Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Aktuelle Woche   Archiv

Woche vom 20.01.2007 bis 26.01.2007




Mechthild Alber

Von Mechthild Alber, Stuttgart, Katholische Kirche

Das Dach abdecken

Freitag, 26. Januar 2007     [Druckversion]

Es gibt im Markusevangelium im Neuen Testament eine Erzählung von fast kurioser Dramatik. Jesus ist in Kafarnaum und die Menschen drängen zu ihm hin, um seine Botschaft zu hören. Im Haus ist längst alles voll, selbst vor der Tür ist kein Platz mehr. Da kommen Leute mit einem Gelähmten, denn es hat sich herumgesprochen, dass dieser Rabbi auch heilen kann. Aber für die vier Männer, die die Bahre des Gelähmten tragen, ist einfach kein Durchkommen. Darum steigen sie kurzerhand aufs Dach, decken es ab und lassen an Seilen die Bahre des Gelähmten direkt vor Jesus herunter. Es braucht also zuweilen ungewöhnliche Wege, um mit Jesus in Kontakt zu kommen. Und es braucht auch den Mut, das einzureißen, was hinderlich im Weg steht.
Der Gelähmte selbst wäre dazu gar nicht mehr in der Lage gewesen. So wie wir manchmal innerlich gelähmt sind und uns nicht mehr rühren können. Weil es zu viele Enttäuschungen in unserem Leben gab. Oder weil wir nicht mehr die Hoffnung haben, dass sich unsere Situation noch zum Guten wenden kann. Aber da gibt es die vier Träger, die den Gelähmten noch nicht aufgegeben haben. Sie stehen für alle die Menschen und Kräfte, die uns in unserem Leben mittragen. Es tut gut, sie bewusst wahrzunehmen. Menschen, die an unserem Leben Anteil nehmen, die ihre Kraft, ihre Hoffnung und ihren Glauben für uns einsetzen. Es sind auch die verborgenen Kräfte unserer Seele, die uns dorthin bringen, wo Heilung möglich ist.
Aber dann – so erzählt es die Geschichte - ist der Zugang versperrt vor lauter Menschen. Was für ein treffendes Bild. Denn die Beziehung zu Jesus wird erst einmal durch andere Menschen vermittelt: durch die Eltern, Lehrer, und Pfarrer. Und die können einem den Zugang zu Jesus auch verhindern, weil sie bildlich gesprochen den Weg nicht frei räumen. Sie vermitteln ihr Bild von ihm, und diese Bilder verinnerlichen wir: etwa einen Jesus, der nur für die 100%-tigen zuständig ist, einen Jesus, der eine ferne geschichtliche Gestalt ist, einen der frommen Formeln und Rituale.
Und doch gibt es auch die andere Erfahrung. Dass es jemand vermag, mich ganz dicht zu Jesus zu führen, so dass ich mich etwa in einer biblischen Geschichte wiederfinden kann und ein Wort Jesu aus der Bibel mich so anspricht, als wäre es zu mir gesprochen. Dass ich gemeint bin, mit meiner ganz konkreten Lebensgeschichte, ist eine Erfahrungen, die so in die Tiefe gehen kann, dass sie die Lähmung überwindet und die Kraft gibt, neu ins Leben zu gehen.
Manchmal muss man dazu ungewöhnliche Wege gehen, wie es diese Geschichte im Markusevangelium zeigt.


Alexander Foitzik

Von Alexander Foitzik, Freiburg/i. Br., Katholische Kirche

Abbé Pierre

Donnerstag, 25. Januar 2007     [Druckversion]

Ein junger französischer Priester wird zu einem selbstmordgefährdeten Mann gerufen. Der erzählt später von dieser Begegnung: „Mir fehlte nicht nur, wovon ich leben konnte, sondern vor allem, wofür ich leben konnte“. Und dieser Abbé hat mir einfach vorgeschlagen: hilf mir, anderen zu helfen: Zusammen können wir ein paar Menschen der Hölle entreißen.
Und diese Hölle war für den Pater sehr konkret: die Weltstadt Paris, in der Menschen erfrieren, weil sie kein Dach überm Kopf haben. Der junge Priester, später weithin bekannt unter dem Namen Abbé Pierre, ist am Montagmorgen in Paris gestorben. Man nennt ihn „Vater der Obdachlosen“ und „Gewissen Frankreichs“. Und jene Begegnung mit dem verzweifelten Mann gilt heute als die Geburtsstunde der sogenannten Emmaus-Gemeinschaft. Der Anfang war 1954 ein Haus für Obdachlose in Paris, heute ist die Emmaus- Gemeinde in fast 50 Ländern verbreitet und zählt mehr als zehntausend Mitglieder, eine Mischung aus Hilfsorganisation, Selbsthilfegruppe und geistlicher Bewegung
Abbé Pierre hat der Gemeinschaft vielsagend den Namen eines kleinen Ortes bei Jerusalem gegeben. Dort ist der auferstandene Christus zweien seiner reichlich demoralisierten Jünger begegnet und hat ihnen das Herz neu entflammt.
„Wenn ich allen, die um mehr Menschlichkeit bemüht sind, eine Gewissheit weitergeben soll, dann ist es die: „Leben heißt, lieben lernen“, schrieb Abbé Pierre in dem Buch „Mein Testament“ und fügte, fast entschuldigend hinzu: er könne wirklich nichts anderes sagen.
Vor wenigen Wochen haben wir in Deutschland über die so genannte „neue Unterschicht“ diskutiert. Dabei fiel ein Licht auch auf Lebenslagen, die für mich als Christ unglaublich herausfordernd sind: Menschen, die die Regie übers eigene Leben verloren haben, die nicht mehr an die Fähigkeit glauben, an ihrem Leben etwas ändern zu können. Menschen, die keine Zukunft mehr sehen Als „Abgehängte“ hat man sie bezeichnet, solche die niemand mehr braucht und die sich selbst abgeschrieben haben.
An diese Lebensschicksale musste ich denken, als ich in den letzten Tagen so viel hörte von Abbé Pierre, der in Frankreich geradezu als Ikone einer besseren Gesellschaft verehrt wird.
Wie unerschütterlich muss sein Glaube an den „Gott des Lebens“ gewesen sein, der Glaube an die Verheißung, dass alle ein Leben in Fülle haben sollen. Dieser Glaube hat ihm, wie er selbst sagt, die „Wut der Liebe“ verliehen, mit der er seinen unermüdlichen Kampf geführt hat. Und dieser Glaube Abbé Pierres war offenbar höchst ansteckend. Auch für Menschen, die sich selbst abgeschrieben, den Blick für die eigene Zukunft verloren haben.


Dr. Dietmar Bader

Von Dr. Dietmar Bader, Freiburg, Katholische Kirche

Mittwoch, 24. Januar 2007     [Druckversion]

‚Jahwe’ ist der am meisten gebrauchte Name für Gott im Alten Testament. Über die Bedeutung, die dieser Name im Leben und Glaubensverständnis des Volkes Israel bis heute hat, ist viel geschrieben und gesagt worden. Auch darüber, wie man diesen Gottesnamen möglichst zutreffend ins Deutsche übersetzen kann. Wer übersetzt, will eine Brücke schlagen von der Welt einer Sprache zur Welt einer anderen Sprache. Übersetzen, das wissen wir, ist immer auch eine Interpretation, es ist mitbestimmt vom Erfahrungshintergrund und von den Interessen dessen, der übersetzt.
Der Theologe Alfons Deissler hat sich besonders um den Gottesnamen Jahwe bemüht. Die Kurzform seiner Übersetzung heißt: ‚Ich bin da’. Deissler schreibt dazu fünf Strophen, damit wir den Namen Jahwe verstehen lernen als Zusage Gottes für jeden Einzelnen und für uns als Gesellschaft. (forum 41, S. 55)

In das Dunkel deiner Vergangenheit
und in das Ungewisse deiner Zukunft,
in den Segen deines Helfens
und in das Elend deiner Ohnmacht
lege ich meine Zusage: Ich bin da.

In das Spiel deiner Gefühle
und in den Ernst deiner Gedanken,
in den Reichtum deines Schweigens
und in die Armut deiner Sprache
lege ich meine Zusage: Ich bin da.

In die Fülle deiner Aufgaben
und in die Leere deiner Geschäftigkeit,
in die Vielfalt deiner Fähigkeiten
und in die Grenzen deiner Begabung
lege ich meine Zusage: Ich bin da.

In das Gelingen deiner Gespräche
und in die Langeweile deines Betens,
in die Freude deines Erfolges
und in den Schmerz deines Versagens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.

In die Enge deines Alltags
Und in die Weite deiner Träume,
in die Schwäche deines Verstandes
und in die Kräfte deines Herzens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.

Dienstag, 23. Januar 2007     [Druckversion]

Dass wir atmen, wird uns meist erst dann bewusst, wenn der Atem stockt, wenn etwas geschieht, das uns den Atem verschlägt: etwas überwältigend Schönes oder unbegreiflich Schlimmes. Ärzte, Therapeuten raten uns, auf den ausgewogenen Rhythmus von Ein- und Ausatmen zu achten.
In seinem Gedicht „Aufhebung“ sagt Erich Fried:

Sein Unglück
ausatmen können,
tief ausatmen,
so dass man wieder
einatmen kann.
....
Das wäre schon
fast wieder
Glück.“


Eine andere wichtige Erfahrung, die viele Menschen machen, ist die, dass uns der Atem geliehen ist. „Das deutsche Wort Atem – so lese ich beim Pfarrer und Theologen Kurt Marti (Gott im Diesseits, Stuttgart 2005, 21f) weist zurück auf das altindische ‚Atman’. Dort ist es die Bezeichnung für das innerste Wesen des menschlichen Selbst, das Anteil hat an der kosmischen Urkraft Brahman. ... Für die Bibel ist es Gott, der den Menschen den Lebensatem einhaucht ( 1. Mose 2,7; Jesaia 42,5). Wenn er diesen den Lebewesen wieder entzieht, ‚so verscheiden sie und werden wieder zu Staub.’ (Psalm 104,29)“
Der Atem ist uns geliehen – so sagen diese Texte - für eine gute Zeit, für die Zeit unseres Lebens. Vom ersten Atemzug bei der Geburt bis zum letzen beim Sterben. Und: auch davon sprechen die biblischen Texte – wir können im Atem ein Bild für unsere Existenz als Geschöpfe sehen: Wir sind Teil und wir nehmen Teil an etwas, das wir selbst nicht hervorgebracht haben, was vor uns war und nach uns sein wird – uns geliehen auf Zeit. Wir geben einmal zurück, was wir empfangen haben. Anfang und Ende unseres Lebens verbinden uns mit Gott. So wie das Leben überhaupt. In Psalm 150 heißt es: „Alles, was atmet, lobe Jahwe (den Herrn)!“ (Ps 150,6)




Montag, 22. Januar 2007     [Druckversion]

Beim Gehen durch einen Wald geschieht es dann und wann: Ich sehe einen gefällten Baumstamm und beginne seine Jahresringe zu zählen. So kann ich sein ungefähres Alter bestimmen. Die Ringe sind unterschiedlich, schmaler oder breiter, gleichmäßig oder ungleichmäßig, entsprechend der Witterung im jeweiligen Jahr. Temperaturen, Regenmenge, Beschaffenheit der Böden spielen eine Rolle. So kann man beim Betrachten der Jahresringe eines Baumes nicht nur die Zahl seiner Lebensjahre ablesen, sondern ein wenig auch erkennen, in welchem Jahr, in welcher Wachstumsphase es ihm besser oder weniger gut erging.
Mir kam das um Neujahr wieder in den Sinn. Die Jahre, die wir zählen, sind ja nicht nur die Jahre der großen Weltgeschichte, die wir in unserem Kulturkreis nach der Zeit vor oder nach Christi Geburt bestimmen, sondern sie sind jeweils auch die Jahre unseres eigenen, individuellen Lebens. Sie sind begrenzt in ihrer Zahl und verschieden in ihrer Qualität. Wir erleben Jahre, in denen wir wachsen, weiterkommen, uns entfalten, aber auch Jahre der Stagnation und der Krisen. Das hängt von vielem ab. Von Faktoren, die nur wenig oder gar nicht in unserer Verfügung stehen, und von anderen, die wir selber mit bestimmen und für die wir auch selbst mit die Verantwortung tragen. Über die Zahl der Jahre, die noch vor uns liegen, können wir keine Voraussagen machen, ebenso wenig über die Art und Weise, in der wir sie erleben werden.
Für das Jahr 2007 gibt es Prognosen z.B. für die wirtschaftliche, soziale, politische Entwicklung. Wir wissen auch jetzt schon von manchen Ereignissen, die in nächster Zeit auf uns zukommen werden, im eigenen Leben und dem unserer Familie. Einiges geschieht ohne unser Zutun, anderes wird auch von uns abhängen. Und: aus Erfahrung wissen wir, es gibt immer auch Überraschungen.
Auch deshalb ist mir beim Blick voraus die Erfahrung der Bibel wichtig. Da haben Menschen besonders in Krisen immer wieder erlebt, dass Gott ihnen seine schützende und heilende Nähe zugesichert hat, wieder und wieder, was auch immer geschah. Auf die Frage, wer er denn sei, gab Gott sich den Menschen durch eben diese Nähe zu erkennen, als „Jahwe“ – und das heißt übersetzt: ‚ich bin bei dir’, ‚ich gehe mit’, ‚du bist nicht allein’.






Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

Klima

Samstag, 20. Januar 2007     [Druckversion]

Ist es der „Klimawandel“ oder sind es nur „Wetterkapriolen?“ Oder „kippt“ gar das Klima“, wie manche Angst machend sagen. „Klimawandel“ „Wetterkapriolen“?
Ich weiß nicht, was richtig ist. Die Nachrichten und Botschaften verwirren mich mehr als dass sie mich orientieren: Bei uns ein Winter, der keiner ist. Nirgendwo Schnee. Frühlingsboten im Januar. Wenn ich aus dem Fenster schaue, dann scheint der Klimawandel da. Aber reicht das, bei mir aus dem Fenster zu schauen, um zu wissen, wohin das Klima der Erde sich entwickelt? Zur gleichen Zeit hat Los Angeles die kältesten Temperaturen seit 30 Jahren und die Hälfte der USA versinken im Schnee. Und in Teilen Asiens ist es auch kalt wie lange nicht.
Unser Klima ist ein System, das die Erde umspannt, sehr komplex, sensibel und langfristig. Ja mehr noch, unser Klima wird von weit her im Kosmos gemacht. Der größte Faktor fürs Klima ist nicht der Mensch. Sondern die Sonne.

Ich glaube, es ist Hochmut zu denken, wir wüssten schon genug, um zu berechnen, wie das Klima in 50 Jahren sein wird.
Ich glaube, wir müssen das Klima erst noch verstehen lernen, und deshalb bescheiden und vorsichtig sein mit unseren Urteilen und Rezepten.
Ich bin darum misstrauisch, einfachen Ursachenerklärungen gegenüber. Das CO2 sei schuld. Und was ist mit den anderen Treibhausgasen? Und ihren Wirkungen. Erst recht bin ich misstrauisch gegenüber schnellen Heilrezepten.
Vor allem aber bin ich misstrauisch gegen Angstmache. Angst hilft nicht dauerhaft, sich anders zu verhalten. Angst lähmt. Wer Angst hat flüchtet, oder steckt den Kopf in den Sand oder reagiert über.
Ich will damit nicht sagen: „alles halb so schlimm.“ Wir können ruhig so weiterleben. --Vielleicht kommt es ja noch dramatischer, als wir denken mögen.
Ich will auch nicht sagen: „Der liebe Gott wird es schon richten.“ Das wäre blasphemisch.
Ich habe aber das Gefühl, wir brauchen in dieser Situation eine Mischung aus Bescheidenheit und Mut und Hoffnung: Bescheidenheit, die akzeptiert, dass wir noch nicht wissen, ob Klimawandel und wie er sich entwickeln wird. Darum ist ganz waches Interesse notwendig, bei Wissenschaftlern, bei Ihnen und mir, dafür was vor sich geht. Wir müssen wissen wollen, was unserem Klima gut tut. Mut brauchen wir: Dass wir tun, was wir können, jetzt, den Ausstoß aller Treibhausgase zu verringern. Und Hoffnung. Hoffnung auf Gottes Hilfe. Sie ist seine Erde.
Dass es noch nicht zu spät ist. Dass man etwas tun kann. Dass es sinnvoll ist, bescheiden und mutig zu handeln.