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SWR4 Abendgedanken

Wer tritt schon gern an als David gegen Goliath?
Goliath, der sprich wörtlich gewordene Riese aus der biblischen Geschichte. Schwer bewaffnet, einschüchternd. Er grinst aus gefühlten 5, 14 Metern auf einen herunter.
Ich glaube, Goliath ist sprichwörtlich geworden, weil er vielen aus dem eigenen Leben irgendwie bekannt vorkommt. Vielleicht ist Goliath der Arbeitsberg, vor dem ich die Waffen strecke. Oder einfach der Alltag, der mir zu schaffen macht.
In der biblischen Geschichte stehen dem Goliath und seinem Heer die Soldaten Israels gegenüber. Sie haben längst aufgegeben. Dann kommt der Hirtenjunge David dazu. Ein schmächtiges Bürschchen. Schafe hüten, sie verteidigen gegen wilde Tiere: das hat er gelernt. Gegen Goliath kämpfen: das hat er nicht gelernt. Die Waffen der Großen sind ihm viel zu schwer. Es ist völlig aussichtslos, dass er damit gegen irgendwen antritt.
Ausgerecht er aber traut sich, gegen Goliath anzutreten.
Ich habe neulich eine starke Begründung dafür gehört. Die Soldaten hätten den riesigen Goliath gesehen und gesagt: „Der ist so groß - den können wir gar nicht besiegen!“ David hingegen habe den Goliath gesehen und gesagt: „Der ist so groß, den kann ich gar nicht verfehlen!“
Ist das nun jugendlicher Leichtsinn oder eine Frage des Blickwinkels?
David hatte gelernt, wie es ist, allein draußen bei der Herde zu sein und gegen wilde Tiere anzutreten. Sich im Alltag durchzukämpfen, Schritt für Schritt. Er hatte manche Schramme davongetragen. Und doch hatte er Tag für Tag durchgehalten und dazugelernt. „Gott hat mir geholfen“, hat David gesagt. „Er wird mir auch gegen Goliath helfen“.
Das Ende ist bekannt: David ist mit seiner Hirtenschleuder gegen den Riesen angetreten – und hat gewonnen.
Ich vermute, gegen die Goliaths in meinem Leben wird es nicht ohne Schrammen abgehen. Aber von David lerne ich. Er hat klar eingeschätzt, was er bewältigen kann und was er besser bleiben lassen sollte. Und er war sich nicht zu groß und nicht zu klein, Gott um Hilfe zu bitten. Ich glaube: Das hat ihm geholfen.

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„Arbeit ist das halbe Leben!“
Dieses Sprichwort hat recht, finde ich.
Und es sagt eine Menge über die Lust und über die Last der Arbeit aus .
Arbeit ist ein wichtiger, guter Bestandteil unseres Lebens. Ob sie bezahlt ist oder nicht. Ich möchte etwas zu tun haben. Ich möchte eine Aufgabe haben, mich sinnvoll beschäftigen. Und ich möchte sehen, dass die Mühe sich lohnt und etwas dabei herauskommt. Dann bin ich sehr dankbar, weil ich das nicht für selbstverständlich halte. Und natürlich freue ich mich, wenn andere meine Arbeit anerkennen und das schätzen, was ich tu.
Arbeitslose Menschen erzählen manchmal, wie übel es für sie ist, nicht arbeiten zu können oder von der eigenen Arbeit nicht leben zu können.
So gesehen können wir Arbeit wohl zum täglichen Brot dazuzählen, um das wir im Vaterunser bitten.
Von der Last der Arbeit höre ich auch. Manche versinken in der Arbeit, werden krank von dem, was sie tun.
„Arbeit ist das halbe Leben.“ Das verstehe ich darum auch so, dass Arbeit eben nur das halbe Leben ist. Nicht das Ganze. Alles hat seine Zeit: arbeiten und ausruhen, sich engagieren und feiern, sich voll reinhängen und die Seele baumeln lassen, etwas in die Hand nehmen und etwas aus der Hand geben.
Alles hat seine Zeit. Alles braucht seine Zeit.
Wenn ich in der Bibel lese, wie Jesus gelebt hat, merke ich: Arbeit war für ihn nicht alles. Sie war nicht sein ganzes Leben. Er hat sich beim Arbeiten stören lassen von Eltern, die ihre kleinen Kinder zu ihm gebracht haben, um sie segnen zu lassen. Er hat vergnügt eine Hochzeit mitgefeiert. Er ist zum Gottesdienst gegangen. Er hat sich manchmal mitten aus dem Trubel heraus zurückgezogen. Wollte einfach mal allein sein und hat in Ruhe gebetet. „Auftanken“ würde man das heute wohl nennen. Den Kopf wieder frei kriegen und die Seele auch.
Alles hat seine Zeit.
Darum war ich heute mal wieder wandern…

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Wird irgendwann alles wieder gut?
Eine Kollegin hat mir erzählt, wie ihre kleine Tochter sie aufgehalten hat, als sie schnell aus dem Haus wollte. „Wo gehst du hin?“, wollte die Kleine wissen. „Ich gehe zu einer Beerdigung“, hat Mama geantwortet. Die Kleine hat nachgefragt „Ist jemand gestorben?“ „Ja“, hat die Mama gesagt, „es ist jemand gestorben.“ Und das Kind hat hoffnungsvoll gefragt: „Machst du ihn wieder heil?“ „Nein“, hat die Pfarrerin geantwortet und hat ihre Tochter in den Arm genommen, „das kann ich nicht. Aber ich glaube, Gott macht ihn irgendwann heil.“
Die Frage der kleinen Tochter beschäftigt mich. Und sie berührt mich. „Machst Du ihn wieder heil?“ So etwas würde ich gerne tun– und weiß: das geht nicht. Keine Chance. Bei einem Toten hört unsre Macht auf.
„Aber ich glaube, Gott macht ihn irgendwann heil“. So hat die Mutter geantwortet. Ich teile ihre Hoffnung. Ich weiß, dass damit fürs erste nicht wieder gut wird.. Nicht für die Angehörigen, nicht für die Freunde. Sie müssen sich jetzt auf den schweren Weg machen, sich ohne diesen Menschen zurechtzufinden. Dieser Weg ist und bleibt schwer.
Und doch hoffe ich, dass dieses „Aber ich glaube“ den trauernden Menschen irgendwann Kraft geben kann. So, dass sie einen Fuß vor den anderen setzen können.
„Gott macht ihn irgendwann heil.“ Die junge Mutter hat ihre Antwort in der Bibel gefunden. Dort beschreibt Johannes, der damals eine Gemeinde geleitet hat, eine Vision: am Ende der Zeit wohnt Gott bei den Menschen. Er ist ganz nah bei ihnen . Und – was für ein berührendes Bild: er wischt jedem Menschen sachte die Tränen aus dem Gesicht. Jedem Menschen, jede einzelne Träne. Jede Träne wird nochmals von Gott wahrgenommen. Dann, erst dann wird es keinen Tod mehr geben, keinen Klageschrei und keinen Schmerz. Nie mehr.
Manchen Menschen sagen: „Ach, da wirst du doch nur vertröstet auf die Ewigkeit.“ Mir geht es mit diesen Worten anders. Für mich sind diese Worte aus der Bibel ein starkes Hoffnungsbild. Sie erreichen mein Herz. Sie helfen mir, getrost meinen Weg zu gehen. Darum will ich hier helfen, heil zu machen, was in meiner Macht steht. Damit andere diesen Trost vielleicht auch spüren können. Bis dann Gott jede Träne abwischt.

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Du musst was besonderes sein. Herausragend. So behaupten es zumindest die Casting-Shows, die im Fernsehen laufen. Du musst besonders toll singen, besser aussehen als die anderen, besonders viele Menschen dazu bringen, für dich anzurufen. Also: sei besser als die anderen!
In der Bibel lese ich etwas ganz anderes. Nicht: du musst etwas Besonderes sein! Sondern: Du bist etwas Besonderes.
Auch wenn du einfach durchschnittlich bist, nicht erfolgreicher als der Kollege und deine Kinder nicht als kleine Genies auf die Welt gekommen sind. Du bist etwas Besonderes. Ein genialer Gedanke von Gott. Wie jeder andere Mensch auch.
Der Apostel Paulus hat mal mit einer christlichen Gemeinde diskutiert, in der einige Leute der Meinung waren: Ich bin hier aber wichtiger als andere…
Lasst es, schreibt Paulus an diese Gemeinde, das passt nicht zu eurem Glauben. Jeder Mensch ist wichtig. Jeder Mensch ist etwas Besonderes. Auf seine ureigenste Weise.
In seinem Brief vergleicht Paulus die Menschen mit verschiedenen Körperteilen: sie sind unterschiedlich, ergänzen einander und so können dann alle zusammen gut leben.
Das finde ich ein starkes Bild! Da fallen mir ein paar Körperteile ein – und die dazu passenden Menschen um mich herum auch…
Der eine ist eindeutig ein Ohr. Der kann so gut zuhören und bekommt auch Zwischentöne mit. Jemand anderes ist ein Lachfältchen: er kann andere mit seiner Freude richtig anstecken. Der kräftige Oberarm macht nicht lang Sprüche, sondern packt zu, wo er gebraucht wird. Das Sprunggelenk sorgt für Schwung und Dynamik. Die Sorgenfalte ist sorgfältig: deswegen sieht sie Schwierigkeiten schneller als andere und überlegt genau, was sie tut.
Dann wäre da noch der kleine Zeh. Der kommt sich manchmal ziemlich winzig und unbedeutend vor. Aber andere können erzählen, welche Spuren er in ihrem Leben hinterlässt - auch wenn ihm das selbst gar nicht bewusst ist.
Der kleine Zeh, das Lachfältchen, der kräftige Oberarm, die Sorgenfalte: die taugen nicht unbedingt zum Superstar. Müssen sie auch nicht. Etwas besonders sind sie längst. Und zusammen sind sie unschlagbar…

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„Der hat angefangen!“ So hat es ein kleines Kerlchen empört gesagt, als ich zwei Streithähne auf dem Schulhof voneinander getrennt habe. Am liebsten hätte er gleich weitergeprügelt.
„Der hat angefangen!“ Wir Erwachsenen würden es vermutlich anders ausdrücken, aber an sich kommt mir das schon bekannt vor. Ich ertappe mich selbst dabei.
„Soll der sich erstmal entschuldigen…“ „Bevor die sich nicht anders aufführt…“ Solange rühre ich mich nicht vom Fleck. Der hat ja angefangen. Nicht ich.
Dann sitze ich schmollend in der Ecke und warte, dass sich um mich herum etwas ändert. Bis es so weit ist, tu ich erstmal gar nichts.
Ich glaube, genau das ist der Haken, wenn man nur darauf schaut, wer angefangen hat. Dann kann eigentlich auch nur derjenige etwas an der Situation ändern. Und allen anderen tun nichts. Sie warten ja, bis der sich rührt, der angefangen hat.
Viel spannender finde ich deshalb die Frage: wer hört auf?
Wer findet sich nicht damit ab, dass es jetzt so ist, wie es ist, bloß weil jemand damit angefangen hat? Wer nimmt selbst das Heft in die Hand und traut sich, etwas anders zu machen?
Die Bibel ermutigt dazu und mutet es uns zu. Da heißt es: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem… Überwinde das Böse mit Gutem.“
Wenn ich das höre, denke ich schon: „Na, komme ich dann nicht zu kurz?“ Andererseits finde ich diesen Gedanken stark, dass mir gesagt wird: „Mach was! Mach was Neues!“
Jesus hat das vorgelebt. Er macht mir Mut, anders zu leben. Eben nicht im alten Trott zu versumpfen. Er macht mir Mut, den ersten Schritt zu wagen, die Hand zur Versöhnung zu reichen, nicht zurückzugiften.
Und ich merke: wenn ich so im Streit einen Schritt zur Seite gehe, dann ist wieder Raum da. Raum, in dem mehrere Leute atmen und leben können.
Leicht klingt das nicht. Wirklich nicht. Aber es klingt nach einem Weg, der Türen weit aufmacht. Türen, durch die Menschen durchgehen können. Ich auch.

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