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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ich bin gerne auch mal barfüßig unterwegs, natürlich vor allem jetzt im Sommer. Es ist prickelnd für mich, den Boden unter meinen Füßen direkt zu spüren, auf der Wiese, im Haus, im Garten oder sonst wo unterwegs…

Eine kleine Herausforderung ist es vor allem dann, wenn der Boden steinig ist. Kieselsteine sind da besser zu ertragen als kleine spitze Steine. Und heißer Sandboden kann auch sehr schnell unangenehm werden.

Ich finde, wir gönnen es unseren Füßen viel zu selten, ‚unverpackt‘ zu sein!

Mitunter kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, wenn ich (vor allem) Männer sehe, die zwar Sandalen tragen und gleichzeitig ihre Füße in Socken verstecken, noch dazu hochgezogen bis zum Anschlag… - als ob die nackten Füße eingesperrt sein müssten… 

„Leg Deine Schuhe ab, denn der Ort, wo Du stehst, ist heiliger Boden“, bekommt Mose zu hören, als er spürt, von Gott berufen zu sein, so können wir in der Bibel lesen (Ex 3,5). 

Wenn ich ‚Schuhe ablege ‘, mit nackten Füßen gehe, dann gebe ich Sicherheit ab. Da sind dann keine festen Schuhe mehr da, nicht mal Sandalen, die mich vor Dornen oder vor spitzen Steinen bewahren könnten. Ja, ich will selbst den Boden berühren. Da ist nichts mehr zwischen mir und dem Erd-Boden. Mit nackten Sohlen bin ich da. Ich stehe zu mir und erde mich. Ich verbinde mich mit der Erde. Ich spüre den Grund, auf dem ich stehe und gehe.

Ich erfahre so auf besondere Weise, dass das Leben sehr wertvoll und ‚heilig‘ ist. 

Ein kleines Gebet an Gott als Schöpfer entweicht mir: Danke Dir, Gott, Du Quelle des Lebens, wie großartig ist diese Welt und ich bin ein Teil von ihr!

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Einer Statistik nach tauschen sich Paare vier bis sieben Minuten täglich über Dinge aus, die nicht von organisatorischer Art sind. Kurzum: Wenn geklärt ist, wer was einkauft, welche Termine anstehen, welches der Kinder wann wohin gebracht werden muss und ‚was so ansteht‘ - wenn das alles getan ist - so bleiben im Schnitt vier bis sieben Minuten übrig für einen wirklich persönlichen Austausch. Das klingt wenig und doch ist das eine ganz wichtige Zeit!

Meine Frau und ich sitzen am Abend gerne noch zusammen im Garten. Das ist nicht immer möglich, oft hat zumindest einer von uns einen Termin. Aber hin und wieder gelingt es. Wir spielen Kniffel, Café international oder irgendetwas anderes – unsere Spielesammlung ist seit Jahren am Wachsen – dazu trinken wir ein Glas Rosé und wir spüren: Wir können dankbar sein für das Leben überhaupt. Wir stellen zum wiederholten Mal fest: ‚ Es ist so schön hier draußen und es ist gut, dass wir einander haben. ‘

Immer wieder nehmen wir die Gelegenheit wahr und teilen einander mit, wie der Tag gelaufen ist: Wie es uns wirklich geht, was uns beschäftigt, was uns traurig macht und was wir persönlich und voneinander hoffen…

Im miteinander Sprechen und im einander Zuhören teilen wir unser Leben. Wir können verstehen, was wir denken und fühlen und wir können uns auf ganz persönliche Weise berühren.

Wenn es keinen Raum mehr zum Miteinander-Reden gibt, wenn ich nicht mehr sagen kann, ‚wie es mir geht‘ und wenn ich dies von meiner Partnerin oder dem Partner nicht mehr weiß, dann ist die Gefahr groß, dass sich zwei verlieren.

Vier bis sieben Minuten klingen zunächst sehr wenig! Doch wenn diese wenige Zeit regelmäßig genutzt wird, werden diese Zeitfenster – da bin ich mir sicher – fast von alleine größer!

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Mobilität ist heute ein großes Thema. In der Regel liegt der Arbeitsplatz nicht mehr direkt vor der Haustür und auch die Freizeit spielt sich an verschiedenen Orten ab; oft liegen diese weit auseinander. Die Folge: Ständig sind viele unterwegs mit dem Fahrrad, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Auto.

Ich selbst bin meist mit dem Auto unterwegs. Mitunter ertappe ich mich dabei, dass ich mich in Gedanken bereits mit dem befasse, was mich andernorts erwartet oder dass mir noch einiges von dem nachgeht, was bereits hinter mir liegt.

Die Strecke selbst ist nur ‚Mittel zum Zweck‘. Ich will ja von A nach B gelangen – der Weg, der dazwischenliegt, ist nur etwas Vorübergehendes. 

Bei aller Routine, die sich einpendeln kann, so spüre ich doch, dass gerade beim Unterwegssein vieles passiert, das mit Leben zu tun hat. Ich ärgere mich über Baustellen und damit verbundene Staus und Verzögerungen oder über andere Verkehrsteilnehmer. Ich kann schmunzeln über so manche Werbung auf LKWs oder manchmal auch über Leute in der Bahn, die allzu viel Persönliches in ihr smartphone sagen, was eigentlich nur für den Angerufenen gedacht ist. Jetzt aber weiß davon die halbe S-Bahn… 

Nicht immer gelingt es mir, viel von dem wahrzunehmen, was um mich herum passiert. Sicher kommt es darauf an, in welcher Stimmung ich gerade unterwegs bin oder was mich an meinem Zielort vielleicht erwartet.

Aber ich weiß, es lohnt sich, immer mal wieder bewusst hinzuschauen und wahrzunehmen, an welcher Stadt ich vorbeifahre, was mir die Natur gerade für ein ‚Schauspiel‘ bietet oder was auf den Feldern im Augenblick wächst und gedeiht.

Welch eine Vielfalt an Leben!

Heute ist es vielleicht der Sonnenuntergang, morgen ein Maisfeld, schillernde Farben von Wasser oder spielende Kinder.

Ich bin dankbar für die bunten Farben, die mir das Leben bietet. Ich bin anders unterwegs und ich komme anders an, wenn ich einiges von dem auch bewusst wahrnehme.

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Etwas Besseres als den Tod finden wir überall, so die Bremer Stadtmusikanten.

 

An diesen Satz denke ich oft, wenn ich es mit Menschen aus Syrien oder Afghanistan oder Eritrea zu tun habe. Das könnte auch deren Spruch sein: etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Deshalb nehmen sie riesige Strapazen auf sich, fliehen zu Fuß oder per Boot oder mit windigen Schleusern aus ihrer Heimat und stranden vor den Grenzen Europas.

Als Reaktion darauf haben jetzt Deutschland und viele andere europäische Staaten die Grenzen weitgehend dicht gemacht. Für die Menschen in Terrorländern ändert das aber nicht viel, sie denken immer noch: etwas Besseres als den Tod finden wir überall.

Und machen sich auf den beschwerlichen Weg.

In der Hoffnung, Hilfe zu finden.

Viele ertrinken im Mittelmehr. Oder landen in elenden Lagern.

Niemand will sie haben.

Wenn wir die Grenzen Europas von Bewaffneten  sichern lassen, müssen die unter Umständen auch auf die Flüchtenden schießen. 

Für mich ist das mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe nicht vereinbar. Das sind meine Mitmenschen, vor Gott meine Brüder und Schwestern.

Sie haben genau so ein Recht auf Leben wie ich. Sie können nichts dafür, dass sie in Terrorländern geboren sind. Genauso wie ich nichts dafür kann, dass ich im sicheren Deutschland geboren wurde.

Ich kann kein Vater-Unser beten und so tun, als wäre Gott nur mein Vater.

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Der Stellvertreter. Ein Schauspiel des deutschen SchriftstellersRolf Hochhuth aus dem Jahr 1963. Es geht darin um  die Haltung des Vatikans zum Holocaust. Besonders Papst Pius XII wird vorgeworfen, er hätte als Oberhaupt der katholischen Kirche den Judenhass der Nazis anprangern müssen. Und er hätte die Verbrechen an den Juden verurteilen müssen.

 

Das Stück war in Deutschland sehr umstritten; viele meinten, man hätte vom Papst keine klaren politischen Stellungnahmen erwarten dürfen. Andere meinten, wenn er mit aller Autorität sich den Nazis entgegen gestellt hätte, hätte das Wirkung gezeigt.

Ich glaube, das stimmt. Und ich finde es beschämend, dass die Kirche, zu der ich ja auch gehöre, in dieser Zeit nicht anders gehandelt hat.

In der Diskussionsveranstaltung, die ich besucht habe, war die Stimmung ziemlich antikirchlich. Ich kann ja nicht in die Köpfe der Menschen hineinschauen, aber es war doch zu spüren und an den Redebeiträgen zu hören, dass die Leute, die da waren, die Kirche in der damaligen Zeit als schlecht beurteilten. Man hätte wissen können und handeln müssen, aber…

Dann stand einer auf und sagte: „ich habe auch ein Stück Papst in mir. Pius XII hat viel gewusst, aber er wollte es nicht wissen,  und er hat zu viel geschwiegen. So geht es mir auch. Ich weiß über viele Missstände heute ein bisschen, kenne etwas vom Flüchtlingselend, weiß etwas über Waffentransporte und wie das zusammen hängt, aber ich steige nicht tiefer ein und befasse mich lieber mit meinen Alltagsproblemen. Auch mir wird man vielleicht einmal vorwerfen, nicht genug getan zu haben.“    

Betroffenes Schweigen.

Solche Gedanken entschuldigen nicht das Schweigen von Papst und Kirche zu den Gräueltaten des NS-Regimes. Aber ich bin nicht die Richterin für andere.

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Morgen wird Bernhard 80. Er feiert am Wochenende in einem netten Lokal am See, aber am Tag selbst werden wohl auch ein paar Gratulanten kommen.

Er besorgt Salzstangen, Rotwein (den trinkt er selbst gern),  Sekt und Wasser. Dann stellt er Vasen bereit, falls jemand Blumen mitbringt. Und bringt das Haus in Ordnung,  damit niemand denkt, er könne nicht mehr selbst für sich sorgen.

Alles perfekt, und am Vorabend seines Geburtstages macht Bernhard

für sich selbst eine Flasche von seinem besten Rotwein auf und will einen guten Schluck auf sein eigenes  Wohl trinken. Leider hat er zu viel Kraft….mit einem ziemlichen Plopp zischt der Korken aus der Flasche und die tiefrote Flüssigkeit spritzt

an die weiße Tapete.

Was für ein riesen Mist! Bernhard ist außer sich. Wie soll das morgen werden? Was sollen die Gäste denken – und die Kinder…

Erst nachdem er tatsächlich ein halbes Glas Rotwein getrunken hat, wird er ruhiger und ruft, obwohl es schon nach 8 ist, den Sohn und die Schwiegertochter an. Die beiden müssen eine halbe Stunde fahren und hatten eigentlich etwas anderes vor, aber das hier ist ein Notfall, das verstehen sie sofort.

Der Fußboden ist schnell sauber, das ist kein Problem. Aber die Flecken an der Wand sind nicht zu übersehen und man kann nichts tun.

Die Schwiegertochter kann aber doch etwas tun. Sie holt einen grünen Stift und macht aus den roten Flecken mit ein paar Strichen große und kleine Blumen.

Anscheinend schlummerte hier eine Begabung, von der sie selbst nichts wusste. Jedenfalls sieht die befleckte Wand nach einer Stunde ganz wunderbar schön aus und ist für Bernhard wie ein erstes Geburtstagsgeschenk.

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Ich bin streng katholisch erzogen, sagt mir der Herr aus dem Kosovo, an dessen Bett im Krankenhaus ich gerufen werde. Er hatte einen schweren Arbeits-Unfall und liegt jetzt auf der Intensivstation. Er möchte mit jemandem von der Seelsorge sprechen. Ein großer Mann, das sieht man, auch wenn er im Bett liegt. Hände, die viel gearbeitet haben. Ein bißchen Erde unter den Fingernägeln.

 

Streng katholische Erziehung, oje, das klingt nach Schlägen und drohendem Vater oder Pastor und nach Knien vor dem Bett auf dem kalten Boden zum Nachtgebet.

Er meinte aber nicht seine Kindheit und wie er die Religion da erlebt hatte, sondern er sprach von seinem Leben als Erwachsener und dass der Glaube an Gott ihm in vielen schweren Lagen geholfen hatte.

Er hatte 5 Kinder; zwei Söhne sind 1998 im Kosovo-Krieg gefallen. Er kam  nach Deutschland und arbeitete hier 20 Jahre auf dem Bau.

Beten war ihm immer wichtig.

„Ich hätte den Tod der Jungen nie überwunden, wenn mir die Gottesmutter nicht dabei geholfen hätte. Hätte ich nicht meinen Glauben gehabt, wäre ich verzweifelt.“

Er suchte sich eine Kirche und ging oft einfach so zum Beten dahin.

Und wenn er die Glocken läuten hörte zur Messe, aber selbst nicht gehen konnte, hat er in der Bibel gelesen, bis die Messe vorbei war, so erzählt er mir.

„Mein Glaube hat mir auch geholfen, dass ich hier Anschluss an die deutschen Nachbarn gefunden habe, die sind ja auch Christen.

Und jetzt, bei dem Unfall, hat Gott mir auch geholfen. Ich hätte querschnittsgelähmt sein können oder tot, aber ich werde wohl wieder gesund.“

Was für mich so schwer klang, „streng katholisch“, das ist für ihn eine echte Lebenshilfe.

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