Manuskripte

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Woche vom 27.09.2009 bis 03.10.2009




Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

zu spät ?

Sonntag, 27. September 2009     [Druckversion]

Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.
Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. .. Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. .. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.
(Johannes 11,1.3.17ff)


Ich mag es nicht, wenn jemand zu spät kommt. Wenn ein Freund mich immer wieder warten lässt. Oder im Großen, wenn Politiker Probleme verspätet angehen. Es kratzt mein Vertrauen an. Dann frage ich mich: Bin ich, sind wir, so wenig wichtig, dass sie uns so warten lassen können? Vor allem in Krisen.
Mit dem Gottvertrauen ist es ähnlich, finde ich.
Das kann auch erschüttert werden, wenn man das Gefühl hat, ich werde hängen gelassen. Martha, eine Frau in der Bibel, hat eine Vertrauenskrise mit Jesus erlebt. In den evangelischen Gottesdiensten geht es heute um sie: Martha und ihre Geschwister sind sehr gute Freunde Jesu. Dann wird ihr Bruder schwer krank. Sie schicken nach Jesus, weil sie ihm zutrauen, dass er helfen kann. Aber er kommt nicht. Lazarus stirbt. Erst als er schon 4 Tage beerdigt ist, kommt Jesus endlich.
Ich könnte verstehen, wenn Jesus und sein Gott für Martha jetzt gestorben wären. Was sind wir Geschwister ihm denn wert, dass er so lange auf sich warten lässt, muss sie sich doch fragen?
Aber Martha zieht sich nicht enttäuscht aus der Beziehung zu Jesus und Gott zurück. Sie geht auf Jesus zu. Sie gibt ihm, der ihr Vertrauen erschüttert hat, eine Chance. Gut, wenn man das kann: Trotz einer Enttäuschung nicht die Beziehung preisgeben. Das Gespräch suchen. Zu Menschen und zu Gott. Martha wirft ihr Vertrauen zu Jesus und Gott nicht weg. Sie stellt ihn. Mir fällt das schwer. Ich gehöre zu denen, die in so einer Situation eher vorwurfsvoll schweigen. Dabei täte es der Beziehung gut, wenn man von seiner Enttäuschung reden könnte. Ich glaube, man braucht Mut dazu. Und wenn es der Mut der Verzweiflung ist. Eine Vertrauenskrise nicht auswachsen zu lassen bis die ganze Beziehung daran verkümmert.
Martha hat von ihrer Enttäuschung geredet und erlebt: Jesus lässt es sich gefallen: Er rechtfertigt sich nicht, weil Rechtfertigungsversuche kaum neues Vertrauen schaffen. Er sagt zu Martha. „Dein Bruder wird auferstehen.“
Ich verstehe das so: Jesus wirbt um neues Vertrauen bei ihr. Er wird es gut machen. Besser, als sie es ihm jetzt noch zutraut. Jesus zeigt ihr, dass ihm mehr an ihr liegt, als sie bisher gedacht hat.
Ich bin sicher, auch Gott lässt es sich gefallen, wenn ich mit ihm rede, wenn ich mich von ihm enttäuscht fühle. Ich glaube, wir können von Gott hoffen, dass er es gut macht, wenn wir ihn vermisst haben. Dass wir ihm mehr am Herzen liegen, als wir uns vorstellen können. Beziehung abzubrechen, ohne zu reden, ist wohl nicht gut, weder zu Menschen noch zu Gott. Per E-Mail empfehlen