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In der Familie der Schriftstellerin Elke Heidenreich wurde lange kein Weihnachten gefeiert. In ihrer Kurzgeschichte „Weihnachten“ [1] beschreibt sie die Situation so:
„Als ich noch ein Kind war, kroch schon ab November die Angst vor Weihnachten in mir hoch. (…) „Ich feiere doch nicht den Geburtstag von einem, an den ich nicht glaube“, sagte meine Mutter, und „Wo war er denn im Krieg, der Herr Jesus?“ Später, als ich sehr viel älter und meine Mutter schon tot war“, schreibt Elke Heidenreich weiter, „las ich eine Geschichte von Luise Rinser über einen kleinen Jungen im KZ, der als Bote zwischen den Baracken hin und her geschickt wurde, bis die Nazis ihn erwischten. Sie hängten ihn auf, und alle mussten zusehen und weinten, und ein alter Mann rief verzweifelt: „Wo ist jetzt Gott?“ Und ein anderer zeigte auf diesen gequälten Jungen und sagte: „Dort hängt er.“
Gott. Ohnmächtig am Galgen? Das erinnert mich sofort daran, dass Jesus gekreuzigt wurde. Auch er starb, ohnmächtig, im Gefühl von Gott verlassen worden zu sein. Verzweifelt und einsam. Gott ist ohnmächtig. Hilflos.
Aber warum? – Müsste Gott nicht stark sein und allmächtig? Wenn man „Gott“ sagt, stellt man sich doch Wunder vor, Kraft, Überlegenheit. So wie zum Beispiel die Götter in den alten griechischen Sagen: Eine Wundertat oder manchmal auch nur ein Gedanke und schwupp, haben sie das Leben eines Menschen zum Guten oder häufig auch mal zum Bösen gewandelt. Bei diesen alten Mythen fällt mir aber auch auf: Diese Götter denken vor allem an sich selbst, an ihr eigenes Ansehen, ihre eigene Macht, ihren Stolz. Und die von ihnen geschaffenen Menschen sind ihnen dabei meist ziemlich egal.
Der christliche Gott ist anders. Auch er wird als ganz großartig beschrieben. Als Schöpfer der Welt, allwissend, allmächtig und auch er tut Wunder. Aber dann erscheint er doch auch wieder gebrochen. Er kommt arm, im Stall zur Welt. Wird von den Hirten dort begrüßt, die selbst Ausgeschlossene waren, am Rand der Gesellschaft standen. Und er stirbt am Kreuz. Ohnmächtig. Einsam und hilflos. Die einzige Macht, über die dieser Gott verfügt, ist die Macht der Liebe. Diese Macht ist oft zerbrechlich, zögerlich und schwach: Gott am Kreuz. Der Junge am Galgen.
Unser Gott ist schwach. Aber dadurch eben auch so nah und so voller Liebe zu uns Menschen – und nicht gleichgültig und arrogant, wie es manche antike Göttersagen erzählen. Nein, der christliche Gott kennt Leid, kennt Einsamkeit, kennt Schmerz und kennt den Tod. Und kann uns darum in all dem nahe sein.
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Elke Heidenreich erzählt in ihrem Buch „Alles kein Zufall“ von einer Aktion von zwei Freunden von ihr. Ich lese es ihnen mal vor:
„Vor Jahren machten zwei befreundete Künstler, ein Musiker und ein Maler, in Köln auf dem Domplatz eine Performance, eine künstlerische Aktion, sie hieß: „Küssen und Schlagen“. Sie küssten sich immer etwa ein, zwei Minuten, dann schlugen sie sich. […] Die Menge sah zunächst fasziniert zu, dann wurden erste Protestrufe laut: „Ihr Schwuchteln!“, (…) „Das sollte verboten werden!“. Schließlich kam es zu Handgreiflichkeiten. Aber nur bei den Küssen, nie bei den Schlägen.“ [1]
Da küssen sich zwei Männer. Und die Menschen drumherum ertragen es nicht. Schlagen dürfen sich die zwei. Das ist vertraut. Aber dass zwei Männer sich lieben, das ruft Widerspruch hervor. Warum?
Ja, auch in der Bibel gibt es Aussagen, die sich gegen homosexuelle Handlungen aussprechen. Und das hat böse Folgen in der Geschichte unserer Kirche gehabt. Aber da muss man genau hingucken: Diese Aussagen haben nämlich historische Gründe hat. Geheiratet hat man damals zum Beispiel vor allem deshalb, weil Mann und Frau aufeinander angewiesen waren. Ihre Kinder mussten sie versorgen, wenn sie alt wurden. Es ging darum, versorgt zu sein, keine Not leiden zu müssen. Mit Liebe hatte das vermutlich selten etwas zu tun. Aber so, und leider ausschließlich so, funktionierte die Gesellschaft damals. Und das hat sich eben auch in manchen biblischen Texten niedergeschlagen.
Für mich sind darum andere Stellen in der Bibel viel, viel wichtiger. Zum Beispiel heißt es im ersten Brief des Johannes: „Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1.Joh 3,18). Da schwingt für mich die ganze Botschaft Jesu mit: Er hat sich den Ausgeschlossenen zugewandt, er hat gezeigt, was es heißt, aus vollen Herzen Menschen zu lieben und sie mit Respekt so anzunehmen, so wie sie sind. Gegen diese Grundlinien des Christentums kommen für mich die paar homophoben Stellen in der Bibel nicht an. Sie sind im Vergleich dazu schlicht unwichtig.
„Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. “Wenn ich das höre, dann ist für mich klar: Liebt! Liebt! Voller Respekt füreinander. Aber: Egal wen. Denn wo Liebe ist, da ist Gott. Was kann es Besseres geben?
[1] Elke Heidenreich, Alles kein Zufall – Kurze Geschichten, Fischer Taschenbuch 2017, S. 87.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44455Elke Heidenreich beschreibt in ihrem Buch „Alles kein Zufall“ einen Tag, an dem für sie alles grau scheint. Und sie beschreibt, wie sie aus diesem Grau in Grau gerettet wird. Ich mag diese kleine Geschichte. Ich lese Ihnen mal ein Stück daraus vor[1]:
„Ein besonders grauer Tag. Besonders viel geht schief. Nur Kleinigkeiten, aber es sind ja nicht die ganz großen Katastrophen, woran wir zerbrechen, es sind die Kleinigkeiten. Aus den ganz großen Katastrophen erwächst uns Kraft, wir halten durch, sind tapfer, wie wir es immer gelernt haben. Aber diese grauen tückischen Tage voller kleiner Enttäuschungen und Niederlagen, die zersetzen uns, und hilflos wissen wir nicht, wie wir dem gegensteuern können: dem Gefühl von Verlust, Trauer, Schwäche.“
Was Elke Heidenreich da beschreibt, kenne ich gut. Tage, an denen einfach nichts klappen will. Ich sowieso schon angespannt bin. Und dann der Moment, die Kleinigkeit, die das Fass zum Überlaufen bringen. Ein Moment der Unaufmerksamkeit, ein Glas zersplittert in tausend Scherben auf dem Küchenboden und ich könnte nur noch heulen. Das hat mit dem Glas gar nichts zu tun. Aber es war der Splitter zu viel, die eine kleine Niederlage, an der ich zerbreche.
Ein besonders grauer Tag… Und wie kommt man da wieder raus?
Mir hilft manchmal: Schlafen. Ganz viel schlafen. Oder rausgehen. In den Wald. Übers Feld. Andere brauchen an so einem grauen Tag vielleicht eher Party. Sich austoben. Irgendwie den Frust loswerden, ihn irgendwo lassen und hoffentlich loslassen können. Manchmal hilft mir da auch ein Stoßgebet, ein Seufzer in Richtung Himmel!
Auch Elke Heidenreichs Geschichte endet nicht mit dem Grau in Grau. Auch sie hat einen Tipp. Und auch sie greift auf das Stoßgebet zurück. Hören Sie selbst:
„Hilflos wissen wir nicht, wie wir (…) gegensteuern können (…). Gelegentlich auf das Wasser blicken […] Ein Spaziergang am Rhein hilft [mir] meistens, er fließt und trägt Tristesse mit sich fort in die graue Nordsee. Der Gang zum Rhein aber ist fast zu schwer heute (…). Die Stufen zum Ufer hinunter, heute kaum zu bewältigen. Tränen. Verzweiflung bis zur Atemlosigkeit, die Bitte aus der Kindheit, an wen auch immer: „Gib ein Zeichen, irgendein Zeichen, das ich verstehe!“ Ein Schiff fährt vorbei, ein großes Containerschiff, es kommt aus Holland und kämpft sich Richtung Basel. Es heißt Esperanza. Hoffnung. Ein Zeichen.“
[1] Elke Heidenreich, Alles kein Zufall – Kurze Geschichten, Fischer Taschenbuch 2017, S. 68f.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44454Goethes Faust hat unglaubliche 4612 Verse! Jeden einzelnen dieser Verse druckt der Künstler Philip Görres Buchstabe für Buchstabe auf ungefähr handgroße Tonplatten. Er nimmt kleine Stempel dafür und so entsteht jeden Tag eine neue Platte mit etwa zehn Versen. Die werden dann getrocknet und später im Ofen gebrannt. Etwas mehr als die Hälfte vom Faust hat Philip Görres auf diese Weise schon gedruckt. Über tausend Stunden wird er vermutlich in das Projekt investieren. Er wünscht sich, dass am Ende alle 700 Platten in einer Stadt zu einem Faustplatz verlegt werden. Das soll ein Ort der Begegnung sein. Ein Platz, wo man Literatur nochmal neu wahrnimmt.
Als Künstler schafft Philip Görres da etwas Bleibendes. Ein großes Werk. Und während ich das Projekt im Internet verfolge, frage ich mich: Was bleibt von dem, was ich tue, eigentlich? Nun bin ich mit Anfang 40 vermutlich früh dran, wenn ich über so etwas wie mein Vermächtnis nachdenke. Wahrscheinlich werde ich, so wie die allermeisten Menschen, keine großen sichtbaren Werke schaffen. Aber ich glaube und hoffe, dass vieles von dem, was ich mit meinem Tun bewirke, auch bleibenden Wert hat. Zum Beispiel ist der Mann unserer betagten Nachbarin gestorben. Da war in den letzten Wochen immer wieder Hilfe beim Einkaufen angesagt oder einfach zuzuhören.
Das sind lauter kleine Werke. Und ich glaube, das passt gut zu dem, was Jesus mit Nächstenliebe gemeint hat. Der hat auch keine Bilder gemalt oder Bücher geschrieben. Sondern er hat sich Zeit genommen und ist Menschen unvoreingenommen begegnet. Und mit dem, wie er gesprochen und gehandelt hat, hat er die Welt verändert. Ich glaube, dass es auf diese vielen einzelnen Momente und Schritte ankommt. Dass das, was ich Liebevolles oder Hoffnungsstarkes bewirke, für die Menschen um mich herum in dem Moment ganz konkret wichtig und wertvoll ist.
Natürlich gelingt mir das nicht immer. An manchen Tagen bin ich zu müde oder zu faul, anderen zu helfen. Aber ich glaube fest, dass auch simple Taten viel bewirken können, und das hilft mir, dass ich es immer wieder versuche. Und wie schön, dass neben mir jeden Tag Millionen von Menschen auch gute kleine Werke vollbringen.
Trotzdem faszinieren mich Künstlerinnen und Künstler wie Philip Görres, die an ganz großen Werken arbeiten. Sie sind so kreativ und inspirierend! Und so wie beim Faust-Projekt Buchstabe für Buchstabe was Neues entsteht, zählt jeder Versuch, jeder Mini-Schritt und jede gute Idee, mit der Menschen unsere Welt zum Besseren verändern.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44417Was passt besser auf einer Beerdigung: klassische Musik oder das Badnerlied?
Wenn ich als Seelsorger bei Angehörigen bin und wir zusammen die Beerdigung vorbereiten, geht es natürlich auch um die Musik. Aber erstmal erzählen mir die Angehörigen vom Leben der verstorbenen Mutter, des Bruders oder der besten Freundin. Was waren die wichtigsten Meilensteine, was waren Hobbys und Eigenheiten? Irgendwann später geht es dann darum, wie die Feier gestaltet werden kann.
Oft wird Musik vorgeschlagen, die der Verstorbene gern gehört hat oder die viel von dem ausdrückt, was ihm oder ihr wichtig war. So auch beim Badnerlied: Als ich zum Trauergespräch gekommen bin, hab ich im Garten gleich eine riesige Badner-Flagge hängen sehen. Da war jemand aus ganzem Herzen mit seiner Heimat verbunden. Und deshalb hat das Badner-Lied dann auch so gut in die Trauerfeier gepasst.
Ein anderes Mal hab ich den Vater eines sechzehnjährigen Mädchens beerdigt. Sie hat für ihren Papa ein Lied ausgesucht, das war laut und wild. Sie hat es in den Tagen nach seinem Tod oft gehört, und das hat ihr in dieser ersten Zeit geholfen. Bei der Trauerfeier haben wir erklärt, warum genau dieses Lied jetzt passt. Denn im ersten Moment war die Musik für viele ungewohnt. Aber als dann alle wussten, was die Tochter mit dem Lied verbindet, da war die Stimmung in der Feier noch viel persönlicher.
Es gab bisher noch keinen Liedvorschlag, bei dem ich gesagt hätte, das geht gar nicht. Nur wenn jemand sagt: „Das war unser Lied. Das lief, als wir uns kennengelernt haben.“ Oder „Zu dieser Musik haben wir bei unserer Hochzeit getanzt.“ Dann erkläre ich, dass zu den schönen Erinnerungen, die man mit diesem Lied verbindet, dann auch die auch schmerzhaften dazukommen können. Ich hab das selbst erlebt.
Bei der Trauerfeier meines Schwiegervaters haben wir mein Lieblings-Osterlied gesungen. Ich mag es immer noch gern, aber jedes Mal, wenn ich es jetzt singe oder höre, denke ich auch an den Tag der Beerdigung und wie traurig wir alle waren.
Musik kann so viel. Deshalb lohnt es sich, dass man sich ganz bewusst entscheidet. Denn Musik kann unsere Seele berühren. Sie kann eine Hoffnungsbotschaft transportieren und trösten. Und sie kann auf ganz innige Weise an Verstorbene erinnern. Wie schön, wenn man sich dann gut verabschieden kann. Und das kann ich mit klassischer Musik erleben, mit ganz moderner Musik oder mit dem Badnerlied.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44416„Und diese Biene, die ich meine, nennt sich …“
Natürlich „Maja“! Die „sehr bekannte Biene“ ist nur ein Beispiel dafür, welch große Sympathieträgerinnen Bienen bei uns sind. Ich denke an Zeichentrickserien oder Kinderlieder, an ihren sprichwörtlichen Fleiß und natürlich darf an keinem Frühstücksbuffet der Honig fehlen. Bienen haben ein tolles Image.
Trotzdem sind sie in Gefahr. Einseitig betriebene Landwirtschaft führt dazu, dass viel zu viel Pflanzenschutzmittel gespritzt wird. Das schadet den Bienen. Es gibt in den Städten immer weniger Bäume und in den Gärten immer weniger Blumen. All das schwächt Bienen und macht sie anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Und so geht es nicht nur unserer beliebten Honigbiene schlecht, sondern auch den vielen Tausend Wildbienen-Arten. Um darauf aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen den 20. Mai zum Internationalen Welttag der Bienen erkoren.
Bienen – vor allem Wildbienen – sind unglaublich wichtig für unser Ökosystem. Sie bestäuben nicht nur ein paar Bäume und Blümchen, sondern auch das, was landwirtschaftlich angebaut wird. Sie sind deshalb für eine gute Ernte enorm wichtig. Ohne Bienen hätten wir nicht nur eine Brotaufstichs-Option weniger beim Frühstück, sondern überhaupt viel weniger zu Essen. Forschende schätzen, dass etwa ein Drittel der Nahrung, die weltweit produziert wird, davon abhängt, dass Insekten Pflanzen bestäuben.
Je mehr ich über Bienen lerne, desto mehr bringen sie mich zum Staunen: Sie bilden Staaten, in denen jedes Tier eine bestimmte Aufgabe hat. Bienenvölker überleben den Winter nur, weil sie sich zusammentun und sich gegenseitig mit ihrer Körperwärme vor der Kälte schützen. Und wie charmant ist es bitte, dass Bienen ganz individuelle Tänzchen aufführen, um einander mitzuteilen, wo es leckeren Nektar gibt. Sie können so ganz absolut präzise ausdrücken wie weit es zur begehrten Blumenwiese noch ist, und in welcher Himmelsrichtung man fliegen muss. Kommunikation durch Tanz, das finde ich einfach brillant!
Und Bienen haben es sogar in den wichtigsten katholischen Gottesdienst geschafft: Zu Beginn der Osternacht wird die Osterkerze in die dunkle Kirche getragen, und dann wird ein Lob auf die Bienen gesungen, die mit ihrem Fleiß das Wachs dieser Kerze bereitet haben.
Wenn es schon morgens auf dem Balkon um mich herum summt und brummt, mache ich mir bewusst, wie sehr alles in der Natur miteinander verbunden ist. Wie genial sich das im Laufe der Jahrtausende aufeinander eingespielt hat. Ich spüre die riesige Verantwortung, die wir Menschen haben, mit dieser wunderbaren Schöpfung gut umzugehen. Und ich staune über Biene Maja und ihre Millionen Artgenossen. Die kleinen Geschöpfe Gottes begeistern mich!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44415Die 10. Klässler aus meiner Reli-Klasse schauen sich ein Video aus dem Internet an: Eine junge Frau geht zehn Stunden lang durch New York und wird dabei mit versteckter Kamera gefilmt. Was sie erlebt, ist erschreckend: Unzählige Male wird ihr hinterhergepfiffen. Es gibt heftige Kommentare über ihr Äußeres oder Fragen nach ihrer Telefonnummer. Über hundert Mal sprechen sie fremde Männer an und belästigen sie.
Wir sprechen in der Klasse darüber. Emma bemerkt: „Die war doch ganz normal angezogen. Schwarzes Oberteil ohne Ausschnitt und eine Jeans. Und sie ist einfach nur die Straße langgelaufen. Sie hat überhaupt nicht gezeigt, dass sie jemanden kennenlernen will.“ Julia fällt auf: „Zwei Typen sind einfach ein paar Minuten lang neben ihr hergelaufen. Die haben sie richtig verfolgt. Wie gruselig!“
Dann frage ich als Religionslehrer: „Hat jemand von euch schon ähnliche Erfahrungen gemacht?“. Alle Schülerinnen können von mindestens einer Begebenheit erzählen. Alle kennen sexistische Bemerkungen oder Nachrichten und viele haben ein ungutes Gefühl, abends allein nach Hause zu gehen. Eine Schülerin erzählt sogar, wie sie zusammen mit ihrer Mutter massiv sexuell belästigt wurde. Sie haben laut gerufen und konnten sich Gott sei Dank aus der Situation retten.
Die Jungs in der Klasse sind sonst um keinen blöden Spruch verlegen, aber jetzt werden sie immer ruhiger. Sie sind überrascht, manche sind auch erschrocken.
Natürlich sprechen wir auch darüber, dass nicht alle Männer so sind. Aber es sind eben in den aller, allermeisten Fällen Männer. Und dann sind zwei meiner Schüler besonders mutig. Sie geben zu, dass sie selbst schon sexistisch gehandelt haben oder zumindest jemanden kennen. Wir sind uns in der Klasse einig, dass diese Form von Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen alltäglich ist. Und dass sie aufhören muss.
Und was kann man selbst tun? Ich kann mich zum Beispiel direkt einmischen, wenn jemand herabgewürdigt wird. In meiner Kirchengemeinde arbeite ich immer wieder mit jungen Leuten. Zusammen mit den älteren Jugendlichen schaue ich drauf, dass sie mit ihrem Verhalten ein Vorbild für die Jüngeren sein können. Und wie wichtig es ist, einen guten Umgangston miteinander zu haben. Das trägt alles dazu bei, dass möglichst alle eine gute Zeit miteinander haben.
Das Fazit am Ende der Reli-Stunde ist: Es werden weniger Menschen bedrängt und belästigt, wenn mehr Menschen mutig sind. Ich sehe diesen aufkeimenden Mut in den Augen meiner Schülerinnen und Schüler und das lässt mich hoffen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44414Fünfundzwanzig Jugendliche und ich zusammen auf einem Hüttenwochenende! Und ich höre zu, wie sie miteinander diskutieren. Ein Mädchen erklärt: „Also, ich hab die Jungfrau Maria ausgeschnitten. Das kann ich nicht glauben!“ Und ein sonst zurückhaltender Junge meint: „Und ich möchte diesen Abschnitt nicht haben: ‚dass Jesus die Lebenden und die Toten richtet‘. Was soll das überhaupt bedeuten?“
Was die Jugendlichen da machen? Sie bereiten sich auf ihre Firmung vor. Es ist das kirchliche Fest ein paar Jahre nach der Erstkommunion. Und gerade bearbeiten sie das katholische Glaubensbekenntnis. Alle haben ein großes Blatt mit dem traditionellen Text vor sich liegen, darauf steht: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ und so weiter. In der Hand haben alle eine Schere, denn die Jugendlichen sollen das ausschneiden, womit sie nichts anfangen können oder was sie nicht verstehen. Schnell liegen die ersten Schnipsel am Boden.
Als ich das vor ein paar Jahren zum ersten Mal gemacht habe, ist ein Stich durch mein Theologen-Herz gegangen. Man kann doch aus dem Glaubensbekenntnis nicht einfach rausschneiden, was einem nicht passt. Immerhin ist der Text des sogenannten Apostolische Glaubensbekenntnisses über 1500 Jahre alt. Es steckt alles Wichtige drin, was Christen glauben: Dass Gott alles gemacht hat, dass Jesus Gottes Sohn ist, dass er umgebracht wurde und auferstanden ist. Und dass der Heilige Geist auch heute noch wirkt. Da kann man nicht beliebig was wegnehmen.
Trotzdem finde ich es super, dass die Jugendlichen kritisch auf den Text schauen und bei jedem Wort überlegen: Verstehe ich das? Welche Worte sind wichtig für mich, und welche nicht? Das ist nicht in jeder Lebensphase gleich.
Da geht es mir ja ganz ähnlich. Manchmal ärgere ich mich über die Kirche als Institution. Dann geht mir der Teil im Glaubensbekenntnis mit der „heiligen katholischen Kirche“ gar nicht leicht über die Lippen. Ein paar Wochen später kann das wieder anders aussehen.
Und jetzt zurück zu den Jugendlichen und ihren Glaubenstexten mit den Lücken drin. Da wird es noch richtig spannend. Denn am Schluss legen alle ihre durchlöcherten Blätter passgenau übereinander. Und jedes Mal gibt’s einen Aha-Effekt: Denn nie schneiden alle dieselben Stellen aus. Wenn man die Blätter übereinanderlegt, verschwinden die Löcher und man bekommt wieder das vollständige Glaubensbekenntnis.
Das ist ein schöner Gedanke, der mir immer wieder mal in den Sinn kommt, wenn ich diesen Text zusammen mit anderen im Gottesdienst spreche. Es gibt immer jemanden, der das glaubt, was ich gerade nicht aus vollem Herzen mitbeten kann. Die Glaubensgemeinschaft der Kirche hält das aus. Und sogar noch mehr: Genau deswegen ist der Glaube so vielfältig und lebendig.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44413Es ist Mai. Die Hochzeitssaison hat begonnen. Monate, manchmal Jahre lang planen junge Paare ihr Fest der Liebe. Es soll ein besonderer Tag werden, ein Tag, der sich ins Herz des Paares und der Gäste einschreibt. Die Erwartungen an diesen Tag sind groß: Man wünscht sich Sonne, gutes Essen, fröhliche Gesichter - mit oder ohne Kirche. Ein Tag, an dem einfach alles passt, alles zusammenkommt.
Als Pfarrerin nehme ich wahr, dass sich bei manchen Paaren ein ganz schöner Druck aufbaut: alles muss stimmen. Nichts darf schiefgehen. Dieser eine Tag muss halten, was man sich vom ihm erhofft - auch und gerade dann, wenn die Erwartungen aus der Familie und dem Freundeskreis ganz unterschiedlich sind. Dabei kann leicht aus dem Blick geraten, worum es an diesem Tag eigentlich geht. Nicht um das perfekte Fest, sondern um zwei Menschen, die einander wichtig sind. Die einander lieben und ihren Weg gemeinsam durch das Leben gehen möchten.
Vielleicht entsteht genau aus diesem Gedanken heraus eine andere Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach dem Einfachen. Danach, das Wesentliche in den Blick zu nehmen – ohne großen Aufwand, ohne den Druck oder auch die Kosten einer großen Feier.
Im Juni bieten die evangelischen Kirchen an vielen Orten die Aktion „Einfach heiraten“ an. Paare sind eingeladen, ihre Liebe segnen zu lassen. Unkompliziert. Ohne lange Vorbereitung. Einfach so. Weil zwei Menschen merken: Unsere Liebe trägt – und das möchten wir feiern.
Denn die Liebe gehört allen: den jungen Paaren am Anfang. Und genauso denen, die schon viele Jahre miteinander unterwegs sind. Paaren, die Krisen überstanden haben. Die Höhen und Tiefen kennen. Die erfahren haben, dass Liebe nicht immer glänzt, aber trägt.
An diesem Tag können alle spüren: Gottes Segen für die Liebe tut gut. Vielleicht nimmt man ihn in einem kleinen Rahmen sogar bewusster wahr als in einem großen, Gottes Segen für die Liebe und das Leben. Mit einem dankbaren Blick zurück und nach vorn. Ein Moment, in dem ausgesprochen wird, was im Alltag oft ungesagt bleibt: dass Liebe zwischen zwei Menschen wertvoll ist und ein großes Geschenk.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44403Das war schon immer so! Diesen Satz habe ich als junge Pfarrerin gehasst, besonders wenn er in einer Sitzung fiel. Nicht, weil ich alles anders machen wollte. Sondern weil dieser Satz jede Diskussion erstickt hat. Ich war neugierig. Ich wollte verstehen, woher bestimmte Traditionen in der Kirche kommen und warum sie für manche so unverrückbar waren. Das war schon immer so! Ein Satz wie ein Deckel auf neue Ideen, auf Zweifel, auf ehrliches Verstehen Wollen.
Heute höre ich diesen Satz mit anderen Ohren. Ich höre darin auch Angst. Die Angst, etwas zu verlieren, was man liebgewonnen hat. Die Angst, dass Erfahrungen entwertet werden. Und ja, natürlich gilt das auch für mich. Ich bin ein ganzes Stück älter geworden, habe Neues auf den Weg gebracht, von dem man heute sagt „Das war schon immer so!“ Und ich weiß: Nein, das war es nicht.
Meine Tochter ist jung. Sie hat Ideen. Sie stellt Fragen, wo ich längst meine, Antworten zu haben. „Mama, hör mir doch erst einmal zu!“ Sie denkt weiter, wo ich vorsichtig geworden bin. Und manchmal merke ich, wie schnell mir selbst der Satz über die Lippen kommen will, den ich früher nicht ertragen habe. Das war schon immer so!
Meine Tochter sagt zum Beispiel, dass man, bevor man etwas entscheidet, erst einmal wirklich zuhören soll – auch denen, die anders denken. Das fordert mich heraus. Nicht, weil ich es grundsätzlich anders sehe, sondern weil ich spüre, wie schnell Erfahrung zur Grenze werden kann und Vorsicht zum Bremsklotz.
Vielleicht liegt die Herausforderung nicht darin, ob die Jungen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sondern, ob wir Älteren bereit sind, ihnen den nötigen Raum zu geben. Nicht, weil es uns egal ist, sondern, weil wir ihnen vertrauen. Nicht, weil wir keine Ideen mehr haben, sondern weil wir neugierig sind auf ihre Visionen und Vorstellungen.
In der Bibel heißt: „Eure Söhne und Töchter werden prophezeien, eure Alten werden Träume haben“ (Joel 3,1) Beides gehört für mich zusammen, die Prophezeiungen der Jugend und die Träum der Alten. Doch Prophezeiungen brauchen Raum, und Träume dürfen nicht zu Mauern werden. Vielleicht beginnt Loslassen genau hier: Wo wir den Satz Das war schon immer so! nicht mehr als Abwehr benutzen, sondern als Einladung, über alle Generationen hinweg gemeinsam weiterzudenken und zu träumen.
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