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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Kinder zu retten kann so wichtig werden, dass man selbst in einer sinnlosen Lebenssituation wieder einen Sinn erkennen kann. Diese Erfahrung hat Esther Mujawayo gemacht. Die Frau aus Ruanda hat vor 18 Jahren innerhalb weniger Wochen fast ihre ganze Familie verloren. Damals gab es in Ruanda einen Völkermord. Innerhalb von nur drei Monaten wurden über 800.000 Menschen ermordet. Esther Mujawayo hat in diesem schrecklichen Jahr 1994 ihren Mann, ihre Eltern, ihre Schwester, alle Onkel und Tanten verloren. Nur sie selbst und ihre drei Töchter überlebten. Esther Mujawayo war von nun eine von denjenigen, die zwar den Völkermord überlebt hatte. Aber die Kraft zum Weiterleben hatte sie nicht mehr. Wie bei den anderen Überlebenden war auch bei ihr der Schmerz über den Verlust geliebter Menschen stärker als alles andere. Die Witwe musste erst einmal lernen, eine völlig neue Einstellung zum Leben zu finden. Eine Freundin sagte zu ihr: „Sieh dir nicht nur an, was du verloren hast, sondern schau auf das, was dir geblieben ist!" Dieser kluge Rat half ihr sehr. Ihre drei Töchter wurden so eine wichtige Hilfe bei der Rückkehr in das Leben. Außerdem begann sie, anderen Frauen zu helfen, die ebenfalls während des Völkermords Familienangehörige verloren hatten. Esther Mujawayo gründete eine Witwenorganisation. Hier helfen sich die Frauen gegenseitig, um ihr in Unordnung geratenes Leben neu zu organisieren. Schließlich machte Esther Mujawayo auch noch eine Ausbildung zur Therapeutin. So kann sie heute Flüchtlinge beraten, die ebenfalls traumatische Erfahrungen gemacht haben. Von ihren Erfahrungen erzählt sie auch bei Vorträgen, so zum Beispiel am morgigen Sonntag. Aus Anlass des 40 jährigen Jubiläums der Partnerschaft Rheinland-Pfalz - Ruanda spricht Esther Mujawayo in Vallendar bei Koblenz. Sie kann so weitergeben, was ihr selbst geholfen hat: Nicht auf das zu schauen, was man verloren hat, sondern auf das, was geblieben ist.

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für den Lebensretter

Der Unfall hätte tödlich enden können, damals am 1. August 1976 auf der berühmten Nordschleife des Nürburgrings. Ein Formel-1 Wagen prallte gegen eine Böschung. Er wurde auf die Rennstrecke zurück geschleudert und stand sofort in Flammen. Ein nachfolgender Rennfahrer hielt an, lief auf den brennenden Wagen zu und zog mit bloßen Händen den Verletzten aus der Gefahrenzone. Es war der Italiener Arturo Merzario, der seinem Fahrerkollegen Niki Lauda mit dieser mutigen Tat das Leben rettete. Nur wenige Wochen nach dem dramatischen Ereignis fuhr der noch nicht ganz genesene Niki Lauda in Monza schon wieder ein Formel-1 Rennen. Auch sein Lebensretter war wieder dabei. Für Lauda wäre es eine gute Gelegenheit gewesen, sich bei dem Mann zu bedanken, der für ihn buchstäblich durchs Feuer gegangen war. Aber Niki Lauda bedankte sich nicht. Er sprach seinen Lebensretter nicht einmal an. Das ist, auch fast vier Jahrzehnte später, kaum zu begreifen. Wenn Niki Lauda heute nach dieser Geschichte gefragt wird, redet er sein damaliges Verhalten nicht schön. Aber er versucht es zu erklären. Und zwar so: „Wenn ich ein Risiko eingehe, muss ich jede Störung, zum Beispiel, mich zu vermenschlichen, verhindern." Bei diesem ersten Rennen nach seinem Unfall konnte er daher nicht zu seinem Lebensretter sagen: „Arturo, ich muss mich bei dir bedanken. Du hast mir vor ein paar Wochen das Leben gerettet". Das wäre nämlich ein Zeichen von Menschlichkeit gewesen. Es hätte ihn auch daran erinnert, wie verwundbar er ist. Und das hätte ihn möglicherweise den Sieg gekostet. Ich muss zugeben: Es fällt mir schwer, diese Logik zu begreifen. Vielleicht will ich auch gar nicht verstehen, dass Kampf und Konkurrenz einen solchen Stellenwert haben können, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Der menschliche Umgang miteinander darf nie unter die Räder kommen, weder bei der Formel 1 noch sonst wo im Leben. Risikobereitschaft und der Wille zum Erfolg sind gut und schön, aber sie dürfen nicht alles andere verdrängen. Auf keinen Fall die Fähigkeit, menschlich miteinander umzugehen.

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die es gut mit uns meint

Ein schlechtes Gewissen bekamen die Menschen früher, wenn sie in die Kirche gingen und der Pfarrer ihnen vorhielt, was sie alles falsch gemacht haben. Heute bekommen sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie in der Zeitung lesen. Zum Beispiel, dass sie mit jeder Autofahrt den Klimawandel anheizen. Oder dass die Kleider, die sie tragen, von Kindern hergestellt wurden. Oder dass der Kaffee, den sie trinken, von ausgebeuteten Bauern angebaut wurde. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Zahl der Nachrichten, die uns ein schlechtes Gewissen machen, ständig zunimmt. Schön ist das nicht. So ein schlechtes Gewissen ist ein ganz unangenehmes Gefühl. Man hat den Eindruck, dass man alles falsch macht. Es kann so weit gehen, dass man sich von seinem eigenen Gewissen tyrannisiert fühlt. Dabei ist das Gewissen eigentlich eine Stimme, die es gut mit uns meint. Es ist eben nicht zu verwechseln mit dem schlechten Gewissen, das uns jemand einreden will. Das passiert leider immer wieder, hat aber mit dem Gewissen im eigentlichen Sinn gar nichts zu tun. Das Gewissen ist die Stimme in uns, die uns zu besseren Menschen machen will. So, wie es auch ein guter Freund oder eine gute Freundin machen, die es gut mit uns meinen. Die Stimme des Gewissens will uns nicht fertig machen. Sie erinnert uns aber immer wieder daran, dass wir besser sein könnten, als wir sind. Das ist natürlich nicht immer angenehm. Wir sind nun einmal Menschen, die oft nur die eigenen Interessen im Blick haben. Das Gewissen hilft uns, nicht nur auf den eigenen Vorteil zu schauen. Es bringt uns dazu, uns in andere hinein zu fühlen, sozusagen über uns hinaus zu wachsen. Der Philosoph Schelling hat das einmal so formuliert: Das Gewissen ist der einzige offene Punkt im Menschen, durch den der Himmel herein scheint. In diesem Sinne ist das Gewissen ein großartiger Teil unserer Persönlichkeit.

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Franz-Josef Prinz von Bayern. Hochadel, aber nicht in den Klatschspalten der Zeitungen. Dieser Prinz hat einen alternativen Lebensstil gewählt, ganz bewusst. Er ist Benediktinerpater. Als Missionsbenediktiner setzt er sich seit Jahren in Kenia dafür ein, dass die Lebenschancen der Menschen vor Ort verbessert werden. Die Einheimischen schätzen ihn auf Höchste, ihren P. Florian, wie er mit Ordensnamen heißt. 
Das kann ich gut nachvollziehen. Für P. Florian bedeutet „Mission" nicht, dass er den Menschen seinen eigenen Glauben überstülpt. Überhaupt behandelt er die Einheimischen nicht von oben, auch nicht wie ein „reicher Onkel", der sie mit Wohltaten überschüttet. Mission bedeutet für ihn, dass er mit seinen Mitbrüdern das Leben der Menschen teilt. Und ihre Sorgen. Dass er ihnen darin beisteht. Und zwar so, dass die Leute dabei nicht bevormundet werden. Sondern so, dass sie sich dabei selbst entwickeln und Verantwortung übernehmen. Er sagt: „Das Ziel sollte sein, eine eigene Wirtschaft aufzubauen, in der Hungerhilfe nicht mehr notwendig ist." Darauf arbeitet er hin, Schritt für Schritt. 
Er hilft den Nomaden zum Beispiel, dass sie ihr Vieh zu einem guten Preis verkaufen können. Er organisiert mit ihnen den Transport zum weit entfernten Markt. Dafür stellt er ihnen einen alten LKW zur Verfügung. Das ist besser als ein neuer, erklärt er: „Stellt man den Leuten einen neuen LKW vor die Tür, dann lernen sie nicht, etwas auf die Seite zu legen für den Fall, dass der Wagen irgendwann kaputt geht. Aber wenn sie gezwungen sind, den alten LKW immer wieder in Gang zu bringen, dann lernen sie zu sparen." (74) Und können immer mehr auf eigenen Füssen stehen. Dieses Engagement steht für P. Florian ganz in der Tradition der Benediktiner: Die sind „nicht als Missionare hinausgegangen, um den Glauben zu verkünden, sondern sie sind hinausgegangen, um den Glauben zu leben, auf Außenposten, in unwirtliche Gegenden. Dort führten sie ein Leben des Gebets und der Arbeit." (132) So schreibt er in seinem Buch. Und P. Florian weiter: „Wir versuchen so zu leben, dass der Glaube Anziehungskraft entwickelt. Und damit spornen wir die Leute an, sich zu fragen: Was will ich in diesem Leben, was brauche ich, was fehlt mir?" (120) „Wo Gebet und Arbeit zusammengehen, da entwickelt sich etwas, das den Menschen anzieht." (132) Das ist Mission im besten Sinn des Wortes. 

Die Zitate stamme aus dem Buch: Pater Florian, Prinz von Bayer, Weil es etwas Grö0eres gibt. Mein Leben in Afrika, Herder Verlag Basel-Freiburg-Wien 2. Auflage 2011

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Auf der Rückfahrt aus dem Urlaub habe ich alles erlebt, was liebe Verkehrsteilnehmer zu bieten haben: Auf der Autobahn konstant links oder auf der mittleren Spur fahren; kilometerlanges Elefantenrennen; rechts überholen; drängeln. Selbst LKWs scherten ohne Blinken direkt vor mir zum Überholen aus, als ich gerade auf der Überholspur ankam. Gefährliche Überholmanöver auf der Bundesstraße, bei denen alle Verkehrsteilnehmer in die Eisen steigen mussten, damit der Raser ohne Unfall durchkommt. 
Ich bin gut nach Hause gekommen. Aber es war anstrengender, als es hätte sein müssen. Weil immer mehr Konzentration gefordert ist, wenn es gut gehen soll. Es wundert mich nicht, dass pro Jahr im Straßenverkehr 2,3 Millionen Unfälle passieren. 2011 gab es wieder fast 4000 Verkehrstote. 
Wo muss man ansetzen, damit sich das ändert? Die Antwort eines Verkehrsfachmanns fiel ganz klar aus: ‚Der Verkehr ist ein System auf Gegenseitigkeit. Und das kann mit der Haltung „nur Ich!" nicht funktionieren.' „Uns fehlt die Empathie." 
Der Verkehrsmanager verdeutlicht es an einem Beispiel: „Wenn ich nicht blinke, wenn ich aus dem Kreisverkehr rausfahre, dann weiß der andere nicht, dass er in den Kreisverkehr reinfahren kann." ‚Und die Kapazität des Kreisels kann nicht ausgenutzt werden - der Verkehrsfluss stockt, und alle kommen langsamer vorwärts.' ‚Es fehlt an Empathie.' 
Empathie ist mehr als Rücksicht. Es bedeutet, dass ich mich in den anderen hineinversetze. Dass ich vom anderen Verkehrsteilnehmer her denke, von dem her, was für ihn wichtig ist, was ihm gut tut. Also überhole ich nicht, wenn der andere dann Angst bekommen könnte, dass es zu knapp wird - auch wenn ich mit meinen 177 PS noch locker vorbeikäme. Also blinke ich frühzeitig, damit der Nachfolgende sich gut darauf einstellen kann, dass ich abbiege. 
Das ist eine Frage der Haltung. Die kann man einüben, und dann geht das fast wie von selbst - und alle haben etwas davon. Der Volksmund sagt: „Was Du nicht willst, das man Dir tu', das füg' auch keinem andern zu." Positiv formuliert es Jesus in der Bergpredigt: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen." (Mt 7,12) Diese Gesinnung würde auch dem Straßenverkehr gut tun.  

Das Zitat und die Sachinformationen stammen aus dem Artikel von Prof. Dr. Christoph Hupfer (Dekan der Fakultät "Informationsmanagement und Medien" mit dem Studiengang "Verkehrssystemmanagement" an der Hochschule Karlsruhe) in "Die Rheinpfalz am Sonntag" vom 8. Juli 2012, Seite 5.

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„Don't be a Maybe!" Wirklich geschickt, diese Zigarettenwerbung. Seit Monaten hängen immer wieder Plakate mit diesem Satz aus. In verschiedenen Varianten. Die ganze Werbekampagne dreht sich um diesen einen Spruch: „Don't be a Maybee".
Wörtlich übersetzt heißt das: „Sei kein Magsein". ‚Sei kein Vielleicht-Typ! Sei keiner, der nicht weiß, was er will! Du weißt doch, was Du willst! Also: Entscheide Dich - für uns, für diese Superzigarette! Sie verleiht Dir Profil. So geht es - vom Maybe zum markanten Typen!' Und unterschwellig wird mitvermittelt: ‚Wenn Du Dich nicht dafür entscheidest, dann bleibst Du leider ein Waschlappen. Aber das wirst Du Dir doch nicht antun! Don't be a Maybe!' 
Die Werbepsychologen kennen die Menschen. Wer will schon gern ein Waschlappen sein? Einer, der nur nachgibt und keine Substanz hat? Einer, bei dem man ins Leere greift. Der keine eigene Meinung hat. Einer, der lebt nach dem Motto „mir egal" - und der auch so ist. So will keiner da stehen. Und deshalb suggeriert diese Werbung ja: ‚Entscheide Dich für diese Marke! Dann beweist Du, was für ein Mensch Du bist. Einer, der weiß, was er will. Und Du gewinnst an Profil.'
Werbung spricht wichtige Bedürfnisse der Menschen an. Auch hier. Sie verknüpft sie dann mit einem Produkt, durch das diese Sehnsucht angeblich gestillt wird. Diese Masche funktioniert offensichtlich. Sonst würde die Werbung nicht damit arbeiten. 
In einem Punkt hat diese Werbung recht: Das Gegenteil von einem Maybe ist durchaus etwas Erstrebenswertes: Ein Mensch, der weiß, was er will. Bei dem man nicht im Nebel herumstochert. Der klar ist. Bei dem man weiß, woran man ist. Am besten einer, der entschieden ist und entschieden lebt. An dem man ablesen kann, wofür er steht und wofür er eintritt. 
Mit solchen Menschen habe ich gerne zu tun. Manchmal ecken sie auch an. Aber man kann gut mit ihnen streiten. Und man kann viel von ihnen profitieren. Unsere Gesellschaft lebt von Menschen, die wirklich Profil haben und die für etwas stehen. Der Weg zum eigenen Standpunkt und zu innerer Stärke wird leider nicht durch die Zigarette unterstützt. Er wird gefördert durch Menschen mit Profil, die ich im Alltag erlebe, die mir Vorbild sein können. Und in diesem Sinne wünsche ich Ihnen: "Don't be a Maybe!"

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Mein schönster Urlaubstag war der, an dem ich nichts gemacht habe.
Das heißt keinesfalls, dass alle Aktivitäten in den beiden Ferienwochen frustrierend waren. Ich war in den Bergen, in Südtirol. Dort habe ich viel Schönes erlebt: Wunderbare Touren mit faszinierenden Ausblicken, tolle Begegnungen mit interessanten Leuten. 
Aber der schönste Urlaubstag war der, an dem ich nichts gemacht habe. An dem ich einfach so dasaß. Ich bin mit der Seilbahn auf 2300 m gefahren. Von der Bergstation stieg ich nur noch ein kleines Stück höher, damit ich in Ruhe für mich allein sein konnte. Ich fand einen Felsabsatz, auf dem ich sicher und gemütlich sitzen konnte. Und da saß ich dann. Von 11 Uhr morgens bis 5 Uhr am Nachmittag. Einfach so. Von Langeweile keine Spur. Die sechs Stunden waren eine sehr gefüllte Zeit. Obwohl ich nichts gemacht habe. Oder vielleicht gerade deshalb? Ich saß da und habe es mir gut gehen lassen. Die Stille um mich herum ist auf mich übergegangen. Je länger ich dasaß, desto ruhiger ist es auch in mir geworden. Ich habe gespürt, dass ich dann anders da war. Ich habe nichts gemacht, sondern alles einfach auf mich wirken lassen. Ich saß da wie „auf Empfang geschaltet", aufnahmebereit mit allen Sinnen - um das wahrzunehmen, was sich mir zeigt. Vor mir in der wunderbaren Bergwelt - und auch in mir, in meiner Innenwelt. Ich habe mir nicht aktiv „die Gegend angeschaut", sondern habe mich von ihr ansprechen, anrühren lassen. Ich habe mir nicht „Gedanken gemacht", sondern habe das, was in meinem Inneren aufsteigen wollte, kommen lassen. Leben im Lassen-Modus statt im Machen-Modus. Und dann kam auch so manches in mir hoch, was unter dem Teppich des Alltagsgetriebes untergegangen war. Frohe und düstere Empfindungen. Gedanken und Gefühle, die auch für die Zeit nach dem Urlaub wichtig waren. Einiges davon habe ich in meinem Tagebuch aufgeschrieben. 
Dieser Tag hat mir richtig gut getan: Einfach da sein, nicht „müssen", nicht "machen", sondern loslassen, empfänglich sein, kommen lassen. Ich hoffe, dass ich mir etwas von dieser Grundhaltung auch für den Alltag bewahren kann.

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