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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

04APR2020
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„Was ist das Wichtigste, das Sie von Ihren Eltern gelernt haben...?“ Ich könnte das gar nicht so schnell beantworten...

Steven Spielberg, dem Regisseur hat man diese Frage auch gestellt:
„Was ist das Wichtigste, das Sie von Ihren Eltern gelernt haben...?“

Er konnte sie direkt beantworten: „Das Zuhören.“ - Das Zuhören habe er von seinen Eltern gelernt; und die wiederum hätten das von ihren Eltern gelernt.  

Das ist ungewöhnlich, finde ich. Und es wäre ganz sicher nicht meine Antwort gewesen.

Wenn ich mich zurückentsinne, hatten wir Kinder so ein Mitteilungsbedürfnis, da hat kaum einer abwarten können, bis er an der Reihe war. Oft haben wir alle durcheinander geredet. Und meine Eltern hatten alle Mühe, das auch nur einigermaßen gerecht zu orchestrieren...

Und ich habe mich gefragt: Wie kommt es, dass es bei den Spielbergs so ganz anders zugegangen ist?

Auf den wahren Grund wäre ich im Leben nicht gekommen: Steven Spielberg hat es mit einem Gebet begründet. Er sagt:

„Das wichtigste Gebet für uns Juden ist das Shema Yisrael. Und shema bedeutet `höre´.“

„Höre“ – mit diesem Wort beginnt das Gebet der Juden:
„Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer.“

Und diese kleine Aufforderung „höre“, jedes Mal am Anfang des Gebets, immer wieder gehört, entfaltet offenbar eine große Wirkung.

Die Gläubigen gehen sofort in eine andere Haltung. Sie stellen sich aufs Hören ein; und wer sich aufs Hören einstellt, wird still. Wer hört, schweigt. Wer mit diesem Gebet aufwächst, lernt zuhören, sagt Steven Spielberg.

Das ist sozusagen die Nebenwirkung. - Eine heilsame Nebenwirkung, finden Sie nicht? Ich glaube wir brauchen sie gerade auch jetzt, wenn das Leben schwer wird. Denn wer das Hin-Hören regelmäßig übt, merkt irgendwann: Man erfährt beim Zuhören viel mehr, als wenn man redet.

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03APR2020
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Auf dem Friedhof. Ein Grabstein hat mich derart fasziniert, dass ich stehen geblieben bin. Da hat nur ein einziges Wort draufgestanden: GNADE. Sonst nichts. Nur dies eine Wort.

Gnade - auf einem schlichten, steinernen Kreuz.

Was liegt wohl verborgen unter so einem Grabstein? Das hab ich mich gefragt. Wie ist es wohl gekommen, dass da für ein ganzes Leben nur dies eine Wort geblieben ist – oder genügt hat...?

Gnade - ohne Vornamen, ohne Nachnamen. Ohne Lebenszeit.

- Vielleicht liegt dort ein Mensch begraben, der besonders große Schuld auf sich geladen hat...; und er - oder auch die Angehörigen - haben kein anderes Wort dafür gehabt...

- Vielleicht liegt dort aber auch ein ganz besonders bescheidener und demütiger Mensch, dem es nicht wichtig war, dass man sich später noch an ihn erinnert. Der einfach aus Gottes Gnade gelebt hat. Und genauso auch gestorben ist...

Das alles bleibt offen. Gnade lässt viel Raum.

- Gnade kann ein bitterliches Flehen sein; ein sehnlichster Wunsch.

Eine allerletzte Bitte, wenn ich mein Leben rückwärts betrachte: Gnade!

- Gnade kann die Überschrift sein über ein Leben. Die dankbare Zusammen-fassung. Und das einfache Schlusswort.
- Und Gnade kann ein Appell an die Nachwelt sein: „Vergesst das nie: alles Gute im Leben ist ganz unverdiente Gnade!“

Und: Gnade ist Verheißung; der Blick in eine ungeahnte Zukunft. In der Bibel wird Gottes Gnade als etwas beschrieben, das ewig ist:

Endlos, zeitlos, unermesslich. Die Gnade Gottes reicht so weit der Himmel ist... Sie weist in die höchste Höhe und in die tiefste Tiefe. Bis an den Tod. Und in alle Ewigkeit.

Wie eine große Überschrift steht die Gnade über allem:
Sie steht über Schuld und menschlichem Versagen. Und weist in eine Zukunft, die wir jetzt nur ahnen können. Sie ist sie ein lebendiges Wort Gottes.

Und ein großer Strich unter dem Leben, auf einem kleinen Grabstein.

Gnade.

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02APR2020
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Wie kann man jemanden trösten, der am Ende ist? Es gibt eine Szene in der Bibel, die zeigt mir das:
Sie erzählt von Hiob und seinen Freunden. Hiob, das ist der, der von einem unvorstellbaren Schicksal getroffen wird: Seine sieben Kinder kommen auf einen Schlag ums Leben. Er verliert seine Existenz. Und er leidet an einer quälenden Erkrankung. Schwere Schicksalsschläge gibt es nicht erst, seit es Corona gibt.

Als seine drei besten Freunde hören, was passiert ist, lassen sie alles stehen und liegen. Und machen sich auf den Weg. Manchmal muss man das tun. Da wird alles andere plötzlich ganz nebensächlich...

Das Herz ist ihnen sicher schwer geworden, auf dem Weg. - Was sagt man zu einem, der alles verloren hat? Aber einen guten Freund lässt man nicht im Stich. Man schiebt die bangen Fragen beiseite. Und vertraut auf den Augenblick.

Als die Freunde Hiob sehen, erkennen sie ihn nicht - so gezeichnet ist von Krankheit und Schmerz. Sein Anblick trifft sie mit solcher Wucht, dass sie aufschreien und weinen. Und vor Kummer ihre Kleider zerreißen.

Ihre Anteilnahme ist so unmittelbar, sein Schmerz ist ihr Schmerz. Da braucht es keine Worte; keine Beileidbekundungen; und schon gar keine aufmunternden Sprüche... Dem Freund nah sein, sein Elend teilen, das genügt. Es heißt in der Bibel: „Sie saßen bei ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte.“

Das würden wir so sicher nicht mehr machen. Aber es erinnert mich an das, was viele Angehörige für ihre Schwerkranken tun: Sie bleiben da, auch über Nacht; auch im Krankenhaus. Vielleicht ist es das schwerste in der Coronakrise, wenn man das nicht mehr darf. Aber vielleicht kann man wenigstens anrufen?

Bei Hiob heißt es: „Keiner sprach ein Wort. Denn sie sahen, dass sein Schmerz sehr groß war.“ Es gibt einen Schmerz, zu dem dringen Worte nicht mehr vor. Sie stören nur. Hiobs Freunde sehen das. Und sie tun, was das Schwerste ist: Sie schweigen. Wie kann man jemanden trösten, der am Ende ist?

Wie Hiobs Freunde: Mitfühlen. Das Schwere aushalten. Bleiben. Und schweigen.

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01APR2020
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Jesus hat so Sachen gesagt, die klingen fast wie ein Scherz. Z.B.: „Liebe deine Feinde“. Ich meine: Den Feind lieben... – Das kann doch niemand ernsthaft von mir verlangen. - Ich kann doch nicht plötzlich große Gefühle haben für jemanden, den ich eigentlich verabscheue. Oder?

Aber vielleicht ging es Jesus ja gar nicht um die großen Gefühle. Sondern um das praktische Handeln. Denn genaugenommen sagt er eigentlich: „Tu deinem Feind Liebe an.“ Also: Tu ihm etwas Gutes. Schön und gut. – Aber warum sollte ich das tun?

Ich glaube, Jesus meint: Damit das aufhört, mit diesem ewigen Kreislauf von Hass und Gegenhass; von Gewalt und Gegengewalt. Wenn man ernsthaft will, dass das aufhört, muss einer damit anfangen. Und Jesu hat dazu aufgefordert: Mach du den ersten Schritt!

Und er hatte da auch ganz praktische Vorschläge. Er hat z.B. gesagt: „Wenn dich einer zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann gehe zwei Meilen mit.“

Gut, das verlangt heute kein Mensch. Aber Jesus hat ja zu den Leuten seiner Zeit gesprochen. Und zu seiner Zeit waren die Römer die größten Feinde. Die Römer waren ja die Besatzungsmacht; und die hat sich lauter Vorrechte herausgenommen.

Eines dieser Vorrechte war: Jeder römische Legionär hatte das Recht, jeden Einheimischen anzuhalten, der gerade vorbeigelaufen kam. Und ihm sein Gepäck aufzuhalsen. Und der hat es dann eine Meile lang für ihn tragen müssen.

Man kann sich vorstellen, dass das nicht besonders gut ankam...

Jesus hat nun vorgeschlagen: Verwandelt euren Groll in Freundlichkeit; und im Fall der Römer: verwandelt den erzwungenen Dienst in ein freiwilliges Geleit. Geht zwei Meilen mit statt einer! Wozu? - Um den Feind zu entwaffnen.

Man kann sich gut vorstellen, dass der Römer ganz schön verblüfft gewesen wäre, über so ein Verhalten. Und dass er auf der folgenden Meile ein Gespräch angefangen hätte. Um das ungewöhnliche Verhalten zu ergründen.

Und wer neugierig geworden ist und mehr erfahren will, der fängt an, den Menschen zu sehen, hinter dem Feind. Das ist das Geheimnis der Feindesliebe. – Und kein Scherz.

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31MRZ2020
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Kennen Sie Hiob? Das ist der mit den „Hiobs-Botschaften“. Hiob ist dieser Mann in der Bibel, den eine schreckliche Botschaft nach der anderen ereilt. Es ist unvorstellbar grausam: Erst verliert er seine sieben Kinder. Dann sein ganzes Hab und Gut. Und zuletzt auch noch seine Gesundheit: Sein ganzer Körper ist mit Geschwüren übersäht.

Und dabei hatte Hiob sich nie auch nur das Geringste zu Schulden kommen lassen. Im Gegenteil: Er ist der gerechteste, frommste und gläubigste Mensch, den man sich nur vorstellen kann.

Und ich nehme an, genau das macht Hiobs Frau auch so wütend, in ihrer grenzenlosen Trauer. Sie reagiert, wie viele Menschen, deren Schicksal völlig sinnlos scheint - gnadenlos, ungerecht und grausam:

Hiobs Frau schleudert Gott ihren geballten Zorn entgegen. Und wendet sich von ihm ab. Und wer könnte das nicht nachvollziehen...?

Hiobs Verhalten dagegen ist eigentlich übermenschlich:
Er nimmt das Unbegreifliche an. Und ist nicht einmal böse auf Gott; nur eben traurig. Und er sagt zu seiner Frau: „Das Gute haben wir gern von Gott empfangen. Sollten wir dann nicht auch das Schlechte annehmen?“

Ehrlich gesagt: Mir geht das viel zu schnell: So eine tiefe Einsicht, die muss doch erstmal reifen... Das braucht doch Zeit...

Hatten Sie schon mal das Gefühl: Womit habe ich das verdient – dass Gott mich so straft? Dann wissen Sie: es kann Jahre dauern, bis man sich mit seinem Schicksal versöhnt. Und manchmal geht es nie.

Es ist ein langer, mühsamer Weg, den inneren Frieden wiederzufinden. Die Entfernung ist so groß, wie die zwischen Hiob und seiner Frau. Und vielleicht muss man auch gar nicht bei Hiob ankommen und einverstanden sein mit dem Schicksal. Ich glaube aber, dass die Richtung stimmt. Wer nach Krisen und Sorgen neu anfängt, hat es wohl auf seine Weise angenommen.

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30MRZ2020
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„Was für ein herrliches Leben hatte ich! Hätte ich es nur früher bemerkt.“ Das hat die französischen Schriftstellerin Collette festgestellt, als sie auf ihr Leben zurückgeblickt hat: Was für ein herrliches Leben - hätte ich es nur früher bemerkt...

Ich habe mich gewundert über diesen Satz. Auch sie hatte viel Schlimmes erlebt, privat und in den Kriegen des 20. Jahrhunderts. - Woher kommt es eigentlich, dass man oft erst im Nachhinein bemerkt, wie gut es einem doch ergangen ist?

Bei Collette, der Schriftstellerin, waren es wohl die unglaublichen Kämpfe, die sie durchstehen musste. In ihrer Zeit, vor mehr als hundert Jahren, konnten Frauen nicht einfach Schriftsellerinnen werden; niemand hätte sie ernstge-nommen. Deshalb hat sie unter dem Pseudonym ihres Mannes geschrieben.

Und der hat sie nach allen Regeln der Kunst ausgenutzt: Er hat die Lorbeeren einkassiert und das Geld. Und als sie das schließlich nicht länger mitmachen wollte, hat das bedeutet: Sie musste mit ihrem alten Leben brechen - auch mit ihrem Mann.

In dieser größten Krise ihres Lebens - da hat sie noch nichts bemerken können, von seiner Herrlichkeit ...
Und vermutlich geht es vielen heute ähnlich: Man ist vollauf damit beschäftigt, den Alltag zu bewältigen in dieser außergewöhnlichen Zeit. Und dann weiß man ja noch gar nicht, wie es ausgehen wird: Kommen wir gut durch, ich selber und meine Familie? Und wenn nicht: Wie werde ich damit umgehen? Und: was alles wird dabei auf der Strecke bleiben...?

Der größere Sinn des Ganzen erschließt sich wirklich erst im Nachhinein.

Erst im Rück-Blick, mit dem nötigen Abstand, lässt sich sagen, ob uns die Krisen und Beeinträchtigungen mehr gebracht haben, als nur Schmerzen. Und wie es mit der Bilanz des Lebens aussieht, unterm Strich.

Ich hoffe für uns alle, dass wir dann - wie Collette - sagen können: „Was für ein herrliches Leben hatte ich!“ Aber vielleicht ist es ja auch schon viel, wenn man sagen kann: „Wir haben es geschafft. Gott sei Dank!...“

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