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SWR2 Lied zum Sonntag

07NOV2021
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O Röschen rot!

Der Mensch liegt in größter Not!
Der Mensch liegt in größter Pein!
Je lieber möcht‘ ich im Himmel sein!

Da kam ich auf einen breiten Weg.
Da kam ein Engellein und wollt mich abweisen,
Ach nein! !ch ließ mich nicht abweisen!
Ach nein! ich ließ mich nicht abweisen:
Ich bin von Gott und will wieder zu Gott!
Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben, 
Wird leuchten mir bis an das ewig selig Leben!

Der November ist ein dunkler Monat. Die Tage sind kurz. Die Vegetation zieht sich zurück, um geschützt zu sein. Aber in meinem Garten blühen noch ein paar letzte Rosen. Und rote sind auch dabei.

Musik 1 O Röschen rot.

Ob die kleine Rose weiß, dass sie ein Zeichen der Hoffnung ist, das letzte vielleicht? Für einen, der jetzt um einen Toten trauert. Für die, die sich nicht mehr wohl fühlt in unserem Land. Für alle, die keine Kraft mehr haben und seelisch am Ende sind. Der Mensch, der sich hier im Lied an das rote Röschen wendet, ist verzweifelt. Er will sich an ihrer Schönheit festhalten, an ihrer Farbe und ihrem Duft. Aber anderes gewinnt die Überhand.

Musik 2
Der Mensch liegt in größter Not!
Der Mensch liegt in größter Pein!

Da gibt es so viel Leid. Das Leben ist alles andere als sicher. Des Menschen Existenz besteht zu einem großen Teil auch aus Sorge und Ungewissheit. Die Klage darüber steht im Mittelpunkt dieses Lieds (zum Sonntag). Gleichwohl: Der Mensch will leben - vorausgesetzt, da ist ein Himmel, eine Perspektive, die über das Elend dieser Welt hinausweist.

Musik 3 Je lieber möcht‘ ich im Himmel sein!

Das Lied heute trägt den Titel „Urlicht“. Es findet sich in keinem Gesangbuch, sondern stammt aus der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Achim von Arnim und Clemens Brentano haben dort eine Fülle an Gedichten zusammengetragen. Sie eignen sich besonders dazu, vertont zu werden, weil sie schlicht und volkstümlich gehalten sind. Gustav Mahler hat sie sehr geliebt. Zu seiner Komposition dieses Gedichts schreibt er:
„Das „Urlicht“ - ist das Fragen und Ringen der Seele um Gott und um die eigene göttliche Existenz über dieses Leben hinaus". Wer sich näher mit Mahlers Leben beschäftigt, merkt bald, dass er damit seine eigene Seele meint. Wie finde ich meinen Platz auf der Welt? Was ist, wenn die anderen mich nicht verstehen?  Ist es klug, auf ein ewiges Leben zu hoffen? Diese Fragen haben Mahler immer von neuem beschäftigt. Einbrüche in seiner Biografie haben seinen Zweifeln Nahrung gegeben: Eine Tochter stirbt als Kind, er verliert den Posten als Direktor der Wiener Staatsoper, seine Frau Alma verlässt ihn. Wohin mit all dem? Mahler flüchtet sich in die Musik, komponiert großartige Sinfonien. Dort kann man seine Zerrissenheit nicht überhören.

Musik 4
Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben, 
Wird leuchten mir bis an das ewig selig Leben!

Da ist es, das Lichtchen, das dem Lied seinen Namen geben hat. Es ist ein Licht, das nie erlöscht, komme, was da wolle. Der letzte Funken Hoffnung. So schließt das „Urlicht“ mit naiver Zuversicht. Wie Kinder sie haben. Ich weiß: Die Rede vom „lieben Gott“ ist für die großen Fragen zu harmlos. Aber unerlaubt ist sie deshalb noch lange nicht. Weil es kaum etwas gibt, das echter und ehrlicher ist, als kindliches Vertrauen.

Gustav Mahler,  (Zweite Symphonie, 4. Satz)

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Musikalische Quellen

Musik 1 / 3
Mahler, Gustav, Zweite Symphonie c-moll, SWR-Symphonieorchester, Christoph Eschenbach, Gerhild Romberger (Alt), Live-Aufnahme vom 14.7.2017

Musik 2
Mahler, Gustav / Gottwoald, Clythus, Urlicht; Lied für Singstimme und Klavier. Bearbeitet für achtstimmigen gemischten Chor a cappella; SWR Vokalensemble, Marcus Creed

Musik 4
Mahler, Gustav, Lieder, N°20 Urlicht; Christian Gerhaher, Bariton | Gerold Huber, Klavier

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