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SWR4 Abendgedanken

Be prepared! Allzeit bereit!

Das ist der Wahlspruch der Pfadfinderinnen und Pfadfinder. Heute ist für sie ein besonderer Tag: Sie feiern den Thinking Day, also Gedenk-Tag, und denken an Baden Powell, den Gründer der Pfadfinder, und an seine Frau. Die Pfadfinder sind eine internationale Jugendbewegung. Junge Menschen können bei ihnen lernen, für ihr Leben und ihr Umfeld verantwortlich zu sein, und sich zum Beispiel für Umweltschutz und Frieden einzusetzen.

Am Thinking Day tragen sie ihr Pfadfinderhemd oder ihr Halstuch, um im Alltag als Pfadfinder erkennbar zu sein. Damit wollen sie zeigen, dass die Ideale der Pfadfinderbewegung bis heute viele junge und ältere Menschen auf der ganzen Welt begeistern - auch über 100 Jahre nach ihrer Gründung.

Ich selbst bin schon viele Jahre Pfadfinder und es gehört alles dazu, was man sich so vorstellt: Mit der Gitarre am Lagerfeuer singen, sich draußen zu Hause zu fühlen und sich mit Kompass und Karte zurechtzufinden. Aber was das Pfadfinder sein für mich vor allem ausmacht, sieht man nicht auf den ersten Blick: Zum Beispiel, dass aus Kindern ganz unterschiedlicher Herkunft eine feste Gemeinschaft entsteht. Man zusammen viel erlebt und oft ein Leben lang befreundet bleibt. Dass ich beobachtet habe, wie Jugendliche daran wachsen, wenn man ihnen auf dem Lager Verantwortung überträgt: etwa beim Kochen für den ganzen Pfadfinderstamm oder beim Zelte aufbauen für die Kleinsten. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich andere Pfadfinder treffe und es total unkompliziert zugeht: Alle packen mit an, wenn es was zu tun gibt. Alle wollen was bewegen.

„Jeden Tag eine gute Tat.“ - das ist auch ein Motto der Pfadfinder. Für mich steckt dahinter die Sehnsucht, die Welt zu verbessern. Und zwar alle gemeinsam. Jeder ist dafür verantwortlich und kann was tun: freundlich und hilfsbereit sein, mit offenen Augen durchs Leben gehen; dort helfen, wo ich gebraucht werde.

In einer seiner letzten Botschaften hat Baden Powell gesagt: „Das eigentliche Glück findet ihr darin, dass ihr andere glücklich macht. Versucht, die Welt ein bisschen besser zurückzulassen, als ihr sie vorgefunden habt.“

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„Hallo Benjamin, es ist Zeit für deine Übung.“

So meldet sich mein Handy dreimal am Tag bei mir – morgens, mittags und abends. Es ist kein Fitness-Programm, das mich zum Sport ruft, sondern eine App der evangelischen Kirche. Ich soll ein paar Minuten still werden, zur Ruhe kommen und beten. Dabei erscheinen Fragen auf dem Display wie „Wonach sehnst du dich gerade?“ oder „Wo nimmst du Gottes Gegenwart wahr?“

Ich genieße diese Unterbrechungen. Denn sie helfen mir dabei, mir Zeit zu nehmen, die sonst schnell mit Arbeit und Trubel gefüllt wäre. Zeit für Gott, Zeit für mich und meine Seele.

Mit der App überlege ich morgens, was den Tag über auf mich zukommt und wo Gott mir da begegnet: Beim Familienfrühstück? In der Schule? Am Schreibtisch? In der Sitzung mit dem Pfarrgemeinderat?

Mittags und abends schaue ich auf den Tag: Wem bin ich begegnet? Was habe ich erlebt? Was kam anders als ich das morgens gedacht habe? Und wieder die Frage: Wo habe ich Gott gespürt?

Am Anfang ist es mir schwer gefallen, auf diese Frage zu antworten. Ich glaube zwar, dass Gott immer bei mir ist, aber das mache ich mir normalerweise nur selten klar. Seit ich jeden Tag darüber nachdenke, rückt es mehr in mein Bewusstsein. Zum Beispiel wenn ich ein schwieriges Gespräch mit einer Schülerin habe oder wenn ich gerade im Stau stehe und zu spät zu meinem nächsten Termin komme. „Gott ist jetzt bei mir.“ Der Gedanke ploppt wie eine Sprechblase plötzlich in meinem Alltag auf. Das stärkt mich und nimmt den Druck aus manchen Situationen, weil es mir neue Perspektiven aufzeigt: Ich glaube, dass ich nicht allein bin. Dass es mehr gibt als den Termin oder das Problem, an dem ich gerade dran bin.

Ich hab das richtig üben müssen, bis ich das bemerkt habe. Aber durch diese Übung und dadurch, dass ich meinen Tag regelmäßig unterbreche, habe ich das Gefühl, dass Gott in meinem Leben präsenter geworden ist. Die Kirche nennt solche Übungen Exerzitien. Man macht sie, um Gott intensiver zu begegnen. Und weil Menschen ganz unterschiedlich sind und viele Wege zu Gott führen, gibt es Exerzitien in ganz verschiedenen Formen: Schweigeexerzitien im Kloster, Wanderexerzitien in einer Gruppe, Exerzitien, bei denen die Bibel im Vordergrund steht oder bei denen Bilder gemalt werden. Oder eben die Form, die ich gerade für mich entdeckt habe: Exerzitien mit dem Smartphone.

Durch einen einfachen Satz: „Hallo Benjamin. Es ist Zeit für deine Übung.“

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Abends schaue ich mit meinen beiden Töchtern das Sandmännchen. Doch bevor es losgeht, wird zuerst das Kinderzimmer aufgeräumt. Eigentlich würde das nur ein paar Minuten dauern, aber meistens diskutieren die beiden dann ausgiebig, wer welches Puzzle rausgeholt, wer auf welchem Kissen gesessen und wer mit welchem Kuscheltier gespielt hat. Denn etwas aufräumen zu müssen, mit dem sie nicht selbst gespielt haben, das fänden sie total ungerecht.

Bei solchen Gelegenheiten merke ich, dass Kinder ein unglaublich feines Gespür dafür haben, ob es irgendwo gerecht oder ungerecht zugeht. Und wenn sie etwas ungerecht finden, wird nicht lange überlegt, sondern sie haben kein Problem damit, das laut und deutlich zu sagen. Es soll überall gerecht zugehen – zu Hause, in der Schule und auf dem Spielplatz.

Weil es überall gerecht zugehen soll, haben die Vereinten Nationen 2009 den Welttag der sozialen Gerechtigkeit ins Leben gerufen. Heute ist dieser Gedenktag zum zehnten Mal. Er erinnert daran, dass Menschen nur dann friedlich zusammenleben können, wenn alle fair behandelt werden. Jeder sollte selbstbestimmt und würdevoll leben können. Doch oft geht man mit Menschen ungerecht um, weil sie wenig Geld haben, weil sie woanders herkommen, einer anderen Religion angehören oder eine Behinderung haben. Mit dem Gedenktag machen die Vereinten Nationen auf diese Menschen aufmerksam und geben ihnen eine Stimme. Gleichzeitig soll dieser Tag uns alle ermahnen, was dafür zu tun, dass es gerechter wird.

Um soziale Gerechtigkeit, um die Chance auf ein würdevolles und gutes Leben ist auch zu biblischen Zeiten gerungen worden. Dort sind es Prophetinnen und Propheten, die gegen Unrecht und Unterdrückung aufstehen und laut werden. Sie fühlen sich von Gott berufen, dort was zu sagen, wo andere ausgebeutet und schlecht behandelt werden. Mit ihrer Botschaft machen sie sich Feinde und werden manchmal selbst verfolgt. Doch sie sind davon überzeugt, dass die Menschen ihr Verhalten ändern können und so ein friedliches und gerechtes Zusammenleben möglich ist.

Ich finde, es lohnt sich, für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. In den großen politischen Zusammenhängen weltweit und in unserem Land genauso wie im Kleinen, in meinem beruflichen und privaten Umfeld. Es soll überall gerecht zugehen. Und deshalb halte ich die Diskussionen abends beim Aufräumen aus und höre mir an, was meine Töchter sagen. Zusammen suchen wir nach einer Lösung, die beide als gerecht empfinden. Und ich versuche echt, mir ein Beispiel an meinen Töchtern zu nehmen. So wie sie will ich mich lauter und deutlicher zu Wort melden, wenn ich irgendwas als ungerecht empfinde. Manchmal sind eben die Kleinsten auch große Prophetinnen.

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Ich bin tief im Innern eines Berges. Über mir sind 400 Meter Gestein und ein großer künstlicher See. Um mich herum dröhnen Maschinen. Dennoch höre ich dem Mitarbeiter gebannt zu. Er erklärt, wie das Pumpspeicherkraftwerk Säckingen funktioniert, in dem ich gerade stehe. Die Technik dahinter finde ich genial:

Diese Kraftwerke sind nämlich sehr flexibel. Man kann sich das so vorstellen: Braucht man Energie, zieht man oben den Stöpsel aus dem Stausee und das Wasser schießt durch ein Rohr den Berg hinunter ins Kraftwerk. Dort treibt es eine Turbine an und erzeugt so Strom. Danach fließt das Wasser weiter in einen Fluss. Wird kein Strom mehr gebraucht, kommt der Stöpsel wieder rein. Und wenn gerade anderswo zu viel Energie produziert wird, pumpt man das Wasser bergauf zurück in den See. Dann ist es wieder da, wenn es gebraucht wird.

Ich muss lächeln und stelle mir vor: Wie genial wäre es, wenn das bei mir so funktionieren würde: Wenn sich die Unterlagen auf meinem Schreibtisch türmen, eine Mail nach der anderen ankommt und die To-Do-Liste immer länger wird. Einfach Energie anfordern und die Arbeit in einem Rutsch erledigen. Und wenn ich mal keine Termine habe – die Reserven wieder auffüllen.

Doch so einfach ist das leider nicht: Ich bekomme keinen Energieschub auf Bestellung und nur weil mal weniger los ist, wird mein innerer Akku nicht wieder voll.

Und doch ist für mich am Vergleich mit dem Pumpspeicherkraftwerk was dran. Es funktioniert zwar bei mir nicht auf Knopfdruck, aber wenn ich immer nur schaffe, laufe ich irgendwann innerlich leer und habe keine Kraft mehr. Meine Reserven sind begrenzt. Ich muss darauf achten, sie immer wieder aufzufüllen.

Beim Auffüllen helfen mir ganz verschiedene Dinge: Mal ein neues Rezept ausprobieren und so richtig aufwendig kochen, mir Zeit nehmen, um ruhig zu werden und zu beten oder ein gutes Buch in der heißen Badewanne lesen.

Ich kann nicht immer nur was leisten, sondern brauche regelmäßig Zeit zum Erholen.

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Auf dem Weg zur Arbeit von Freiburg nach Reute komme ich an sieben Wegkreuzen vorbei. Und das auf einer Strecke von gerade mal acht Kilometern. Lange bin ich einfach dran vorbei gefahren und habe nicht weiter auf sie geachtet. Irgendwann sind sie mir doch aufgefallen und dann habe ich sie mir genauer angeschaut.

Ich finde interessant, warum diese Kreuze aufgestellt wurden. Meistens sind es Dank- oder Schutzkreuze. Sie wurden errichtet, um Gott zum Beispiel dafür zu danken, dass Ehemänner und Söhne wieder aus dem Krieg nach Hause gekommen sind. Oder die Leute haben Gott damit gebeten, ihre Häuser und Felder vor Unwettern zu schützen.

Mir persönlich fällt es schwer zu glauben, dass man Gott dadurch beeinflussen kann, dass man solche Kreuze aufstellt. Also dass es irgendwo seltener stürmt oder hagelt, deswegen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass jemand sehr tiefen Dank empfindet oder sich sehr stark nach Schutz sehnt. Und dass diese Gefühle so intensiv und ausgeprägt sind, dass man sie in Stein meißeln und für alle sichtbar aufstellen will. Dass sie ein dauerhaftes Zeichen sein sollen, das auch Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte später diesen Dank oder diese Sehnsucht nach Schutz ausdrückt.

Diese Vorstellung beeindruckt mich. Und ich finde das Kreuz dafür ein sehr passendes Zeichen. Es besteht ja aus zwei Balken, die man in einer bestimmten Weise deuten kann: Der Längsbalken steht dafür, dass Himmel und Erde miteinander verbunden sind. Er drückt aus, dass Gott an unserem Leben Anteil nimmt. Dass er bei uns ist und hört, worum wir bitten und danken. Der Querbalken steht für die Verbindung zwischen uns Menschen. Niemand ist ganz für sich allein, sondern wir sind verbunden mit den Menschen um uns herum.

Auf dem Weg zur Arbeit tut es mir gut, diese Wegkreuze anzuschauen. Sie fordern mich auf, selbst darüber nachzudenken, für wen oder was ich um Schutz bitten möchte. Oder dass ich mir bewusst werde, wofür ich in meinem Leben so dankbar bin, dass ich diesen Dank konkret ausdrücken will.

Um Schutz bitte ich Gott für einige meiner Schülerinnen und Schüler, bei denen es zu Hause gerade ziemlich schwierig ist. Dankbar bin ich für meine Familie und dafür, dass ich mich an meiner neuen Arbeitsstelle wohlfühle.

Wer weiß, vielleicht stelle ich auf meinem Weg einmal ein achtes Kreuz dazu.

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