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27MRZ2024
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Wenn ich zwischendurch mal Zeit habe, scrolle ich gerne durch die Sozialen Medien. Da schaue ich mir oftmals kurze witzige Videos an, in denen Leute Quatsch erzählen, etwas Lustiges passiert oder jemand auch mal seinen Standpunkt erklärt. Den eigenen Standpunkt deutlich zu machen – dafür gibt es sogar eine Abkürzung in den Sozialen Medien: POV – point of view, also die eigene Sicht.

Leute zeigen ihre eigene Sicht auf die Welt. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählen. Wenn sie Stellung zu einem Thema beziehen oder von ihrem Leben berichten. Jeder und jede hat eine eigene Sicht auf die Welt. Je nachdem, was er oder sie erlebt hat, wie die Gefühlslage ist und wie man aufgewachsen ist. All das beeinflusst meinen eigenen POV.

Es ist wichtig, dass ich mir meine Sicht auf die Dinge klarmache. Eben welche Einstellungen ich in mir trage und mit welcher Haltung ich der Welt und dem Leben begegne.

Und deshalb finde ich es richtig toll, dass das Thema POV dieses Jahr auch in den Kirchen aufgegriffen wird. Jedes Jahr gibt es in vielen katholischen und evangelischen Kirchen Jugendliche, die sich vor Ostern treffen, um sich mit Jesus und den letzten Stunden vor seinem Tod zu befassen: der ökumenische Jugendkreuzweg. Dies ist ein Angebot der beiden großen christlichen Kirchen hier in Deutschland.

Die Jugendlichen erfahren, dass sich ihre Haltung bezüglich Jesus und dem Glauben immer weiter entwickelt. Dass alle mit ihrem eigenen Glauben unterwegs sind. Jeder hat eben eine eigene Perspektive. Einen eigenen POV, den alle mit einbringen. Das bereichert die Gemeinschaft, weil sich jeder und jede mit einbringen kann. All diese verschiedenen Facetten des Glaubens gehören zum Gesamtbild dazu. Und trotzdem gehören wir zusammen und sind gemeinsam unterwegs. Mit vielen verschiedenen POV's, getragen von der Hoffnung auf Gott.

Einen Gott, der alle Menschen im Blick hat. Der mich und mein Leben versteht. Und das ist mein POV auf den Glauben: Ein Gott, der immer da ist für mich.

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26MRZ2024
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Ich mag es, auf meinem Sofa zu chillen. Grad jetzt im Frühling kann ich den Vögeln vor meinem Fenster beim Nestbau zusehen. Deshalb habe ich extra keine Gardinen aufgehängt. So behalte ich den Durchblick.

Wenn die Sonne so richtig in mein Wohnzimmer scheint, sehe ich, dass es wieder so weit ist: Ich muss wieder die Fenster putzen. Man sieht Abdrücke von Regentropfen der vergangenen Wochen und Monate. Sie trüben die Sicht nach draußen. Das stört mich und deshalb putze ich sie.

Ich freue mich, wenn ich mit dem Abzieher das schmutzige Wasser entferne. Dann sehe ich, wie schön hell es wieder ist und ich glasklar durchblicken kann.

Sowas wünsche ich mir auch für mein Leben. Da ist meine Sicht manchmal auch getrübt. Beispielsweise durch Stress im Alltag. Wegen Dingen, die unerledigt liegen bleiben. Oder Streit, weil verschiedene Lebensentwürfe und Haltungen aufeinander treffen.

Es lohnt sich auch hier immer mal wieder für klare Sicht zu sorgen. Was bei meinen Fenstern Lappen und Abzieher sind: Sind in meinem Leben: Zeit und Beziehungen.

Zeit für mich selbst, dafür, Dinge regeln zu können. Zeit, in der ich über mein Leben nachdenke. In der mir auffällt, welche Situationen in letzter Zeit meinen Blick nach außen getrübt haben. Wo sich diese Regentropfen in mir abgesetzt haben. Stress, Liegengebliebenes, Streit. Ich kann diese Sachen nicht einfach wegbeten oder wegmeditieren. Aber ich kann schauen, wie ich mit ihnen gut umgehen kann. Mir zum Beispiel neben Arbeitszeiten auch Freizeit im Kalender einzutragen und das dann auch einzuhalten. Oder mir einen Tag nehmen, an dem ich nichts vorhabe, außer liegengebliebene Nachrichten zu beantworten und den Schreibtisch mal aufzuräumen.

Besonders guttun mir meine Beziehungen. Zu meiner Familie, meinen Freunden und zu Gott. Die Zeiten sind mir wertvoll. Nach dem Austausch mit ihnen merke ich, dass ich wieder klarer sehen kann.

So kann ich im Alltag sehen, wie die Schlieren Stück für Stück verblassen. Ich wieder klar sehen kann. Dann habe ich auch in meinem Leben das Gefühl, den Durchblick zu haben. So wie beim Fensterputz vor Ostern.

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25MRZ2024
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Ich bin Fußballfan vom Hamburger Sportverein – kurz: HSV. Klar, ich komme gebürtig aus Hamburg, da wird einem das schon in die Wiege gelegt. In der Vergangenheit sehe ich es nicht nur bei meinem Verein: Wenn es in der Mannschaft läuft, feiern es die Fans. Hat die Mannschaft eine Weile keinen Torerfolg, dann ist oft der Trainer schuld und muss gehen. Jubel und Enttäuschung sind beim Fußball oft nur einen Spieltag voneinander entfernt. Jetzt wird alles anders. Diese Hoffnung projizieren Fans und Verein oft in einen neuen Trainer. Aber nicht immer ist ein neuer Trainer ein Garant für Erfolg.

Ähnlich ist es auch bei Jesus und seiner Truppe. Kurz vor Ostern, an Palmsonntag, feiern die Leute Jesus als ihren Star. Sie hoffen, dass er etwas verändert, sie erlöst und befreit. Sie sind sich sicher: Jetzt wird alles anders und er befreit die Menschen von der römischen Besatzung. Doch sie werden enttäuscht. Jesus ist anders, als sie es sich vorstellen. Schon bald wird er verraten von einem seiner besten Freunde. Eine Spannung entsteht. Zwischen Hoffen und Enttäuscht-sein, zwischen all dem, was die Leute von Jesus erhoffen und dem, was passiert.

Die Stimmung kippt. Und Jesus ist Enttäuschung und wachsendem Hass ausgeliefert.

Doch Jesus begegnet all dem souverän und ruhig. Das ist für mich das Wichtigste, was ich von Jesus in der Karwoche lernen kann. Ruhig sein, trotz all der Spannungen. Souverän bleiben und hoffen, dass es gut wird. Das wünsche ich mir auch für mein Leben.

Manchmal jubelnd unterwegs sein und dann doch immer wieder auf dem Boden der Tatsachen ankommen. Wenn beispielsweise der HSV verloren hat. Oder einer aus meinem Freundeskreis wegzieht. Dann kippt auch bei mir die Stimmung. Ich werde plötzlich voll unsicher. Weil es anders ist, als ich es mir vorgestellt habe.

Trotzdem muss ich mit diesen Situationen umgehen, die Unsicherheiten in mir auslösen.

Das klappt nicht immer. Doch ich hoffe, dass ich damit nicht alleine bin, wenn die Stimmung kippt. Jesus war sich sicher, dass Gott immer da ist, egal wie es ausgeht – bei ihm hat es geklappt, deshalb feiern wir Ostern. In dieser Hoffnung lebe ich auch: Gott ist da, an meiner Seite und trägt meine Unsicherheit mit. Das Leben ist spannend, manchmal kippt die Stimmung – wie im Fußballstadion, doch ich bin getragen von Gott.

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22MRZ2024
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In der Bibel gibt es ein Gebet. Vielleicht kennen Sie es: „Aus der Tiefe rufe ich zu dir. Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!“ (Ps 130, 1-2). Das ist aus Psalm 130. Und ich liebe diesen Vers, denn er zeigt: Schon immer, auch schon vor tausenden von Jahren haben sich Menschen in Not an Gott gewandt. Sie glaubten fest: Wenn sie zu Gott rufen, schreien, dann wird er sie hören. Dann wird er helfen.

Eine Kollegin von mir hat vor ein paar Wochen eine Predigt über dieses Gebet gehalten. Und die hat mich sehr berührt und fasziniert. Sie hat sich nämlich dieses alte Gebet ein bisschen genauer vorgeknöpft. Im Original wurde es auf Hebräisch geschrieben. Und wenn man diesen Originaltext liest und einmal anders übersetzt, dann landet man bei einer neuen Aussage. Und die ist auch wunderschön.

In der Übersetzung meiner Kollegin heißt es: „Aus Tiefen rufe ich Dich, Herr. Mein Herr, höre meine Stimme! Neige Deine Ohren der Stimme meines Flehens zu!“

In der Übersetzung, die uns die geläufige ist, klingt das so, als sei der Mensch, der betet, in der Tiefe. Im Loch. Er sitzt, sozusagen, ganz tief im Dreck. Aber im hebräischen Text der Bibel kann man das auch anders verstehen: „Aus Tiefen rufe ich Dich, Herr.“ Das heißt dann: Gott ist in der Tiefe. Und der, der betet, ruft ihn aus dieser Tiefe zu sich hoch. Dann ist Gott noch tiefer, als ich es bin. Er ist in jedem Elend immer schon da. Egal, wie tief ich gesunken bin, egal, wie dreckig es mir geht, egal, wie einsam oder verzweifelt ich bin, Gott ist immer schon da. Noch tiefer da. Und kann mich rausholen. Davon ist der Beter dieses alten Gebets überzeugt.

Wenn wir in tiefsten Nöten stecken, in Schuld verstrickt oder verursacht durch andere, wenn wir ganz, ganz unten sind, dann ist Gott immer schon da. Selbst dann, wenn wir es nicht mehr merken, uns völlig gottverlassen fühlen. Er ist da. Unter uns. Um uns aufzufangen und neu ans Licht zu holen.

Wie bei Jesus am Kreuz. Er war ganz, ganz unten, verzweifelt und fühlte sich gottverlassen. Und trotzdem. Gott hat ihn wieder ans Licht geholt. Das Dunkel, die Tiefe ist für Gott kein Hindernis. Eigentlich ist das schon die Osterbotschaft. Möge sie Sie durch die kommende Karwoche begleiten.

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21MRZ2024
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„Musik halt! Musik schafft alles!“ – Das hat diese Tage eine Freundin, selbst eine wunderbare Musikerin, zu mir gesagt. Seit vielen Jahren hatte ich es endlich mal wieder zu einem Konzert von ihr geschafft, mich zwei Stunden lang von ihrer Musik verzaubern und davontragen lassen und danach liebe, alte Freunde wiedergetroffen, mit denen der Kontakt schon lange abgebrochen war. Es war ein wertvoller Abend. Balsam für meine Seele. „Musik halt! Musik schafft alles!“

Vor ein paar Wochen habe ich einen Artikel gelesen mit der Überschrift: „Die müde Gesellschaft“. Müde. Ja. Das passt, habe ich sofort gedacht. Müde sind wir gerade alle. Wo kommt das her? Ist das nur der Winter, die Dunkelheit, die jetzt dann hoffentlich bald vorbei ist. Oder ist das mehr? Sind das auch die Sorgen um das Geld? Die Sorgen um die Zukunft, vor einer Eskalation von Gewalt und Terror?

Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine geht mir ein Abendlied nicht mehr aus dem Kopf. Es ist von Jörn Philipp. Und immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich es summe und singe und es sich, tatsächlich, wie Balsam auf meine müde, irgendwie geschundene Seele legt. Ich lese es ihnen vor. Ein bisschen Seelenbalsam:

Wenn der Abend kommt,

und die Nacht beginnt,

bitten wir, Herr bleibe bei uns,

weil wir müde sind.

Friede Stadt und Land,

Friede Herz und Hand,

Friede allen, auch den Menschen,

die uns unbekannt.

 

Du bist Anfang, Weg und Ende,

halte schützend deine Hände,

über unser ganzes Leben,

lass uns nicht allein.

 

Mir tut dieses Lied gut. Der Wunsch nach Frieden für alle, auch für die, die wir gar nicht kennen, berührt mich. Natürlich ändert es nicht die Welt, wenn ich das Lied vor mich hin summe. Aber es erinnert mich daran, wie Gott seine Welt eigentlich gedacht hat. Es hält etwas in mir lebendig: Den Friedenswunsch, den ich dann morgens hoffentlich wieder weitertragen kann.

Das Lied geht noch weiter:

 

Wenn der Abend kommt,

und die Nacht beginnt,

bitten wir, Herr bleibe bei uns.

Weil wir müde sind,

unser Wollen, Wirken, Streben,

was wir lieben, was wir leben,

legen wir in deine Hände,

lass uns nicht allein.

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20MRZ2024
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In den sozialen Medien bin ich vor einiger Zeit auf ein Lied von Konstantin Wecker aufmerksam geworden. Ein junger deutscher Sänger mit Wurzeln in Burkina Faso, Ezé Wendtoin, hat es neu interpretiert. Der Text geht so:

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
Wieder Nazi-Lieder johlen
Über Juden Witze machen
Über Menschenrechte lachen
Dann steh auf und misch dich ein:
Sage nein!

Genau das ist es. Sage nein! Mir als Christin ist das wichtig: Nein zu Antisemitismus, zu Rassismus und zu der Menschenverachtung, die dahintersteckt. Jesus war Jude. Menschen jüdischen Glaubens sind unsere Geschwister. Darum ist es richtig, dass unter andrem an der Stiftskirche in Tübingen ein großes Banner hängt, auf dem steht „Nie wieder ist jetzt!“. Darum ist es richtig, dass der evangelische Landesbischof Gohl direkt nach dem Terrorangriff der Hamas festgestellt hat: „Antisemitismus ist Sünde. Wer Juden hasst, wendet sich gegen Gott selbst.“[1] Er hat recht: Die Ablehnung von Menschen jüdischen Glaubens darf in unserer Kirche und in unserer Gesellschaft keinen Platz haben.

Immer wieder lassen mich die Bilder des Krieges der Hamas gegen Israel erschaudern: Die Brutalität des Mordens durch die Hamas-Terroristen im letzten Oktober, das Schicksal der Geiseln, das Leid ihrer Angehörigen. Und zugleich das unsägliche Leid der Menschen in Palästina: Wie die Hamas die Bevölkerung als Schutzschild nutzt, hungernde Menschen, nicht versorgte Kranke und zerstörte Häuser und Existenzen. Und ich bete, dass all das ein Ende hat. Bald.

Und ich finde: Natürlich darf und muss man Israels Palästina-Politik kritisch betrachten. Ich sehe die Siedlungs-Politik kritisch. Und wo sind die humanitären Korridore, der konsequente Schutz der Zivilbevölkerung, die das Völkerrecht einfordert? Aber dennoch: Egal, was der Staat Israel tut oder unterlässt, Menschen jüdischen Glaubens ihre Menschlichkeit abzusprechen, sie aufgrund von ihrer Religion abzulehnen oder sie zu beschimpfen oder zu diskriminieren. Da gilt: Sage Nein!

Ich finde, jeder Christ und jede Christin ist genau dazu aufgerufen. Das ist nicht immer leicht: Eine kurze Bemerkung im Kollegenkreis, eine kleine Stichelei beim Abendessen mit Freunden. Es ist anstrengend, da immer klare Kante zu zeigen, sich angreifbar zu machen. Aber es richtig. Und leider nötig.

 

[1] Kanzelwort von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl aus Anlass des Angriffs der Hamas auf Israel vom 15.10.2013, Quelle: https://www.elk-wue.de/news/2023/13102023-kanzelwort-zum-angriff-auf-israel (zuletzt aufgerufen am 14.2.2023)
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19MRZ2024
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Vor einiger Zeit bin ich beschwingt aus der Praxis meines Hautarztes auf die Straße getreten. Und habe mich in diesem Moment verwundert gefragt: Warum habe ich denn plötzlich so gute Laune? Es gibt ja wirklich angenehmere Beschäftigungen, als zum Arzt zu gehen! Aber trotzdem: Ich fühlte mich leicht, durchaus beschwingt. Normalerweise nicht die Stimmung, die ein Arztbesuch bei mir verbreitet.

Im Bus nach Hause habe ich darüber nachgedacht. Und bin auf eine Idee gekommen: Mein Hautarzt ist total gut darin, zuzuhören. Wenn er ins Behandlungszimmer kommt, setzt er sich mir gegenüber, meist ohne Tisch dazwischen, begrüßt mich freundlich und, Achtung, beugt sich leicht vor und legt gefaltet und mit viel Ruhe die Hände in den Schoß. Und mit all dem strahlt er aus: Ich nehme mir jetzt für Sie Zeit. Reden Sie.

Und das tut gut. All das, was er macht, signalisiert: Da ist jemand, der sich tatsächlich für mich und mein Problem interessiert. Klar, er ist ja auch Arzt. Das ist sein Beruf. Aber trotzdem: Da ist keine Hetze, diesen einen, vielleicht auch nur kurzen Moment des Zuhörens, den bekomme ich geschenkt. Auch, wenn das Wartezimmer voll ist.

Zuhören kann befreiend und heilsam sein, wenn einer den anderen wirklich wahrnimmt und sieht. Das hat auch der südafrikanische Bischof Desmond Tutu erkannt. Nach den vielen, vielen Grausamkeiten, die die Rassentrennung und Unterdrückung der farbigen Bevölkerung dort verursacht haben, ist er mit einer Kommission durch das Land gezogen. Dort durften die Opfer der Gewalt erzählen. Und Tutu und seine Leute haben zugehört. Und das ganze Land mit: Die Sitzungen wurden im Radio und Fernsehen übertragen. Es ging nicht vor allem darum, die Täter zu verurteilen. Es ging darum, den Opfern eine Stimme zu geben und die Wahrheit ans Licht kommen zu lassen. In der Hoffnung, dass so Versöhnung möglich wird. Dass die Wunden aus der so schmerzhaften Zeit der Apartheid heilen können. Dass neues Leben, neues Miteinander möglich wird. Und der erste Schritt dahin war das Zuhören.

Wenn einer dem anderen zuhört, dann tut das gut. Wenn Menschen sich gesehen und beachtet fühlen. Im Bus, auf der Heimfahrt vom Hautarzt, wird mir klar, dass auch ich im besten Fall so zuhören kann: Meinen Kindern. Meinen Schülerinnen und Schülern. Freunden. Und vielleicht auch gerade denen, die nicht meine Meinung teilen. Denn ich habe wieder mal gelernt: Allein schon Zuhören kann heilsam sein!

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18MRZ2024
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„Was mein Leben reicher macht“, so heißt eine Rubrik in der Zeitung „Die Zeit“. Leser und Leserinnen schicken eigene Texte ein und erzählen dort, was ihr Leben lebenswert macht. Und da habe ich vor ein paar Wochen Folgendes gelesen:

"Es ist nach Mitternacht, ich liege schon im Bett, als dieses mit einem Schlag in sich zusammenbricht. Nach dem ersten Schreck inspiziere ich den Schaden: Das Holz auf der rechten Seite ist gebrochen. Ich stabilisiere es mit Büchern. Eines fehlt noch, um das Bett wieder in die Waage zu bekommen. Ich lasse meinen Blick schweifen, er fällt auf die Bibel. Nach einigem Zögern lege ich sie auf den Stapel. Heißt es darin nicht: „Einer trage des anderen Last?“ Gestützt von Gottes Wort schlafe ich ein."[1]

Ist das nicht eine schöne Geschichte? Das kurze Zögern des Mannes verstehe ich: Darf man ein doch irgendwie „heiliges Buch“ so zweckentfremden? Ich finde: Ja, klar. Für uns Christen ist ja nicht das Buch an sich heilig. Es ist ein Buch. Ich arbeite tagtäglich damit. Streiche mir Sachen an. Knicke an wichtigen Stellen Eselsohren in meine Arbeitsbibel. In der Bibel erzählen Menschen, was sie mit Gott erlebt haben. Das ist eine wunderbare Quelle, um Gott nahezukommen. Aber: Heilig ist nur Gott selbst, nicht das Buch, das von ihm erzählt. Da kann es zur Not auch als Bettstütze dienen.

Und wie schön ist das Bild, das diese Geschichte in sich trägt. Der gute Mann schläft jetzt gestützt von Gottes Wort – zumindest im übertragenen Sinne. Auf die Idee ist er gekommen, weil in der Bibel steht: „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2), ein Zitat aus einem der Briefe, die der Apostel Paulus an die Gemeinde in Galatien geschrieben hat. Ja, wenn wir einander beistehen, uns gegenseitig helfen, dann werden wir gestützt, ganz praktisch. Ein Stütz-Wort! Und davon finden sich noch mehr in der Bibel. Für mich ist so ein Stütz-Wort zum Beispiel folgender Vers aus einem Gebet. Darin heißt es „Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Ps 31,9). Dieses Wort erinnert mich daran, dass Gott mir viel zutraut, mir einen Freiraum schenkt, in dem ich gestalten darf. Und mir tut es gut, von diesem Zutrauen Gottes zu mir zu wissen. Noch ein Stütz-Wort.

„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte“, heißt es in einem anderen Psalm (Ps 119,105). Nach dieser Geschichte könnte man das ja fast abwandeln in „Dein Wort ist meines Bettes Stütze!“ Auch wahr, irgendwie. Und in diesem Sinne: Schlafen Sie gut heute Nacht! Gestützt von Gottes Wort.

 

[1] Aus: Die Zeit. Entdecken, „Was mein Leben reicher macht“, 4.1.2024, S.56.

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15MRZ2024
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Lucy glaubt nicht an Gott. Lucy ist meine Freundin und sie fragt mich: „Anna, wie fühlt sich das an?“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Also versuche ich es erstmal mit den klassischen Vergleichen und erkläre Lucy: „Gott ist für mich wie ein guter Vater oder wie eine liebevolle Mutter“. Aber egal wie gut der Vergleich ist, am Ende hinkt er immer. Und meine Worte fühlen sich seltsam hohl an. Also versuche ich es damit: „Gott ist wie ‚zu Hause ankommen‘ oder wie ‚ein wahrer Freund‘.“ Aber auch das trifft es nicht wirklich. Denn Gott ist unendlich viel mehr als das, was ich von ihm denke. Für das Wichtigste in meinem Leben fehlen mir die richtigen Worte. Das ist frustrierend.

In dieser Zwickmühle hilft mir die Geschichte vom „Goldenen Kalb“ aus der Bibel:

Moses und das Volk Israel sind auf ihrer langen Reise durch die Wüste. Eben hat Gott sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit und jetzt geht Moses auf den Berg Sinai. Er will mit Gott sprechen, während der Rest der Reisetruppe unten warten muss. Und sie warten lange. Denn Moses kommt einfach nicht zurück. Da werden die Israeliten ungeduldig und müssen etwas tun. Bei dem unsichtbaren Gott, der so lange auf sich warten lässt, halten sie es einfach nicht mehr aus. Sie beschließen, selbst zu handeln. Also gießen sie sich ein goldenes Kalb und fangen an, es anzubeten und zu feiern. Sie holen Gott zu sich herunter, in das, was sie sehen und verstehen können.*

Ich glaube, hin und wieder versuche auch ich Gott in eine Form zu gießen. Zum Beispiel, wenn ich Gott in die schönsten Vergleiche zwängen will, um ihn für Lucy und mich verstehbar, ja irgendwie handfest zu machen. Aber mein Gott sprengt jede Form. Er passt in keine noch so goldenen Worte. Und vielleicht befreit mich genau das. Denn wenn Gott nicht meinen Worten unterworfen ist, dann kann er auch so viel mehr sein als ich jemals sagen kann. Oder wie es an anderer Stelle im Alten Testament heißt: "Wenn wir auch viel sagen, so reicht es doch nicht aus. Mit einem Wort: Gott ist das All."**

 

*Vgl. Ratzinger, Geist der Liturgie, 19.

**Sir 43, 27.

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14MRZ2024
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„Do ut des“. Das klingt wie eine Zauberformel, ist aber Latein und heißt übersetzt: „Ich gebe, damit du gibst“. Nach diesem Grundsatz sind die Menschen in der Antike mit ihren Göttern umgegangen. Wer etwas von den Göttern wollte, der musste ihnen etwas opfern. Ein faires Tauschgeschäft sozusagen.

Das hört sich vielleicht erstmal veraltet oder naiv an, dieses „do ut des“, aber ehrlich gesagt, erwische ich mich manchmal selbst dabei. Und zwar, wenn ich zu Gott bete. Oft bitte ich Gott dann um etwas. Etwa um die Kraft, bei einem schwierigen Gespräch ruhig und verständnisvoll zu bleiben.

Dabei ist mir aufgefallen: Ich bete oft so, als könnte ich Gott überreden. Wenn ich nur genug bete oder Gott einen guten Deal vorschlage, dann wird er sich schon breitschlagen lassen. Wenn mein Gebet aber nicht erhört wird, muss ich wohl etwas falsch gemacht haben. Dann habe ich nicht genug geleistet.

Psychologen und Pädagogen haben herausgefunden, dass sich der Glaube in Stufen entwickelt. Das „Do-ut-des“ ist dabei typisch für eine der Anfangsstufen, in der man sich Gott wie eine Art Handelspartner vorstellt. Viele Menschen glauben: Ich kann Gott beeinflussen und für meine Wünsche in Anspruch nehmen. Dafür bin ich aber auch auf Gott angewiesen und muss ihn zufriedenstellen.

Dahinter steckt ein großer Sinn für Gerechtigkeit und das Vertrauen in ein Prinzip, das in unserem Leben grundsätzlich gilt: Wer gibt, soll auch bekommen und umgekehrt. Trotzdem ist es ein Glaube, der noch nicht erwachsen geworden ist. Weil er sowohl Gott als auch den Menschen klein hält. Aber Gott will mich nicht klein und abhängig halten. Er berechnet nicht. Gott kann viel mehr. Und ich auch. Davon bin ich überzeugt.

Ab und zu rutsche ich beim Beten trotzdem in mein altes Muster zurück. Dann denke ich, ich müsste für Gott etwas tun. Und erst dann bin ich etwas wert. Aber ich brauche Gott nichts zu geben, damit er mich belohnt. Er verlangt von mir keine Gegenleistung. Gott liebt mich bedingungslos. Und vielleicht kann ich so auch mein Beten besser verstehen: dass auch ich mich Gott zuwende, ganz ohne Bedingungen.

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