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„Das machen Sie aber schön“ – sagt ein Mann im Vorbeigehen, während ich den Gehweg kehre. Was auch immer er meint – ich sage „Ja, danke“ und freue mich so vor mich hin.
Eigentlich mag ich das Saubermachen vom Gehweg ja nicht so wirklich. Aber kaum bin ich draußen, geht es mir gut. Ich bewege mich in der frischen Luft, draußen wird es mal wieder sauber, und meistens ist es recht kurzweilig. Denn da ist immer was los. Eltern kommen mit ihren Kindern vom Kindergarten. Nachbarn sprechen ein paar Worte mit mir. Immer wieder kommentieren auch fremde Menschen meine Arbeit. Meistens sind sie freundlich und wollen mich ermuntern. Sie meinen es meistens nett.
Diese kurzen Gespräche wirken auf besondere Weise. Sie sind ein kleiner Farbtupfer im Alltag. Eine Mini-Begegnung - ohne sonstige Verpflichtung. Kleine Augenblicke Lebendigkeit. Aber mit langer Wirkung. So fühle ich das schon seit Jahren.
Und dann lese ich auf einmal in der Zeitung über die Menschen in Norwegen. Die machen es ähnlich. So überstehen sie die lange Zeit des Winterdunkels, wenn es gar nicht wirklich hell wird in ihrem Land. Darin sind sie Experten: Sie wissen, dass es warmem Tee braucht, warme Decken, warme Kleidung. Aber sie wissen auch, wie wichtig das Rausgehen ist. Und die kleinen Gespräche. Ob es kalt ist, ob der Himmel grau ist – egal: man muss jeden Tag raus an die frische Luft. Raus aus der gemütlichen, aber auch einsamen Höhle. Das Draußen angucken. Gucken, wen man sonst noch trifft. Bereit sein für Mini-Begegnungen: Mit der Kassiererin einen freundlichen Gruß wechseln. Kurz die Nachbarn ansprechen. Dem Paketboten danken. Ein nettes Wort über den Zaun rufen. Sich ansprechen lassen. Lauter wichtige Mini-Begegnungen gegen den Winterblues und auch gegen Einsamkeit.
Diese kleinen Kontakte ersetzen keine tiefen Freundschaften. Das wollen sie auch gar nicht. Aber viele andere Menschen sind immer in der Nähe. Für die Mini-Begegnungen. Für zwei, drei Sätze. Für das Gefühl: Ich werde gesehen, ich bin noch da, ich sehe andere. Und um ein paar Worte zu wechseln.
Es sind belebende Alltagskontakte, beiläufig und dennoch ganz und gar nicht oberflächlich. Wir Menschen brauchen das. Unsere Seelen brauchen das. Und danach kann ich gut wieder zurückkehren in meine eigenen vier Wände.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43763Wie oft habe ich das jetzt gelesen: „Ich wünsche Dir ein friedvolles Jahr!“ Wie sehr wünsche ich dieser Welt den Frieden. Und wie heftig spricht mich jedesmal der Friedensgruß im Gottesdienst an.
Frieden ist so was wie eine Lebensübung. Damit müssen schon Kinder anfangen. Die streiten, was das Zeug hält: um die Sandschaufel oder die Schokolade, wer näher bei Mama oder Papa sitzen darf oder immer dann, wenn sie meinen, dass sie zu kurz gekommen sind. Sie zanken und streiten und versöhnen sich wieder. Für die Erwachsenen ist das anstrengend. Aber es ist eine Lebensschule: Spielen und Streiten als Grundübung für friedlicheres Miteinander. Kinder üben Fähigkeiten ein, die uns Erwachsenen auch nicht immer leichtfallen: Zurückstehen lernen, sich einfügen, aufeinander hören, mal gewinnen und mal verlieren und manchmal auch verzichten. Klingt für manche vielleicht altmodisch? Ist es aber nicht. Denn das und mehr brauchts für wirklichen Frieden. Ich merke beim Nachdenken, dass ich auch meinen Glauben an Gott dafür brauche. Von Gott her kommt der Friede, der höher ist als alle Vernunft, wie es in einem Gebet heißt. Für Jesus ist Frieden ein großes Thema. In manchen Liedern und Texten wird Jesus „Friedensfürst“ genannt.
Er hat Menschen den Frieden zugesprochen. Das hat er oft sehr verborgen getan. Wenn er Kranke geheilt hat, zum Beispiel und sie dadurch wieder in die Gemeinschaft aufgenommen worden sind. Was für ein Frieden und Glück für die betroffene Person und ihre Familie! Gleichzeitig aber hat er keinen Konflikt gescheut. Wenn es sein musste, hat er hart gestritten. Gewaltfrei. In die politischen Kämpfe seiner Zeit hat er sich nicht eingemischt. Aber er hat den Menschen Handwerkszeug gezeigt, wie sie mit Konflikten umgehen können. Sein Maßstab ist: auch der andere ist ein Mensch und hat es verdient, als Mensch behandelt zu werden. Und darauf kommt es an! Auch in einer friedlicheren Welt wird es Konflikte geben, weil es immer Konflikte gibt, wenn Menschen miteinander zu tun haben. Mit ihnen umgehen und sie gut lösen – das ist die Aufgabe. Mit Gesprächen, gutem Willen, Liebe. Aber auch mit Klugheit und klarem Verstand. Mit deiner Hilfe, Jesus, könnte es gelingen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43762Bei mir sieht es immer noch ein bisschen nach Weihnachten aus. Weihnachtspost auf dem Tisch, inmitten von meinen schönsten Glaskugeln. Dann die Krippenfiguren, beschützt von einem sehr großen Stern aus Holz. Das kann alles noch eine Weile bleiben. Weil ich das so brauche.
Denn jedesmal, wenn ich vorbeigehe, gucke ich zur Krippe: Mal schaue ich auf den großen Stern. Mal auf das Jesuskind. Oder auf die Engel. Und öfter schaue ich auf Josef und Maria, die ihr Kind bewachen. Dann gehen meine Gedanken eine Weile damit weiter. Erst mal sind sie einfach nur Eltern. Die Eltern beschützen den neugeborenen Jesus, wie liebende Eltern es tun. Gerade haben sie Schweres überstanden – erst aus Ägypten geflohen, dann obdachlos, schließlich die Geburt des ersten Kindes. Vermutlich sind sie erschöpft, aber auch stolz und glücklich über seine Geburt. Sie sorgen sich um ihr Kind, pflegen und ernähren es. Die Eltern helfen dem kleinen Jesus, ins Leben hineinzuwachsen. Sie bewachen seinen Schlaf, trösten ihn bei Bauchschmerzen, bewundern seine ersten Schritte und freuen sich irgendwann über den ersten ausgefallenen Milchzahn, schicken ihn zum Lernen. Später leiden sie wie alle Eltern von Pubertierenden darunter, dass der jugendliche Jesus sich von ihnen entfernt und eigene Ideen entwickelt.
Aber das ist nur der Anfang einer großen Erzählung – aus dem Handwerker wird ein Wanderprediger. Gibt sich mit Außenseitern ab, kümmert sich um Frauen, die von anderen erst ausgenutzt und dann verachtet werden, spricht über Gott und die Liebe. Er verursacht eine Menge Aufruhr. Die einfachen Leute haben Jesus geliebt und gesucht. Sie haben gemerkt: Dieser Jesus sieht unsere Not! Der ist auf unserer Seite. Für andere war er gefährlich. Und das hat ihn schließlich das Leben gekostet. Das alles ist in dem Baby in der Krippe schon angelegt.
Und seine Eltern Maria und Josef? Die sind jetzt erst einmal beschäftigt. Mütterlich und väterlich kümmern sie sich darum, dass der kleine Jesus groß werden kann. Wie alle Eltern schauen sie voller Hoffnung auf ihr neugeborenes Kind. Danke, Maria und Josef!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43761„Fürchtet euch nicht! Denn euch ist heute der Heiland geboren!“ (Lukasevangelium 2,10f) – Im Krippenspiel in unserer Kirche haben die kleinen Engel diesen Satz allen Gottesdienstbesuchern zugerufen. Seitdem klingt dieser Ruf in mir nach.
Das ist mein Gänsehautmoment an Heiligabend. Wenn die kleinen, schüchternen Mädchen, die die Engel spielen, über sich selbst hinauswachsen und mutig und fröhlich allen zurufen, dass wir uns nicht fürchten müssen.
Und dass wir uns nicht fürchten müssen, hat einen ganz einfachen Grund: Weil Gott zu uns Menschen kommt. Als Kind. Klein, verletzlich. Gott teilt unser Leben. Er ist angewiesen auf die Fürsorge anderer, er lacht und weint, er lernt Menschen kennen, trauert mit anderen, er ist hungrig, wird ausgelacht, nicht ernstgenommen. Er muss sich seinen Platz in der Welt erarbeiten, muss seinen Weg finden.
Gott teilt unser Leben. Ganz und gar. Mit allem, was dazu gehört.
Letztendlich stirbt er auch. So wie auch ich irgendwann einmal sterben muss. Und dann, wenn mit dem Tod nach meinem menschlichen Denken alles vorbei ist, dann kommt wieder ein Wendepunkt. An Ostern! Dann rufen die Engel wieder: „Fürchtet euch nicht!“
Wenn ich noch über den Tod nachdenke, wenn die Frauen den toten Jesus besuchen wollen, da kommen wieder die Engel ins Spiel. Sie sitzen am Grab, wo kein toter Jesus zu finden ist und sagen den Frauen: „Fürchtet euch nicht. Jesus ist nicht hier. Gott hat ihn von den Toten auferweckt!“ (Matthäusevangelium 28,5)
An den entscheidenden Punkten des Lebens – am Anfang und am Ende – gilt dieselbe Botschaft: Fürchtet euch nicht! Aber diese Botschaft gilt auch mittendrin. Mitten in meinen Alltag und meinen Routinen, auch da muss ich mich nicht fürchten.
Ich muss mich nicht ängstigen vor dem, was das Leben mir bringt und was ich noch gar nicht wissen kann. Gott ist da. Ich muss keine Angst haben vor Veränderungen, vor dem, was mir fremd und unbekannt ist, Gott geht mit. Auch wenn ich ihn manchmal nicht fassen kann, so ist Gott dabei. An meiner Seite.
Zwischen Weihnachten und Ostern liegt ein ganzes Leben. Das Leben, das Jesus gelebt hat. Zwischen Krippe und leerem Grab liegt mein Leben mit all dem, was es ausmacht, worum ich mich sorge, was mich ängstigt, was mich glücklich macht und über mich hinauswachsen lässt. Gott spricht uns durch die Engel zu: Ich bin da! Fürchtet euch nicht!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43716Das neue Jahr ist schon 22 Tage alt und ich schaue auf meine guten Vorsätze für dieses Jahr. Stolz und zufrieden kann ich sagen, dass ich noch nicht wirklich gescheitert bin.
Nein, es ist nicht so, dass ich mir nichts vorgenommen hätte. Das wäre ja irgendwie auch komisch. Aber ich habe mir ein „weniger“ statt „mehr“ vorgenommen. Für die vergangenen Jahre hatte ich oft Großes vor: Dieses Jahr mache ich mehr Sport! Dieses Jahr möchte ich mehr mit Freunden unternehmen! Da bin ich meistens schon nach wenigen Wochen gescheitert. Mehr Sport? Wann? Ausreden gab es genügend. Und so war es nach ein paar sportlichen Tagen schon vorbei mit dem guten Vorsatz.
Also habe ich mir für dieses Jahr ein „weniger“ vorgenommen. Ein „weniger“ an Dingen, die ich ganz oft mache. Weniger Zeit am Handy verbringen. Es also auch mal klingeln lassen oder vielleicht sogar ab und zu mal zu Hause liegen lassen, wenn ich mit dem Hund unterwegs bin. Weniger Stress habe ich mir auch vorgenommen. Das heißt nicht, dass ich weniger arbeite, sondern dass ich meine Termine versuche so zu legen, dass ich mehr Zeit dazwischen habe.
Das sind meine guten Vorsätze, die mich nicht belasten, nicht unter Druck setzen und mir nicht zusätzlich mein Leben erschweren. Denn genau das wollte ich dieses Jahr nicht. Keinen zusätzlichen Stress, keine unnötige Last, keinen vermeidbaren Druck durch gute Vorsätze. So möchte ich meinen Weg durch das Jahr gehen.
Vor vielen, vielen Jahren hat jemand gebetet: „Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen.“ (Psalm 37,5) In diesem uralten Gebet aus der Bibel steckt für mich eine Lebenserfahrung, die ich auf mein neues Jahr übertragen möchte.
Ich möchte meine Wege Gott anvertrauen, auf ihn vertrauen. Ich muss nicht alles alleine machen. Ich muss nicht immer perfekt sein. Ich muss mich nicht mit guten Vorsätzen gleich nach wenigen Tagen zermürben. Gott verlangt von mir keinen perfekten Plan für das neue Jahr, er erwartet keine guten Vorsätze, die mich gleich wieder scheitern lassen, sondern er freut sich daran, wenn ich mit mir selbst ein wenig freundlicher, barmherziger und gnädiger bin.
Weniger statt mehr, was meine guten Vorsätze betrifft. Aber mehr statt weniger Vertrauen auf Gott und seine Wege mit mir.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43715Heute ist Weltknuddeltag. Dieser Tag soll mich daran erinnern öfter mal Gefühle zu zeigen. Also jemanden, den ich mag, mal in den Arm zu nehmen, ihm zu sagen, was er mir bedeutet, eine Freundin spüren zu lassen, wie wichtig sie mir ist.
Nun bin ich nicht der Knuddelmensch. Aber meine Gefühle kann ich ja auch anders zeigen: durch meine Worte oder mit meinem Verhalten insgesamt.
Neulich habe ich mich über eine Freundin geärgert, weil sie etwas gemacht hat, was mir nicht gefallen hat, aber vor allem, weil sie es einfach gemacht hat. Ohne mich zu fragen. Die Absicht war gut. Sie wollte mich entlasten. Sie hat einfach schon alles für eine Bastelaktion eingekauft. Ohne zu fragen, ob ich die Idee gut finde, ob ich genau das basteln möchte oder doch etwas anderes. Plötzlich war alles da. Vorbereitet. Eingekauft. Andere waren eingeladen. Und ich habe mich richtig geärgert.
Aber ich habe den Ärger nicht in mich hineingefressen, sondern meine Gefühle gezeigt. Ich habe ihr eine Email geschrieben, beschrieben, wie es mir mit der Situation geht. Leider zu ehrlich und zu direkt. Das hat die Sache nicht geklärt, sondern verschlimmert. Also haben wir uns getroffen. Uns Zeit genommen, geredet, und uns dann aufrichtig beieinander entschuldigt: Ich mich für meine klaren, zu harten Worte, sie sich für ihr übergriffiges Verhalten.
Mich hat das an ein Wort des Apostel Paulus erinnert. Er hat vor beinahe 2000 Jahren geschrieben: Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. (Epheser 4,15)
Wahrhaftig und ehrlich zu sein in der Liebe – das bedeutet doch: Ehrlich sein zu sich selbst und zu anderen. Nicht zu schweigen, weil es bequemer ist, sondern auch zu kritisieren. Aber sachlich, nicht verletzend. Aufrichtig, nicht heuchlerisch.
Aber es dann auch gut sein zu lassen. Den Fehler nicht weiter nachzutragen, immer wieder auszukramen, sondern wirklich zu verzeihen. So wie Jesus es auch getan hat.
Er hat den Menschen wirklich verziehen. Nichts hat dann mehr zwischen ihm und den Menschen, zwischen ihm und Gott gestanden. So will ich es auch handhaben. Mich an Jesus orientieren. Ehrlich sein. In Liebe. Nicht nur am Weltknuddeltag, sondern am besten an jedem Tag. Ein ehrliches „Es-tut-mir leid“ ist wie eine wohltuende, zärtliche Umarmung. Es streichelt die verletzte Seele und Wunden können heilen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43714Am Anfang des neuen Jahres räume ich immer auf. Das Aufräumen zieht sich über Tage, eigentlich über den ganzen Januar. Denn zuerst sortiere ich stapelweise Papiere, die sich im vergangenen Jahr in meinem Büro angesammelt haben. Dann überlege ich, was ich davon wirklich noch brauche und was ich wegwerfen kann. Aber allein das dauert schon. Denn mit jedem Stück Papier, das ich in der Hand habe, verbinde ich etwas: einen Einkauf, eine Begegnung, ein Gespräch oder gar eine besondere Aktion.
Bei manchen Dingen fällt es mir leicht, sie in den Papierkorb zu werfen: Alte Rechnungen, Kassenzettel, Aufgabenlisten. Erledigt. Weg damit. Bei schönen Postkarten, Konzertkarten, Notizzetteln mit Gedanken fällt mir die Entscheidung schon schwerer: Soll ich sie wegwerfen oder eventuell doch in meine Erinnerungsbox legen?
Wenn ich am Anfang des Jahres aufräume, befreie ich mich damit von Ballast, löse ich mich von alten Dingen und schaffe Platz für Neues.
Beim Aufräumen merke ich, dass das nicht nur für mein Büro und für meine Regale gilt, sondern dass ich damit auch in mir Platz für Neues schaffe. Ich löse mich, ich denke nach, ich lasse mich auf das ein, was kommt. Neugierig und offen. Und ich merke, dass ich auch in mir Ordnung schaffen kann. Vielleicht kann ich im neuen Jahr auch alte Gewohnheiten, die mich selbst nerven, einfach mal sein lassen und mich an Neues wagen? Muss ich wirklich immer alles gleich und sofort machen oder darf ich mir auch einfach mal Zeit nehmen?
Aufräumen und Ordnung schaffen, sortieren und ablegen, loslassen und Platz für Neues schaffen gilt also auch für mich und mein Inneres.
„Siehe, ich mache alles neu!“ sagt Gott (Offenbarung 21,5). Dieser Satz steht als Motto, als Losung über diesem Jahr. Ein Satz, der mir Hoffnung gibt. Denn ich höre daraus, dass Gott mir beim Aufräumen hilft, dass er meine alten Lasten von mir nimmt und so in mir Raum für Neues schafft. Ich muss das alte nicht mit mir rumschleppen, mich damit abmühen, ich darf es Gott anvertrauen und darauf vertrauen, dass er es neu macht. Wenn ich mich von alten Dingen löse, von alten Verletzungen, Fehlern, Strukturen, dann bin ich auch offen für all das Neue, das Gott mir schenkt. Wenn ich mich nicht selbst lösen kann, dann vertraue ich darauf, dass Gott das kann.
Neu wird nicht alles auf einmal. Aber Gott kann alles neu machen. Auch mich. Nicht nur zu Jahresbeginn.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43713„Träum doch nicht!“ Diesen Satz habe ich schon oft gehört. Meistens dann, wenn ich mich nicht unterkriegen lassen will von all dem, was auf mich einprasselt an schlechten Nachrichten: Morgens, wenn ich die Zeitung aufschlage und als erstes davon lese, wo es Krieg gibt, wer wen übervorteilt hat und wo als nächstes Stellen abgebaut werden.
Dann überlege ich mir wie die Welt sein könnte, wenn alles anders wäre. Wenn wir Menschen friedlicher miteinander umgingen, uns nicht mit Waffen bekriegen würden, sondern uns stattdessen an einen Tisch setzen und reden würden. Wenn wir uns gönnen würden, was wir haben und einfach teilen würden, ohne zu überlegen, welchen Vorteil wir selbst daraus ziehen.
„Träum doch nicht!“ Doch! Ich verschließe die Augen ja nicht vor der Wirklichkeit, ich bin auch nicht weltfremd oder naiv. Ich sehe die Welt und ich träume von einer anderen.
„I have a dream!“ – „Ich habe einen Traum!“ – Mit diesen Worten hat Martin Luther King 1963 seine Vision einer gerechteren Welt den Menschen ins Herz gesprochen. Er hat Rassismus gesehen, Gewalt und Ungerechtigkeit, und er hat angefangen laut von einer anderen Welt zu träumen. Er träumt davon, dass irgendwann einmal Menschen nicht mehr nach ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion oder anderem beurteiltet werden, sondern allein nach ihrem Inneren, ihrem Charakter.
Martin Luther Kings Traum war der krasse Gegensatz zu seiner Wirklichkeit. Aber genau deswegen war er so kraftvoll. Denn ohne Träume, wie die Zukunft auch sein könnte, bleibt alles so wie es ist. Martin Luther King hat sich nicht mit seiner Wirklichkeit arrangiert, er wollte sie verändern.
Sein Traum war und ist zutiefst christlich geprägt. Gott hat alle Menschen gleich geschaffen. Gott hat alle Menschen begabt. Gott hat allen Menschen Liebe ins Herz gelegt. Diese Überzeugung hat Martin Luther King zu seinem Traum gebracht.
Von wegen: Träum doch nicht! Vielleicht müsste ich in solchen Momenten einfach antworten: Hört bitte nicht auf zu träumen! Denn wenn ihr träumt, dann seht ihr das, was noch nicht ist, was aber noch werden kann.
Wenn ihr träumt, dann fangt ihr im Kleinen an, die Zukunft nach euren Träumen zu gestalten. Vielleicht streitet ihr dann weniger und redet mehr. Jede Veränderung beginnt mit einem Traum. Also träumt!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43712Jeden Tag mache ich etwas falsch. Manchmal bemerke ich es sofort, manchmal erst im Nachhinein. Ich trete jemandem zu nahe. Ich bin zu laut und lasse andere nicht richtig zu Wort kommen. Oder ich fälle ein schnelles Urteil, merke dann aber, dass es der Sache gar nicht gerecht wurde. Die meisten meiner Fehler hängen damit zusammen, dass ich zu schnell bin, mir nicht genügend Zeit lasse, um noch einmal nachzudenken, bevor ich den Mund aufmache. Normalerweise führt das nicht zu großen Problemen, weil ich dann doch noch rechtzeitig „die Kurve kriege“. Aber es stört mich, wenn es mir passiert, und sobald ich es bemerke, tut es mir leid. Diese Eigenschaft, dieses Temperament – es scheint tief in meiner Person verankert zu sein. So tief jedenfalls, dass ich es nicht wirklich beherrschen kann, obwohl ich darum weiß. Am Ende bleibt mir fast immer nur die Bitte um Entschuldigung, und ich merke: Ich brauche Vergebung. Jeden Tag. Es ist ein hin und her wie beim Ping-Pong. Ich mache was falsch, ich bitte um Vergebung.
Das zu wissen, gibt mir Bodenhaftung. Weil es ein Vorgang ist, der zu uns Menschen gehört. Und eigentlich wissen wir das auch. Aber um Vergebung zu bitten, das fällt oft schwer. Weil man dabei über eine Hürde springen muss. Ich darf mich nicht an meinem Fehler festbeißen. Ich bin eben nicht perfekt bin und bedarf der Vergebung. Ich muss den Vorgang so normal wie möglich nehmen, mir klar darüber sein. Es passiert ständig, mal so rum, mal andersrum.
Ich stelle mir vor, wie das unsere Welt verändern würde, wenn alle Menschen unablässig bereit wären zu vergeben. Dann gäbe es keinen Rosenkrieg, unter dem Kinder leiden, wenn ein Ehepaar sich scheiden lässt. Dann wären Hetzkampagnen in den Medien passé, in denen es nur darum geht, den anderen schlecht zu machen. Dann würden aus Konflikten keine Kriege entstehen, die am Ende den Gegner vernichten wollen.
Ich weiß, das ist eine Utopie, eine Wunschvorstellung, die sich in der Realität nicht bewahrheiten wird. Weil wir eben auch bei der Vergebung an unsere Grenzen kommen. Aber warum sollte ich mir nicht wünschen dürfen, dass es so ist. Und beim Wünschen mich selbst ein bisschen mehr anstrengen, anderen zu vergeben, das nächste und das übernächste Mal. Schon das wäre ein gewaltiger Schritt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43664Wie viele Freunde habe ich? Ich stelle mir diese Frage, wenn ich mir etwas ganz Schlimmes ausmale: dass ein Mensch stirbt, dem ich mich sehr nahe fühle; oder ich so schwer krank werde, dass ich dauerhaft auf Hilfe angewiesen bin. Wer steht dann zu mir, wer wird sich um mich kümmern, wer ist dann wirklich für mich da? Natürlich können Freunde nicht den Menschen ersetzen, der mit einem durchs Leben geht. Aber es braucht ja auch nicht nur die oder den einen. Es ist gut, wenn man ein paar Freunde hat, die sich ergänzen, weil sie Unterschiedliches gut können: schreiben, tragen, hören, musizieren, erzählen, informieren, streiten, stillsein.
Ich denke, ich habe ein paar solcher Freunde. Es sind Menschen, die ich schon lange kenne, manche fast mein ganzes Leben. Manche wohnen in meiner Nähe und wir haben Gelegenheit, uns regelmäßig zu treffen. Andere wohnen weiter weg und wir begegnen uns nur ein, zweimal im Jahr. Aber das macht nichts. Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können, weil wir gute Erfahrungen miteinander gemacht haben; so gute, dass es ein Vertrauen gibt, das nicht leicht erschüttert werden kann.
Was zeichnet solche Freundschaften noch aus? Zum einen: Sie halten was aus. Sie gehen nicht kaputt, wenn es nicht rund läuft oder Erwartungen aneinander nicht erfüllt werden. Das passiert unweigerlich, aber es ist nicht schlimm, weil mir der andere wichtiger ist als meine eigenen Bedürfnisse. Im Umkehrschluss heißt das: Überall, wo Egoismus im Spiel ist, gedeiht keine echte Freundschaft. Es gibt schon auch ein Geben und ein Nehmen. Aber sobald einer zu rechnen beginnt, einen Ausgleich dabei erwartet, stirbt das Vertrauen und das tötet die Freundschaft. Insofern ist Freundschaft immer Nächstenliebe, und damit eine recht christliche Sache. Dann ist da noch was anderes: Wenn zwei Menschen miteinander befreundet sind, geht es nicht um Themen, Fragen, Ansichten. Es geht immer nur um die Person des anderen. Dazu gehört auch, was der jeweils andere denkt, wie er eingestellt ist. Da braucht es schon Übereinstimmungen. Aber wenn einer mein Freund ist, dann halte ich so gut es geht auch zu ihm, wenn er mal vom Gegenteil überzeugt ist wie ich. Das sage ich ihm dann, ehrlich und frei heraus, damit er Bescheid weiß – und unsere Freundschaft leidet hoffentlich kein bisschen.
Mein erster Chef in der Ausbildung vor der Priesterweihe hat mir dazu eine Lehre erteilt. Als ich einen Kollegen kritisiert habe, sagte er mir klipp und klar: „Sie können über den denken, was sie wollen, aber der ist mein Freund!“ Da wusste ich Bescheid. Und ich habe den Satz nie mehr vergessen, sondern ihn mir so gut es geht zu eigen gemacht.
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