlenden Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7234