Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Es kommt auf die persönliche Glaubwürdigkeit an". So antwortete mir ein junger Mann  auf die Frage: Wie sieht für Dich eine interessante und anziehende Kirche aus? Nicht die üblichen kirchlichen Reizthemen interessierten ihn, Zölibat, Sexualmoral oder Papsttum. Ihm kam es darauf an: Wie glaubwürdig sind die Kirchenvertreter als Personen? Stehen sie persönlich für das ein, was sie vertreten? Und da hatte er einiges auszusetzen, vor allem beim Umgang mit Geld und Macht. Er habe einmal ein Bischofstreffen erlebt, erzählte er, und das sei ihm vorgekommen wie eine Verkaufsschau von Mercedes und Audi, so viele Edelkarossen auf einem Fleck. Gleichzeitig sammle die Kirche für Caritas und arme Länder. Das passe nicht zusammen, sei unglaubwürdig. Diese Kirche könne ihn nicht überzeugen.
Die Kritik scheint überzogen. Soll denn ein Bischof nicht ein ordentliches Auto fahren? Daran kann doch nicht dessen Glaubwürdigkeit oder die der ganzen Kirche hängen. Vielleicht ist die Frage falsch gestellt, ich drehe sie einmal um: Was bedeutet es für die Glaubwürdigkeit der Kirche, wenn sie sich für einen jungen Mann an der Automarke entscheidet? Warum wird das Geldgebaren von kirchlichen Amtsträgern zum Thema in den Magazinen? Ist das nur Sensationslust oder Missgunst - oder bei dem jungen Mann Naivität? Oder haben die Leute doch ein sicheres Gespür dafür, was passt und was nicht? Haben die Kritiker vielleicht den Eindruck,  nicht ihnen, sondern uns Kirchenvertretern selbst sei die Frage nach Geld und Besitz zu wichtig geworden? Und sehen sie deshalb die Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt? Das wäre freilich schlimm. Denn das ist eigentlich der härteste Vorwurf, den man uns Christen machen kann. Christus sagt in der Bibel: Man kann nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon. Und es wäre verheerend, wenn wir Kirchenvertreter den Eindruck erweckten, wir schielten eher nach dem Mammon, nach dem Geld. Dann stünde wirklich unsere Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Deshalb nehme ich die Kritik des jungen Mannes ernst. Es geht nicht um den einzelnen Mercedes oder Audi. Es geht darum, was uns in der Kirche am wichtigsten ist. Da dürfen wir keine Zweifel aufkommen lassen. Denn daran hängt die Glaubwürdigkeit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13997

„Gönnen statt Geizen" stand auf dem T-Shirt der jungen Frau, und sie machte ganz den Eindruck, dass sie sich und anderen etwas gönnen kann, so unbeschwert und frei ging sie  durch die Fußgängerzone.
Gönnern geht es gut, sie lassen es sich gut gehen und freuen sich mit, wenn es anderen gut geht. 
Die Bibel beschreibt Gott als den großen Gönner. Der Mainzer Kardinal Hermann Volk sagte dazu: Gott geht es gut, Gott geht es sehr gut, Gott geht es ausgezeichnet. Deshalb will er auch, dass es den Menschen gut geht. Er verteilt sein Heil in vollem, gerütteltem, überfließendem Maß. Ob nun Gott sein Volk in der Wüste mit Manna versorgt, Jesus auf einer Hochzeit eine Riesenmenge Wasser in Wein verwandelt oder 5000 Menschen so satt werden, dass noch körbeweise Brot übrig bleibt, immer gibt es reichlich für alle. Eben Gönnen statt Geizen. Und wer so überreich versorgt wird, kann auch sich und anderen etwas gönnen.

Natürlich ist „Gönnen statt Geizen" kein Ersatz für soziale Gerechtigkeit. Vielen geht es schlecht und niemand gönnt ihnen etwas. Zu viele müssengeizen mit dem, was sie haben, damit sie über die Runden kommen. Wäre schlimm, wenn sie in solcher Situation alleine auf Gönner angewiesen wären.

Nur wer hat, kann auch gönnen. Dabei ist schon viel gewonnen, wenn die offensichtlich Besitzenden nicht nur widerwillig hergeben, was ihnen das Finanzamt abzwackt. Oder wer es sich leisten kann, nicht in Billigläden einkauft, die ihr Personal nicht gerecht entlohnen. Oder nach Waren sucht, die nicht nur zu Geizpreisen, sondern unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wurden. Eben Gönnen statt Geizen. Dann hat dieses Motto  doch etwas mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. Wer sich gönnt, gerechte Preise zu zahlen und nicht fragwürdigen Schnäppchen nachjagt, wer anderen den existenzsichernden Lohn gönnt und keinen Vorteil aus Niedriglöhnen zieht, der tut mehr für die soziale Gerechtigkeit als Gesetze erzwingen können. Gerade Christen, die sich von ihrem Gott so reich beschenkt sehen, können da immer wieder den ersten Schritt tun. Dann gehen sie vielleicht auch so locker und beschwingt durch das Leben wie die jungen Frau mit dem T-Shirt. Weil sie gönnen statt geizen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13996

Manche Söhne treiben ihre Väter zur Verzweiflung. Im vorliegenden Fall tat der Vater alles für seinen Sohn, denn er hatte Großes mit ihm vor. Als erfolgreicher Geschäftsmann sorgte er für eine gute und kostspielige Ausbildung. Aber der Sohn dankte es ihm nicht durch Fleiß und Lerneifer, sondern er wurde zum Mittelpunkt der örtlichen Partyszene. Er führte ein ausschweifendes Leben und er brachte das Geld seines Vaters mit gleichgesinnten Freunden durch.
Seine Beteiligung an einem kleineren Feldzug endete mit seiner Gefangennahme. Wieder musste sein Vater einspringen und ihn mit einem hohen Lösegeld freikaufen. Krank kehrte der junge Mann nach Hause zurück.
Zu einem erneuten Einsatz als Soldat kam es nicht mehr, weil der Junge auf einmal seine religiöse Neigung entdeckte. Mit einem Bettler soll er die Kleidung getauscht haben, um einmal die Armut auszuprobieren, für zerfallene Kirchen bettelte er um Baumaterial.. 
Als er aber daran ging, das Geld seines Vaters in größerem Stil für wohltätige Zwecke zu verwenden, platzte diesem der Kragen und er verklagte seinen Sohn. Der reagierte damit, dass er sich in einer peinlichen Aktion mitten auf dem Domplatz vollständig auszog, seine Kleider zurückgab, sich von seinem Vater lossagte und nun nur noch von dem lebte, was er sich erbettelte. Nun waren die Pläne des Vaters endgültig gescheitert.
Manche Söhne treiben ihre Väter zur Verzweiflung. Trotzdem kann etwas Gutes dabei herauskommen. Denn der junge Mann, der erst ein haltloses Leben führte, dann aber seine Liebe zur Armut, noch mehr aber für die Armen entdeckte und seiner religiösen Berufung folgte, war der heilige Franz von Assisi. Die Emanzipation von seinem Vater, das Erkennen seiner Berufung und die Entscheidung, wie die Apostel in Armut zu leben - all das war Teil eines Prozesses, an dessen Ende einer der beeindruckendsten und bis heute wirksamen Heiligen der Christenheit steht. Heute feiern wir den Namenstag des heiligen Franziskus, der seinen Vater in die Verzweiflung trieb, weil er lieber der Berufung durch den himmlischen Vater folgte als den Berufswünschen seines irdischen Vaters. Ein Glück für alle, die sich bis heute vom Beispiel des Franziskus anstecken lassen. Und ein Trost für Väter und Söhne mit unterschiedlichen Lebensvorstellungen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13995

„Das hatten wir noch nicht in Geschichte", hat neulich die Tochter einer Freundin gesagt. Sie meinte nicht die alten Römer oder den Zweiten Weltkrieg. Sie meinte die Wiedervereinigung Deutschlands. 22 Jahre ist die jetzt her, fast 23 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen. Für immer mehr junge Leute ist all das einfach nur Geschichte. Sie kennen ein paar Bilder und Berichte - mit Gefühlen sind die in der Regel nicht verbunden.
Wie anders ist das bei mir! Mich packen beim Thema Wiedervereinigung auch heute noch die Emotionen. Wenn ich die Filmaufnahmen sehe von den Leuten, die 1989 auf der Berliner Mauer tanzen. Manchmal, gebe ich zu, bin ich auch einfach nur gerührt, wenn ich am Bahnhof in Mainz auf der Anzeigentafel als Zielangabe lese: „Leipzig Hbf."
Wie wunderbar, dass ich da heute einfach so hinfahren kann! Wie großartig, dass die Mauer gefallen ist! Ich kann mich immer noch darüber freuen. Und ich bin dafür immer noch dankbar. Vor allem den Menschen gegenüber, die das damals geschafft haben. Und das waren besonders die Leute, die 1989 in der DDR auf die Straße gegangen sind, zu Zigtausenden. Viele Christinnen und Christen waren dabei. Sie haben gebetet - und dann auf der Straße demonstriert. Und das war beileibe nicht so ungefährlich, wie es von heute ausaussehen mag. Panzer und Blutkonserven standen bereit. „Die Angst war unser ständiger Begleiter", erzählt Christian Führer, der damals Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche war. Jede und jeder Einzelne ist ein Risiko eingegangen. Ich staune - und bin dankbar für den Mut, den die Leute damals aufbrachten.
Und ein wenig färbt er auf mich bis heute ab. Es lohnt, sich einzusetzen für Frieden und Demokratie, für das, was mir am Herzen liegt. Und ich darf und soll mich dabei auch etwas trauen. Ich hoffe, die Tochter meiner Freundin wird in ihrem Geschichtsunterricht irgendwann von dem Mut der Menschen damals hören. Denn es sind wirklich Menschen, die Geschichte geschrieben haben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13910

Heute wird es passieren, endlich: Ich werde hinunter steigen in meinen Keller und dort anfangen, das Chaos zu lichten. Seit geschätzt einem Jahr komme ich kaum noch hinein in meinen kleinen Kellerraum. Zu hoch stapeln sich Kisten und Kram. Und wenn ich etwas suche, kostet das Nerven und Zeit. Diese Woche habe ich ein paar Tage Urlaub zuhause.
Und ich hab mir fest vorgenommen: Jetzt ist auch der Keller dran. 
Aufräumen, entrümpeln: Für mich ist das nie nur etwas Äußeres. Und das geht wohl vielen Leuten so, sonst gäbe es ja nicht all diese Ratgeber zum Thema: Wie sortiere ich meine Wohnung und mein Leben neu? Äußere und innere Ordnung, die sind bei mir wie bei vielen andren eng miteinander verknüpft. Wenn ich äußerlich Chaos habe, dann stört das oft genug auch mein innere Ruhe. Und umgekehrt: Wenn ich meine Wohnung sortiere, dann wird es auch in mir drinnen sortierter.
Und der Keller, der ist in dieser Ordnungssuche noch mal ein besonderer Ort: Da schiebe ich ja die Dinge hin, die ich nicht so direkt und ständig brauche und trotzdem nicht wegwerfen will. Sie stehen manchmal auch für Zeiten und Menschen in meinem Leben, die nicht mehr so direkt dazugehören, von denen ich mich aber auch nicht ganz verabschieden will. Alte Bücher können das zum Beispiel sein oder Schuhkartons voller Briefen. Es kostet ein wenig Zeit, das durchzuschauen und zu überlegen: Bleibt das im Keller? Auch deswegen ist es gut, dass ich mir heute an einem Urlaubstag Zeit dafür nehme. Ich habe mir fest vorgenommen: Ich werde einiges aussortieren. Vieles kann in die Mülltonne oder in den Sperrmüll. Und manches werd ich auch zu Oxfam bringen, dem Laden, in dem Überflüssiges für einen guten Zweck flüssig gemacht wird. Das wird mich bestimmt auch manchmal Überwindung kosten. Aber ich bin mir ziemlich sicher: Am Ende dieses Tages wird die Erleichterung überwiegen. Wenn ich mich äußerlich von Dingen trenne - dann ist äußerlich und innerlich wieder mehr Ordnung bei mir. Es ist auch Platz für Neues. Ich fühl mich wieder offener, freier: fürs Hier und Jetzt, für Gott und die Menschen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13909

Erster Oktober: Jetzt wird es endgültig Herbst, in Rheinland-Pfalz beginnen heute auch die Herbstferien. Zeit für so manchen, es sich zuhause gemütlich zu machen. Aber es gibt Menschen, die verlassen ausgerechnet heute ihr Haus - und ziehenin eine Hütte um, sieben Tage lang. Heute ist der Beginn des jüdischen Laubhüttenfestes, Sukkot heißt das auf Hebräisch, und es bedeutet eben: Hütten. Das Laubhüttenfest ist eine Art Erntedankfest - und vermutlich stammen auch die Hütten ursprünglich aus der Landwirtschaft. Bis heute sind im Vorderen Orient während der Ernte nämlich Unterstände auf den Feldern üblich, die Schutz spenden vor Sonne und Wind. Religiöse Juden heute bauen sich solche Hütten aber auch einfach in ihren Garten oder auf den Balkon.
Hütten bauen im Oktober - das klingt natürlich heute erst einmal ganz schön fremd. Aber für mich steckt ein interessanter Gedanke darin.Diesesjüdische Laubhüttenfest sagt mir: Richte dich nicht zu gemütlich zuhause ein, jetzt im Herbst. Mach es dir nicht zu bequem. Natürlich: Auch ich werde abends immer öftereinmal Kerzenschein, Tee und warme Decke genießen. Aber die Gefahr besteht ja schon darin, dass ich mich in den eigenen vier Wänden einigele. Zu wenig rauskomme. Mich zu wenig bewege. Joggen oder spazierengehen zum Beispiel, das fällt mir jetzt, wenn es kühler und dunkler wird, immer schwerer. Und genauso kostet es mich mehr Überwindung, mich mit anderen zu treffen. Dabei weiß ich eigentlich: Es tut mir gut, raus zu kommen. Nicht nur meinem Körper, auch meiner Seele. 
Es ist wichtig, dass ich beweglich, flexibel bleibe, äußerlich wie innerlich. Wenn ich andere Leute treffe, bleibt ja auch mein Denken in Bewegung. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann," geht ein Spruch. Und ich glaube tatsächlich: Auch Gott mag es, wenn der Menschnicht starr, sondern flexibel ist. Ich werde mir also wohlzwar kein Zelt auf den Balkon bauen. Aber ich werde mir heute und in den nächsten Tagen öfter mal sagen: Beate, bleib beweglich!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13908

Sonntagsreden: Einen guten Klang hat dieses Wort nicht gerade. Darin steckt: Da redet einer zwar groß daher -aber es ist nichts wirklich dahinter. „Wir brauchen eine friedlichere Welt!" heißt es da zum Beispiel. Oder: „Unsere Gesellschaft muss gerechter werden!" Das fordern viele. Aber es bleibt eben meist bei Worten, allgemein und unverbindlich. Die Taten dazu, montags bis samstags vollbracht, die fehlen dann oft. Wir werfen solche Sonntagsreden gerne Politikern vor oder auch mal Firmenchefs oder hohen Kirchenleuten. Aber mal ehrlich: Das Phänomen kennt ja fast jede und jeder. Es ist eben einfacher, über Dinge zu reden, als sie selbst umzusetzen und zu tun.
Klar finde ich zum Beispiel Klimaschutz wichtig, und ich fordere gerne mal sonntags beim Mittagessen: Die Politik sollte da wirklich mehr tun. Aber montags ist es dann doch irgendwie bequemer, ins Auto zu steigen statt aufs umweltfreundliche Fahrrad. Oder: Natürlich finde ich es schlimm, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinander geht. Mehr Gerechtigkeit! Das ist schon eine richtige Forderung. Aber mein Vermögen, das sollte mir docherhalten bleiben, und zu hohe Steuern finde ich grässlich. Es ist oft ganz schön schwer, den Sonntagsreden am Werktag und im Alltag auch Taten folgen zu lassen. Da geht es den Politikern wohl nicht anders als jedem von uns.
Und doch: Manchmal gelingt das ja: Dass Worte und Taten übereinstimmen. Dann höre ich von einem Politiker oder Prominenten, der einfach ehrlich wirkt - und finde das richtig klasse. Bundespräsident Joachim Gauck zum Beispiel ist für mich so Mensch, der mich überzeugt. „Authentisch" ist heute das Wort dafür. Da stimmen bei einem Menschen Äußeres und Inneres überein. So jemand wirkt einfach stimmig. Und  oft hat er auch eine ganz besondere Ausstrahlung. Solch eine Stimmigkeit und Ehrlichkeit: Die wirkt sogar ansteckend, finde ich. Wenn andere es schaffen, ihr Reden auch in Tun umzusetzen: Dann inspiriert mich das, es selber öfter zu versuchen. Ich halte mich dann mit Sonntagsreden eher zurück. Und versuche es stattdessen noch mehr mit Alltagstaten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13907