Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Aktuelle Woche   Archiv

Woche vom 27.03.2011 bis 02.04.2011




Bischof Dr. Gebhard Fürst

Von Bischof Dr. Gebhard Fürst, Rottenburg-Stuttgart, Katholische Kirche

Wahrheit

Sonntag, 27. März 2011     [Druckversion]

„Mit Kirchenvätern, lieber Herr Bischof, erreichen Sie heute keinen mehr. Die Leute wollen was aus dem Leben!" So direkt hat mir das dieser Tage jemand nach einem Gottesdienst ins Gesicht gesagt. Als mich abends dieser Satz noch einmal eingeholt hat, kam mir dann aber doch wieder ein Weisheitsspruch eines Kirchenvaters in den Sinn. Er steht in der Sammlung der sogenannten Wüstenväter aus dem 5. Jahrhundert.
Jemand kam zum Abbas Katalagéphilos, heißt es dort, und fragte: „Abbas, wie erkenne ich die Wahrheit?" Der Weise antwortete: „An der Wirkung bei dir und bei anderen. Die Wahrheit ... stärkt das Gute und schafft liebevolle Wirk-lichkeit."
Wahrheit erkennen, Wahrhaftigkeit erleben zu wollen, das scheint mir überhaupt nicht von gestern, sondern ist zentral für unser Leben. Keine Beziehung, keine Zusammenarbeit, kein Umgang von Du zu Du ist möglich ohne Wahrhaftigkeit. Wir wollen als Menschen ernst genommen werden, für wahr genommen werden, um auf andere Menschen zugehen zu können, um uns einzulassen auf andere und ihr Leben. Manchmal taugen die alten Weisheiten der Kirchenväter also wohl doch. Sie sind aus dem Leben für das Leben. Aber ihre Erkenntnisse sind nicht billig zu haben und schon gar nicht einfach zu leben. Das zeigt die Weisheitsgeschichte eines moderneren Autors auch. Antony de Mello erzählt, wie ein Mann durch eine fremde Stadt geht und plötzlich ein Geschäft mit der Aufschrift erblickt: „Wahrheitsladen". Er ist verblüfft: „Dort wird also Wahrheit verkauft?" Von der freundlichen Verkäuferin gefragt, welche Art Wahrheit er denn kaufen wolle, ist ihm klar: „Natürlich die ganze Wahrheit. Nichts da mit Trugbildern, Rechtfertigungen, moralischen Mäntelchen", antwortet der Mann selbstbewusst. Er will seine Wahrheit schlicht und klar und ungeteilt. Die Verkäuferin winkt ihn daraufhin in eine andere Abteilung des Ladens. Dort werde die ganze Wahrheit verkauft. Der Verkäufer dort sieht den Mann mitleidig an und zeigt auf das Preisschild. „Der Preis ist sehr hoch, wissen Sie?", sagt er. „Wie viel?", fragt der Mann, entschlossen, die ganze Wahrheit zu erwerben - egal, was sie koste. „Wenn Sie diese nehmen", sagt der Verkäufer seinerseits bestimmt, „bezahlen Sie mit dem Verlust Ihrer Ruhe und Gelassenheit ... und zwar für den Rest ihres Lebens." 
Die Wahrheit kostet also die Ruhe, sagt diese Geschichte, sie kostet die Sorglosigkeit. Ist das der Preis der Wahrheit? Ein irritierender Gedanke. Es lebt sich scheinbar leichter mit Lügen, mit Flunkereien, mit der kleinen Un-wahrheit in der Familie, der Beziehung, am Arbeitsplatz. Auch ruhiger lebt es sich. Zumindest äußerlich - um der lieben Harmonie willen. Wer die Wahrheit sucht, sucht nicht die Harmonie, nicht die vermeintliche Wärme. Er sucht das Ganze, das Echte, das Grundlegende. Die Wahrheit läßt sich nicht unterdrücken und auch nicht erzwingen. Gott sei Dank! Wie die Liebe ist uns die Wahrheit vorgegeben. Nach christlichem Verständnis ist sie göttlich, Gott selbst: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben", sagt Jesus (Joh 14,6). Und so wird auch verständlich, wenn er sagt, es sei die Wahrheit, die erst frei mache (Joh 8,32). Frei von dem Drang, perfekt sein zu müssen. Frei vom Zwang nach Harmonie. Wer die Wahrheit sucht, der lässt sich ein auf die Reibung der Gegensätzlich-keit, auf die Spannung der Zwischenmenschlichkeit, auf die grundsätzliche Ge-fährdung und Offenheit unseres Lebens. Wer die Wahrheit sucht, der rückt dabei weg von sich selbst. Er sucht nicht mehr nur bei sich selbst. Wer die Wahrheit sucht, kreist nicht mehr um sich selbst. Er sucht ein Gegenüber, ein Du. Die Fastenzeit, in der wir uns gerade befinden, ist eine Möglichkeit der Neu-orientierung und Umkehr. Sie gibt mir die Chance, aus meiner bequem zurecht-gezimmerten Welt aufzubrechen zum Du, zum Gegenüber. Das heißt, dem Risi-ko zu begegnen. Doch es lohnt sich - um der Wahrheit willen, die allein uns frei macht. 

Vorlagen:

Anthony de Mello, Warum der Vogel singt
Peter Schmid, Lehre mich das Leben Jesu