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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„ Die Taufe von kleinen Kindern finde ich furchtbar: die soll man mit 18 entscheiden lassen,  was sie selber wollen, und nicht den Wehrlosen einfach die Taufe überstülpen.“ So knallte es mir ein Bekannter an den Kopf. Ich kann das nicht von der Hand weisen, es ist etwas Richtiges daran. Wir lassen doch heute die Kinder von Anfang an so viel wie möglich mit bestimmen, über die Farbe der Socken und „ Brokkoli oder Brötchen, Schätzchen?“ und sowas, aber in Sachen Religion soll das anders sein?

Andererseits: ich bin als wehrloses Baby getauft worden und für mich war das gut. Meine Eltern waren religiös, sie haben abends mit uns gebetet. Ein Gedanke in allen Gebeten war: wenn Papa und Mama dich nicht beschützen können, dann macht das der liebe Gott. Das war beruhigend. Oder das Tischgebet: „Jedes Tierlein hat zu essen, jedes Blümlein trinkt von dir, hast auch mich heut nicht vergessen, lieber Gott, ich danke dir.“  Im Rückblick betrachtet habe ich da gelernt, dass ich ein Teil der Welt bin, dass Tiere, Pflanzen und Menschen ihr Leben letztlich Gott verdanken und dass wir Gott dafür auch danke sagen. Wir haben auch gelernt, dass man den lieben Gott nicht mit Quatsch belästigen soll: nicht abends darum bitten, dass ich eine gute Note in der Schule bekomme, da hat Gott wichtigere Dinge zu regeln. So mache ich es heute noch: ich danke mehr als ich bitte, und wenn ich bitte, dann meistens für andere.

Wir gingen zum Gottesdienst nicht in unsere Pfarrkirche, sondern meine Eltern fanden die Gottesdienste woanders ansprechender und da gingen wir hin. Schon in den 60ger Jahren gab es in dieser Gemeinde Predigtnachgespräche: nach dem Gottesdienst konnte man dem Pfarrer sagen, was einem gut oder weniger gut gefallen hatte. Ich war da zehn, aber ich durfte mitreden. Alles in allem war das für mich eine richtig gute Zeit. Ich wäre vielleicht auch ohne Taufe und Religion glücklich geworden, aber ich wäre doch ein ganz anderer Mensch.

Einem Menschen etwas überstülpen finde ich an sich nicht in Ordnung, aber den Kindern einen Weg zu eröffnen, sie in etwas hineinwachsen lassen, das finde ich doch gut.

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Was ist die kürzeste Entfernung zwischen zwei Fettnäpfchen?

Früher hieß es: ein Kohl. Dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl wurde unterstellt, dass er oft ins Fettnäpfchen trat. Die kürzeste Entfernung zwischen zwei Fettnäpfchen könnte auch „ein Mechthild“ heißen. Ich schaffe es auch, in Fettnäpfchen zu treten.

Wir haben neue Nachbarn bekommen. Eigentlich bin ich nett, ich gehe dann rüber, stelle mich vor, bring was aus dem Garten mit, Flieder oder Tomaten, was halt da ist, und wünsche eine gute Nachbarschaft. Als ich bei den Neuen klingelte, begrüßte ich sie so, wie sie da in der Tür standen: Vater, Mutter, eine erwachsene Tochter und ein Kind.

Ich streckte Walid die Hand hin, merkte aber, wie er kurz zögerte, bevor er einschlug.

Man konnte spüren, dass es nicht angenehm für ihn war. In Syrien, wo die Familie herkommt, geben sich Frauen und Männer nicht die Hand. Männer umarmen sich, Frauen untereinander auch, aber Frauen, die nicht zur Familie gehören, begrüßt Walid, indem er die Hand aufs Herz legt und sich verneigt. Das sieht sehr respektvoll aus, fast ehrerbietig, wenn ich mal ein altes Wort benutzen darf. Deshalb habe ich mich schnell an diese Art der Begrüßung gewöhnt und finde sie schön. Warum nicht auch Vielfalt bei der Begrüßung? Händeschütteln, französisch zwei Küsschen rechts und links, polnisch eher drei Küsschen, lässig ein kurzes Hi ohne Berührung: die Art, sich zu begrüßen, kann doch wirklich unterschiedlich sein und dieses respektvolle Verneigen ist eine neue Variante.

Manche sagen: der muss sich doch anpassen an die deutschen Sitten, er muss den Frauen eben die Hand geben, wie es hier üblich ist. Ja, verstehe ich, da ist auch was dran.

Manchmal hält er mir die Hand hin und zeigt, dass er auch unsere Gebräuche lernt und kennt. Und ich lege dann die Hand aufs Herz und verneige mich leicht. Und dann lachen wir herzlich.

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Ich geh zwar gern wandern, aber ich interessiere mich einfach nicht für Sport. Auch die olympischen Spiele, die jetzt viele fesseln, gehen an mir vorbei. Die anderen fiebern mit den Olympioniken und sitzen vor dem Fernseher, ich sitze auf dem Balkon und lausche den Vögeln und den Schafen. Wenn ich aber zu bestimmen hätte, dann gäbe es auf der Welt nicht nur sportlichen Wettbewerb, sondern es gäbe einen Wettstreit der guten Taten für andere. Das Motto wäre der alte Satz aus der Bibel: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Mt 22.39)   Und es gäbe natürlich auch Medaillen. Bronze bekommt, wer das Motto einfach ernst nimmt und den Nächsten liebt. Zum Beispiel die Enkelkinder aus dem Kindergarten abholt und für sie kocht, obwohl er auch einfach die Füße hochlegen könnte. Wer der verwitweten Nachbarin, die nicht mehr so zurechtkommt, den Rasen mäht. Solche alltägliche Nächstenliebe bekäme Bronze.

Silber wäre schon schwieriger – das bekämen Menschen, die sich um den fernen Nächsten bemühen. Junge Leute zum Beispiel, die ein freiwilliges soziales Jahr in Afrika in einem Heim für Waisenkinder machen. Oder Fischer am Mittelmeer, die nachts rausfahren und mit ihren eigenen Booten Flüchtlinge aus dem Meer fischen. Nächstenliebe für die Fernen, das gäbe eine Silbermedaille.

Und Gold ?  Gold bekämen die, die mit der  Nächstenliebe nicht aufhören, obwohl sie wissen, dass es kein gutes Ende gibt. Es gibt ja in Deutschland richtig viele Menschen, die sich um Flüchtlinge kümmern. Die zum Arzt fahren und bei Behördengängen helfen, die sich um Integration der Neuen bemühen und einfach freundliche Nachbarn sind. Wenn die Flüchtlinge zum Beispiel aus Syrien kommen, kann man ja hoffen, dass der Asyl-Antrag akzeptiert wird und dass sie für ein paar Jahre hier bleiben. Da lohnt sich das Engagement. Wenn die Menschen aber aus dem Kosovo gekommen sind oder aus Albanien, dann sind sie ja „nur“ vor der Armut geflohen. Wirtschaftsflüchtlinge: ein hässliches Wort.  Wer denen beisteht, obwohl er weiß, dass die in ihre Herkunftsländer zurück geschickt werden, der bekäme von mir die Goldmedaille. Und noch ein Wort von Jesus: was ihr einem meiner geringsten Brüder (oder Schwestern)  getan habt, das habt ihr mir getan.   (Mt 25.40)

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„Das ist doch ganz einfach“…..sagt der Vorsitzende eines Pfarrgemeinderates. „Wir müssen nur endlich wieder strengere Regeln einführen“. Er glaubt ernsthaft, dass damit die Kirchen wieder aufblühen. „Das ist doch ganz einfach“…höre ich Leute hinter mir diskutieren. „Grenzen zu, Mauern hochgezogen, Schluss mit dem Flüchtlingsproblem.“

Ich werde zunehmend unruhig in solchen Situationen. Denn das Leben ist selten „ganz einfach“. Nicht in der Politik, nicht in der Erziehung und nicht in der Kirche. Für komplexe Probleme gibt es keine einfachen Lösungen. Gewalt ist schon gar keine Lösung. Das ist ja das Problem – manchmal gibt es wirklich keine vernünftigen Lösungen. Und schon gar keine einfachen. Jedenfalls nicht sofort. 

Jesus hat seinen Jüngern einmal eine Gleichnisgeschichte erzählt von einem Sämann. Darin geht es auch um die Frage: Welche Lösung ist die Richtige? Der Sämann hatte Weizen eingesät und hoffte natürlich auf eine gute Ernte. Doch leider ist es nicht dabei geblieben. Mit dem Weizen wächst nun auch jede Menge Unkraut. Die Feldarbeiter finden: Das ist doch ganz einfach. Das Unkraut muss raus! Dann ist Ruhe auf dem Feld.

Aber der Sämann ist klüger. Ausreißen klingt zwar einfach, ist aber überhaupt keine gute Idee. Beim Ausreißen von Unkraut würden auch die Weizenpflanzen beschädigt. Deshalb befiehlt er: Alles soll in Ruhe wachsen. Sortiert wird später. 

Ein heutiger Landwirt könnte so keinen Weizen produzieren. Das Gleichnis ist eine Lehrgeschichte, keine Anleitung für die Feldarbeit. Erzählt ist sie zur Warnung für all jene, die immer gerne das Störende mit Stumpf und Stiel ausreißen wollen. Die, die am liebsten kurzen Prozess machen würden. Sie werden hier eines Besseren belehrt. Jesus sagt ihnen:Manchmal muss man aushalten, dass es keine Lösung gibt. Jedenfalls noch nicht. Manchmal muss man aushalten, dass es keine einfache Lösung gibt. Entwicklungen brauchen Geduld. Man muss warten können, nachdenken, Kompromisse finden, Gegensätze aushalten. Und aushalten, dass diese Welt nicht vollkommen ist.

 

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Ach, ist das herrlich. Ein Kleinkind läuft um die Tische und guckt, was die Leute so machen. Leise spielt Musik, auf der Terrasse ist es noch angenehm kühl. Links und rechts wird gelacht und diskutiert. Dort drüben sitzt jemand allein mit Zigarette, Kaffee und Buch: Frühstückszeit in einem Café. Das mache ich selten. Meistens frühstücke ich zu Hause. Aber die jungen Leute meiner Familie haben mir das beigebracht, ab und zu eben doch mal im Café zu frühstücken. Die machen sowas öfter, wenn sie frei haben. Und bei mir ist heute auch Festtag. Denn ich treffe mich mit einer Patentochter. Wir haben uns lange nicht gesehen. Sie studiert, ich gehe meiner Arbeit nach, leider finden wir nicht so oft zusammen. Aber jetzt hat es geklappt. Kaum haben wir unser Frühstück, kommen auch die interessanten  Gesprächsthemen. Sie ist ein politischer Mensch, jung, klug und überlegt. Man kann sich wunderbar mit ihr unterhalten. Sie hat eine Meinung, sie hat Charakter, und sie weiß eine Menge. Ich lerne von ihr. Aber jetzt genieße ich erst einmal zwei Dinge gleichzeitig: ich genieße diese junge Frau. Und ich genieße das schöne Frühstück.

Zusammensein - Zeit miteinander teilen - reden können. Das macht mein Leben reich. Die Zeit im Café ist für mich eine himmlische Stunde. Wenn ich mich umgucke, geht es den anderen um uns herum genauso. Ich sehe lauter frohe Gesichter. Und es wundert mich nicht, dass sogar die Bibel davon erzählt, was für ein geselliger Mensch Jesus gewesen sei. Viele haben ihm das übelgenommen. Ein Gelehrter, ein Rabbi, der soll lehren und weise Worte von sich geben. Aber doch nicht mit den einfachen Leuten zusammensitzen und reden. Ich bin froh, dass er nicht auf die Spaßbremsen gehört hat. Sondern dass er dabei blieb, mit anderen zusammensein zu wollen. Mit ihnen zu essen, zu reden, und zuzuhören. Sicherlich haben sie auch damals schon über Gott und die Welt diskutiert. Und auf diese Weise das Leben geteilt. So haben sie auch am meisten davon erfahren und gespürt, was Jesus dachte und wie er lebte und was ihm wichtig war.

Mitunter wirkt eine gemeinsam verbrachte Zeit intensiver als manche Predigt.

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Wer hat schon gerne mit Behörden zu tun? Ich gestehe, mir ist immer etwas mulmig, wenn amtliche Schreiben eintreffen. Erst mal kriege ich Herzklopfen: Was ist es dieses Mal? Was muss ich denn jetzt wieder alles herbeibringen? Und manchmal verstehe ich nicht auf Anhieb, worum es eigentlich geht.

In den letzten Monaten kamen viele amtliche Schreiben. Manchmal fühlte ich mich fast erschlagen von all den Fristen, Anträgen, Ablehnungen, Änderungen…Da half nichts. Es musste sein, und ich musste da durch. In dieser Zeit habe ich viele Ämter kennengelernt. In Deutschland gibt’s nun mal viele Behörden, viele Rechtsvorgänge und viele Verwaltungsangestellte. Alles und jedes ist geregelt. Und es gibt noch viel mehr Verwaltungsvorgänge, für die man Papiere herbeibringen, Kopien machen und Beglaubigungen vorlegen muss. Aber gleich an dieser Stelle kann ich sagen: Meine Anliegen wurden meist zugewandt aufgenommen. Immer war der Ton freundlich. Waren die Menschen auf der anderen Seite des Schreibtischs hilfsbereit. Selten gab es mal jemand, der mir nicht weiterhelfen konnte. Wirklich nicht konnte. Aber dann entschuldigten sich die Menschen und empfahlen mir etwas, was ich vielleicht stattdessen versuchen könnte.

Es stimmt schon, Behörden-Sachen sind oft lästig. Formulare, Vorschriften, Papiere und Verwaltungsvorgänge können schon nerven. Natürlich bin ich immer froh, wenn wieder etwas erledigt ist. Meistens ging es gut aus.

Vor allem aber ist mir eines klargeworden: Das Recht ist für alle gleich. Und darüber bin ich froh! Ja, richtig froh! Bei uns ist es so, dass jeder Auskünfte und Genehmigungen bekommt, ohne dafür schmieren zu müssen. Regeln gelten für alle. Rechte und Vorschriften gelten auch für alle. Das ist in vielen Ländern anders. In vielen Ländern sind Bürger ihren Staatsdienern ziemlich ausgeliefert. Die können oft machen, was sie wollen. In Deutschland gilt im Wesentlichen das Gesetz. Korruption ist strafbar. Die Vorschriften, die einen manchmal so nerven können, gelten wirklich für alle. Und selbst wenn es total spießig ist: Dieses Verständnis von Recht und Ordnung ist mir sehr viel wert!

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Sechzig Jahre sind eine lange Zeit. Eine sehr lange Zeit. Und so lange lebt die zierliche Ordensfrau auch im Kloster. Sie feiert heute ihr 60jähriges Ordensjubiläum. Auf diesen Tag hat sie sich schon das ganze Jahr gefreut. Zu Recht, finde ich!

Schon als Schülerin wollte sie Ordensfrau werden. Aber – eine junge Frau braucht einen Beruf, sagten die Eltern. Erst einmal wird die Schule beendet. Danach wird ein Beruf erlernt. Dann erst durfte sie in ein Kloster eintreten. Und dort verbrachte sie diese 60 langen Jahre – an verschiedenen Orten, in verschiedenen Aufgaben. Aber immer hatte sie mit Kindern zu tun. Mit schwierigen Kindern konnte sie es besonders gut. Die hat sie besonders unterstützt. Ihre Kinder, für die hat sie gekämpft. Wer mit Menschen zu tun hat, trägt viel Verantwortung. Aber genau das wollte sie tun. Da blühte sie auf. Und auch heute noch strahlt sie, wenn sie von den Kindern erzählt. Heute sind alle längst erwachsen, aber viele rufen regelmäßig an oder kommen zu Besuch. Sie erinnern sich, wie die Schwester ihre Löcher im Knie verpflastert hat, nachts Hosen flickte. Oder dass sie mit ihnen vor dem Essen gebetet hat. Oder wie sie bei Lehrern eingetreten ist.

Ihre Augen blitzen, wenn sie von all dem erzählt. Schweres, ja das gab es genug. Mehr als genug. Wer mit Menschen zu tun hat, wird auch enttäuscht. Oder erlebt Trauriges. Aber das war halt, sagt sie. Es waren doch meine Schützlinge. Ich war für sie verantwortlich. In allem. Ich habe sie geliebt.

Wie hat sie das alles geschafft, frage ich?

Och, sagt sie freundlich, das ist ganz einfach: Ich spürte immer, dass Jesus Christus mich liebt. Und diese Liebe habe ich dann an die Kinder weitergegeben. Fast wundert sie sich über meine Frage. 

Und heute? An ihrem Ehrentag? Dankbar blickt sie zurück auf ein reiches Leben. Immer habe ich versucht, zum Lob seiner Herrlichkeit zu leben, sagt sie. 60 Jahre lang. Und das will ich auch weiter tun, solange ich kann.

Herzlichen Glückwunsch – sage ich gerne dazu. Und weiterhin Gottes Segen!

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