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SWR4 Abendgedanken

„Na, hat es dir im Kloster gefallen? Bist du schon zum Mönch geworden?"
Mein Bekannter, der mich so ansprach, hatte mitbekommen, dass ich - freiwillig! - eine ganze Woche im Kloster war. Aber so richtig, mit vier Gottesdiensten am Tag, den Tagzeitgebeten und viel Zeit zur Stille. Manchmal habe ich dabei die Augen geschlossen und ich habe mich gefragt, ob ich auch Mönch sein könnte?
Nein, eher nicht. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder - all das möchte ich nicht missen in meinem Leben. Aber so ein paar Tage raus aus all dem Trubel und der Geschäftigkeit, das hat schon was.
Irgendwie kostet es doch viel Kraft, wenn man immer geben muss, immer funktioniert und für alle da sein muss. Geht das überhaupt? Kann man immer nur geben und geben?
Ich habe in diesen Tagen einen Text von Bernhard von Clairvaux gelesen, einem ganz besonderen Mönch. Er schreibt in einem Brief an einen guten Freund: „Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der gleichzeitig empfängt und weitergibt. Eine Schale gibt, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger als Gott zu sein."
Das Bild hat mir sehr geholfen. Ich kann nur von dem weitergeben, von dem ich genug habe. Meine Schale muss voll sein, nur dann kann ich ohne Schaden weitergeben, was ich habe. Wenn ich meinen Kindern mit Liebe begegnen will, dann muss auch ich Liebe erfahren. Wenn ich ein offenes Ohr für andere haben soll, wenn ich anderen helfen will, dann geht das nur, wenn ich immer wieder auch einmal freie Zeit für mich habe und jemand, der auch mir einmal zuhört.
Mir haben diese paar Tage im Kloster richtig gut getan. Ich habe Spaziergänge gemacht bei denen ich viel nachdenken konnte. Und ich habe mit anderen gesprochen und festgestellt, wie gut mir das tut.
„Sei eine Schale und nicht ein Kanal, durch den alles nur hindurchfließt." Dieses Bild bleibt mir und zeigt mir, dass ich Zeit brauche für mich, um meine Reserven wieder aufzufüllen und das ist gut so, dass darf so sein.

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Letzte Woche habe ich einen ganzen Tag lang den Mund gehalten. Das ist gar nicht so leicht! Einen ganzen Tag lang nichts reden! Nicht etwa irgendwo alleine im Wald, sondern mitten unter vielen Menschen.
Ich war zu einer Fortbildung im Kloster Kirchberg und wir wurden eingeladen, einen Tag lang einmal das Schweigen auszuprobieren. Beim Essen oder in den Gängen des Klosters: Immer wenn andere „Guten Tag" oder was anderes sagten, habe ich nichts gesagt.
Aber das Beste habe ich am Nachmittag erlebt. Um einen Kaffee zu trinken, ging ich in die Klosterschänke, ein kleines Kaffee auf dem Gelände. Es war nicht schwer einen Kaffee zu bestellen und einen Kuchen auszusuchen, man kann ja auch mit Händen und Füßen reden.
Dann habe ich mich an einen Tisch mit zwei anderen Teilnehmerinnen unseres Kurses gesetzt und wir alle drei haben geschwiegen. Am Nachbartisch saß ein Ehepaar und beobachtete uns die ganze Zeit, sie wurden einfach nicht schlau aus uns. Auf einmal hörte ich den Mann ganz leise sagen: „Du, ich glaub' die dürfen gar nichts miteinander schwätzen".
Ich habe mich fast weggeschmissen vor Lachen und hätte dem Mann am liebsten geantwortet: „Wir dürften schon, aber wir brauchen heute nicht zu Schwätzen".
Als ich später die Klosterschänke verließ, musste ich immer wieder darüber nachdenken. Wenn ich es recht überlege, redet man ja wirklich viel dummes Zeug den ganzen Tag. Wenn man sich zum Beispiel das Maul über andere zerreißt. Wenn man Gerüchte weiterträgt, oder wenn man allzu schnell mit seinem Urteil über andere ist."
Wie wäre es, wenn ich mir dann sagen würde: „Heute brauche ich nicht zu schwätzen". Nicht weil es mir jemand verboten hat. Nein. Weil ich mich so entschieden habe. Ich möchte ja auch nicht, dass die anderen über mich so schwätzen. Darum halte ich jetzt den Mund.
Ob mir das gelingt? Man kann ja nicht verhindern, dass über andere geschwätzt wird. Aber ich will versuchen, nicht mitzumachen und werden will mir dann sagen: „Heute brauche ich nicht zu schwätzen".

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Ich war eine ganze Woche im Kloster. Ich muss gestehen, ich war noch nie im Kloster, also ich meine, länger als zu einer Besichtigung. Aber mein Arbeitgeber hatte zur Fortbildung eingeladen und die fand im Kloster Kirchberg am Neckar statt.
„Wenn schon, denn schon", habe ich mir gesagt und alle Angebote ausprobiert, die uns dort gemacht wurden. So habe ich auch einmal einen ganzen Tag geschwiegen und gar nichts geredet. Klingt nicht so besonders? Ist es aber!
OK, ich höre jetzt so manche Frau sagen, dass ihr Mann viel zu wenig redet. Aber das stimmt ja gar nicht. Wir Männer reden viel, aber meist über andere Sachen als Frauen, über handfeste Dinge, mit denen man etwas machen kann und nicht so viel über unsere Gefühle.
Aber es ist noch etwas ganz anderes, wenn man gar nichts redet. „Ohne Worte? Das kann doch nicht so schwer sein", habe ich mir gedacht. Das kenne ich vom Urlaub wenn ich beim Einkaufen mit den Fingern zeige, wie viele Brötchen ich will.
Als wir dann im Speiseraum des Klosters saßen, hatte ich auf einmal ein Problem: was soll man machen, wenn der Kaffee am Ende des Tisches steht und man nicht dran kommt? „Gib mir mal den Kaffee rüber", geht nicht.
Den anderen in meiner Gruppe ging's genauso, sie schwiegen ja auch. Ich habe dann gemerkt, wie wichtig es auf einmal wird, auf den anderen zu achten. Was könnte er brauchen? Was fehlt ihr vielleicht gerade?
Interessanterweise hat das an unserem Schweigetag immer besser geklappt. Ich habe auf die Leute neben mir geachtet und sie haben auch mich geachtet. Und man staunt, wie viel der andere sagt, ohne das er den Mund aufmacht. Wenn man aufeinander achtet, dann geht vieles auch ohne Worte.
An diesem einen Tag habe ich begriffen, wie wenig ich auf die Menschen um mich herum achte. Das meiste was wir sagen, kommt gar nicht mit Worten aus unserem Mund. Dem anderen zuhören geschieht nicht nur mit meinen Ohren, sondern wenn ich ihn ansehe und auf ihn achte. Und dabei stelle ich immer wieder einmal fest: Der Andere ist ja gar nicht so schweigsam, wie ich immer dachte.

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Ich habe einen Arbeitskollegen verloren. Es war ein echt netter Kerl. Nein, er ist nicht gestorben. Er war auch Pastor wie ich und jetzt ist er es nicht mehr.
Es hat damit angefangen, dass er eine neue Pfarrstelle in einer Stadt annahm. Eine große Kirche mit einem großen Wohnhaus dabei. Nach ein paar Wochen habe ich ihn angerufen und gefragt, wie es denn so laufe. „Gut", meinte er. Und dann erzählte er, dass er auch die Hausverwaltung übernehmen musste. 20 Mietparteien mit allem, was so dazu gehört.
Am Ende erzählte er mir, dass er kaum mehr zu Ruhe käme vor lauter Arbeit.
Spätestens da hätten bei mir die Alarmglocken läuten müssen. So etwas kann doch nicht lange gut gehen.
Ist es auch nicht. Nach einem halben Jahr war er krank und nach einem Jahr musste er seinen Beruf aufgeben. Er war einfach ausgebrannt, hatte einen „Burnout" wie man das neudeutsch nennt.
Später hab ich überlegt: Vielleicht hätte ich ihm helfen können. Ich hätte zumindest sagen können: „Lass uns mal einen Kaffee zusammen trinken. Einfach etwas Zeit haben, um miteinander zu reden."
Ich weiß nicht, ob das viel geändert hätte. Aber ich denke mir, was er mir da so nebenbei am Telefon erzählte, war ein Hilferuf. Da hätte ich hellhörig werden und einfach einmal ein Gespräch anbieten können.
So wie bei der Frau im Supermarkt, die mir erzählte, ihrem Mann gehe es nicht gut. Zuerst hatte ich überlegt, „gute Besserung" zu wünschen, aber dann doch nachgefragt, warum. Und dann standen wir lange Zeit zwischen den Regalen und ich erfuhr, dass er seinen Job verloren hatte und wie ihn das fertig macht.
Viel gesagt habe ich nicht, einfach nur zugehört und diese Frau spüren lassen, das ich sie verstehe und ich Ihren versteckten Hilferuf gehört habe. Dazu gehört nicht viel. Etwas Zuhören und Mitfühlen reicht schon. Am Ende unseres Gespräches habe ich ihr angeboten, in den nächsten Tagen für sie zu beten. Sie war dankbar für dieses Gespräch und dass ich in den nächsten Tagen an sie denken wollte. Unsere Last wird einfach leichter, wenn wir sie mit anderen teilen.

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„Echte Männer brauchen keine Gebrauchsanweisung". Riesig groß prangt auf dem Werkzeugkasten eines Freundes dieser Aufkleber.
Ich musste richtig loslachen. Da ist einer selbstbewusst, aber mit Augenzwinkern: „Echte Männer brauchen keine Gebrauchsanweisung". Die wissen auch so, wie es geht. Die können es einfach - oder auch nicht. Aber sie würden nie eine Gebrauchsanweisung in die Hand nehmen. Was nicht ohne geht, das geht gar nicht. Das ist dann eben Mist.
Auch wenn vieles ohne Gebrauchsanweisung geht, alles geht leider nicht so. Erst gestern bin ich an einem neuen Wecker gescheitert. Mit nur zwei Knöpfen soll alles eingestellt werden? Ich habe es nicht hinbekommen. Dann habe ich doch nach der Gebrauchsanweisung gesucht - und sie natürlich nicht gefunden. Das ist gleich doppelter Mist.
Bei dem Wecker war das nicht weiter schlimm, aber was soll man machen, wenn es im Leben nicht mehr rund läuft, wenn der Arbeitsplatz wackelt, oder die Beziehung kriselt?
Gibt es hier hierfür auch eine Gebrauchsanweisung? Mir fällt da meine Bibel ein. Aber, ist die Bibel wirklich so eine einfache Gebrauchsanweisung, die mir ganz schnell zeigt, wo ich welche Knöpfe zu drücken habe, damit mein Leben wieder rund läuft?
Eher nicht. Das Leben ist manchmal sehr kompliziert. Aber meine Bibel gibt mir die Hoffnung dass ich nicht alles alleine schaffen muss, zum Beispiel in Psalm 23: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir."
Für mich bedeutet das: Ich muss gar nicht alles alleine hinbekommen. Wenn ich möchte, wird Gott da sein. Oft tut er das, indem er mir einen ein Menschen schickt, der mir hilft, der mir zeigt, wie es gehen kann, der mir vielleicht auch mal die Augen öffnet.
„Echte Männer brauchen keine Gebrauchsanweisung" - OK, der Spruch gefällt mir, den merke ich mir. Auch David, von dem der Psalm 23 stammt, war so ein echter Mann. Aber er wusste, dass es gut ist, wenn Mann nicht alles alleine schaffen muss. Und er wusste, da ist einer, auf den kann ich mich in meinem Leben verlassen. Das ist noch besser als eine Gebrauchsanweisung.

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