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Die Adventszeit ist eigentlich meine liebste Zeit im Jahr, zumindest in der Kirche. Ich mag dieses Warten und Sehnen, diese vielen Hoffnungsbilder, von denen in den Bibeltexten die Rede ist. Und ich mag die Lieder im Advent. Damit meine ich keine Weihnachtslieder und schon gar nicht die Musik, die ich jeden Tag auf dem Weihnachtsmarkt höre. Die meisten Adventslieder hört und singt man fast nur in der Kirche und auch da nur für drei bis vier Wochen. Selten zu hören und vielleicht deshalb schön, ja, kann sein. Aber auch der Inhalt hat es mir angetan, vor allem der von „Tauet Himmel den Gerechten“.

SWR2/Carus: Aus meines Herzens Grunde, CD1, Take 9, Strophe 1:

Tauet Himmel den Gerechten,
Wolken regnet ihn herab,
rief das Volk in bangen Nächten,
dem Gott die Verheißung gab:

Einst den Mittler selbst zu sehen
und zum Himmel einzugehen,
denn verschlossen war das Tor,
bis der Heiland trat hervor.
Denn verschlossen war das Tor,
bis der Heiland trat hervor.

Das Lied besingt nicht nur eine Hoffnung, es fordert sie ein: Tauet Himmel den Gerechten (...), Wolken regnet ihn herab. Jetzt mach doch endlich und komm schon, heißt das. Da möchte jemand nicht warten, bis sich die Gerechtigkeit von alleine und Schritt für Schritt ausbreitet. Da soll es ein bisschen plötzlich gehen. Mir spricht das aus dem Herzen: Wie schön wäre das, wenn die Ungerechtigkeit auf der Welt weggeschwemmt werden könnte, wenn sich endlich etwas tun würde, damit die Welt gerecht wird.
Der Dichter des Liedes, Michael Denis, hat im 18. Jahrhundert gelebt. Er war Jesuit, Lehrer und dann Professor in Wien. Neben Kirchenliedern hat Denis vor allem Theaterstücke für die Schule geschrieben. Und er hat Gedichte veröffentlicht, allerdings unter einem Künstlernamen: Dazu drehte er seinen Namen um und nannte sich „Sined, der Barde“.)
Das Lied bezieht sich auf einen Satz des Propheten Jesaja. Gott kündigt an, dass er Israel befreien werde. Und dann ruft er: „Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen. Ich, der Herr, will es vollbringen.“(Jes 45,8)
Gott schüttet die Gerechtigkeit wie Regen vom Himmel und schon wird alles gut, so wie im Frühjahr nach lang ersehntem Regen plötzlich alles grün wird.
Unsere Adventslieder gehen allerdings von der lateinischen Übersetzung des ursprünglich hebräischen Textes der Bibel aus. Und die ist zweideutig. Die Lieddichter übersetzen deshalb nicht ‚Gerechtigkeit‘, sondern sie erwarten ‚den Gerechten‘. Was Gott da beim Propheten Jesaja ankündigt, passt in den christlichen Adventsliedern dann gut auf Jesus. Deshalb bleiben diese Lieder nicht bei dem Flehen der ersten Strophe, sie erzählen bald, wie der Engel Gabriel zu Maria kommt und ihr die Geburt Jesu ankündigt. Und sie bekennen: dieser Gerechte, der da erwartet wird, ist Jesus. Er öffnet uns die Türen, die bisher verschlossen waren. In ihm ist der Gerechte schon gekommen, jetzt ist es an uns, seine Gerechtigkeit weiterzuverbreiten.
Mir gefällt, dass es beides gibt: ich kann jammern und ungeduldig fordern: Bitte mach Du. Lass Gerechtigkeit regnen. Aber ohne mich geht es auch nicht: Wenn ich den ersten Tropfen abbekommen habe, dann bin ich dran. Bei mir soll die Gerechtigkeit weitergehen, aufblühen. In der letzten Strophe heißt es: „Lasst uns wie am Tage wandeln, allzeit für den Herrn bereit. Suchet, um gerecht zu handeln, Wahrheit, Fried und Einigkeit: jenem gänzlich nachzuleben, der uns allen Trost gegeben.“

SWR2/Carus: Aus meines Herzens Grunde, Instrumental, CD1, Take 9, M0317680 – Christine Busch, Kay Johannsen

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Ich denke heute an diesem 9. November an die Zeit vor 75 Jahren, die Zeit der Judenverfolgung in Deutschland. Und ich denke an einen Mann namens Josef Weiß. Er war Jude und kommt aus Flamersheim, einem kleinen Dorf im Rheinland, da wo meine Eltern heute leben. Natürlich nennt ihn dort niemand Josef. Das ist einfach der Jupp. Jupp Weiß hat in Köln in einem Kaufhaus gearbeitet und Karriere als Personalchef gemacht. 1933 entschied er sich, mit seiner Familie in die Niederlande auszuwandern. Auch dort war er zunächst recht erfolgreich, er gründete eine Lederwarenfabrik. Nach dem 9. November 1938 fing er an, zunächst Familienmitglieder, später auch andere Juden aus Deutschland herauszuschleusen.
Als die Niederlande von den Deutschen besetzt wurden, wurde er inhaftiert und kam mit seiner Familie ins niederländische Zwischenlager Westerbork. Dort hat er in verantwortlicher Position als Bindeglied zwischen Insassen und Lagerleitung versucht, möglichst viele Menschen auf Auswanderungslisten zu setzen. Und er organisierte Hilfe und Unterricht für die elternlosen Kinder im Lager. Dann wird Jupp Weiß in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Auch hier übernimmt er Verantwortung. Er soll Totenlisten schreiben, gibt die aber nicht gleich weiter, damit die Essensrationen nicht sofort gekürzt werden. Als die Front immer näher rückt, werden Jupp Weiß und seine Frau in einen Viehwagen gepfercht, um nach Theresienstadt deportiert zu werden. Doch der Zug macht eine Irrfahrt durch Deutschland, viele Menschen erkranken unterwegs und sterben. Als die Rote Armee den Zug schließlich findet, kann Jupp Weiß gerettet werden, seine Frau stirbt einen Tag später. Die Überlebenden des Zuges kommen zu Jupp Weiß und bitten ihn, er soll doch die Liste weiterführen und die Toten weiterhin schriftlich festhalten.
Genau Buch führen über so etwas Schreckliches? Auch wenn das auf den ersten Blick sehr bürokratisch wirkt, dieses Aufschreiben war wichtig. Weil Jupp Weiß das getan hat, wissen heute viele Menschen, wo ihre Angehörigen geblieben sind, z. B. auch der Vater von Anne Frank.
Mich berührt das: das Aufschreiben der Namen war so wichtig! Dann muss es auch heute wichtig sein, die Namen nicht zu vergessen, sie vielleicht laut zu lesen, wenn ich an einem der Stolpersteine vorbeikomme, diese Steine, die auf unseren Gehwegen an ermordete Juden erinnern.
Namen wie: Charlotte Bloch, Sophie Weil, Salli und Alfred Heimann, Rosa und Elias Schnurmann, Emma Cohn, Jakob Adler.
Namen von Menschen, die bis heute nicht vergessen sind.

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Eine Situation aus der Bibel: Gott ärgert sich über sein Volk. Die Leute tun nicht, was sie sollen und sie beten Götzen an. Da lässt Gott seinen Propheten Ezechiel zum Volk sprechen: “Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen. Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt. Dann werdet ihr in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gab. Ihr werdet mein Volk sein und ich werde euer Gott sein“, so der Prophet Ezechiel (Ez 36, 25-28).
Ich habe keine Götzen, zumindest keine Götterbilder, die ich anbete. Damit kann ich nicht so viel anfangen. Aber das Bild mit dem Herz aus Stein sagt mir etwas. Wenn ich das Gefühl habe, gerade bleibt wieder alles an mir hängen, oder wenn ich denke, ich müsste jetzt alles allein machen, dann bin ich innerlich wie versteinert.
Aber müsste ich bei diesem Herz aus Stein nicht zuerst an hartherzige Menschen denken, die anderen nichts gönnen, die hart urteilen und Hilfsbedürftigen nicht helfen? Bedeutet dann das „Herz aus Fleisch“ nicht, dass sich diese Menschen schneller erweichen lassen, dass sie barmherzig mit anderen umgehen?
Ich glaube, das ist gar nicht so weit auseinander. Wer alles selber machen will – wie ich so oft –, für alles die Verantwortung übernimmt, der geht hartherzig mit sich selbst um. Wer meint, dass er alles regeln kann, der mutet sich viel zu viel zu, der nimmt nicht mehr ernst, dass er keine Maschine, sondern ein Mensch ist. Im biblischen Sprachgebrauch könnte man vielleicht sagen, der macht sich selbst zum Götzen.
Dabei reicht es ja eigentlich, Mensch zu sein und sich innerhalb der eigenen Möglichkeiten einzusetzen. Oft macht erst das den Weg frei dafür, dass sich auch andere mit ihren Möglichkeiten einbringen.
Das Herz aus Fleisch, das steht für mich für Menschlichkeit und Leben: ich selber bekomme mehr Lebensqualität, wenn ich meine Grenzen achte, aber auch zwischen den Menschen passiert lebendiger Austausch.
Oft kann ich auch das nicht allein bewirken. Da hilft es mir, dass ich mich an Gott wenden darf, dass ich meine Sorgen bei ihm abladen darf.  Was Gott durch den Propheten Ezechiel sagt, ist für mich dann ein Versprechen: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch…“

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Die Kreuzkirche in der Offenburger Innenstadt feiert heute ihr Namensfest. Das trägt den seltsamen Namen „Kreuz Erhöhung". Kreuze sind Symbole des christlichen Glaubens, sie stehen aber auch für Leid und Tod. Vielen Menschen sind sie ein Zeichen für Gottes Nähe.
Spätestens seit dem 4. Jahrhundert wird das Kreuz verehrt. Der Legende nach hat Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin, in Jerusalem das Kreuz gefunden, an dem Jesus gestorben ist. Die Reliquie wurde dort in der Grabeskirche aufbewahrt.
Im 7. Jahrhundert - so eine weitere Legende - haben Perser diese Reliquie geraubt. Der oströmische Kaiser Heraklios hat das Kreuz zurückerobert und wieder nach Jerusalem gebracht. Ursprünglich wurden diese beiden Ereignisse an zwei verschiedenen Festen im Jahr gefeiert. Heute ist davon nur der 14. September übrig geblieben.
Ich habe so meine Schwierigkeiten mit diesen Legenden und auch mit der Reliquienverehrung, aber die Legende mit Kaiser Heraklios hat es mir doch angetan. Auf dem Altar der Kreuzkirche in Offenburg ist sie dargestellt: Kaiser Heraklios hat die Reliquie erobert und will sie zurück nach Jerusalem bringen. Doch er wird wie von unsichtbarer Hand daran gehindert. Erst als er Krone, Purpurmantel und Schmuck abgelegt hat, kann er barfuss die Stadt betreten. In Offenburg ist der Kaiser deshalb nur im Untergewand abgebildet.
Diese Legende erzählt mir etwas anderes, als das, was in der Geschichte so häufig passiert ist: Das Kreuz ist kein Machtsymbol. Es ist auch kein magischer Gegenstand, mit dem ich Unheil abwenden kann. Das Kreuz ist ein Zeichen für Jesus, dafür, dass Gott uns Menschen nahe sein will und uns als Menschen liebt, so wie wir sind. Der Kaiser in der Unterwäsche, das ist für mich ein schönes Bild für einen Menschen, der sich nicht in einer Rolle präsentieren kann.
Vor Gott, vor dem Kreuz bin ich nicht wichtig, weil ich eine besondere Funktion oder ein Amt habe. Auch nicht, weil ich große Leistungen vollbringe. Jesus war für die Menschen da, ohne dass sie dafür in Vorleistung gehen mussten. Und er hat seine Augen nicht vor dem Leiden der Menschen verschlossen.
Nicht nur vor Gott bin ich vor allem als Mensch gefragt. Ähnlich ist es, wenn Menschen in meiner Nähe Leid erfahren, von schweren Krankheiten betroffen sind, um einen anderen Menschen trauern, von Ängsten und Sorgen geplagt werden. Ich bin nicht so sehr in einer Rolle, einer Funktion gefragt, auch wenn ich mich gerne hinter einer professionellen Fassade verstecken würde. Ganz oft bin ich einfach als der Mensch gefragt, der ich bin, ganz ohne besondere Fähigkeiten, ganz ohne Zauberkräfte.
Vielleicht habe ich dabei ein Kreuz in meiner Jackentasche, an dem ich mich festhalte. Das wirkt keine Wunder. Aber es kann mich daran erinnern: Egal, wie hilflos ich mich in dieser Situation gerade fühle, allein bin ich nicht.

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Im Lukasevangelium sagt Jesus an einer Stelle: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?"
Und weiter sagt er: „Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ‚Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!' , während du den Balken in deinem eigenen Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen."
Einerseits fühle ich mich da immer ein wenig ertappt, weil ich andere ganz gern auf ihre Fehler hinweise. Und wenn ich sie nicht darauf hinweise, dann nutze ich die Fehler der anderen immerhin, um meinen Ärger zu pflegen.
Andererseits finde ich es auch ganz natürlich, wenn ich den Splitter im Auge der Anderen leichter sehe. Ich kann ja nicht in mein eigenes Auge gucken. Auch die Psychologie kennt das Phänomen: Wir stören uns bei anderen an Dingen, die für uns selber ein Thema sind. Ich ärgere mich darüber, dass die anderen das Geschirr in der Küche stehen lassen, anstatt es in die Spülmaschine zu räumen. Ich lasse aber selber oft etwas stehen. Ich ärgere mich, wenn mein Gegenüber nicht klar sagt, was er oder sie will. Aber ich entscheide auch nicht gern, was ich jetzt gerade will.
Wir wissen nicht, in welchem Ton Jesus die Worte vom Splitter und vom Balken sagt. Vielleicht mahnend und ärgerlich? Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass Jesus das liebevoll sagt. Und ein wenig Humor ist bei diesem etwas schrägen Bild sicher auch dabei. Wenn ich einen Balken im Auge hätte, dürfte ich ja eigentlich gar nichts mehr sehen. Dazu passt auch die Frage, die Jesus kurz vorher stellt: „Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen?" Er macht sich ein bisschen lustig über uns Menschen; wir wissen immer, was für andere gut ist. Dabei hätten wir mit uns selbst genug zu tun.
Jesus geht es nicht darum, dass wir selbst perfekt werden und dann anderen helfen. Es ist gar nicht möglich, alle meine Balken aus dem Auge zu ziehen. Er fordert uns auf: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden."
Ein Bekannter hat mir sein Rezept dazu verraten: „Wenn Du Dich ärgerst und auf andere schimpfen möchtest, denk dir doch noch einen Satz dazu. „Ach ja, das passiert mir auch!" So lautet der Satz für mich und dieser kleine Satz entspannt tatsächlich die ein oder andere Situation. Leichter kann ich mir mein eigenes Verhalten noch mit einem „manchmal"  eingestehen. Aber ich vermute mal, Jesus hat nichts dagegen, wenn ich seine Aufforderung  auch auf mich selbst anwende: „Sei barmherzig, wie es auch dein Vater ist!"

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16024

Fest soll mein Taufbund immer stehn,
ich will die Kirche hören.
Sie soll mich allzeit gläubig sehen
und folgsam ihren Lehren.                                                                                     

„Fest soll mein Taufbund immer stehen" - Wenn katholische Christen sich im Gottesdienst an ihre Taufe erinnern wollen, dann wird in der Regel dieses Lied gesungen. Ist die Gemeinde groß genug, dann wird es sogar geschmettert. Dazu lädt es ein, weil die Melodie allen bekannt ist. Aber auch der Text fordert diese laute Zustimmung. Er will die Gläubigen auf die Kirche „einschwören".
Ich vermute, den meisten Sängern geht es wie mir: die Kirche hören und ihren Lehren folgen? Nein, nicht einfach so, unbesehen. In manchen Dingen bin ich anderer Meinung als mein Bischof, vieles kann ich nicht unkritisch übernehmen. Mit manchen offiziellen Verlautbarungen bin ich nicht glücklich. Überhaupt: meinen Glauben habe ich nicht, damit die Kirche ihn sieht.
Christoph Bernhard Verspoell, ein Priester in Münster hat diesen Text zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschrieben. Seitdem ist einiges anders geworden, bei den Menschen wie auch in der Kirche. Dabei musste schon Verspoell mit einer veränderten Situation zurechtkommen. Die Kirche hatte durch Napoleon und seine Reformen ihre frühere Macht eingebüßt und musste zu einer neuen Rolle finden. Vielleicht war es in dieser Situation wichtig, dass die Gläubigen sich mit dem Lied klar machten: Wir gehören noch dazu. Wir sind eine Verpflichtung eingegangen mit unserer Taufe.
Natürlich werde auch ich durch die Taufe ein Mitglied meiner Kirche, aber ich möchte diese Mitgliedschaft nicht so demonstrativ verkünden. Viel wichtiger ist mir, dass ich durch die Taufe zu Jesus gehöre, zu seiner Jüngerschaft. Deshalb liegt mir der neuere Text, wie ich ihn zu meiner Erstkommunion im Bistum Osnabrück gesungen habe, auch näher:
Fest soll mein Taufbund immer stehn,
zum Herrn will ich gehören
Er ruft mich seinen Weg zu gehen,
und will sein Wort mich lehren.[i]
Den Text hat ein Pfarrer aus Köln nach dem zweiten Vatikanischen Konzil umgedichtet.  Nachdem die Kirche sich für die neue Zeit und auch für den Dialog mit der Gesellschaft und zu anderen Kirchen und Religionen geöffnet hat, war es wichtiger, sich nach der Taufe als Christ zu zeigen. Doch schon vorher, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat der Berliner Theologe Johannes Pinsk die Perspektive etwas geändert. Er war aktiv in der so genannten ‚Liturgischen Bewegung'. Sie hat sich dafür eingesetzt, dass alle Gläubigen den Gottesdienst verstehen und bewusst feiern können. In seinen zusätzlichen Strophen  heißt es zum Beispiel: „Am Leben der Dreieinigkeit ward Anteil mir geschenket. Ich bin nun Kirche". Genau, ich bin auch Kirche. Es gibt nicht die Kirche, auf die ich hören muss, die nur aus Obrigkeit besteht. Aber auch nicht die Kirche, die alles nur falsch macht, über die ich mich nur ärgern kann. Ich bin ein Teil dieser Kirche, die aus vielen Menschen besteht, die mit mir Wege gehen. Manchmal ist es gut, wenn mir jemand sagt, dass ich auf mich achtgeben muss. Oft regen mich andere Menschen in der Kirche an, über etwas nachzudenken, oder etwas zu tun. Und natürlich gehört es auch dazu, dass ich mal unbequemes gesagt bekomme. Wenn ich auf diese Weise auf die Kirche höre - auch auf Menschen aus anderen Kirchen -, auf Seelsorgerinnen, Prediger und Bischöfe, denen es darum geht, mich auf guten Wegen des Glaubens zu begleiten, dann bin ich einverstanden. Bei aller Kritik: ohne meine Kirche, ohne andere Christen, die sich in ihren Kirchen engagieren, könnte ich gar nicht Christ sein. Deshalb bin ich dankbar, dass ich dazugehören darf, dass ich andere an meiner Seite weiß.

Fest soll mein Taufbund immer stehn,
ich will die Kirche hören.
Ich will den Weg des Glaubens gehen,
und folgen Gottes Lehren.
Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad
in seine Kirch berufen hat.
Ihm will ich allzeit leben.
 

GL 060 "Fest soll mein Taufbund immer steh'n" 1981600 213 


[i] Karl Günther Peusquens

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15710

Ich kann ganz schön viel Zeit damit zubringen, über mich selbst nachzudenken. Es geht darum, wie ich mich bei einem kommenden Gespräch am Besten verhalte, oder was alles schief gehen kann. Vor allem denke ich aber immer wieder darüber nach, was ich nicht gut gemacht habe, wo ich mich irgendwie unpassend  benommen habe. Ich beschäftige mich viel mit Dingen, die in der Vergangenheit liegen oder in der Zukunft noch geschehen werden.
Roger Schutz, der Gründer der Brüdergemeinschaft von Taizé, fordert mich auf, „im gegenwärtigen Augenblick zu leben". Er sagt, es nütze nichts, wenn ich mir Sorgen mache. Und er fragt: „Warum solltest du dich mit dem aufhalten, was dir weh tut - bei dir selbst und bei den anderen?"
Ja, warum eigentlich? Warum mache ich das so oft? Warum beschäftigen mich die Dinge noch so lange? Ich kann nachträglich nichts mehr ändern. Und die Zukunft kann ich auch nicht steuern.
Roger Schutz spricht in diesem Zusammenhang von der „schlichten Umkehr des Herzens". Um das zu erklären zitiert er einen Vers aus der Bibel. Dort heißt es im ersten Johannesbrief: „Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz."
Wenn ich das richtig verstehe, besteht die „Umkehr des Herzens" darin, mich für das Vergangene nicht selbst zu verurteilen, sondern auf Gott zu schauen. Nicht ich allein muss für mich sorgen. Ich kann mich Gott anvertrauen, ihm meine Fehler überlassen. Das hört sich zwar einfach an. Aber vielleicht ist es so einfach, nur fehlt mir das Vertrauen, dass Gott ohne wenn und aber hilft.
Eines leuchtet mir auf jeden Fall ein: Es ist hilfreich für mich, Probleme und Sorgen oder Fehler, die ich gemacht habe, nicht krampfhaft festzuhalten und bearbeiten zu wollen. Es ist gut, sie loszulassen, sie vielleicht konkret zu benennen und jemand anderem zu erzählen.
Frère Roger sagt: Das entlastet mich. Das macht mich frei, im gegenwärtigen Augenblick zu leben. Da ist schon was dran: ich hänge mit meinen Gedanken viel in der Vergangenheit und träume mir so oft die Zukunft zu recht. Die Gegenwart bewusst zu leben, das geht darin fast unter. Das, worüber ich mich in der Vergangenheit ärgere, das, was mir in der Zukunft Sorgen macht, kann ich gut bei Gott lassen. Roger Schutz meint, sein Verzeihen kann mir Leben ermöglichen. Leben in der Gegenwart.
Johannes Varelmann aus Offenburg von der katholischen Kirche.Johannes Varelmann aus Offenburg von der katholischen Kirche.

 

Samstag, 11. Februar

Gegenwärtig leben

Teaser: Vergangenheit und Zukunft beschäftigen mich sehr, dabei kann ich nur die Gegenwart gestalten.

Ich kann ganz schön viel Zeit damit zubringen, über mich selbst nachzudenken. Es geht darum, wie ich mich bei einem kommenden Gespräch am Besten verhalte, oder was alles schief gehen kann. Vor allem denke ich aber immer wieder darüber nach, was ich nicht gut gemacht habe, wo ich mich irgendwie unpassend  benommen habe. Ich beschäftige mich viel mit Dingen, die in der Vergangenheit liegen oder in der Zukunft noch geschehen werden.
Roger Schutz, der Gründer der Brüdergemeinschaft von Taizé, fordert mich auf, „im gegenwärtigen Augenblick zu leben". Er sagt, es nütze nichts, wenn ich mir Sorgen mache. Und er fragt: „Warum solltest du dich mit dem aufhalten, was dir weh tut - bei dir selbst und bei den anderen?"
Ja, warum eigentlich? Warum mache ich das so oft? Warum beschäftigen mich die Dinge noch so lange? Ich kann nachträglich nichts mehr ändern. Und die Zukunft kann ich auch nicht steuern.
Roger Schutz spricht in diesem Zusammenhang von der „schlichten Umkehr des Herzens". Um das zu erklären zitiert er einen Vers aus der Bibel. Dort heißt es im ersten Johannesbrief: „Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz."
Wenn ich das richtig verstehe, besteht die „Umkehr des Herzens" darin, mich für das Vergangene nicht selbst zu verurteilen, sondern auf Gott zu schauen. Nicht ich allein muss für mich sorgen. Ich kann mich Gott anvertrauen, ihm meine Fehler überlassen. Das hört sich zwar einfach an. Aber vielleicht ist es so einfach, nur fehlt mir das Vertrauen, dass Gott ohne wenn und aber hilft.
Eines leuchtet mir auf jeden Fall ein: Es ist hilfreich für mich, Probleme und Sorgen oder Fehler, die ich gemacht habe, nicht krampfhaft festzuhalten und bearbeiten zu wollen. Es ist gut, sie loszulassen, sie vielleicht konkret zu benennen und jemand anderem zu erzählen.
Frère Roger sagt: Das entlastet mich. Das macht mich frei, im gegenwärtigen Augenblick zu leben. Da ist schon was dran: ich hänge mit meinen Gedanken viel in der Vergangenheit und träume mir so oft die Zukunft zu recht. Die Gegenwart bewusst zu leben, das geht darin fast unter. Das, worüber ich mich in der Vergangenheit ärgere, das, was mir in der Zukunft Sorgen macht, kann ich gut bei Gott lassen. Roger Schutz meint, sein Verzeihen kann mir Leben ermöglichen. Leben in der Gegenwart.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15273

Heute vor 80 Jahren, am 10. Mai 1933 wurden in vielen Städten Deutschlands Bücher verbrannt. Davor lief über einen Monat lang die groß angelegte „Aktion wider den deutschen Ungeist". Zwei nationalsozialistische Studentenbünde bildeten zusammen mit  anderen „Kampfausschüsse". Sie boykottierten Professoren, weil sie Juden waren, weil sie kommunistischen Organisationen angehörten, oder weil sie einfach zu liberal oder pazifistisch redeten.
Dann begannen sie, so genannte „zersetzende Bücher" für die Bücherverbrennung zu sammeln, bei sich selber, bei Angehörigen und Freunden, in öffentlichen Bibliotheken und Buchhandlungen. Am 10. Mai wurden diese Bücher dann in vielen Städten nach dem gleichen vorher genau festgelegten Zeremoniell verbrannt. Dazu gab es Festreden von Professoren, Schriftstellern oder Politikern.
Von Heinrich Heine stammt der Satz: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen."
Dieser Satz hat sich als traurige Realität erwiesen und ist deshalb auf vielen Gedenktafeln zu diesem Anlass zu lesen. Im weiteren Verlauf ist Grausames und Unfassbares geschehen. Die Bücherverbrennung war nur der Anfang. Und obwohl es „nur der Anfang" war, finde ich das schon sehr beklemmend. Mich erschreckt, wie anmaßend und selbstgerecht Leute darüber geurteilt haben, was deutsch ist und damit gut, und was als undeutsch ausgetilgt gehört. Und auch wenn ich nicht weiß, wie ich damals gehandelt hätte, mich erschreckt der Gedanke, dass jemand solchen Unsinn wie die „12 Thesen wider den undeutschen Geist " ernst nehmen konnte, Sätze wie: „Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er."
Und dann bedrückt mich, wie persönlich die Nationalsozialisten geworden sind, wie selbstverständlich sie in Privatbereiche eingedrungen sind. Wenn ich mir vorstelle, dass da jemand aus meinem Bekanntenkreis meinen Bücherschrank durchforstet, mir Bücher wegnimmt, die mir wichtig oder lieb geworden sind! Bücher sind für mich als Leser etwas sehr persönliches. Wie sehr sind sie es dann erst für die Autoren! Und wie sehr wollten die Nazis diese Autoren auch tatsächlich persönlich treffen. Ihre ätzend-theatralischen Aufführungen sollten die Autoren fertig machen.
Doch eigentlich offenbaren die ganzen Nazi-Aktionen nur eines: Angst. Schließlich lassen Bücher die Menschen eigene Wege in die Welt finden. Sie fordern vom Leser, dass er sich Gedanken macht, eine Meinung bildet. Und bei Büchern entscheide ich tatsächlich selbst, wie weit ich noch lesen möchte - und wann ich sie weglege. Sie lassen mir meine Freiheit. Ich hoffe, dass ich dieser Freiheit nie mehr beraubt werde.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15272

Lied im GL Nr. 617 

MIRA 399443 Ich steh vor dir, Schola der Kleinen Kirche Osnabrück, 2009:

Nahe wollt der Herr uns sein,

nicht in Fernen thronen.
Unter Menschen wie ein Mensch
hat er wollen wohnen.
Mitten unter euch steht er,

den ihr nicht kennt.
Überall ist er uns nah,

menschlich uns zugegen.
Unerkannt kommt er zu uns
auf verborgnen Wegen.

„Nahe wollt der Herr uns sein", so beginnt die erste Strophe des Kirchenliedes von Huub Osterhuis, einem holländischen Dichter und Theologen . „Nahe wollt der Herr uns sein",  das ist für mich auch eine Hauptaussage des Evangelisten Markus. Bei ihm geht es darum, dass Gott uns nahe kommt, wenn er in Jesus von Nazareth Mensch wird. Bei Markus wird Jesus gar nicht so göttlich dargestellt. Er ist vor allem Mensch. Zwar heilt er und tut Wunder, hat also eine göttliche Seite. Aber er wird auch als jemand geschildert, der nicht schon von vornherein weiß, was zu tun ist. Bei einer Predigt in einem überfüllten Haus decken Männer das Dach ab, um ihren gelähmten Freund zu Jesus hinunter zu lassen. Jesus ist erst einmal von ihrem Glauben beeindruckt. Erst dann vergibt er dem Gelähmten die Sünden und heilt ihn später auch. In einer fremden Gegend muss eine Frau erst darum kämpfen, dass er reagiert und endlich ihre Tochter heilt. Einen Blinden, der nach ihm ruft, fragt er: Was willst Du? Ganz normale Gesprächssituationen werden da von Jesus berichtet. Und schließlich sein Ende: Im Markusevangelium habe ich nicht den Eindruck, dass Jesus schon weiß, dass alles noch gut ausgehen wird. Er ist auch in Leid und Tod ganz Mensch. Es gibt keinen Ausweg für ihn, er ist ratlos und verloren. Näher konnte Gott uns nicht mehr kommen, noch mehr mitten unter uns kann Gott nicht sein.
Für Huub Osterhuis ist Gott in Jesus, wie er sagt, „unser aller Bruder" geworden. Das hat Folgen für uns: Jesus ist uns Menschen mit gutem Beispiel vorangegangen. Im Lied werden wir in der vierten Strophe aufgefordert: „Tut einander Gutes nur, so wie er geduldig." Da höre ich heraus, dass Jesus uns auch heute nahe ist, wenn wir seinem Beispiel folgen, und dass er uns in den Menschen begegnet, denen wir Gutes tun. Aber - darauf verweist die letzte Strophe noch einmal - wir können seine Nähe nicht erzwingen. Wir dürfen uns darüber freuen, dass Gott unsere Nähe sucht und wir können darum bitten. Wann und wo er uns nahe ist, das bleibt - vorläufig - sein Geheimnis.

MIRA 399443 Ich steh vor dir, Schola der Kleinen Kirche Osnabrück, 2009

Tut einander Gutes nur,
so wie er geduldig;
bleibt um seinetwillen euch
nichts als Liebe schuldig.
Freuet euch, von Sorgen frei;
tragt vor ihn die Bitte,
dass er uns ganz nahe sei,
wohnt in unsrer Mitte.
Mitten unter euch steht er,
den ihr nicht kennt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15129

Die kleine Paula bleibt im Religionsunterricht in der zweiten Klasse an einem Satz in ihrem Buch hängen: „Kann denn eine Mutter ihr Kind vergessen? Selbst wenn sie es vergessen würde: ich vergesse dich nicht." Ganz bewegt gestaltet sie mit diesem Satz eine Karte, sie schreibt und malt ganz eifrig. Paula kommt aus Kolumbien und ist von deutschen Eltern adoptiert worden. Sie hat zwar Fotos von sich als kleinem Kind und auch von ihrer -  wie sie es nennt - „Bauchmama", aber viel mehr  ist nicht mehr da. Und sie fragt sich oft, ob ihre Mama sie vergessen haben könnte.
Der Satz, der Paula so bewegt hat, stammt aus der Bibel. Er gehört in die folgende Geschichte: Das Volk Israel ist aus seinem Land verschleppt worden. Sie befinden sich im Exil und sind frustriert. Durch einen Propheten verspricht Gott ihnen in schönsten Bildern, dass er sich um sein Volk kümmert: Die Heimat wird wieder hergerichtet, das Land ist fruchtbar, das zerstörte Jerusalem prachtvoll wieder aufgebaut. Die Menschen finden überall Nahrung. Hunger und Durst sind kein Thema mehr. Gott führt sie zu sprudelnden Quellen. Er tröstet sie und kümmert sich um die Armen. Doch die Israeliten lassen sich nicht überzeugen, sie können es nicht glauben, weil ihre Situation in der Fremde so aussichtslos erscheint. Sie sagen: „Der Herr hat uns verlassen. Gott hat uns vergessen." . Und fast scheint es so, als sei Gott über die Reaktion der Israeliten enttäuscht. Etwas entrüstet antwortet er mit dem Versprechen, das Paula so berührt hat: „Kann denn eine Mutter ihr Kind verlassen? Und selbst wenn, ich verlasse Euch nicht."
Ich kann gut verstehen, dass es dem Volk Israel schwer fällt, dieser Botschaft zu glauben. Und auch heute gibt es genug Situationen, in denen Menschen nicht glauben können, dass ein Gott für sie da ist: wenn zu der einen schweren Krankheit noch eine weitere dazu kommt; wenn aus der ersehnten Festanstellung schon wieder nichts geworden ist, die Arbeitssuche wieder von vorn beginnt. Menschen haben es schwer, oft werden Pläne über den Haufen geworfen und Hoffnungen zunichte gemacht. Wie soll man da den Verheißungen Gottes glauben, das ist doch viel zu weit weg, utopisch.
Aber vielleicht ist es gut, sich an Paula zu orientieren: Das Versprechen ernst nehmen und fest damit rechnen, dass Gott mich nicht verlässt - auch wenn es manchmal so scheint. Für Paula war dieser Satz aus der Bibel ein Trost, den sie gut annehmen konnte, und so wichtig, dass sie auch noch in der nächsten Stunde an ihrer Karte weiter malen wollte: Gott vergisst mich nicht, er ist wie eine Mutter für mich da, ich bin sein geliebtes Kind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14909