Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Vielleicht sind sie auch schon mal durch einen Tunnel gefahren – vor kurzem auf den Weg in den Urlaub zum Beispiel. Ich habe immer ein flaues Gefühl im Magen, wenn ich in so einen langen Tunnel einfahre. Alles ist so eng und manchmal auch dunkel.

Der St. Gotthard-Tunnel auf dem Weg nach Italien ist mit seinen 16,9 Kilometern der drittlängste Autotunnel in Europa. Heute vor 29 Jahren ist er eröffnet worden. Wie beschwerlich wäre der Weg über den St. Gotthard-Pass. Wie viel Zeit müsste man auf der Fahrt in den Süden mehr einplanen. Doch gerade dieser Tunnel erinnert auch an den furchtbaren Unfall im Oktober vor 8 Jahren. Damals sind 11 Menschen in den Flammen umgekommen. Und da ist es wieder, dieses flaue Gefühl in der Magengegend.

Wenn ich in einen langen Tunnel einfahre, murmel ich gerne einen Psalm vor mich hin. Da geht es um einen guten Hirten, der mich armes Schaf sicher durchs dunkle Tal führt. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir“, so heißt es im 23. Psalm. Und das sage ich mir bei der Fahrt durch den dunklen, langen Tunnel. Und ich habe das Gefühl: „Ich bin nicht allein.“ Gott ist bei mir, begleitet mich durch das Dunkel.

Und nicht nur dort. Es gibt ja noch ganz andere Tunnelerfahrungen. Die Zeit zwischen der Untersuchung beim Arzt und dem Gespräch, in dem man die Ergebnisse der Untersuchung erfährt. Die Zeit zwischen dem Entschluss, aus der vertrauten Wohnung auszuziehen und den Umzug in ein Altersheim zu wagen. Da fühlt man sich schnell wie in so einem dunklen Tunnel und hat dieses flaue Gefühl im Magen.

Mir hilft es, mich bei solchen Tunnelerfahrungen an den Psalm 23 zu erinnern, in dem es nämlich auch heißt: Gott weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Der Tunnel hat ein Ende, irgendwo. Dann wird es hell, vor mir breiten sich Wiesen und Wälder aus. Und so wird auch die Angst und das flaue Gefühl im Magen ein Ende haben. Kein Dunkel mehr, keine Angst, nur noch Licht und Freude.

Bis dahin aber muss ich noch öfters durch den St. Gotthard-Tunnel fahren. Das flaue Gefühl wird mich dabei zwar immer wieder begleiten, doch die Worte des Psalmen 23 auch.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6569
„Selber schuld“ denke ich noch, als ich meinen Freund mit krebsrotem Gesicht vor mir sehe. Wir waren im Urlaub am Meer. Und ich habe ihn noch vor der Sonne gewarnt. „Creme Dich lieber ein und leg Dich nicht in die pralle Sonne. Da kriegst du schnell einen Sonnenbrand“. Doch er hat nur gelacht. Er sei hier, um braun zu werden. Und jetzt sitzt er vor mir mit glühendem Gesicht. Na, da kann ich nur sagen: „Selber schuld.“

Und bei der Gelegenheit ist mir aufgefallen: Das sag ich nicht nur im Urlaub. Auch bei der Arbeit oder gegenüber meinen Kindern geht mir dieser Satz schnell über die Lippen. Oder die Variante „Hab ich’s Dir nicht gleich gesagt“ oder schlicht und einfach: „Siehste“.

Warum sagt man so was eigentlich? Vielleicht will man sich ein bisschen dafür rächen, dass der gute Rat, die eigene Erfahrung missachtet wird. Vielleicht will man sich wieder ins Spiel bringen. Wenn ich so rede, geht es mir auf jeden Fall erst einmal um mich. Mitgefühl? Fehlanzeige.

Und das bringt mich zur Frage: Wie geht Gott eigentlich mit einem um, der seinen guten Rat missachtet und dann den Schaden hat? Lehnt Gott sich auch selbstgefällig zurück und sagt: „Selber schuld?“

In der Bibel beim Propheten Jesaja gibt es einen Satz, der in einem wunderbaren Bild Gottes Haltung dazu umschreibt. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jes 42,3) Wenn ein Mensch in eine deprimierende Situation geraten ist, dann ist Gott eben nicht schadenfroh und setzt noch einen drauf.

Sinngemäß könnte der Vers so weitergehen: Gott will das geknickte Rohr schienen und den glimmenden Docht anpusten, damit der wieder aufleuchten kann. Gott schaut nicht zurück und rechnet nicht auf. Gott schaut nach vorne und hilft, dass es weitergehen kann, dass Leben wieder heil wird.

„Selber schuld“ - habe ich zu meinem Freund mit krebsrotem Gesicht gesagt. Naja, dann bin ich aufgestanden und habe ihm eine Salbe geholt, zum Kühlen. Ein paar Tage später machten wir eine Fahrradtour. Als ich ihm am Abend mit einer krebsroten Nase gegenüber saß, mussten wir beide lachen – na klar: „Selber schuld“!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6568
Der Stapel auf meinem Schreibtisch ist doppelt so hoch und das Postfach quillt über.
Nach dem Urlaub stürze ich mich in die Arbeit und versuche möglichst viele Dinge auf einmal zu erledigen. Und doch: Es geht nur langsam voran. Ja, ich habe manchmal den Eindruck, da wachsen immer neue Stapel auf dem Schreibtisch nach.

In einer Geschichte kommt ein junger Mann zu seinem Vater. „Ich habe solchen Stress und kann kaum noch schlafen.“ Sagt er. „Wie machst du das nur? Du wirkst so ruhig und gelassen. Dabei hast du doch auch so viel zu tun. Was ist dein Geheimnis?“

Die Antwort des Vaters ist schlicht: „Wenn ich schlafe, schlafe ich, wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich schaffe, schaffe ich“. Der Sohn kann das nicht glauben. „Das mach ich doch auch, das ist nichts Besonderes!“ Der Vater widerspricht ihm: „Es sieht zwar genauso aus, aber du machst es ganz anders: Wenn Du schläfst, gehst Du schon, wenn du gehst, dann schaffst Du schon, wenn Du schaffst, dann schläfst Du schon“.

So ähnlich geht es mir im Grunde auch. Ich widme mich einer Sache nie ganz, weil ich schon voller Unruhe bin und an das Nächste denke oder gar das Übernächste plane.

Diese Unruhe - Jesus scheint sie zu kennen. In seiner berühmten Bergpredigt greift er sie auf, und sagt: „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat“ (Mt 7,34).
Eins nach dem anderen tun. Dazu macht auch Jesus Mut. Gelassen bleiben, auch wenn morgen der Stress noch nicht vorbei ist. Es gibt eben Zeiten, da hat man viel zu tun. Es gibt Zeiten, da muss man einfach durch.

Aber das wird schon, meint Jesus. Nicht weil das irgendwie schon gut werden muss. Es wird schon, weil Gott es gut machen wird. Er ist wie ein guter Freund der sagt: Gemeinsam werden wir es schon schaffen.

Und was heute nicht fertig wird, darf auch mal liegen bleiben. Schließlich darf der nächste Tag auch seine Sorgen haben. Außerdem habe ich schon manchmal erlebt, dass sich über Nacht die Sorgen verändern. Auf einmal taucht da jemand auf, der mir hilft – wenn da nicht Gott manchmal seine Hand mit im Spiel hat.

Also ich werde heute Mittag gleich mal ein Päuschen einlegen und mir sagen: Wenn ich schlafe, dann schlafe ich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6567

„Liebe gibt’s auch ohne Hiebe“. Ein Reimvers aus meiner Kindheit .
Meine katholische Großmutter sagte das manchmal, wenn sie uns Kindern was zusteckte:
„Liebe gibt’s auch ohne Hiebe“.

Musik in unseren Ohren. Ein Fanal, eine Hymne gegenüber dem, was damals in den Jahren meiner Kindheit weit verbreitet war:
dass Erwachsenen Kindern gegenüber öfter schon mal die Hand ausrutschte.
Auch aus Liebe! Sagten jedenfalls die Erwachsenen, wenn man sie darauf ansprach.
Hiebe auch aus Liebe! Damit aus euch mal was Anständiges wird. Hieß es.
Das verstehe man mal als Kind:
Die einen versohlen dir den Hintern. Die anderen stecken dir was zu. Beides soll Liebe sein.......

Großmutter rutschte nie die Hand aus. Auch wenn sie selber sehr streng war.
Aber ihre Strenge hatte was mit geduldiger Zuwendung zu tun.
Und wenn sie uns was zusteckte, war das auch keine Belohnung für anständiges Verhalten.
Sie hatte uns in dem Moment einfach lieb. Nichts weiter.
Wir brauchten dafür nicht besonders brav zu sein als Gegenleistung. Das spürten wir.
Großmutters Zuwendungen waren so was wie ein Gedankenstrich der Liebe.
Sie zeigten uns: Liebe geht auch dann weiter, wenn es nicht so gut läuft zwischen uns beiden.

Daran hab ich gedacht als ich selber versuchte aus meinen Kindern was „Anständiges“ zu machen.
Geschlagen habe ich nie. Aber schon mal ungeduldig die Türen geknallt. Na,ja, hatten die Kinder selber schuld dran mit ihrem Generve....

Einmal fiel mir in so einer Situation der Reimvers meiner Großmutter wieder ein:
Liebe gibt’s auch ohne Hiebe.
Bin dann zurückgegangen und habe gesagt: OK, das war jetzt zu laut.
Aber noch so ein Widerwort und es rappelt im Karton.

Und war dann zutiefst gerührt,
als meine Kinder mir einen selbst gebastelten Karton schenkten:
Wäre nicht so laut wie beim Türe knallen....

Den Karton gibt es heute noch. Bisschen abgenutzt.
Ich werde ihn aufheben.
Für meine Kinder, wenn die mal dran sind mit erziehen.
Und oben drauf werde ich schreiben:
Lass rappeln im Karton.
Liebe gibt’s auch ohne Hiebe.
Gruß Opa..
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6624

Meine Zeit, Herr, steht in deinen Händen.
Ein Vers aus der Bibel.
Als Trostvers gedacht, aufgeschrieben und über Jahrhunderte hin aufbewahrt.

In jungen Jahren
habe ich diesen Vers oft wie die Überschrift in einem schönen Reiseprosekt nachgesprochen.
War gesund. Vor mir das Leben. Auf gehts. Mit Gott im Rücken. Volle Kraft voraus!

Heute, vierzig Jahre später:
Die Gesundheit ist nicht mehr das, was sie früher mal war.
Mein Arzt sagte mir neulich scherzhaft: Na ja, Herr Müller, biologisch sind sie halt über der Zeit.
Ab 38 werden die Körperzellen nicht mehr neu aufgebaut.
Nur noch abgeschrieben. Wie in der Wirtschaft. Aber machen sie sich nichts draus.

Mach ich mir aber.
Und komme ein bißchen ins stocken, wenn ich lese: Meine Zeit, Herr, steht in deinen Händen. Auch wenn ich biologisch über die Zeit bin...?

Und dann fällt mir meine katholische Großmutter wieder ein.
Wie sie mit 84 Jahren mal sagen konnte: Ich bin eigentlich schon lange über die Zeit.
Und dann verschmitzt hinzufügte: Aber der Herrgott, der rechnet ganz anders mit mir als die Natur. Der sieht zum Beispiel wie ich mich über die Enkel freue. Jeden Tag neu. Das macht mir vieles leicht. Das koste ich aus.

So konnte Großmutter reden. Und achtete gleichwohl auf ihre Gesundheit.
Ihre Sammlung von Gesundheit-Tees war berühmt.

Diese Erinnerung hilft mir.
Ich lese den Vers wieder mit neuer Zuversicht. Und schreibe ihn mir im Gebet zu Gott fort:
Meine Zeit Herr, steht in deinen Händen.
Du weißt, ich fühl mich gar nicht gut.
Aber meine Zeit steht in deinen Händen.
Mach DU was draus.
Ich rechne mit deiner Großzügigkeit.
Meine Kinder brauchen mich noch, und meine Frau auch.

Ob Gott mich hört? Ich rechne damit.

Fülle aber auch wie Großmutter vorsichtshalber meinen Vorrat an Gesundheit-Tees auf.
Und sehe dabei manchmal Großmutter vor mir wie sie lächelnd sagt:
Übertreib es nicht, Reinhardt, deine Zeit steht in Gottes Händen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6623

Engel sind die Postboten Gottes.
Hatte ich vor einiger Zeit irgendwo gelesen.
Ging mir nicht mehr aus dem Sinn: Engel sind die Postboten Gottes.
Ein schönes Bild. Regte mich an, mir vorzustellen:
Ich bekomme Post nicht nur von Ämtern und Handwerkern.
Finde nicht nur Rechnungen im Briefkasten oder fragwürdige Schnäppchenangebote.
Ich bekomme auch Post vom lieben Gott.
Nachrichten, die mich leicht und beschwingt machen. Echte Sommergeschichten. Das wär‘s doch.

Und dann ist es tatsächlich passiert.
Da kam ein Engel vorbei. Ein Engel mit der Uniform eines Postboten.
Blaue Hose Hose, gelbes Hemd, flotter Schritt...
Es war gegen 11 Uhr vormittags. Ich war nicht gut drauf.
Seit 3 Tagen regnete es, 14 Grad. Das sollte der Sommer sein. Oh Mann.
Da klingelte er an der Haustür. Der Postbote. Also ich meine: der Engel.

Hab ein Päckchen für sie, brauche noch eine Unterschrift.
Ich kritzele mürrisch nur meine Initialen auf das elektronische Lesegerät.
Na, bisschen mehr dürfen Sie ruhig schreiben, meint er. Schlecht geschlafen?
Ach, wissen Sie, murmele ich missmutig:
Bei dem Wetter würde ich am liebsten in Pension gehen.
Jou, verstehe ich, antwortet er, aber ob dadurch das Wetter besser wird?

Da konnte ich nur noch lachen.
Und spürte: Da ist sie. Die Engelbotschaft.
Macht dir mit einem Schlag den Kopf frei. Erlöst dich von deiner Missmutigkeit.
Lass es regnen und sei froh, dass du ein Dach über dem Kopf hast. Mein Gott.

Danke, lieber Gott, dass du mit manchmal ganz normale Postboten
als Engel vorbei schickst.
Die mich wieder leicht und beschwingt machen.

Und schick sie doch auch meinen Nachbarn
und den Leuten, die jetzt Radio hören, vorbei.
Wenn es wieder mal regnet und kalt ist. Mitten im Sommer.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6622
„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“
Jesus hat das gesagt. Jesus, der gute Hirte.
Wie hat er das bloß ausgehalten, denke ich manchmal.
Ist er nie müde geworden? Beim Hirte sein?
Müde so wie unser einer. Müde beim sich verausgaben für die Seinen.

Also was mich betrifft: Es hat mich über die Jahre ziemlich müde gemacht. Und meine Frau natürlich auch: 24 Jahre Kinder groß ziehen. Die vielen schlaflosen Nächte in der Säuglingszeit. Und dann Kindergarten, Schule. Wie viel Rechtschreibreformen habe ich eigentlich mitgemacht? Und dann die ganzen neuen Medien: Wie viel Fernsehen verträgt ein Kind? Computerspiele, Game-Boys, Play-Station... Was haben wir gekämpft und gestritten!

Ich habe oft verloren in meinen Erziehungsversuchen. Aber verloren auf interessante Weise:
Habe gemerkt, dass die Kinder ihre ganz eigene Welt bauen müssen. Weil sie sich im Alltag mit Dingen rumschlagen mussten, die es zu meiner Zeit so noch gar nicht gab: Fernsehen en masse, Drogenhandel in der Schule. Damit mussten die Kinder zu recht kommen. Und welche Klarheit hatte ich ihnen zu geben, der das alles nicht kannte??

Mein Ergebnis aus 24 Jahren Erziehung ist: Am überzeugendsten war ich, indem ich sagte:
Also, ich will dich zu einem guten Menschen machen. Aber so ganz klar ist mir das auch nicht immer wie ich das schaffe...
Und dann war es tröstlich, wenn die Kinder sagten:
Ach, lass mal Papa, Hauptsache, du hast uns lieb. Den Rest müssen wir selber hinkriegen.

Ich denke, genau das steckt auch in den Verheißungsworten Jesu drin.
Jesus hat den Krieg nicht abschaffen können. Nur seinen Jüngern sagen können:
Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

Und dann sind die Jünger gegangen, haben sich auf ihre Art für andere verausgabt, müde gemacht. Müde auf dem Weg zu den Herzen der Anderen.
Daraus ist dann mit der Zeit auch die Kirche entstanden, in der ich groß geworden bin.
Die mir Kraft und Halt gegeben hat.
Das will ich weiterhin mitnehmen von diesen Worten Jesu.
Und höre es auch in der Antwort meiner Kinder:
dass es sich lohnt, müde zu werden auf dem Weg zu den Herzen der Anderen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6621