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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

10OKT2020
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Wenn ich morgens mit dem Zug zur Arbeit fahre, dann führt die Strecke viele Kilometer durch eine dünn besiedelte Landschaft. An einem Flusslauf entlang, der weitgehend sich selbst überlassen ist. Vorbei an wilden Wiesen, die neben der Strecke wachsen und immer wieder an bewaldeten Hängen. Und wenn in diesen Tagen morgens die Sonne darauf scheint, dann kann ich mich oft gar nicht satt sehen an diesem Farbenspiel. In allen Schattierungen von Grün über Gelb, Orange, Rot bis Braun strahlen dann die Bäume in der Morgensonne. Schon dafür liebe ich diese Jahreszeit. Den „Indian Summer“ nennen die Menschen im Nordosten der USA sie ganz poetisch – den Indianersommer.

Allerdings ist mir immer auch ein bisschen wehmütig, wenn ich diese Farbenpracht sehe. Denn mir ist halt auch klar, dass diese bunten Blätter jetzt am Ende ihres Lebens sind. Sozusagen ein letzter, atemberaubender Farbenrausch des Lebens, der schon wenig später vorbei ist, bevor dann der Winter kommt.

Und dann denke ich mir: wie wunderbar wäre es, wenn das auch mal ein Bild für mein Leben sein könnte. Ich weiß ja zum Glück nicht, was da noch alles auf mich zukommt. Ich weiß nur, dass ich, wie wohl die meisten Menschen, möglichst lange gesund und glücklich bleiben möchte. Dass ich, so Gott will, auch im Spätherbst meines Lebens noch körperlich fit sein kann, geistig beweglich und umgeben von Menschen, die mich lieben. Damit das gelingt, dafür kann ich das eine oder andere natürlich schon jetzt tun. Menschliche Kontakte pflegen, mich gesund ernähren, meinen Körper so gut es geht in Schuss halten. Und doch habe ich so vieles eben nicht in der Hand. Und so bleibt es ein Wunsch, eine Hoffnung, und ab und zu auch ein Gebet. Leben zu dürfen bis zuletzt. Intensiv und in leuchtenden Farben, bis dann wirklich irgendwann einmal die Blätter fallen, und – so meine Hoffnung – ein ganz anderes Leben auf mich wartet.

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09OKT2020
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Würde ich an der Fleischtheke im Supermarkt wirklich 10 bis 12 Euro für ein einziges Rindersteak bezahlen? Vielleicht schon, wenn ich damit ein festliches Essen zubereiten möchte. Mit feinem Gemüse und einem wundervollen Rotwein, der optimal zu meinem Steak passt. Aber ich bin mir auch sicher: Ich würde dieses Steak dann mit ganz besonderer Achtsamkeit essen. Eben weil ich weiß, dass da etwas Gutes und Wertvolles auf meinem Teller liegt.

Das katholische Hilfswerk Misereor hat in einem interessanten Dossier kürzlich festgehalten, dass viele unserer Lebensmittel eigentlich viel zu billig sind. Weil entscheidende Kosten im Ladenpreis einfach nicht vorkommen. Schäden etwa, die die Produktion dieser Lebensmittel an Boden, Wasser oder Atemluft verursacht. Angemessene Einkommen für Menschen, die sich weltweit auf Feldern und in Ställen den Rücken krumm machen. Und nicht zuletzt auch die gigantischen und für uns alle verheerenden Zerstörungen der tropischen Regenwälder. Denn dort wird dann oft das Soja angebaut, das auch hier in Europa im Schweinetrog landet. Die horrenden Kosten dafür zahlen am Ende aber wir alle und nicht die, die sie eigentlich verursachen. Misereor sagt, dass das zwar für fast alle herkömmlich erzeugten Lebensmittel gilt. Für Fleisch aber leider ganz besonders.

Mich hat beeindruckt, dass dabei nicht mit dem Finger auf eine bestimmte Gruppe gezeigt wird. Nicht auf die Bauern, die oft zu wenig für gute Produkte bekommen, und auch nicht auf uns Verbraucher, die ja für gesunde Lebensmittel angeblich nicht viel zahlen wollen. Misereor weist damit eher auf einen grundlegenden Fehler im gesamten System hin. Und zwar nicht nur bei den Lebensmitteln. Denn wenn soziale und ökologische Schäden bei allen Produkten mit eingepreist werden müssten, dann wären besonders gute und umweltfreundliche entsprechend günstig. Ganz anders also als heute. Und darum finde ich es auch gut, dass Misereor das deutlich einfordert. Auch, wenn es wohl ein ziemlich schwerer und steiniger Weg werden dürfte.

 

 

https://www.misereor.de/informieren/fairer-handel/wahre-kosten

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08OKT2020
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Vor ein paar Jahren haben wir in unserm Garten ein kleines Experiment gewagt. Haben einen abgeschnittenen Holunderzweig einfach in den Boden gesetzt. In der vagen Hoffnung, dass er dort Wurzeln schlägt und wir dann – ein paar Jahre später – einen schönen Holunderbusch im Garten stehen haben. Denn ohne kräftige Wurzeln, also ohne festen Halt und ausreichend Nahrung kann nun mal nichts wachsen. Eine Binsenweisheit, die in jedem Garten gilt. Aber eben nicht nur dort.

Denn auch als Mensch brauche ich ja, im übertragenen Sinn, feste Wurzeln, wenn es mir im Leben gut gehen soll. Das kann die eigene Scholle sein, wie manche sagen. Das Stücken Erde also, auf dem ich lebe. Als ich vor etlichen Jahren mal in einem Dorf gelebt und gearbeitet habe, da habe ich Menschen kennen gelernt, die in diesem Dorf geboren waren. Die ihr ganzes Leben dort verbracht haben und die dort auch begraben sein wollen. Sie hatten im wahrsten Sinne in diesem Dorf ihre Wurzeln geschlagen. Doch ich brauche sie letztlich auch dann, wenn ich alle paar Jahre umziehen und neu beginnen muss. Dann ist es vielleicht nicht das Grundstück oder der Garten, was mir Wurzeln gibt. Dann sind es stattdessen gute Freunde oder meine Familie, die mir Halt geben und immer wieder Kraft zum Weitermachen. Und für mich gehört auch noch mein Glaube dazu und andere, mit denen ich ihn teilen kann. Wo auch immer.

Darum finde ich es so unendlich wichtig, dass wir den Menschen, die als Flüchtlinge anerkannt sind und zu uns kommen, ebenfalls die Möglichkeit dazu geben. Dass wir ihnen dabei helfen, hier Wurzeln zu schlagen. Einen festen Halt zu bekommen. Stark zu werden in der neuen Heimat.

Unser kleiner Holunderzweig, der damals tatsächlich Wurzeln schlagen konnte, ist inzwischen übrigens ein ziemlich stattlicher Strauch geworden und hat uns in diesem Sommer sogar eine Menge an köstlichem Holunderblütengelee beschert.

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07OKT2020
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„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!“ (Jes 41,10)

Es sind Sätze wie diese, die Menschen über Jahrhunderte hinweg stark gemacht haben, besonders in Krisenzeiten. Juden und Christen lesen sie vor allem in den Prophetenbüchern des Alten Testaments.

Wie oft wurde das Volk Gottes bedrängt, gedemütigt und unterdrückt - von fremden Besatzern oder auch von den eigenen korrupten Machthabern.

Solange die Herrschenden Angst und Schrecken verbreiten, können sie ihre Macht bewahren.

 

„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!“

 

Die Geschichte zeigt: Wenn sich die Menschen zusammenfinden und ihre Angst verlieren, dann ist bis dahin Unvorstellbares möglich. Diktatorische Regime, die man für unüberwindlich hielt, brechen wie ein Kartenhaus zusammen. Vor dreißig Jahren haben wir das in unserem Land erlebt. Die scheinbar übermächtige SED und die allgegenwärtige Stasi mussten vor einer Bevölkerung kapitulieren, die ihre Angst vor Willkür und Terror verloren hatte.

Was für die Politik gilt, gilt auch im Privaten. Auch hier hat man es immer wieder mit Zeitgenossen zu tun, die Angehörige, Kollegen oder Nachbarn einschüchtern. Darauf gründen sie die Macht, die sie sich angemaßt haben. Das funktioniert aber nur so lange, wie die vermeintlich Schwachen Angst haben. Wenn sie ihre Furcht verlieren, dann schrumpfen die Scheinriesen schnell auf Normalgröße.

Genau dazu ermuntert die Bibel. Gott ergreift Partei für all jene, die unter Druck gesetzt werden. Beim Propheten Jesaja lese ich:

 

„Hab keine Angst! (…) Ich habe dich stark gemacht (…). Die Männer, die mit dir streiten, werden wie ein Nichts und vergehen. Du wirst sie suchen, aber nicht mehr finden. (…) Denn ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und der zu dir sagt: Fürchte dich nicht, ich habe dir geholfen.“(Jes 41,10-13)

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06OKT2020
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Juden, Christen und Muslime sind sich in ihren Heiligen Schriften einig: Nirgendwo ist Gottes gute Schöpfung so unmittelbar gegenwärtig wie in einem blühenden Garten, der vor Leben nur so strotzt. Der Garten ist ein Sinnbild für das Paradies.

Geht man durch unsere Neubaugebiete, dann sind wir von paradiesischen Zuständen weit entfernt. Immer öfter prägen trostlose Schottergärten das Bild. Sterile Kiesflächen und Steinhaufen haben die klassischen Vorgärten abgelöst. Im Sommer glühen die Geröllflächen heiß wie Herdplatten.

Hier hat die Natur keine Chance mehr. Ausgerechnet in Zeiten des Insektensterbens breiten sich diese Gärten des Grauens immer weiter aus. Das Verschwinden der Insekten und der Rückzug der Singvögel spielen keine Rolle. Hauptsache, die Flächen sind pflegeleicht.

Voll im Trend liegen auch die seelenlosen Metallzäune mit ihren eingezogenen Kunststoffbändern. Die PVC-Streifen garantieren einen perfekten Sichtschutz. Solche Zäune erinnern in ihrem morbiden Charme an Absperrgitter in Fabrikanlagen. Manchmal fühle ich mich an die Scheußlichkeiten der innerdeutschen Grenze zurückversetzt. Statt eines Gartens könnte man hinter diesen Sperranlagen eher Minenfelder und Selbstschussanlagen vermuten!

Was treibt Hauseigentümer dazu, sich so bunkermäßig abzuschotten? Ist es nur die reine Bequemlichkeit? Oder will man keine Nähe mehr zu seinen Nachbarn? Der lückenlose, mannshohe Sichtschutz als Kontaktsperre?

Eines aber ist sicher: Einladend wirken diese Steinwüsten und Monsterzäune nicht. Und für die Natur sind sie eine Kriegserklärung.

Baden-Württemberg hat die Schottergärten jetzt verboten. Gut so.

Rheinland-Pfalz könnte hier nachziehen. Dann ließe sich vielleicht ein winziges Stück des Paradieses zurückgewinnen.

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05OKT2020
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Alexander der Große und Julius Caesar, Leonardo da Vinci und Vincent van Gogh - sie gehören zu den prominentesten Epileptikern der Geschichte.

Der heutige „Tag der Epilepsie“ erinnert daran, dass gegenwärtig in Deutschland gut 600.000 Menschen mit dieser neurologischen Erkrankung leben müssen. Gott sei Dank lässt sich die Epilepsie gut behandeln. Dennoch sind viele verunsichert, wenn sie mit der früher „Fallsucht“ genannten Krankheit in Berührung kommen.

Das war schon in biblischen Zeiten so. Der Evangelist Markus erzählt dazu eine bemerkenswerte Geschichte (Mk 9,14-29). Da bittet ein Mann die Jünger Jesu um Hilfe. Sein Sohn leidet an Epilepsie. Aber sie können dem Jungen nicht helfen. Da wendet sich der Vater direkt an Jesus. Noch bevor der etwas tun kann, erleidet der Junge einen Anfall. Verzweifelt bittet der Vater: „Wenn Du kannst, hilf uns; hab Mitleid mit uns!“Jesus reagiert ungehalten: „Wenn Du kannst? Alles kann, wer glaubt.“Darauf der Vater: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Danach macht Jesus den Jungen wieder gesund.

Die Pointe der Geschichte ist aber nicht die Krankenheilung. Sie ist nur eine von vielen, die im Neuen Testament erzählt werden. Beeindruckender finde ich die Person des Vaters. Der Mann macht keinen Hehl aus seinem Zweifel, ob Jesus dem Sohn wirklich helfen kann. Ja, er äußert offen seine Skepsis. Er möchte gerne an die Wunderkraft Jesu glauben, aber er bekennt gleichzeitig seinen „Unglauben“.

In genau diesem Spannungsverhältnis leben viele, die an Jesus glauben. Auch ich kann mich darin gut wiedererkennen. Der Zweifel gehört zum Glauben. Er bewahrt davor, die eigenen Überzeugungen leichtfertig oder auch allzu selbstsicher zu vertreten. Wenn ich meinen Glauben kritisch hinterfrage, dann kann ich auch die Skepsis meiner Mitmenschen besser verstehen. Papst Benedikt XVI. sah darin eine Chance: „Vielleicht“, so schrieb er einmal, „könnte gerade der Zweifel (…) zum Ort der Kommunikation werden.“1

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24)  

 

1: aus: Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum. München, 1968, S.24

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