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SWR4 Abendgedanken

Würden Sie dieses Produkt einer Freundin empfehlen? fragt die Werbung. Was mir guttut, das gebe ich meiner Freundin weiter. Und umgekehrt: Wenn meine Freundin etwas entdeckt, was sie begeistert, erfahre ich sofort davon.
„Das Buch musst du unbedingt lesen.“ hat sie neulich wieder gesagt und hat mir ihre neuste Lieblingslektüre in die Hand gedrückt. Auf ihr Urteil kann ich mich verlassen. Neugierig fange ich an zu lesen. Aber die ersten Seiten sind gar nicht nach meinem Geschmack. Nur weil ich dem Urteil meiner Freundin vertraue, lese ich weiter. Und tatsächlich, irgendwann beginne ich zu verstehen, was sie an dem Buch so begeistert. Und dann geht es mir plötzlich auch so. Ich mag es bald gar nicht mehr aus der Hand legen und lese es fasziniert bis zum Ende.
Eine Freundin kann mich mitnehmen auf ein Leseabenteuer. Mich einladen und mir eine Tür öffnen, um etwas Neues zu entdecken. Von selbst wäre ich vermutlich nicht drauf gekommen.
Mir fällt Lukas ein, der zwei Bücher in der Bibel für einen Freund geschrieben hat. Genau genommen hat er sie zusammengeschrieben. Geschichten, die man sich über Jesus und die Jünger erzählt hat, hat er gesammelt und in ein Buch zusammengefasst. Für seinen Freund Theophil. So entstehen das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte als Teile der Bibel. Zusammengestellt von Lukas für seinen Freund. Als Lebenshilfe. Weil Lukas von den Geschichten über Jesus selbst so begeistert war, dass er gar nicht anders konnte als seinem Freund davon zu erzählen.
Der Freundschaft von Lukas und Theophil verdanken wir, dass einige der schönsten Bibelgeschichten aufgeschrieben und bewahrt wurden. Die Weihnachtsgeschichte zum Beispiel oder die Geschichten vom verlorenen Sohn, vom verlorenen Schaf oder vom verlorenen Groschen.
Wie gut, wenn man Freunde oder Freundinnen hat, die einem empfehlen, was sie wichtig finden. Ich denke an meine Freundin und stelle mir vor, dass Theophil froh war, von seinem Freund eine solche Lektüre in die Hand gedrückt zu bekommen. Und dass er dieses Buch begeistert bis zum Ende gelesen hat. Weil ein Freund ihm gesagt hat: Das Buch musst du unbedingt lesen!

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Ein himmlischer Duft verbreitet sich rund ums Gemeindehaus: Jugendliche helfen beim Gemeindefest der Kirchengemeinde. Ich stelle mich voller Vorfreude in die Reihe der Wartenden vor dem Waffelverkaufstisch, wo es so lecker duftet.
Andere Jugendliche bieten Mixgetränke an oder tragen Geschirr zum Spülen vom Hof ins Gemeindehaus. Obwohl es ganz schön anstrengend sein kann, haben sie viel Spaß dabei. Genau wie die anderen ehrenamtlichen Helfer, die am Buchbasar bedienen oder am Grill stehen.
Viele Menschen sind den ganzen Tag über im Einsatz. Sie sind gut gelaunt. Sie treffen sich, erzählen zusammen, fassen gemeinsam an, wenn Bänke zu schleppen sind. Mich begeistert, wie Alte und Junge ein großes, fröhliches Miteinander bilden.
Ob die Eltern der Jugendlichen auch so denken, dass ihre Kinder am Wochenende so eingespannt sind?
Ich spreche einen Vater darauf an:
„Ihre Tochter ist ja ganz fleißig im Einsatz“, sage ich und kriege als Antwort ein zustimmendes und nachdenkliches: „Der Weg ist das Ziel. Hier lernen sie, dass sie gebraucht werden und dazugehören“.
Der Weg ist das Ziel. Bei einem Gemeindefest stimmt das bestimmt. Da zählt nicht als erstes, was am Abend der Kuchenverkauf für einen Erlös erwirtschaftet hat. Das Wichtigste ist das Miteinander. Jeder bringt sich nach Kräften ein und erlebt, dass er dazugehört und gebraucht wird.
Jesus hat oft Geschichten von Festen erzählt, von Hochzeitsfeiern oder großen Festtagsessen. Mit solchen Geschichten wollte er zeigen, wie es im Himmelreich zugeht. Und nicht erst dort.
Das, was ich am Ende erwarte, das, was ich erhoffe und erreichen will, das kann und soll auch unterwegs schon zu spüren sein.  Zum Beispiel: Duftende Waffeln backen als Teil des Gemeindefestes.
Jesus hätte das vielleicht einen großartigen Vorgeschmack auf das Himmelreich gefunden. Und ich wünsche mir, dass die jugendlichen Bäcker und die Helferinnen und Helfer buchstäblich auf den Geschmack kommen.

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„Ich habe kein Netz“. Heutzutage bedeutet das meistens, dass man nicht mit dem Handy telefonieren kann, weil man irgendwo ist, wo keine ausreichende Funkverbindung besteht.
„Ich habe kein Netz.“ Manche Menschen sind so sehr auf ihr Handy angewiesen, dass dieser Satz für sie eine Katastrophe bedeutet.
Für Frau Neu bedeutet dieser Satz etwas anderes. Und sie würde es vermutlich auch nicht so formulieren. Frau Neu ist fast 90 und nicht mehr sehr rüstig. Sie hat allein in ihrer Wohnung gelebt und es ist ihr immer schwerer gefallen, zurecht zu kommen. Manchmal ist ihre Cousine zu Besuch gekommen. Aber die ist auch schon hochbetagt. Besuchemachen fällt ihr schwer.
„Ich habe kein Netz,“ hätte Frau Neu sagen können. Und dann hätte sie nicht von ihrem Handy geredet sondern davon, dass sie nicht mehr unter die Leute gekommen ist und wenig Kontakte hatte.
Wiederstrebend hat sie sich deshalb von der Hausärztin dazu überreden lassen, ins Altersheim umzuziehen.
Die ersten Tage traute sie sich nicht aus dem neuen Zimmer hinaus.
Ein bisschen scheu war sie ihr Leben lang. Und sie kannte ja hier niemanden.
Die Pflegerin hat sie überredet, wenigstens zum Essen in den großen Saal zu kommen. Sie begleitete Frau Neu und fand einen Platz für sie an einem Tisch mit anderen Damen, die ungefähr genauso alt sind wie Frau Neu. „Ich bin hier die Älteste auf dem Stockwerk,“ hat die Dame neben ihr am Tisch ihr erklärt. „Ich kenne hier jeden. Mich können Sie fragen, wenn Sie was nicht wissen.“ „Na, mal sehen,“ dachte sich Frau Neu.
Zu ihrem Geburtstag hat es ein kleines Fest gegeben. Man hat ihren Platz am Esstisch mit Blumen geschmückt und eine Kerze angezündet. Die Pflegerinnen und die Mitbewohner haben ein Ständchen gebracht. Frau Neu ist gut gelaunt, als ich sie besuche, um zu gratulieren. Sie erzählt mir, wen sie alles in den letzten Wochen kennengelernt hat. Mit den Frauen an ihrem Tisch spielt sie regelmäßig Karten. Und heute Nachmittag geht sie zur Singstunde im Haus. „Wissen Sie,“ verrät sie mir, „ich habe ja Jahrzehntelang nicht gesungen. Aber es geht immer noch ganz gut. Gelernt ist gelernt!“
Frau Neu hat kein Handy; aber sie hat jetzt ein Netz. Und das tut ihr richtig gut.

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Petra ist 65 Jahre alt und geht jetzt in Rente. Und weil sie eigentlich lieber weiterarbeiten würde, fällt ihr der Abschied schwer. „Wie wird der letzte Arbeitstag sein?“ frage ich sie. „Ach, am liebsten hätte ich, dass keiner mitkriegt, dass es mein letzter Tag in der Firma ist“. Sie stellt sich vor, dass sie am Abend ihres letzten Arbeitstags in der Firma nach Hause geht wie immer und dass den Kollegen erst am nächsten Tag klar wird: Für Petra war gestern der letzte Arbeitstag!
Abschied nehmen - das ist oft mit Wehmut verbunden, mit Trauer. Fühlt sich ein wenig an wie Sterben. Gerade deshalb wäre ein Ritual hier vermutlich besonders hilfreich. Rituale helfen nicht nur beim Anfangen, Rituale helfen auch beim Aufhören.
Noah, zum Beispiel, von dem die Bibel erzählt, hat sich so ein Ritual fürs Aufhören geschaffen.
Noah und seine Familie und die Tiere, die er in der Arche, seinem großen Schiff geborgen hat – sie alle haben unter Gottes Führung eine unvorstellbare Katastrophe überlebt. Und jetzt:
„Es ist geschafft!“ Noah verlässt die Arche, und eine intensive Zeit liegt hinter ihm. Gott hatte ihm einen Auftrag gegeben. Er hat viel geleistet. Die Menschen und Tiere, die mit ihm ganz wörtlich „im selben Boot“ saßen, haben ihn gebraucht. Sein Geschick, seine Kraft. Auch sein Vertrauen, dass alles gut ausgeht. Jetzt ist seine Aufgabe erledigt. Eine wichtige Zeit in seinem Leben ist zu Ende. Ich stelle mir vor, dass Noah noch ganz weiche Knie hat, als er die Arche verlässt und nun wieder festen Boden betritt.
Und das erste was er jetzt tut: Er feiert einen Gottesdienst.
Das ist mehr als nur ein Impuls der Höflichkeit gegenüber Gott. Noah ist dankbar und erleichtert -- und auch stolz auf das, was er geleistet hat. Er freut sich, dass seine Familie gerettet ist. Hinter ihm liegen gewiss auch Zeiten, in denen er befürchtet hat, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Und dann die Entdeckung, dass er’s geschafft hat; dass er’s gepackt hat.
So viele Gefühle und Gedanken. Da hilft ein Ritual, das alles zum Ausdruck zu bringen. Ein Dankgottesdienst zum Abschluss.
In diesen Gottesdienst kann Noah alles legen, was ihn bewegt. Und sich Kraft holen für das Neue, das jetzt beginnt.
Eine Sache zu einem guten Abschluss bringen. Ich denke, wir sollten solche Abschlussgottesdienste feiern.
Ich werde Petra dazu einladen, nicht sang- und klanglos zu gehen und werde mit ihr einen Abschlussgottesdienst gestalten!

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Wie eine Krone sieht sie aus, hat auch etwas von einem Helm: Die Haube über dem Taufstein in unserer Oppenheimer Katharinenkirche. Wenn nicht gerade Taufgottesdienst gefeiert wird, bedeckt sie den Taufstein. Sie ist aus Kupfer, mit geschmiedeten Verzierungen. Und so groß, dass ich sie mit ausgebreiteten Armen nicht umfassen kann.
Sie ist so auffällig, dass man schon von weitem erkennt: Diese Haube hat eine Geschichte. „Schaut her, ich habe euch was zu erzählen!“ könnte sie sagen. Und wenn man ihre Geschichte erfährt, weiß man, dass sie auch einlädt darüber nachzudenken: „Wofür bist du froh in deinem Leben?“
Die Kirchenführer erzählen diese Geschichte gerne. Es ist eine Geschichte von Dankbarkeit und Heimatverbundenheit. Sie handelt von Paul Wallot. Der ist 1841 in unserer Stadt geboren worden; und er wurde ein Architekt.
Als man im Jahr 1882 einen Auftragswettbewerb ausgeschrieben hat, in Berlin das Reichstagsgebäude zu bauen, hat er sich beworben. Gleichzeitig haben sich 190 andere Architekten ebenfalls beworben. Wie glücklich muss Wallot gewesen sein und wie stolz, als er den Wettbewerb gewonnen hat und tatsächlich das Reichstagsgebäude bauen durfte! Zehn Jahre haben die Bauarbeiten gedauert. Und vor allem die 75 Meter hohe Kuppel hat dabei einige Probleme gemacht.  Gerade sie war es, die das Gebäude aber krönte. Der Plenarsaal war genau darunter, und er bekam durch diese Kuppel viel natürliches Licht.
Paul Wallot ist auf seinen Auftrag nicht nur stolz gewesen. Er war Gott dankbar. Für seine Begabung, sein Glück im Wettbewerb, die Gelegenheit, sein Können zeigen zu dürfen, berufliche Sicherheit zu erleben. Und deshalb hat er seiner Heimatkirche, in der er selbst ja auch getauft worden war, einen Taufstein gestiftet.
Die Haube über dem Taufstein hat nun die Form der Reichstagskuppel von 1894. Für mich ist sie ein Symbol für die Dankbarkeit, mit der ein Mensch sein Leben betrachtet. Die Krone über dem Taufstein ist eine Einladung zum Nachdenken darüber, wofür ich dankbar bin.

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