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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es gibt wichtige Tage – und unwichtige Tage. Wichtige Tage, unvergessliche Tage für mich sind: mein Hochzeitstag, die Tage, an denen unsere Kinder geboren wurden, der Tag, an dem ich von Hause ausgezogen bin. Die sind alle wichtiger als irgendein Tag im März.

Namenstag, das kann auch so ein wichtiger Tag sein. So wichtig, dass in vielen katholischen Familien lange Zeit nicht der Geburtstag groß gefeiert wurde, sondern eben der Namenstag. Warum? Am Namenstag kann ich mich an Menschen erinnern, auf die mein Name zurückgeht. Heute zum Beispiel ist der Namenstag von jedem, der Kasimir oder Casimiro heißt. Ein alter polnischer König. Der wurde heiliggesprochen, weil er einen starken Glauben hatte. Sein Name hat eine schöne Bedeutung: Kasimir, das ist der Friedensbringer.

In einen Lexikon lese ich allerdings: Der Namenstag von Kasimir ist ein Gedenktag dritter Klasse. Was soll das heißen? Nur dritter Klasse? Die Erklärung: In der Katholischen Kirche gibt es unterschiedlich wichtige Feste. Ganz oben, erste Klasse sozusagen, stehen die Ostertage oder Weihnachten. Zweiter Klasse sind zum Beispiel die Sonntage in der Weihnachtszeit. Dritter Klasse sind dann alle anderen Gedenktage. Wie der Tag heute, Kasimirs Tag.

Warum sortiert man überhaupt die Festtage? Es gibt Feste, die immer auf verschiedene Tage fallen, wie Ostern, Pfingsten oder die Sonntage. Und es gibt Feste, die immer am selben Tag gefeiert werden. Heilig Abend am 24. Dezember. Oder das Gedenken an den heiligen Kasimir, heute am 04. März.

Jetzt kann es passieren, dass bewegliche Feste und feststehende Gedenktage auf denselben Tag fallen. Da steht man vor dem Problem: Welches Fest soll eigentlich gefeiert werden? Dafür gibt’s dann die Rangordnung der Feiertage.

Ich mache das ja ganz ähnlich. Manche Tage sind mir einfach wichtiger, manche Tage sind höchstens Tage dritter Klasse. Aber ich weiß: Nur wenn es unwichtige Tage gibt, dann kann auch ein Tag besonders wichtig werden. Wie der Tag heute – für alle die, die Kasimir heißen.

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Gibt es überhaupt noch Vögel? In den letzten Wochen ging unser Blick immer wieder vom Esszimmer hinaus in den Garten. Und immer das gleiche Bild. Es waren kaum Vögel da. Ein, zwei Elstern, eine Amsel. Gestern auch ein Spatz. Aber von der Blaumeise, vom Rotkehlchen, vom Rotschwanz und vom Buchfink keine Spur.

Naturexperten bestätigen das: Es sind weniger Vögel in Gärten und Parks zu finden. Die Gründe? Der Winter ist insgesamt mild, da finden viele Vögel auch außerhalb der Gärten ihre Nahrung. Und die Amseln aus dem Norden ziehen nicht in den wärmeren Süden. Vielleicht ist auch der kalte und nasse Frühling schuld, der hat die Küken der Gartenvögel sterben lassen. Auch der massive Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Kunstdünger könnte schuld sein. Harte Fakten gibt es aber nur wenige. Ob es wirklich weniger Vögel gibt, kann niemand genau sagen.

Heute wird weltweit der Tag des Artenschutzes begangen. Er erinnert daran, wie viele wildlebende Arten an Tieren und Pflanzen es gibt. Arten, die geschützt werden müssen, sonst sind sie bald schon verloren.

Jetzt kann man natürlich fragen: Was ist da so schlimm dran, wenn Tiere oder Pflanzen verschwinden? Das gab es ja schon immer. Die Dinosaurier sind ausgestorben und das Mammut. Und ganz viele Pflanzen.

Was heute besonders ist? Vor allem der Mensch sorgt dafür, dass Pflanzen und Tiere keinen Platz mehr für sich finden. Straßenbau und Landwirtschaft rauben den Tieren ihren Lebensraum, Flächen werden versiegelt und verdreckt.

Es gibt viele Gründe für den Artenschutz. Für mich ist der Aspekt der Schöpfung wichtig. Die Erde hat ein Recht darauf, dass wir gut mit ihr umgehen. Alle Lebewesen haben deshalb ein Recht auf Leben in unserer Welt. Auch Blaumeise, Rotkehlchen und Buchfink. Auch sie sind Teil der Schöpfung.

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Empathie. Auf das Wort stoße ich in letzter Zeit immer wieder. Eltern fordern, der Lehrer soll empathisch mit seiner schwierigen Schülerin sein. Es wird beklagt, dass es den Hooligans im Fußball einfach an Einfühlungsvermögen, eben an Empathie fehlt.

Empathie steht für die Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen, ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihre Persönlichkeit ernst zu nehmen. Kein Wunder, dass überall von Empathie die Rede ist. Denn das will doch jeder: verstanden werden, angenommen werden.

Aber Empathie führt auch in Probleme.

Empathie ist parteiisch. Untersuchungen zeigen: Menschen empfinden Empathie eher für attraktive Menschen und für Menschen, die aussehen wie man selbst, die aus der eigenen Gesellschaft kommen. Ich bin eben leichter empathisch mit meiner Nachbarin, als mit irgendeinem Menschen, den ich nur aus der Zeitung kenne. Da tue ich mich mit Empathie schwer.

Außerdem engt Empathie ein. Ich kann nur mit einzelnen Menschen, nicht aber mit einer Menge Menschen empathisch sein. Ein Beispiel. Das Leid der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer berührte viele Menschen in Deutschland, aber erst das Bild eines kleinen, toten Jungen am Strand löste einen Aufschrei der Empörung aus. Obwohl doch jeder Flüchtling meine Empathie braucht.

Soll ich also besser nicht empathisch sein? Nein. Aber wichtig ist es, über die Empathie hinauszugehen. Nicht nur mitfühlen, sondern auch Handeln ist die Devise. Sich erbarmen, einschreiten, anpacken, das ist nötig. Wenn Empathie konkret wird, wenn sie mit jedem mitfühlen hilft, dann wird aus ihr etwas Großes.

Dann braucht die Schülerin nicht einfach nur Einfühlungsvermögen vom Lehrer. Sondern muss auch Leistung bringen und sich sozial verhalten. Dann braucht der Hooligan nicht nur Empathie. Sondern muss mitfühlen, was passiert, wenn er Anderen Gewalt antut.

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Heute ist Aschermittwoch, der Start in die Fastenzeit, die Vorbereitungszeit hin auf Ostern. Nach Fassenacht und Karneval, nach Völlerei und gutem Wein steht für viele Menschen 40 Tage lang der Verzicht im Vordergrund. Der Verzicht auf Alkohol, auf Zigaretten, auf das Autofahren – es gibt viele Möglichkeiten, sein Leben zu ändern. Eben: Neu anzufangen.

Ich darf in dieser Fastenzeit gleich zweimal neu anfangen:

Ich möchte 40 Tage lang nicht schlecht über andere Menschen sprechen, und ich fange heute damit an. Das sollte man eigentlich nie tun, aber ich kenne mich. Das ist ein echter Neuanfang, der harmlos klingt, aber nicht harmlos ist. Immer wieder muss ich mich zügeln, muss innehalten, wenn ich loslegen möchte „gegen andere“, hinter deren Rücken schlecht reden möchte. Dann merke ich besonders gut, wie oft ich anderen Menschen Unrecht tue, eben in der Art, wie ich über sie rede. – Nicht schlecht über andere reden – ob ich das wirklich schaffe, weiß ich nicht. Aber ich möchte damit beginnen.

Ich darf auch beruflich neu anfangen. In ein paar Wochen steht eine neue Herausforderung ins Haus. Neu anfangen dürfen – das ist ein großes Geschenk, das löst aber auch zwiespältige Gefühle aus. Carolin Emcke, Journalistin und mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016 ausgezeichnet, schreibt dazu:

„Wer etwas neu beginnt, kann sich nicht auf sich, die eigene Erfahrung oder früheren Status verlassen. Das kennt, wer sich von einer Krankheit oder einem Verlust erholen muss, in einen anderen Job versetzt wird oder sich neu verliebt hat. Wer neu anfängt, begibt sich ins Ungewisse, auch Instabile hinein, er muss denken und handeln ohne Geländer. Das ist so furchteinflößend wie inspirierend.“

Und genauso geht es mir. Der Neuanfang ist furchteinflößend, weil ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Und er ist eben auch inspirierend, weil der Reiz des Neuen mich lockt. Ich hoffe, dass die Furcht immer kleiner wird zugunsten eines großen Geschenks: Ich darf neu anfangen.

(Carolin Emcke, Anfangen, in: Süddeutsche Zeitung 2./3. Januar 2016, S. 5)

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Lachen kann anstecken und fröhlich machen. Das habe ich vor einigen Wochen in Indien erlebt. 14 Tage, und 14 Tage lächelnde, strahlende Menschen. Ob jung , ob alt. Jedes Lachen wird zu einem wunderbaren Geschenk.

Wir besuchen eine Schule, und Hunderte von Kinder laufen einfach aus ihren Klassenzimmern. Verzweifelte Lehrer stehen an den Türen und zucken ratlos die Achseln. Die Kinder  umringen die deutsche Reisegruppe und freuen sich, dass wir extra angereist sind, um sie zu besuchen. Sie wollen alles wissen. Woher wir kommen, wie wir heißen, welche Berufe wir ausüben. Und natürlich ein gemeinsames Foto mit lachenden, strahlenden Kindern. Geschenke, die wir mitgebracht haben, tragen zur guten Stimmung bei. Dann sind die Kinder dran, antworten auf genau die Fragen, die sie auch uns gestellt haben. Die Jungs wollen Computer-Experten oder Flug-Kapitäne werden, die Mädchen suchen schon bald eine Ausbildung in sozialen Berufen. Und strahlen dabei um die Wette. Am Abend feiern sie ein Schulfest, und wir sind selbstverständlich eingeladen. Als gute Gäste, die wir sein wollen, gehen wir auf die Bühne und singen ein Lied – auf indisch. Erst staunen die Kinder, dann will ihr Lachen und ihr Jubel nicht enden.

Die Lehrerinnen erzählen uns, dass Bildung die einzige Chance ist für die Menschen in Kerala im Südwesten Indiens. Ob die Kinder deshalb so glücklich sind? Sie kommen aus ärmsten Verhältnissen, aber zur Schule gehen sie. Sie dürfen lernen, haben so die Möglichkeit, einmal einen ordentlichen Beruf zu bekommen, mit guten Verdienstmöglichkeiten.

Doch das Lachen bekommt man in Indien in jedem Fall umsonst. Ein Lachen, das von ganz innen kommt. Das ich nicht vergessen kann, schon gar nicht heute, am Fassenachtsdienstag.

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Jesus hat nie gelacht! – Es gibt Vertreter meiner Theologenzunft, die so etwas glauben. Und folglich ist Christsein eine ernste Sache, bestenfalls feierlich-ernst.

Richtig dabei ist: Die Bibel erzählt an keiner Stelle, dass Jesus gelacht habe. Und doch gibt es Hinweise, dass er ein fröhlicher Mensch gewesen sein muss. Immer wieder kehrt Jesus bei Menschen ein, um mit ihnen zu feiern. Und mit ihnen zu lachen. Für seine Gegner war schnell klar – er ist ein „Fresser und Säufer“. (Mt 11.19) Ein Fresser und Säufer, der nie lacht? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Bei der Hochzeit zu Kana kommt es für die Gastgeber zum Super-Gau: Der Wein geht aus. Es scheint, dass das Fest abgebrochen werden muss, weil die Gäste enttäuscht den Heimweg antreten wollen. Dann greift Jesus beherzt ein. Er verwandelt Wasser in Wein.  In besonders guten Wein. Dann kann das Hochzeitfest weiter gehen – fröhlich, tanzend und eben auch lachend. Und Jesus mitten drin.

Wenn Jesus vom Himmel, vom Leben bei seinem Vater spricht, braucht er dazu Bilder. Immer wieder erzählt er vom „himmlischen Hochzeitsmahl ohne Ende“. Die Ewigkeit bei Gott ist ein ewiges Hochzeitsfest, bei gutem Essen und bei gutem Wein.

Wo immer Jesus aufgetaucht ist, kommt Freude auf: Bei Kindern, die nicht ernst genommen werden. Bei Aussätzigen, die er geheilt hat. Bei der sündigen Frau, die er vor der Steinigung bewahrt hat. Wenn Jesus handelt und spricht, können Menschen wieder lachen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus mit bier-ernstem Gesicht durch’s Land gezogen ist. Man hätte ihm die „Frohe Botschaft“ so auch nicht abgenommen. Er hat einen menschenfreundlichen Gott verkündigt, der sich an der Freude der Menschen selbst freut.

Heute ist Rosenmontag. Ein guter Tag, um zusammen mit anderen zu tanzen, zu feiern und zu lachen. Als Christ oder als Nicht-Christ, egal. Und ich bin mir sicher: Jesus lacht mit!

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