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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

In diesen Novemberwochen werden wir mal wieder daran erinnert – mehr als sonst das Jahr über – denn bis Ende des Monats können wir kündigen, wechseln, neu abschließen… - Versicherungen begleiten uns unser Leben lang. Für oder gegen was wir uns da alles versichern können – Unfall, Diebstahl und Einbruch, Krankheit, Auto und Leben – nur einige Stichworte in diesem Zusammenhang.
Ich kann mein Gepäck versichern und ich kann vorsorgen, wenn der Urlaub ins Wasser fällt – eine Reiserücktrittsversicherung macht’s möglich. Die einen sind richtig versichert, manche über-, andere unterversichert. Viele haben eine Lebensversicherung – im Todesfall ist dann für die Angehörigen finanziell gesorgt, und das ist gut so, es kann lebenswichtig sein. Ich selbst habe vor Jahren auch solch eine abgeschlossen.
Das Wort selbst möchte ich gern auf die Goldwaage legen: Lebens-Versicherung! Da hört doch der Spaß auf: Kann ich mein Leben tatsächlich versichern? Das geht doch nicht! Jetzt lebe ich – irgendwann bin ich tot! Ich lebe dann definitiv nicht mehr (zumindest als Mensch hier auf der Erde…) – auch nicht mit einer noch so guten Lebensversicherung…
Natürlich ist es gut, dass wir uns in gewisser Hinsicht absichern können – in finanzieller Hinsicht für diesen oder jenen Notfall; uns selbst oder spätestens unseren Angehörigen kommt dies zugute.
Bei aller Notwendigkeit, uns zu versichern und gegen manche Not abzusichern, ist es aber auch wichtig, dass wir uns immer wieder klar machen: Leben ist immer lebensgefährlich. Keine Versicherung wendet die Krankheit ab, keine den Tod.
Für ein gelingendes Leben brauche ich Vertrauen – trotz aller Versicherungen – und das ist gut so (möchte ich Ihnen „versichern!“)
Mit Worten Jesu aus dem Matthäusevangelium der Bibel klingt dies so: „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt (…) Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?“ (Mt 6,25b.27)
…Verlängern können wir unser Leben nicht, aber wir können unserem Leben Tiefe geben.
Ich glaube, jeder Tag bietet neue Chancen dazu!

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Diese Begegnungen werde ich nicht vergessen: Einer alten Frau durfte ich Woche für Woche die Kommunion bringen, immer am Samstag. Wir sprachen über ‚Gott und die Welt’ und wir beteten gemeinsam. Ihr Gesicht bleibt mir in Erinnerung, obwohl seither bereits ein Vierteljahrhundert vergangen ist. Sie war hoch in den Achtzigern. Ein altes Gesicht hatte sie, durchzogen von unzähligen Falten. Das Leben hatte seine Spuren hinterlassen… - Spuren, die der Krieg geschrieben hatte; äußerste Armut hatte sie erlebt, Trauer über ihren im Krieg vermissten jungen Ehemann, Entbehrung und Not, die zum täglichen Leben damals gehörten, wie sie immer wieder erzählte. Ein altes Gesicht mit vielen Runzeln schaute mich da an, eine Frau mit ihrer ganzen Geschichte saß mir gegenüber. Trotz der Not, die sie hatte erleben müssen, war sie nicht verhärtet, im Gegenteil: Sie strahlte eine Heiterkeit aus, sie freute sich über jedes kleine Zeichen der Begegnung, über ein Wort, einen Händedruck, über die Zeit, die ein junger Diakon für etwa 20 Minuten einmal in der Woche mit ihr teilte.
Ich fragte mich damals: Wie kann ein Mensch so werden? Worin liegt das Geheimnis solch einer heiteren Gelassenheit?
„Das Schlimmste ist“, so ähnlich sagte sie es, „wenn man immer nur um sich selbst kreist, wenn man mit sich und seinem Herrgott jedes Wehwehchen und jede Enttäuschung aufrechnen will. Das geht nicht gut. Ich glaube fest daran, dass Gott da ist – und das reicht mir. Ich bete jeden Tag, manchmal singe ich auch ein Lied. Das hilft mir – glauben Sie mir’ s. So war es bisher und so will ich’s auch weiterhin halten – so gut ich kann“. Dann begann sie immer wieder eines ihrer Lieblingsgebete, ein Gebet aus früher Tradition, es hatte sie zeit ihres Lebens begleitet. Es beginnt mit den Worten: „Seele Christi, heilige mich. Leib Christi, rette mich…“
Diese Frau hatte mich irgendwie fasziniert! Die Schule des Lebens hatte sich auf ihrem Gesicht gespiegelt, ihr einfacher Glaube sorgte für das Lächeln, für die heitere Gelassenheit.
Glaubens- und Lebenserfahrungen lassen sich nicht einfach kopieren, jede und jeder von uns schreibt mit an der eigenen Geschichte.
Immer wieder kann ich Menschen begegnen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Schlagzeilen werden aus ihnen keine gemacht – und doch hinterlassen sie tiefe Spuren…

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In diesen Tagen sind viele von uns in Gedanken mit Sterben und Tod beschäftigt. Wir schmücken die Gräber unserer Verstorbenen, wir gedenken der Toten, ganz persönlich und auch im öffentlichen Leben.
Wir können dies tun, um zum Ausdruck zu bringen: Wir sind dankbar für das Leben von Euch, das ihr mit uns geteilt habt, ihr, die ihr nun vor uns gestorben seid – mit Blumen, mit Lichtern, mit kleinen Zeichen bringen wir dies zum Ausdruck.
Immer mal wieder frage ich mich: Wie wird es sein, wenn „ich mal da liege“, wenn ich gestorben bin – wo werde ich sein, was werde ich spüren? Wie ist es jetzt, mit meinen Großeltern, mit meinen Eltern, mit Freunden, Bekannten und Verwandten, die bereits gestorben sind…- wo sind sie?
„Glauben Sie wirklich, dass mit dem Tod nicht alles aus ist?“ – diese Frage, mir gestellt von einem sterbenden Menschen, diese Frage klingt immer noch nach in mir. „Nein, ich möchte jetzt keine theologisch versierte Antwort von Ihnen als Priester hören; ich möchte wissen, wie Sie als Mensch denken und empfinden! – so fügte er noch an.
„Ich vertraue darauf, dass mit dem Tod nicht alles aus ist“ – lautete meine spontane Antwort. „Natürlich kann ich nicht erklären, wie etwas genau sein wird – ich vertraue jedoch darauf, dass vieles sich lösen wird.“
Für mich ist mit dem Tod nicht einfach alles aus und vorbei – wie beim Platzen einer Seifenblase, an die ich mich dann nur noch – und das ganz kurz – erinnern kann. Ich bin mal gespannt, wie es sein wird – auch wenn ich hoffe, noch lange jetzt und hier leben zu können, weil ich gern lebe und mein Leben gestalte; gespannt und fast neugierig bin ich dennoch…!
Ein Lied mit dem Titel „Dann wird ein Fest sein“ bringt dies so zum Ausdruck:
„Wenn wir Grenzen überschreiten und ins Unbekannte geh’ n, wenn Vertrautes wir verlassen und wir uns dann wiederseh’n, dann wird ein Fest sein ohne Ende, voller Lachen und Musik, voll Bewegung voller Leben, ungeahnt und voller Glück, dann wird ein Fest sein ohne Ende, voll von Wärme und Versteh’n. Wir sind wieder uns ganz nah, und wir werden Gott selbst seh’n.“
Leben und erwarten wir – gespannt auf das, was kommen wird!



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Am liebsten würd ich einfach mal eine Minute schweigen, jetzt und hier im Radio. Geht na-türlich nicht, tue ich auch nicht. Aber so ein, zwei Minuten Stille: Die wünsche ich Ihnen und mir immer mal wieder. Weil sie so unglaublich gut tun können. Es ist ja schon merkwürdig: Da beschweren sich fast alle über zu viel Lärm und zu viel Hektik in unserer Zeit. Stöhnen über Stress, über Dauergedröhne auf der Straße, in der Firma, in den Geschäften. Aber ein-fach mal den Lärm für kurze Zeit ausknipsen: Das tun wir denn doch nicht. Dabei könnten wir es ja oft, wenn wir wirklich wollten – und, ok, wenn vielleicht nicht gerade ganz kleine Kin-der um uns herum sind: Ruhepausen, Stillschweigen einlegen.
Ein, zwei Minuten Stille: Die bringen mir immer wieder erstaunlich viel. Ich gönne sie mir ab und zu, zugegebenermaßen: auch viel zu selten. Morgens zum Beispiel, bevor ich in den Tag starte, oder abends, zwischen Nachhausekommen und Tagesschau, wenn ich eh k.o. vom Tag bin. Oder sogar auch mal mitten am Tag im Büro, gerade wenn die Hektik besonders schlimm wird. Dann schalte ich alle Geräte aus, mache die Tür hinter mir zu, zünde vielleicht sogar eine Kerze an. Für einen Moment will ich nichts hören und sehen, nichts tun. Und es ist, als würde ich dem ganzen Körper Kurzurlaub gönne: Die Ohren entspannen sich, alle Sinne kommen zur Ruhe. Und ich kann mich selbst ganz anders wahrnehmen. Plötzlich fühl ich meinen Atem. Und ich werde innerlich entspannter, irgendwie sanfter. Die Stille ist etwas ungemein Wertvolles. Und ich denke: auch etwas Göttliches. Denn den lieben Gott kann ich auch besonders gut hören, wenn es still wird.

Hanns Dieter Hüsch, der große Kabarettist, hat einmal ein wunderbares Gedicht über die Stil-le geschrieben, das beginnt so:

„Erst mit der Stille fängt die Seele an zu
Schreiben
Und lässt uns sanft und sicher werden
Und sorgt dafür, dass unsre Augen milde bleiben.“


(aus: Das Schwere leicht gesagt. Freiburg 1994, S. 44)
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Ich kann ganz schlecht krank sein. Im Bett liegen, still halten, nichts tun: Das halte ich schlecht länger als drei Tage durch. Dann kribbelt es, die Decke fällt mir auf den Kopf, ich denke: Ich muss hier raus. Wenn man gerne arbeitet, unter Leuten ist: Dann fällt es schwer, passiv zu sein. Und womöglich auch: zu ertragen, dass gleichzeitig andere aktiv sind. All das tun können, was mir mein Körper gerade nicht erlaubt.
Mir geht es schon nach drei Tagen so. Wie schwer muss es erst für Leute sein, die von heut auf morgen richtig schwer krank werden. Die wochen-, monate-, jahrelang nicht das tun kön-nen, was sie tun wollen. Ich kann es mir kaum vorstellen. Und mir fällt wenig ein, was ich da sagen, wie ich trösten könnte. Ein Gedanke kam mir vor ein paar Wochen in einem Kloster. Ich hab dort ein paar ruhige Tage verbracht. Ein Kloster war das, in dem jeden Tag zweimal eine Stunde einfach nur still gebetet wird. Man sitzt zusammen in der Kirche vor dem Kreuz, mancher kniet – und nichts ist zu hören. Ich habe ein paar Mal mitgemacht, und natürlich fiel mir auch das schwer. Aber dann kam mir der Gedanke: Vielleicht muss ich deswegen norma-lerweise so aktiv sein, weil ich das Gefühl hab: nur so bin ich überhaupt etwas. Nur, wenn ich etwas tue, für andere nicht zuletzt: nur dann fühl ich mich so richtig vollständig und gewür-digt und wertvoll. In diesen stillen Stunden im Kloster ist mir klar geworden: Eigentlich geht das auch anders – und erst recht, wenn ich an Gott glaube. Ich bin ja etwas wert, egal, ob ich zwölf Stunden am Tag schufte oder ob ich den ganzen Tag im Bett oder im Rollstuhl verbrin-ge. In beiden Fällen habe ich eine Würde. Und ich bin von Gott geliebt. Gott hat mich unend-lich lieb: ohne dass ich nur einen Finger krumm machen muss. Die Erkenntnis kann vielleicht nicht an jedem Krankheitstag helfen. Aber trösten kann sie vielleicht doch.

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Wenn ich vom Süden her mit dem Zug über die Eisenbahnbrücke nach Mainz hineinfahre, dann stelle ich mir manchmal vor, wie die Stadt wohl aussähe, wenn es diesen 9. November 1938 nicht gegeben hätte. Da steht der katholische Dom, ganz links, romanisch und altehr-würdig. Dann, in der Mitte, die evangelische Christuskirche. Und ganz rechts, in der Neustadt, stünde die jüdische Synagoge, 25 Meter hoch ihre Kuppel. Über 1000 Sitzplätze fanden sich darunter. Eine Stadtsilhouette mit drei imposanten Gotteshäusern: So könnte Mainz heute aussehen. Die Bischofsstadt, die zugleich einer der drei großen jüdischen Städte am Rhein war.
Aber so sieht Mainz heute nicht aus. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die jüdische Hauptsynagoge von den Nazis ausgeplündert und niedergebrannt, die Kuppel gesprengt. So wie Synagogen in ganz Rheinland-Pfalz und in ganz Deutschland. Kommende Woche sind es 70 Jahre, seit das passiert ist. Natürlich wurden nicht nur jüdische Gebäude vernichtet. Menschen wurden verprügelt und verhaftet. Sechs Millionen Juden wurden in Eu-ropa in den Jahren nach der Reichspogromnacht ermordet. Mich packt Scham und Wehmut, wenn ich mir immer wieder klar mache: Nicht irgendwo weit weg ist das passiert. Sondern auch in den Straßen, in denen ich heute wohne und mich zuhause fühle. Nicht nur die Stadt-silhouette sähe anders aus, wenn es die Pogrome nicht gegeben hätte. Wie viel jüdisches Le-ben gäbe es in meiner Stadt! Ein bisschen kehrt es mittlerweile zurück, auch eine große neue Synagoge wird neu gebaut. Aber natürlich: Nichts von damals kann man deswegen vergessen.
Ich will mich in dieser Woche bis zum 9. November immer wieder erinnern. Und ich will das auch ganz bewusst an bestimmten Orten und mit anderen Menschen tun. Ich werde dorthin gehen, wo die große Synagoge stand. Und ich werde in die Kirche St. Stephan gehen, wo die Fenster von Marc Chagall jüdische und christliche Tradition miteinander verbinden. Einen Gedenkort gibt es dort in den nächsten zwei Wochen, ich will mit anderen dort beten und Kerzen anzünden. Und mich daran erinnern, was damals in meiner Stadt geschah.
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All diese unglaublich vielen Lichter auf den Gräbern, die im Dunkel flackern in ihren roten Grableuchten oder -laternen: Ich kann mich erinnern, wie ich als Kind staunend davor stand. Dieses Lichtermeer – ich fand Allerheiligen und Allerseelen toll deswegen. Beeindruckend sah es aus, wohltuend und warm, trotz der Novemberkälte. Sogar ein bisschen fröhlich. Fast schon wie an Sankt Martin, zehn Tage später, wenn wir dann mit unseren Laternen singend durch die Straßen liefen. Als Erwachsene haben sich diese Friedhofstage natürlich verändert. Mit den Toten, die ich kannte – und vermisste. An Allerseelen packt einen die Sehnsucht ja oft ganz besonders. Wenn der Tod eines lieben Menschen noch nicht so lange her ist – aber manchmal auch noch nach Jahren und Jahrzehnten. Dann steht man auf dem Friedhof in der Kälte und wünscht sich so sehr, er oder sie wäre noch da. Und man fürchtet sich vielleicht ein bisschen vor dem Winter ohne diesen Menschen, spürt die Einsamkeit in den Knochen und im Herz.
Auch mir wird das heute wohl wieder ein bisschen so gehen auf dem Friedhof. Dieses Jahr ist Allerseelen ja sogar ein Sonntag, und es werden sicher noch mehr Menschen an den Gräbern sein als sonst. Und wahrscheinlich wird es wieder viele Lichter geben. Auch ich werde eine Kerze mitnehmen und sie anzünden. Und wenn auch all die Lichter nicht mehr so fröhlich flackern wie zu Kindertagen: etwas Tröstendes, Warmes haben sie immer noch. Mitten in aller Trauer und Dunkelheit stehen sie für Hoffnung, für Licht und Leben. Irgendwie sind sie auch eine Verbindung zu den Menschen in den Gräbern. Manche, mit der ich als Kind ein Licht angezündet habe, sind mittlerweile tot. Aber ich habe an Allerseelen auch die Gewissheit: ganz weg, ganz tot können sie nicht sein. Ich spüre sie noch. Und ich glaube an einen Gott, der die Toten nicht im Tod lassen will. Auch die in den Gräbern, vor denen ich heute stehe. Wenn ich die Lichter im Dunkeln flackern sehe, dann glaube ich: Es gibt ein Licht, das alle Dunkelheit besiegen wird.
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