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SWR4 Abendgedanken

Es braucht immer jemanden, der den Überblick hat. So wie  unser Zimmermann. Er baut gerade an unser Haus einen Wintergarten an. Manchmal allerdings verstehe ich nicht, was er gerade macht. Es gibt Zeiten, da ist er tagelang in seiner Werkstatt verschwunden und bereitet die nächsten Arbeitsschritte vor. Auf der Baustelle tut sich dann nichts. Oder er steht auf dem Gerüst, schraubt und sägt den ganzen Tag, doch am Abend kann ich nicht erkennen, dass sich etwas verändert hat. Was hat er eigentlich getan? Aber dann an einem anderen Tag sehe ich nach wenigen Stunden Arbeit schon einen großen Baufortschritt und mir wird klar: Der Mann ist richtig gut und weiß was er tut, auch wenn ich das manchmal nicht kapiere. Aber das muss ich ja auch nicht. Er ist der Fachmann und er hat den Überblick.

Von Jesus wird erzählt, dass er auch ein Zimmermann war. Und dass eines Tages Menschen zu ihm gekommen sind, die sich große Sorgen um ihre Zukunft gemacht haben. Jesus hat daraufhin zu ihnen gesagt: „Es fällt kein Spatz vom Himmel, ohne dass Gott, der Vater,  das weiß. Und jedes eurer Haare auf dem Kopf ist von ihm gezählt“ (Mt. 10,29f)  Jesus sagt also zu den Menschen, die große Angst haben vor dem, was kommt: Habt keine Angst! Es gibt einen Vater im Himmel, der hat den Überblick. Über Spatzen und Haare und erst Recht über Euer Leben. Auch wenn Ihr nicht versteht, was passiert, er weiß es ganz genau, weil er Euch geschaffen hat. Er ist sozusagen der „Fachmann“ für Euer Leben.

Dieser Gedanke hilft mir, auch in schwierigen Situationen Gott zu vertrauen. Wenn ich mir Sorgen mache, was wohl aus meinen Kindern wird. Oder wenn meine Gesundheit bedroht ist. Oder wenn in einer schwierigen Beziehung zu einem Menschen nichts vorangeht und sich nichts klären lässt. Dann denke ich daran: Ich muss nicht alles verstehen, was passiert. Manches im Leben ist und bleibt mir ein Rätsel. Sogar Gott ist mir manchmal ein Rätsel. Kann das wirklich sein Wille sein, was passiert? Aber ich sage mir: Gott versteht es. Er hat den Überblick. Er weiß, wozu alles gut ist. Das reicht.

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Manche Dinge nehme ich nicht wahr, obwohl sie mir direkt vor Augen stehen. Mir ist das einmal klar geworden, als ich zum ersten Mal den Film „der unsichtbare Gorilla“ angeschaut habe. Dieser Film ist ein Test, den zwei Psychologen 1999 entwickelt haben. Auf einer Bühne stehen sechs Baskeballspieler in weißen und schwarzen T-Shirts und werfen sich gegenseitig Bälle zu. Der Zuschauer soll nun zählen, wie oft ein Spieler mit einem weißen T-Shirt einem anderen den Ball zuwirft. Das hab ich getan. Genau mitgezählt. Das Ergebnis: 15 Mal. Danach wurde ich gefragt, ob ich auch den Mann im Gorillakostüm gesehen hätte, der durch das Bild gelaufen sei. Wie bitte? Gorillakostüm? Ich hätte schwören können, es gab keinen Mann mit Gorillakostüm. Bis ich den Film nochmal angeschaut und genau darauf geachtet habe. Und tatsächlich: Während die anderen sich da ihre Bälle zuwerfen, läuft ein Mann in einem Affenkostüm über die Bühne. Habe ich einfach nicht gesehen, obwohl es vor Augen war.

Ich denke: Vielleicht ist das mit Gott ja genauso. Gott ist auch da und er wirkt in dieser Welt und in meinem Leben. Nur: Ich sehe das nicht. Weil ich nicht darauf achte und auch gar nicht wirklich damit rechne. Ich bin so gefangen von den täglichen Freuden und Sorgen meines Lebens und so konzentriert auf meine Arbeit, dass ich gar nicht merke, dass Gott bei mir ist. Die Psychologen nennen das „Unaufmerksamkeitsblindheit“. 

Dabei gibt es so viele Spuren Gottes zu entdecken, wenn ich nur genau hinschaue. Die ganze Schöpfung ist ein Zeugnis für Gott. Jeder Sonnenaufgang, das Rauschen der Blätter im Baum, die Blüte einer Osterglocke. Überall hinterlässt der Schöpfer dieser Welt seine Spuren. Aber auch der herbe Geschmack eines kühlen Bieres, die Umarmung eines Menschen, eine unerwartete Begegnung, die mein Herz erfreut, ein Bibelwort, das mir Mut macht, oder eine Bewahrung in einer Notsituation – all das kann mir zeigen, dass Gott mir nahe ist und für mich sorgt. Ich muss es nur erkennen. Und bin doch so oft „unaufmerksamkeitsblind“ für Gott.

Wenn es Ihnen auch so geht, dann wünsch ich Ihnen und mir, dass Gott uns die Augen öffnet. Ich will Gott bitten, dass ich nicht immer so abgelenkt bin, sondern an jedem Tag seine Spuren in meinem Leben entdecke.

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Manche Menschen werden berühmt. Und andere werden vergessen, obwohl sie es genauso verdient hätten, berühmt zu sein. Ein Beispiel gefällig? Wer kennt heute noch John Wilson Swan? Der Name dieses Engländers ist kaum bekannt und in fast keinem Geschichtsbuch verzeichnet. Damit tut man ihm allerdings Unrecht. John Wilson Swan ist nämlich der eigentliche Erfinder der Glühbirne - nicht etwa der Amerikaner Thomas Alva Edison. Swan hatte bereits 1878 - und damit zwei Jahr vor Edison - eine für den Alltag taugliche Glühbirne entwickelt und zum Patent angemeldet. Aber ihn hat man vergessen. Heute reden alle nur von Thomas Alva Edison als dem Erfinder der Glühlampe. Ich finde das ungerecht.

Aber so sind wir Menschen: Wir vergessen schnell. Darum gibt es auch das Sprichwort: „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Ich kann das bei mir selbst beobachten. Wenn ich jemanden flüchtig kenne und ihn dann längere Zeit nicht gesehen habe, dann fällt mir manchmal der Name nicht mehr ein. Ich hab ihn einfach vergessen.

Ich bin froh, dass das bei Gott anders ist. Gott hat offenbar ein gutes Gedächtnis und vergisst niemanden. So jedenfalls hat das Jesus einmal zu seinen Jüngern gesagt. In der Bibel wird davon erzählt: Jesus hatte seine Jünger losgeschickt. Sie sollten anderen Menschen von Gott erzählen, diese Menschen segnen und die Kranken heilen. Das muss den Jüngern ziemlich gut gelungen sein. Denn als sie wieder zurückgekommen sind, da haben sie mit ihren Erlebnissen und großen Taten geprahlt. Und dann sagt Jesus: Freut euch nicht darüber, dass euch die Menschen so toll finden. Sondern „freut euch, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind“ (Lk 10,20).

Ich finde das eine großartige Vorstellung: Alle unsere Namen sind im Himmel aufgeschrieben. Alle, auch Ihr Name und mein Name und der Name meines Nachbarn, den ich kaum kenne und die Namen all der Menschen, deren Namen ich längst vergessen habe. Auch der Name John Wilson Swan. Bei Gott sind sie aufgeschrieben, Gott vergisst niemanden. Jeder ist in seinem Gedächtnis und in seinem Herzen. Wenn das so ist, dann

Muss ich nicht mit allen Mitteln versuchen, mir einen Namen zu machen. Ich muss keine Angst haben, vergessen zu werden. Bei Gott ist mein Name aufgehoben für immer.

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Wo wohnt eigentlich Gott? Ich finde die Frage gar nicht so blöd. Denn wenn es Gott gibt, dann muss er ja auch irgendwo wohnen, nicht wahr? Als Kind habe ich oft die Antwort bekommen: „Gott wohnt im Himmel“ Dann habe ich hinauf zu den Wolken geschaut und mir vorgestellt, wie Gott dort oben irgendwo über den Wolken auf einem Thron sitzt.

Aber dass das so nicht stimmen kann, das wissen wir spätestens, seitdem der erste Mensch ins Weltall geflogen ist. Das war im April 1961. Der Russe Juri Gargarin flog damals mit seinem Raumschiff Wostok I ins All, umrundete einmal die Erde und landete nach 108 Minuten wieder wohlbehalten im Wolga-Gebiet. Das war eine Sensation. Nach seiner Landung wurde er dann von einem Reporter gefragt, ob er da oben im Himmel auch Gott gesehen habe. Und Juri Gargarin antwortete: „Nein!“ Das war auch nicht wirklich überraschend. Wer hätte denn allen Ernstes erwartet, dass Gott über den Wolken im Weltall schwebt?

Aber wo ist er dann? Als Christen haben wir gerade das Osterfest gefeiert. Und ich finde: Ostern gibt eine Antwort auf die Frage, wo Gott ist. Die Antwort lautet: Hier auf der Erde. Ganz konkret: In Jesus von Nazareth. Als Christen glauben wir, dass Jesus nicht nur im ersten Jahrhundert unserer Zeit gelebt hat und an einem römischen Kreuz gestorben ist. Wir glauben auch, dass er nach drei Tagen vom Tod auferstanden ist. Und dann ist Jesus seinen Jüngern erschienen und hat zu ihnen gesagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt. 28,20)  Und wo Jesus ist, da, so glauben wir, ist auch Gott.

Gott ist also nicht weit weg, irgendwo über den Wolken. Sondern hier bei uns „alle Tage“. Wo sich Menschen im Namen Jesu treffen, wo Jesu Worte weiter gesagt werden, da ist Gott. Wenn ich bete, ist er da. Wenn jemand im Namen Jesu etwas Gutes in dieser Welt tut, einen Menschen tröstet, einen Kranken besucht, einem Armen hilft – immer dann ist Gott da.

Ich muss also kein Raumschiff besteigen, um Gott zu finden, ich kann ihn mitten in diesem Leben finden. Unter den Menschen, die nach den Worten Jesu leben.

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