Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Woche vom 17.05.2009 bis 23.05.2009




Dr. Maria Meesters

Von Dr. Maria Meesters, Baden-Baden, Katholische Kirche

Zum Fest Christi Himmelfahrt

Donnerstag, 21. Mai 2009     [Druckversion]

Was hat Christi Himmelfahrt mit dem Grundgesetz der BRD zu tun? Außer der zeitlichen Nähe zum Gedenktag in diesem Jahr? Am 23. Mai 1949, übermorgen vor 60 Jahren, ist das Grundgesetz in Kraft getreten. Ein neuer Anfang. Heute ist Christi Himmelfahrt: der gekreuzigte und auferstandene Jesus verlässt die Erde, lässt seine Jünger zurück und wird in den Himmel aufgenommen. Und als die Jünger unverwandt ihm nachschauen, weisen Engel sie zurecht: Viri Galilaei: Ihr Männer von Galiläa: Was steht ihr da und schaut nach oben? Vorher hatte Jesus ihnen gesagt: Ihr werdet meine Zeugen sein bis an die Grenzen der Erde. Auch hier ein neuer Anfang?
Einer, der sich viel mit solchen Fragen beschäftigt hat, überhaupt mit dem Verhältnis von Glaube und Politik, ist der Freiburger Hans-Otto Mühleisen. Er war bis vor kurzem Professor für Politikwissenschaft in Augsburg und ist außerdem theologischer Ehrendoktor der Universität Luzern.
Und er sieht eine innere Verwandtschaft zwischen dem 23.Mai 1949 und Christi Himmelfahrt.

Ich würde gerne einsteigen mit der Überlegung, dass beide Erfahrungen: des Grundgesetzes, der Beginn der Bundesrepublik und das, was über die Apostel ja in verschiedener Weise überliefert wird, entstanden ist aus einer Krisenerfahrung.
Für die Deutschen war das NS-Regime, der Krieg, die Zeit danach wohl eine der tiefsten Krisen aus den letzten Jahrhunderten. Für die Apostel war die Erfahrung der Krise vor allem darin begründet, dass das, was sie erhofft hatten, auch eine politische Änderung, mit dem Kreuzestod Jesu völlig aus der Welt schien. Sie hatten keine Hoffnung mehr, dass es weitergehen könne.


Das Neue Testament spricht ja an verschiedenen Stellen von der Himmelfahrt Jesu. Immer wird betont: Jesus ist nicht hier auf der Erde geblieben, die Menschen sind auf sich gestellt. Sie müssen die Welt gestalten und dabei weiterführen und einbringen, was Jesus begonnen hat. Ein Auftrag, der eine ziemliche Zumutung enthält.

Wenn wir die Verbindung zwischen den beiden Ereignissen, der Gründung der Bundesrepublik, dem Inkrafttreten des Grundgesetzes und den Berichten über die Himmelfahrt noch einmal in einen Zusammenhang bringen, dann wäre vielleicht der Einstieg die Unsicherheit über das, was danach sein wird.
Man konnte sich wahrscheinlich auch in der Bundesrepublik nach Ende des 2. Weltkrieges und bis in die frühen 50-er Jahre hinein nicht sicher sein, ob das gelingen würde. Und die Unsicherheit darüber, wie es weitergehen würde, ist sicher einer der wichtigsten Anknüpfungspunkte zwischen dem, was wir über Himmelfahrt lesen und dem, was sich damals Ende der 40-er Jahre in der Bundesrepublik ereignet hat.


Musik
Proprium Missae in Ascensione Domini. Choralschola der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, Leitung: Godehard Joppich. Archiv-Produktion Galleria 427 120-2, Introitus 0’20


Christi Himmelfahrt und Erinnerung an 60 Jahre Grundgesetz – mit dem Politologen und theologischen Ehrendoktor Hans-Otto Mühleisen denke ich darüber nach, was die beiden Ereignisse verbindet und was sie unterscheidet. Bei beiden geht es um den Schritt in eine neue Zukunft, der mit Hypotheken belastet ist. An einer Stelle im Markusevangelium sieht Hans-Otto Mühleisen Anregungen, mit diesen Hypotheken kreativ umzugehen.


Im Zusammenhang mit der Himmelfahrt wird eine Beauftragung an die Apostel ausgesprochen, und da heißt es ja sehr schön:
In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben. Sie werden in mehreren Sprachen reden, in neuen Sprachen reden. Wenn Sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden, und die Kranken, denen sie die Hand auflegen, werden gesund werden. Man könnte ohne allzu große Schwierigkeiten diese Begriffe jeweils in ihrer Weise auch politisch deuten, nämlich mit dem, was vorher schädlich war, nun anders umzugehen. Kranke zu heilen, das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Aufgaben gewesen in der Nachkriegszeit. Und es kommt dann ja etwas dazu, was man in den Evangelien im Zusammenhang mit Himmelfahrt liest: Es kam plötzlich eine Freude auf. Das ist ja dann ganz erstaunlich. Aus der Krise heraus, aus der Unsicherheit, auch aus der, so wie es beschrieben wird, Abschiedssituation, entsteht plötzlich eine Freude und eine Aufbruch-Situation, die man in anderer Weise für diese junge Bundesrepublik sicher auch annehmen kann.


Freude ist ein Stichwort, das heute sowohl in der Kirche als auch in der deutschen Gesellschaft nicht so oft zu hören ist. Doch es gehört dazu, wenn wir uns an die Anfänge erinnern. Die Freude dieser Anfänge hat geholfen, die Aufträge des Anfangs umzusetzen in wechselnden Zeiten.


Es war ja genau eine Chance dieses wirklich genial formulierten Grundgesetzes, dass es entwicklungsfähig war. Dass es im Hinblick auf neue Situationen weiter entwickelt, interpretiert werden konnte, und dass es aber bis heute -und da gibt es genügend aktuelle Beispiele- eine Orientierungskraft enthält, die auch unter völlig neuen technischen, naturwissenschaftlichen, ethischen Fragestellungen nichts an ursprünglicher Kraft eingebüßt hat. Und ähnliches würde ich ja auch vom Evangelium annehmen, dass es jeweils wieder neu interpretiert werden muss, um seine Orientierungskraft zu erhalten.

Musik
Proprium Missae in Ascensione Domini. Choralschola der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, Leitung: Godehard Joppich. Archiv-Produktion Galleria 427 120-2, Introitus 0’25

Vermächtnis und Auftrag. Um diese beiden Begriffe kreist mein Gespräch mit Hans-Otto Mühleisen, dem Politologen und theologischen Ehrendoktor, der sich immer wieder über das Verhältnis von Glaube und Politik Gedanken macht.
Am Fest Christi Himmelfahrt erinnern sich Christen daran, dass Jesus den Jüngern das Vermächtnis seines Lebens anvertraut hat. Heute wird dieser Auftrag oft verbunden mit dem Stichwort „christliches Menschenbild“. Ein Stichwort, das Hans-Otto Mühleisen kritisch sieht.

Das ist kein Steinbruch, aus dem man sich jeweils Stücke herausnimmt, um in bestimmten Situationen möglicherweise auch draufhauen zu können, aber es gibt einen breiten Fundus an Orientierungen. Christliches Menschenbild, so wie das gerne politisch in Dienst genommen wird, ist in dieser Form weder vorhanden noch verfügbar, sondern es gibt einige Stellen in den Evangelien, ich denke an die Geschichte vom armen Lazarus, denke an den Herrn des Weinbergs, die eine Orientierung in ganz konkreten politischen und ökonomischen Situationen ermöglichen, ohne dass sich daraus ein geschlossenes christliches Weltbild ergeben würde. Aber es ist eine große Hilfe, um in Situationen, in denen menschliche Würde beeinträchtigt wird, aufmerksam zu werden, sensibel zu werden, kritisch zu werden und auf Veränderung hinzuwirken.

Politisches Handeln geschieht heute in einer religiös pluralen Welt. Damit stellt sich neu und anders die Frage, wie denn der Auftrag des Anfangs umzusetzen ist, wie christlicher Glaube in politische Urteilsbildung eingehen kann.

Wir sind uns heute quer über alle politischen Richtungen und auch über alle religiösen Ausrichtungen einig, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Auf dieser sehr abstrakten Ebene ist das einvernehmlich. Das Interessante ist, dass in der Übersetzung in die konkrete Situation diese Würde des Menschen schon sehr viel diskutiernotwendiger wird. Denken sie etwa an das Thema Gleichheit der Frau, der Unterstützung in Entwicklungsfragen oder auch die Fragen nach Anfang und Ende des Lebens. Das heißt: Die Notwendigkeit bei der Umsetzung genau hinzuschauen, welche Orientierung christliches Wissen bereithält, halte ich für eine wesentliche Aufgabe aber durchaus in sehr aufmerksamer Abwägung mit Inspirationen, die aus anderen Entwicklungen herkommen. Per E-Mail empfehlen


Harry Waßmann

Von Harry Waßmann, Tübingen, Evangelische Kirche

„In der Welt habt ihr Angst...“ (Joh 16,33 b)

Sonntag, 17. Mai 2009     [Druckversion]

Es gibt Trostworte in der Bibel, die sind so groß - dass mich das Gefühl beschleicht: Zu groß für mich, zu groß für meine Erfahrungen und Vorstellungen. So - wenn Jesus z.B. einmal sagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost – ich habe die Welt überwunden.“ Das übersteigt erst einmal meine Vorstellungen. Ein Einzelner, sagt von sich, er habe die Welt – und mit ihr alle Ängste überwunden. Und das aus dem Mund eines knapp dreißigjährigen Wanderpredigers... Die Welt überwinden - „den Kosmos überwinden“, steht da in der Bibel – also die Ordnungen und Mächte, die Angst und Trübsal verbreiten, die besiegen? Das ist allerhand.
„In der Welt habt ihr Angst..“ – ohne Zweifel. Ich denke an die Existenzängste der Kurzarbeiter: Behalte ich meine Arbeitsstelle? Kann ich mich und die, für die ich sorge – durchbringen? Ich denke an die Ängste eines Busfahrers, der mir erzählt hat: Er packt die von seinem Chef erwarteten Arbeitszeiten nicht mehr – 280 Lenkstunden im Monat. Er wacht nachts schweißgebadet auf, aus Angst zu versagen. Ich selber kenne Angst von klein auf. Genüge ich – packe ich es – versage ich? Das Leben in dieser Welt mit seinen Strukturen und Zwängen und Strukturen macht mir immer wieder Angst. Wie da nicht verzagen? Wie da sich aufrichten? Wie da in Ruhe durchatmen? Wie da Trost finden?
„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost – ich habe die Welt überwunden.“ Die Welt, die Angst macht, überwinden – sogar schon überwunden und „besiegt“ haben. Kann das wahr sein? Ein Leben jenseits der Angst? Wie kann Jesu so etwas sagen? Aus welcher Erfahrung spricht er, wenn er sagt: „Ich habe die Welt überwunden.“

Alle Worte Jesu tragen diese Erfahrung in sich: die Auferstehung. Ob es sein Zugehen auf Kranke und Ausgestoßene ist, ob es die wundersame Vermehrung von Brot oder die Verwandlung von Wasser in Wein ist.

Alle Worte, alle Taten Jesus sprechen zu mir von Ostern her – von der Überwindung der Mächte des Todes her. Nur so kann ich auch auf dieses so große Wort hören: Ich habe die Welt überwunden. Wer erfahren hat: Selbst der Tod hat nicht das letzte Wort – selbst diese Ordnung der Welt hat vor Gott keinen Bestand – der kann wohl sagen: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost – ich habe die Welt überwunden.“
Heute - am sechsten Sonntag in der Osterzeit – wird in der Evangelischen Kirche dieses Angstvertreiber-Wort mit Jesu Wort vom Bitten verbunden: „Bittet, so wird euch gegeben.“ (Matth 7,7) Das ist nicht das Wort eines Heilsbringers, der alle Wünsche mal eben schnell erledigt. Auch seine Zusage - „Bittet, so wird euch gegeben.“ (Matth 7,7) spricht aus der Ostererfahrung.
Die Angst in der Welt ist zwar eine Realität. Aber sie wird begrenzt – durch den Trost der Auferstehung. Habt Mut! Lasst euch nicht entmutigen!
Es sind nicht nur die Mächte der Welt da, die drücken.
Die Kraft der Auferstehung ist eine Realität Gottes – die mich richtet auf.
Auch Beten und Bitten und stehen im Licht von Ostern! Ja, Beten selber ist ein Akt der Angst entgegenzutreten. Wer betet – wer mit Gottes Kraft rechnet – der ist den Zwängen der Welt schon ein Stück entkommen. Die Angst ist da – aber sie steht im Licht der Überwindung: Bei mir entsteht beim Beten im Innern eine neue Welt –
zuerst in zaghaften Worten – in eigenen auch. Dann aber - und erst recht - mit der Kraft des Gebetes Jesu:
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe – wie im Himmel, so auch auf Erden.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Per E-Mail empfehlen