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Was ist eigentlich der Mensch?
Manchmal stellt sich diese Frage ganz plötzlich. Nicht im Philosophie-Seminar, nicht im Religionsunterricht. Sondern mitten im Leben.
Ich denke an einen Mann, den ich kennenlernen durfte. Jahrzehntelang hat er in seinem Beruf große Verantwortung getragen. Entscheidungen getroffen, war gefragt, war unterwegs. Ein Mensch mit Erfahrung, mit Wissen, mit einer Geschichte. Und dann kam die Demenz.
Anfangs waren es kleine Dinge. Namen sind verschwunden. Termine wurden vergessen. Später hat er Menschen nicht mehr erkannt, die ihm nahestanden. Stück für Stück schien immer mehr von ihm verloren zu gehen. Und irgendwann hat sich fast automatisch die Frage gestellt: Wer ist dieser Mensch nun eigentlich? Ist er noch derselbe? Und eben: Was ist der Mensch, wenn ihn eine Krankheit so verändert? Mittlerweile ist er gestorben.
Wenn ich an ihn denke, dann denke ich auch immer an die Frage, die einer in der Bibel an Gott stellt: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, das Menschenkind, dass du dich seiner annimmst?“
Das hat sich also jemand schon vor über zweitausend Jahren gefragt: Was ist der Mensch? Und er hat für sich eine Antwort gefunden: Ein Mensch ist irgendwas, was ganz groß sein kann. Aber auch sehr vergänglich. Also irgendwas dazwischen. Ein Geschöpf, das Großartiges leisten kann und doch zerbrechlich bleibt. Heute stark, morgen schwach. Heute voller Pläne, morgen auf Hilfe angewiesen.
Gerade die Demenz führt uns das schmerzhaft vor Augen. Sie nimmt vieles weg, was ein Mensch kann. Das, woran er sich erinnert und natürlich auch seine Selbstständigkeit. Was bleibt, wenn all das verschwindet, was uns ausmacht? Beruf, Leistung, Familie, Wissen, Erfolge?
Das Gebet aus der Bibel hat eine Antwort darauf, was bleibt. Der Wert eines Menschen hängt nicht daran, was er kann. Nicht daran, wie produktiv er oder sie ist oder wie klar sein Gedächtnis funktioniert. Wir Menschen sind wertvoll, weil Gott an uns denkt. Weil Gott uns kennt. Weil Gott uns nicht vergisst.
Wir Menschen können vergessen. Namen verblassen. Manchmal verlieren wir sogar uns selbst aus dem Blick. Aber: Gott verliert uns nie aus dem Blick.
Der demente Mann, an den ich denke, hat sich am Ende seines Lebens an vieles nicht mehr erinnern können. Aber seine Würde war deshalb nicht verschwunden. Denn sie hängt nicht an seinem Gedächtnis, sondern daran, dass Gott Ja zu ihm sagt. Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Geliebt, getragen und gehalten. Immer. Bis zuletzt. Und darüber hinaus.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44963Einfach eingeschlafen – und das mitten im Gottesdienst. Nein nicht ich. Und es war eigentlich auch kein langweiliger Gottesdienst – glaube ich zumindest. Ein kleines Kind, vielleicht ein Jahr alt, ist einfach mittendrin eingeschlafen. Wir hatten einen Taufgottesdienst. Und wie es bei Kindern in dem Alter halt so ist, war es immer abwechselnd bei irgendwem auf dem Arm: Bei der Mama, beim Papa, bei der Oma und beim Opa. Dann wollte es ein bisschen rumkrabbeln. Irgendwann saß es dann ganz allein auf einem Sitzkissen auf dem Boden. Da hat es erst ein bisschen kritisch geschaut, hat dann aber gesehen, dass die ganze Familie immer noch da ist. Es hat sich sicher gefühlt, sich aufs Kissen gelegt und ist eingeschlafen. Mich hat das beeindruckt.
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ Diesen Psalm haben wir in dem Gottesdienst gebetet. Und ich habe gedacht. Genau. Dem Kind mangelt es gerade an nichts. Alles ist gut. So kann man ruhig schlafen.
Und mir? Mangelt es mir an etwas? Habe ich von irgendwas zu wenig in meinem Leben? Wenn ich ehrlich bin: eigentlich nicht. Ich habe ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen und kann zusammen mit meiner Familie in Sicherheit leben. Ich glaube das geht vielen Menschen so. Und trotzdem habe ich bei vielen nicht das Gefühl, dass sie einfach nur glücklich sind. Ich ja auch nicht. Ich glaube: es geht uns oft mehr um das, was uns fehlt. Als um das, was wir haben. Überall springt mir in der Werbung oder in den sozialen Medien das „Zu wenig“ entgegen: zu wenig Schlaf, zu wenig Freizeit, zu wenig Sport und überhaupt zu wenig Zeit.
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ In diesem Bild von Schafen und einem Hirten ist es klar: Gras, Wasser, Sicherheit und ein Schaf ist zufrieden. Vielleicht sind die Grundbedürfnisse eines Schafes einfacher zu erfüllen als die von Menschen. Aber der Mensch, der dieses Gebet geschrieben hat, war sich sicher: Gott sorgt so für mich, dass ich zufrieden sein kann.
Mir ist in diesem Gottesdienst klar geworden, was auch in dem Gebet vom Hirten und den Schafen steckt: Dass ich mehr auf das achten könnte, was ich habe. Als auf das, was mir fehlt. Das Schaf denkt ja auch nicht, dass das Gras auf einer anderen Weide viel saftiger und das Wasser dort irgendwie frischer ist.
Ich glaube, wenn ich mich mehr über das freue, was ich habe, bin ich zufriedener. Ich habe, was ich brauche. Auch, wenn ich manchmal vielleicht gerne mehr Zeit oder mehr Geld hätte. Aber es mangelt mir an nichts. Da ist mir dieses Kind aus dem Gottesdienst ein echtes Vorbild.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44962Sommerabende. Ich liebe Sommerabende. Wenn man abends noch draußen sitzen kann. Vor allem, wenn es mittags heiß war und es langsam angenehmer wird. Das ist so eine ganz eigene Stimmung. Wenn es langsam ruhiger wird. Wenn es langsam dunkel wird und nach und nach die ersten Sterne zu sehen sind. Da werde ich irgendwie auch selber ruhig.
Bei uns in der Kirche gibt so einen Aufsteller mit Gedichten zum Mitnehmen. Da habe ich mir neulich ein sehr schönes Abendgedicht mitgenommen. Es ist von der Dichterin Maria Gorges. Da heißt es: „Am Himmel ist der Mond schon wach, scheint milde auf das Scheunendach, hinterm Wald nun sacht´ es dunkelt, überm Berg ein Sternlein funkelt. So ruhig und still wird jetzt die Welt, freut sich der Ruh´, die Einzug hält, die Nacht deckt alles friedlich zu, breit´ übers Land den Schlaf, die Ruh´.
Genau diese Ruhe spüre ich an Sommerabenden. Und das Gedicht geht noch weiter: „Nimm dir den Frieden in dein Herz, er löst den Kummer und den Schmerz, er gibt dir Trost in Freud und Leid, denn er kommt aus der Ewigkeit. Er ist ein Hauch von Gottes Sein und hüllt in seine Lieb' dich ein. Er gibt der Seele wieder Kraft, dass sie den neuen Morgen schafft.“
Dieses Bild berührt mich. An so einem Sommerabend, spüre ich manchmal etwas von diesem Frieden. Denn: Vieles, was mich tagsüber beschäftigt hat, wird ein wenig leiser. Mein ganzer Alltag – die Gespräche. Das, was ich heute so erlebt habe oder entscheiden musste. Ich gewinne Abstand und merke: Ich muss das alles gar nicht alleine schaffen.
Vielleicht ist genau das Gottes Friede. Er nimmt nicht alle Sorgen weg. Aber er gibt mir die Kraft, sie für einen Moment loszulassen. Und er erinnert mich daran: So dunkel eine Nacht auch sein mag – sie bleibt nicht für immer. Es wird Morgen.
Natürlich weiß ich, dass manche Nächte schwer sind. Manche Menschen finden keinen Schlaf. Andere liegen wach vor Sorgen oder Schmerzen. Gerade dann wünsche ich ihnen diesen Frieden, um den es in dem Gedicht geht – umso mehr.
Denn ich glaube: Gott bleibt an unserer Seite. Er lässt mich nicht allein. Er begleitet mich am Tag und auch in der Nacht. Ich bin ihm einfach wichtig. Wir Menschen sind ihm einfach wichtig. Und deshalb hoffe ich auch in den dunklen Zeiten meines Lebens auf einen neuen Morgen. Gottes Frieden trägt mich durch die Nacht. Darauf vertraue ich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44961Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser … dieses Sprichwort, kommt mir im Alltag leider immer wieder in den Sinn.
Manchmal ganz unspektakulär. Zum Beispiel dann, wenn mein Auto zum Kundendienst muss und der Anruf kommt: „Wir haben da noch etwas entdeckt. Das müsste gemacht werden.“ Und sofort meldet sich ein Gedanke in meinem Kopf: Stimmt die Diagnose wirklich? Ist die Reparatur tatsächlich notwendig? Oder, wenn ich was über eine Kleinanzeige im Internet kaufe: Kriege ich wirklich das zugeschickt, was ich da gekauft habe? Und stimmen die Beschreibung und der Zustand?
Natürlich weiß ich: Die allermeisten Menschen machen ihre Arbeit gewissenhaft. Und viele sind ehrlich, wenn sie etwas verkaufen. Und trotzdem ist das Misstrauen oft schneller da als das Vertrauen. Auch, weil ich schon einige schlechte Erfahrungen gemacht habe.
Manchmal habe ich den Eindruck, Misstrauen gehört inzwischen fast zur Grundausstattung unseres Alltags. Wer allen und allem vertraut, gilt schnell als naiv. Wer skeptisch ist, als klug und aufmerksam.
Trotzdem frage ich mich manchmal: Was macht das mit uns, wenn wir einander immer zuerst mit Misstrauen begegnen?
Vielleicht sehne ich mich nach etwas, das ich „Himmlischkeit“ nennen würde. Kein Wort aus dem Duden. Aber eines, das mir gefällt.
Himmlischkeit wäre für mich eine Haltung, in der Menschen einander grundsätzlich Gutes wollen und rücksichtsvoll miteinander umgehen. In der Menschen füreinander da sind. Vermutlich ist das ein bisschen naiv. Und trotzdem finde ich diese Sehnsucht im Glauben wieder.
Jesus hat immer wieder davon gesprochen, wie wichtig es ist, den Nächsten zu lieben. Also eigentlich alle, die mir so in meinem Alltag begegnen. Immer auch zu überlegen, was es mit den anderen macht, wenn ich mich so oder anders verhalte. Jesus hat genau davon erzählt: Von einer Welt, wie Gott sie sich für uns gewünscht hat. Eine Welt, in der wir uns gegenseitig vertrauen, respektvoll miteinander umgehen und ehrlich sind.
Vielleicht beginnt Himmlischkeit genau so: Mit einem Vorschuss an Wohlwollen gegenüber jedem und jeder. Wenn ich mich also nicht zuerst frage: „Will mir da jemand schaden?“, sondern: „Könnte es sein, dass dieser Mensch es ehrlich meint?“
Und vielleicht entdecken wir dann: Es gibt unzählige Menschen, die Tag für Tag versuchen, das Richtige zu tun. Ja, es ist manchmal ein Risiko, einander zu vertrauen. Aber es ist auch eine riesige Chance. Auf ein bisschen Himmlischkeit mitten unter uns.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44960Manchmal geht es ganz schnell. Ein falscher Schritt, einmal kurz nicht aufgepasst und plötzlich liegt man auf dem Boden. So ist es mir neulich gegangen. Unser Hund ist erschrocken und wollte sich zwischen meinen Beinen verstecken. Das ging so schnell, dass ich gestolpert und hingefallen bin. Gott sei Dank habe ich mir nur das Knie und das Handgelenk aufgeschürft.
„Na da hattest du aber wirklich einen Schutzengel!“ – hat da meine Frau gemeint, als ich nach Hause gekommen bin.
Schutzengel. Für viele Kinder gehören sie ganz selbstverständlich dazu. Sie passen auf dem Schulweg auf, sitzen unsichtbar mit auf dem Fahrrad oder fangen einen auf, wenn man hinfällt.
Aber irgendwann verändert sich etwas. Wir werden groß, stellen Fragen und tun uns mit Engeln manchmal schwer. Engel passen nicht so recht in unsere aufgeklärte Welt. Und trotzdem begegnen sie uns, in der Bibel, in Liedern und manchmal auch mitten im Leben.
In der Bibel sind Engel vor allem Gottes Boten. Sie spielen oft dann eine Rolle, wenn Menschen nicht mehr weiterwissen. Dann schickt Gott einen Engel und die Geschichte wendet sich zum Guten. Dafür braucht es meist gar nicht viel: Etwas zu essen oder zu trinken. Oder ein tröstendes Wort …
Ich mag diese Engelsgeschichten sehr. Und ich glaube: Auch heute wirken Engel noch genau so. Nicht spektakulär. Nicht mit Flügeln und goldenem Licht. Sondern durch Menschen, die im richtigen Moment da sind. Jemand, der mir sagt: „Du schaffst das“. Jemand, der mich genau im richtigen Moment anruft. Oder durch jemand, der sagt: „Komm, ich begleite Dich ein Stück.“
Manchmal merke ich vielleicht erst im Rückblick, dass ich nicht allein war. Dass mich jemand aufgefangen hat. Dass mich jemand beschützt hat. Nicht vor allem Leid. Nicht vor jeder Verletzung. Aber doch so, dass es weitergehen kann.
Der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer hat es so beschrieben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Er spricht nicht ausdrücklich von Engeln. Aber von der Erfahrung, getragen und begleitet zu sein. Gerade dann, wenn vieles unsicher ist.
„Gott ist bei uns am Abend und am Morgen. Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Dichtet Bonhoeffer weiter.
Ich muss nicht alles allein schaffen. Gott hat viele Möglichkeiten, mir nahe zu sein. Manchmal durch Menschen. Manchmal durch einen unerwarteten Gedanken. Manchmal durch eine Kraft, die ich mir selbst nicht erklären kann.
Und wer weiß: Vielleicht hatte ich da neulich ja wirklich einen Schutzengel. Jedenfalls bin ich sehr dankbar, dass der Sturz keine schlimmeren Folgen hatte – Gott sei Dank.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44959Manchmal frage ich mich am Ende eines Tages, was ich geschafft habe. Ich meine damit weniger, was ich alles erledigen konnte. Ich überlege, was mir gelungen ist und was nicht.
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die dazu neigen, alles negativ zu sehen und wenn mir etwas nicht gelungen ist, gleich alles in Frage zu stellen. Aber ich weiß, dass es Menschen gibt, denen es so geht. Manche Menschen verzweifeln, weil ihre Ideale, weil ihre Vorstellungen sich nicht umsetzen lassen, oder aus ihrer Sicht nur unzureichend. Ich weiß: Mein Leben ist nicht perfekt und ich bin es auch nicht.
Während ich diesen Radiobeitrag schreibe, sitze ich vor einem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium. Darin wird das Himmelreich mit einem Netz beschrieben, das die Fischer an Land ziehen und dann die guten Fische in Körben sammeln und die schlechten wegwerfen. Der Gedanke drängt sich mir auf, dass es dabei um Menschen geht – um gute und um schlechte. Und am Ende wird von Gott und seinen Gehilfen sortiert. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Ermutigend finde ich das nicht gerade.
Aber was passiert, wenn ich dieses Bild vom Netz aus einer anderen Perspektive betrachte? Wie sieht es aus, wenn das Netz mein Leben darstellt? Da gibt es Gutes zu finden, aber es gibt auch den Beifang, den niemand braucht. Was ist, wenn Gott am Ende eines Tages, oder am Ende meines Lebens das sammelt, was gut war und das andere entsorgt? Dann sieht dieses Bild gleich ganz anders aus.
Und weil ich glaube, dass Gott nachsichtig ist mit mir, weil ich darauf vertraue, dass Gott mich liebt und will, dass ich glücklich bin, darum meine ich, dass ich dieses Bild vom Netz genauso betrachten darf: Worauf es ankommt, was gesammelt wird, sind meine guten Seiten. Was zählt ist das, was gelingt. Alles andere fällt bei Gott unter den Tisch und spielt keine Rolle mehr. Niemand ist perfekt und niemand muss perfekt sein. Aus dieser Perspektive betrachtet finde ich dieses Bild schön und so macht es mir Mut.
Ich strenge mich nach wie vor an, gut zu sein und mein Bestes zu geben. Aber gleichzeitig kann ich gelassen auf das schauen, was niemand gebraucht hätte. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen nachsichtigen Blick auf diesen Tag und auf sich selbst. Und mit diesem Blick wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44978Es muss 2014 gewesen sein. In Dresden gingen Anhänger der Pegida-Bewegung auf die Straße, um gegen die Islamisierung des Abendlandes zu demonstrieren. Dabei trugen sie schwarz-rot-golden angemalte Kreuze vor sich her und sangen Weihnachtslieder wie „Stille Nacht“, oder „O du fröhliche“.
Ich habe damals in meiner Weihnachtspredigt die Position vertreten, dass diese Demonstrantinnen und Demonstranten aus meiner Sicht wenig von der Weihnachtsbotschaft verstanden haben. Das denke ich heute übrigens auch noch. Die Weihnachtsgeschichte erzählt von einer Familie, die eine Unterkunft sucht. Da bringt eine Frau unter erbärmlichen Verhältnissen ein Kind zur Welt. Und dann müssen Maria und Josef fliehen, weil jemand ihr Kind umbringen will. Mit Weihnachtsliedern und schwarz-rot goldenen Kreuzen gegen Menschen auf der Flucht zu demonstrieren, war also ziemlich absurd und es ist menschenverachtend.
Man kann mir vorwerfen, dass ich mich damit politisch geäußert hätte. Ja, das habe ich. Man kann der Meinung sein, dass ein Pfarrer das nicht tun darf. Das sehe ich anders. Die christliche Botschaft ist eine politische Botschaft. Das war sie schon immer. Sie steht klar auf der Seite derer, die arm sind, die ausgegrenzt, verfolgt und unterdrückt werden. Die christliche Botschaft ergreift für diese Menschen Partei und das endet nicht an einer Landesgrenze. Wo immer also Menschen an den Rand gedrängt werden, haben die Kirchen die Pflicht, ihre Stimme zu erheben. Und wenn die Kirche selbst Menschen an den Rand drängt, macht sie sich lächerlich. Auch das will ich klar sagen.
Übrigens halte ich es auch für problematisch, wenn einem bestimmten Teil unserer Gesellschaft durch sogenannte Brandmauern gesagt wird, man wolle mit ihnen nichts zu tun haben. Für sonderlich demokratisch halte ich das nicht. Und christlich ist das schon gar nicht, denn es schadet meiner Meinung nach unserem Zusammenleben.
Aber natürlich gibt es für mich rote Linien. Und die sind für mich auch nicht verhandelbar. Diese Linien verlaufen dort, wo Menschen an den Rand gedrängt werden, sei es aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Ansichten, ihrer Lebensweise oder warum auch immer. Bis zu dieser Linie können wir und sollten wir über alles reden und miteinander für unser Gemeinwohl Politik machen. Vielleicht würde so auch unsere Politik ein besseres Bild abgeben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44979Auf der Nordseeinsel Nordstrand steht der alt-katholische Theresiendom. Die Kirche ist wesentlich kleiner, als der Name es vermuten lässt. Vor dieser Kirche steht eine alte Zapfsäule. Sie dient als Einladung, hereinzukommen, um kurz aufzutanken. Neben der Kirche liegt auch ein Anker. Und demnächst soll da noch eine Telefonzelle stehen. Diese Gegenstände wollen Menschen aufmerksam machen und ansprechen. Woran machst du dich fest? Was gibt dir Halt? Nimm doch wieder einmal Kontakt auf – mit Gott.
Ich finde diese Bilder schön, weil sie mir eine Brücke bauen zu Gott, weil sie etwas über Gott zeigen.
Gott hat in der Bibel viele Gesichter. Und auf manche wäre ich nie gekommen. Da wird Gott beschrieben als kämpfende Bärin, als Löwe und als Panther. Und Gott hat in der Bibel einen Namen: Ich bin da.
Dieser Name klingt für mich wie eine Antwort: Wo bist du, Gott, wenn es mir schlecht geht? Wo bist du, wenn ich das Leben feiere? Wo bist du, Gott, wenn ich mich einsam fühle? Wo bist du, wenn ich ein Bad in der Menge nehme? Wo bist du, Gott, wenn ich sterbe. Wo bist du, wenn ich in diese Welt hineingeboren werde? „Ich bin da! Ich bin da für dich!“
Diese Antwort, dieser Name spricht die Hoffnung von Menschen aus, dass Gott existiert, dass Gott mit uns Menschen etwas zu tun hat, dass Gott da ist, für mich, für dich, für alle.
Auch die Zapfsäule, der Anker und die Telefonzelle können Bilder für Gott sein: Gott ist da für mich, damit ich auftanken kann. Gott ist der Anker, der mich hält und der mir helfen will, dass ich nicht die Haltung verliere. Gott wartet darauf, dass ich mich melde, dass ich erzähle, was bei mir so los ist. Am anderen Ende der Leitung ist eine Freundin, ein Freund und hört zu.
Das alles sind Bilder, Eselsbrücken, um Gott zu beschreiben, um zu sagen, wie Gott eventuell und hoffentlich sein könnte. Und diese Bilder helfen mir, mich zu verhalten. Auch ich kann da sein, damit jemand mal auftanken kann. Auch ich kann jemanden halten, jemandem Halt geben. Auch ich kann zuhören, wenn jemand sich was von der Seele reden will.
Ich bin dadurch noch lange nicht wie Gott. Aber vielleicht kann ich zu einer himmlischen Erfahrung beitragen. Und das wäre doch schon mal was!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44971Vielleicht kennen Sie die Geschichte von den Menschen, die mit verbundenen Augen einen Elefanten ertasten sollten, um dann zu beschreiben, was das für ein Tier ist. Für denjenigen, der den Rüssel erwischt, ist der Elefant wie eine Schlange. Diejenige, die ein Bein vor sich hat, ist fest davon überzeugt, der Elefant ist wie ein Baum. Beide haben aus ihrer Warte Recht. Und trotzdem liegen beide daneben.
Vor kurzem haben wir in unserer Gemeinde darüber gesprochen, wie wir uns Gott vorstellen? Wir haben uns darüber ausgetauscht und der Aufhänger war diese Geschichte vom Elefanten.
Wie ich mir Gott vorstelle, hängt sehr davon ab, wie ich geprägt bin, welche Erfahrungen ich gemacht habe und wie ich mir Gott wünsche. Ja, Gott ist aus meiner Sicht auch eine Projektionsfläche, wie die Leinwand im Kino, auf der ich die Bilder zeige, die ich von anderen übernommen, oder die ich selbst im Lauf meines Lebens entwickelt habe.
Manche dieser erlernten Bilder stehen mir heute im Weg. Der „allmächtige Gott“ zum Beispiel. Wenn Gott allmächtig ist, warum lässt er dann zu, dass Menschen sich im Krieg gegenseitig massakrieren? Die Antwort, dass Gott uns Freiheit gegeben hat, überzeugt mich mal mehr mal weniger. Das gilt auch für das Wortspiel „Gott ist allmächtig, weil Gott in uns allen mächtig ist“. Mit dieser Allmacht kann es nicht weit her sein. Menschen verhalten sich sehr gegensätzlich. Während die einen sich um Frieden bemühen, wetzen die anderen die Säbel. Ja was denn nun?
Die Bibel geht davon aus, dass Gott die ganze Erde und den Menschen geschaffen hat. Und die Bibel mahnt: Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen. Wenn jeder Menschen ein Geschöpf Gottes ist, dann ist es nach meinem Verständnis ein Missbrauch, Menschen im Namen Gottes abzuwerten, auszugrenzen, ins Elend zu schicken, oder gar umzubringen. Natürlich gibt es auch andere Gottesbilder. Ich muss mich entscheiden, wie ich Gott sehe und was mein Bild von Gott für mein Verhalten bedeutet. Ich muss mich entscheiden, wie ich leben will.
Für mich ist Gott die Einladung, mich selbst und alle anderen Geschöpfe als gleichberechtigten Teil dieser Welt zu betrachten. Heruntergebrochen auf einen ganz einfachen Merksatz heißt das: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.
Ich meine, dass dieser Grundsatz ein friedliches Miteinander möglich macht. Und ich stelle mir vor, dass Gott sich ein friedliches Miteinander aller Menschen wünscht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44970Im Gespräch mit Menschen, die, so wie ich, auf der Suche sind nach Gott, also nach einem guten Weg für sich selbst und für das Miteinander mit anderen, geht es schnell darum, wie ich mir Gott vorstelle, welches Bild ich von Gott habe.
„Du sollst dir kein Gottesbild machen.“ Dieses Gesetz soll Gott seinem auserwählten Volk gegeben haben. Davon erzählt die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten. In Ägypten und in anderen Kulturen war es durchaus üblich, Standbilder von Göttern anzufertigen und diese anzubeten. Das Bilderverbot der Bibel will sich davon abgrenzen.
Aber dieses Bilderverbot hat noch eine tiefere Bedeutung: Kein Bild, das Menschen von Gott machen könnten, kann Gott umfänglich darstellen. Jedes Bild scheitert, weil Gott mehr ist, größer und anders, als das Bild es zeigt. Jedes Bild reduziert Gott ein Stück weit und auch das will das Bilderverbot verhindern.
Als Theologe kann ich dieses Verbot gut nachvollziehen. Aber was hat das mit meinem Alltag zu tun? Und hat das Bilderverbot auch eine Bedeutung für Menschen, die mit Gott gar nichts am Hut haben? Ich meine: Eine ganze Menge sogar!
Unsere Sprache arbeitet mit Bildern: Ein See liegt da wie ein Spiegel. Jemand freut sich, wie ein Schneekönig. Oder vor Aufregung zittert ein Kind, wie Espenlaub. Mit diesen Bildern drücke ich aus, was ich sehen, oder was ich fühle. Oder haben Sie wirklich schon einmal Schmetterlinge im Bauch gehabt?! Mit Hilfe von Bildern drücken wir uns aus und teilen uns anderen mit.
Und wir machen uns Bilder. Zum Beispiel macht sich ein Feuerwehrmann, wenn er am Einsatzort eintrifft, ein Bild von der Lage. Eine Therapeutin macht sich, beim ersten Kontakt mit einem neuen Klienten, ein Bild von dieser Person. Aber vielleicht gilt ja für die Lage am Einsatzort, oder für den Klienten dasselbe, wie für Gott? Vielleicht sieht der Feuerwehrmann nicht alles und ein Kollege kann etwas beitragen, das er bemerkt hat. Das Gesamtbild der Lage am Einsatzort wird dadurch vollständiger. Die Therapeutin mag einen Eindruck haben von der Person, die ihr gegenübersitzt. Aber wer kann einen anderen Menschen schon ganz erfassen? Bei dem, was ich wahrnehme, habe ich es immer mit Momentaufnahmen zu tun.
Vielleicht ist es ein guter Rat, den die Bibel anbietet, mit den Bildern, die ich mir mache, vorsichtig zu sein und für möglich zu halten, dass sie nur einen Ausschnitt zeigen, aber nicht alles. Vielleicht muss ich das Bild, das ich mir heute von jemandem gemacht habe, noch einmal überdenken. Denn was für Gott gilt, gilt für jeden Menschen: Er ist größer, er ist anders und er ist mehr als das, was ich sehe und beschreiben kann. Von daher ist es gut, wenn das Bild, das ich mir gemacht habe, nicht in Stein gemeißelt ist.
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