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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

02JAN2021
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Eine Wohnung, Erdgeschoss, 60 qm, mit Vorgarten, Kaltmiete 88 Cent im Jahr. Sie haben richtig gehört. Diese Wohnung gibt es. Und nicht nur eine, sondern 140 in 67 Häusern. Und wo? In Augsburg.

Es handelt sich um die Fuggerei, die älteste Sozialsiedlung der Welt.

In diesem Jahr feiert sie ihren 500. Geburtstag. 1521 hat sie Jakob Fugger begründet, der damals wohl reichste Mann Europas. Milliarden hatte er als Unternehmer im Silberbergbau und als Bankier verdient. Vier Jahre vor seinem Tod stiftete er die Fuggerei. Sie ist bis heute eine „Stadt in der Stadt“. Einziehen durften verarmte Handwerker und Tagelöhner aus Augsburg, denen die Obdachlosigkeit drohte. Katholisch mussten sie sein und dreimal am Tag für die Stifterfamilie beten: ein Vaterunser, ein „Gegrüßet seist du, Maria“ und das Glaubensbekenntnis. Diese Gegenleistung gilt noch immer.

Heute leben hier überwiegend Senioren und bedürftige junge Familien.

Sie schätzen die Wohnlage, ist sie doch eine Oase der Ruhe mitten in der City. Daran ändern auch die Besucher nichts, die sich die Fuggerei ansehen möchten. Denn längst ist sie auch eine Augsburger Sehenswürdigkeit. Finanziert wird die Siedlung weiter vor allem aus dem Vermögen der Familie Fugger und den Eintrittsgeldern der Touristen.

Kein Zweifel: Jakob Fugger dachte zuerst an sein Seelenheil, als er die Fuggerei ins Leben rief. Aber er wollte auch der Gesellschaft etwas zurückgeben. Und das tun auch heute noch viele Wohltäter. In Deutschland existieren mehr als 30.000 christlich motivierte Stiftungen. Sie widmen sich der Sozialarbeit, helfen Menschen in Not. Andere engagieren sich in Bildung und Wissenschaft, sind aktiv in der Bewahrung der Schöpfung oder bereichern unsere Kultur, etwa im Denkmalschutz. Christen übernehmen Verantwortung und überlassen nicht alles dem Staat.

Wie arm wäre unsere Gesellschaft, wenn es diese vielen privaten Initiativen nicht gäbe!

Übrigens: In Augsburg soll im Jubiläumsjahr eine zweite Fuggerei entstehen - dann als sozialer Wohnungsbau im 21. Jahrhundert.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32356

Eine Wohnung, Erdgeschoss, 60 qm, mit Vorgarten, Kaltmiete 88 Cent im Jahr. Sie haben richtig gehört. Diese Wohnung gibt es. Und nicht nur eine, sondern 140 in 67 Häusern. Und wo? In Augsburg.

Es handelt sich um die Fuggerei, die älteste Sozialsiedlung der Welt.

In diesem Jahr feiert sie ihren 500. Geburtstag. 1521 hat sie Jakob Fugger begründet, der damals wohl reichste Mann Europas. Milliarden hatte er als Unternehmer im Silberbergbau und als Bankier verdient. Vier Jahre vor seinem Tod stiftete er die Fuggerei. Sie ist bis heute eine „Stadt in der Stadt“. Einziehen durften verarmte Handwerker und Tagelöhner aus Augsburg, denen die Obdachlosigkeit drohte. Katholisch mussten sie sein und dreimal am Tag für die Stifterfamilie beten: ein Vaterunser, ein „Gegrüßet seist du, Maria“ und das Glaubensbekenntnis. Diese Gegenleistung gilt noch immer.

Heute leben hier überwiegend Senioren und bedürftige junge Familien.

Sie schätzen die Wohnlage, ist sie doch eine Oase der Ruhe mitten in der City. Daran ändern auch die Besucher nichts, die sich die Fuggerei ansehen möchten. Denn längst ist sie auch eine Augsburger Sehenswürdigkeit. Finanziert wird die Siedlung weiter vor allem aus dem Vermögen der Familie Fugger und den Eintrittsgeldern der Touristen.

Kein Zweifel: Jakob Fugger dachte zuerst an sein Seelenheil, als er die Fuggerei ins Leben rief. Aber er wollte auch der Gesellschaft etwas zurückgeben. Und das tun auch heute noch viele Wohltäter. In Deutschland existieren mehr als 30.000 christlich motivierte Stiftungen. Sie widmen sich der Sozialarbeit, helfen Menschen in Not. Andere engagieren sich in Bildung und Wissenschaft, sind aktiv in der Bewahrung der Schöpfung oder bereichern unsere Kultur, etwa im Denkmalschutz. Christen übernehmen Verantwortung und überlassen nicht alles dem Staat.

Wie arm wäre unsere Gesellschaft, wenn es diese vielen privaten Initiativen nicht gäbe!

Übrigens: In Augsburg soll im Jubiläumsjahr eine zweite Fuggerei entstehen - dann als sozialer Wohnungsbau im 21. Jahrhundert.

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31DEZ2020
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Ein ungewöhnliches Jahr geht zu Ende. Kaum einer wird ihm heute Abend eine Träne nachweinen. Seit der unmittelbaren Nachkriegszeit hat es bei uns kein Jahr gegeben, in dem unser Leben so bedroht war wie 2020.

Und die Gefährdung ist ja noch nicht vorbei.

Die Pandemie hat uns dramatisch daran erinnert, was auch in normalen Zeiten gilt: Unser Leben ist endlich, begrenzt und stets gefährdet. Mitten  im Leben sind wir vom Tod umfangen. Aber diese bittere Wahrheit hat auch eine andere Seite: Unser Leben ist etwas Einmaliges, nicht Wiederholbares, keine langweilige Endlosschleife.

Jeder neue Tag birgt aber nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Ich kann sie annehmen. Es ist meine Verantwortung, das Beste daraus zu machen, für mich und für andere. Das verleiht meinem Leben Würde und Kraft.

Wenn mein Leben eines Tages zu Ende geht, wird vieles Stückwerk bleiben. Voll-enden kann ich mein Leben nicht. Dafür, so glaube ich, wird Gott einmal zuständig sein. Diese Überzeugung entlastet mich. Der große katholische Theologe Romano Guardini (1885-1968) hat es so ausgedrückt: „Geborgenheit im Letzten gibt Gelassenheit im Vorletzten.“

Auch und gerade dort, wo mein Leben bedroht ist, weiß ich mich von Gott begleitet, ermutigt und getragen. Mit einem irischen Segenspruch möchte ich Ihnen ein gesegnetes Jahr 2021 wünschen:

 

„Möge das neue Jahr dich mit seinen Gedanken beglücken:

Mit den duftenden Blumen des Frühjahrs,

der wärmenden Sonne des Sommers,

der reichen Ernte des Herbstes.

Der Winter aber schenke Dir

die Zeit der Stille für deine Seele.“1

 

1: aus: Irische Segenwünsche für jeden Anlass. Leipzig, o.J., S. 127

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30DEZ2020
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Jetzt, in der Zeit zwischen den Jahren, haben sie wieder Hochkonjunktur: die guten Vorsätze!

Ich nehme mir vor, endlich mal ein paar Pfunde abzuspecken, öfter Sport zu treiben, mehr Zeit zu haben für Familie und Freunde.

Und dann wird es kommen wie immer. Ganz schnell hat einen der Alltag wieder im Griff. Und alles das, was man sich vorgenommen hat, fällt der Routine zum Opfer. Ja, der britische Schriftsteller Oscar Wilde hat recht:

„Alle guten Vorsätze haben etwas Verhängnisvolles, sie werden immer zu früh gefasst.“

Manche lösen das Problem dadurch, dass sie erst gar keine Vorsätze fassen. Ich will es diesmal mit einer Empfehlung versuchen, die ich beim heiligen Papst Johannes XXIII. gefunden habe. Seiner Weisheit und Lebenserfahrung vertraue ich. Johannes hatte seine Vorsätze mal wie folgt zusammengefasst:

„Nur heute werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen. (…)

Nur für heute werde ich nicht danach streben, die anderen zu kritisieren oder zu verbessern – nur mich selbst. (…)

Nur für heute werde ich keine Angst haben. (…)

Nur für heute werde ich mich vor zwei Übeln hüten: vor der Hetze und der Unentschlossenheit.

Nur für heute werde ich glauben, dass Gott für mich da ist, als gäbe es sonst niemand auf der Welt, selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten.

Ich will mich nicht entmutigen lassen durch den Gedanken, ich müsste das alles mein ganzes Leben lang durchhalten.“1

 

Soweit Papst Johannes. Ich denke, damit lässt sich besser leben. Keine Vorsätze für ein ganzes Jahr fassen. Einfach das Hier und Heute im Blick behalten. Das müsste zu schaffen sein. Ich werde es im neuen Jahr versuchen.

 

1: zit. nach: Worte heute. Action 365. Frankfurt/Main, o.J., S. 155

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29DEZ2020
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Seit drei Wochen steht ein Blumentopf mit Narzissenzwiebeln auf meinem Wohnzimmertisch. Ich beobachte, wie die Blätter und Blüten aus den Zwiebeln sprießen. Am Anfang ging es kaum voran, aber nun sehe ich von Tag zu Tag einen Unterschied. Es wird nicht mehr lange dauern und ich kann bald die erste Blüte bewundern. Gut, ich gebe zu, ich bin etwas früh dran damit. Aber bei der momentanen Pandemie-Lage helfen mir die Blumenzwiebeln, die Zeit bis zum ersehnten Frühjahr zu überbrücken.

Besonders in diesen Tagen zwischen den Jahren ertappe ich mich häufig dabei, dass ich entweder über das vergangene Jahr oder über das kommende nachdenke.

Diese Tage liegen halt dazwischen. So bieten sie Zeit für Rückschau und Ausschau.

Und mit Blick auf dieses Jahr muss ich jetzt einfach mal tief ausatmen, um dann noch einmal kräftig Luft zu holen. Schließlich waren die letzten neun Monate mit der Pandemie echt anstrengend. Jetzt gilt es, den Lockdown auszuhalten und die nächsten Monate werden wohl noch mal eine Herausforderung.

Allerdings: So anstrengend die letzten neun Monate waren und sind, es gab und gibt auch Schönes, das ich nicht missen will: Ich habe zum Beispiel den Grundkurs im Gleitschirmfliegen gemacht und hatte eine tolle Zeit mit den Honigbienen in meiner Imkerei. Zudem backe ich wieder viel mehr und konzentriere mich inzwischen auf die tollsten Varianten von Linzer Torte.

Doch mit Blick auf den Lockdown und aufs neue Jahr beschlich mich nun die Sorge, mir könne auf der restlichen Wegetappe mit der Pandemie die Puste ausgehen. Deshalb brauche ich die Narzissen auf dem Wohnzimmertisch. Wenn aus diesen vertrockneten Zwiebeln plötzlich frisches Grün und Blüten sprießen, ist das auch ein Bild für meinen Glauben, dass wir alle miteinander diese schwierige Zeit aushalten und meistern werden und bessere Zeiten auf uns warten.

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28DEZ2020
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Mein Opa war Filmvorführer. Er hatte ein eigenes Kino. Ein richtig schönes, mit nur einem großen Saal, Logenplätzen und vorne im Eingang verkaufte meine Oma die Eintrittskarten und Süßigkeiten. Als ich noch ganz klein war stand ich staunend vor der riesigen Leinwand mit den dunkelblauen Vorhängen.

Mein Opa und ich schauten uns die Filme vom Vorführraum aus an. Von dort konnten wir das Publikum beobachten und erahnen, wie ihm der Film gefällt. Lachen die Menschen miteinander oder weinen sie, ist es ganz still im Saal oder unterhalten sie sich? Man merkte, wenn sie ganz und gar in eine andere Welt ein- und abgetaucht waren.

Ich empfinde es an manchen Tagen als Segen, wenn ich mich mal für zwei oder drei Stunden in einer anderen Welt bewegen kann. Gleichzeitig bekomme ich neue Impulse und Ideen. Mit dem gewonnenen Abstand betrachte ich viele Dinge nachher noch mal aus einem anderen Blickwinkel.

Heute vor 125 Jahren war die Geburtsstunde des Kinos. Die Brüder Lumière boten in einem Pariser Café öffentliche Filmvorführungen an.

Aktuell fehlt mir das Kino. Im Zuge des Lockdowns in der Pandemie müssen sie geschlossen bleiben. Viele werden diese Zeit finanziell nicht überstehen. Daher zeigen die Kinos auf ihren Internetseiten Unterstützungsmöglichkeiten auf wie den Kauf von Gutscheinen oder Spenden. Es ist eine schwierige Zeit. Aber es ist wichtig, dass Kultureinrichtungen wie das Kino erhalten bleiben. Denn – und an dieser Stelle fällt mir ein Satz aus der Bibel ein: der Mensch lebt nicht vom Brot allein (vgl. Dtn 8,3; Lk 4,4). Der Mensch braucht mehr als reines Essen und Trinken und dazu gehört auch Kultur.

Das Kino ist eine Insel der Auszeit und Inspiration, und zwar mit der Besonderheit, dass ich es hier in Gemeinschaft mit anderen tue. Vielleicht wird dann das erste gemeinsame Filmerlebnis nach der langen Durststrecke umso magischer sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32265