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SWR4 Abendgedanken
Was ist eigentlich der Mensch?
Manchmal stellt sich diese Frage ganz plötzlich. Nicht im Philosophie-Seminar, nicht im Religionsunterricht. Sondern mitten im Leben.
Ich denke an einen Mann, den ich kennenlernen durfte. Jahrzehntelang hat er in seinem Beruf große Verantwortung getragen. Entscheidungen getroffen, war gefragt, war unterwegs. Ein Mensch mit Erfahrung, mit Wissen, mit einer Geschichte. Und dann kam die Demenz.
Anfangs waren es kleine Dinge. Namen sind verschwunden. Termine wurden vergessen. Später hat er Menschen nicht mehr erkannt, die ihm nahestanden. Stück für Stück schien immer mehr von ihm verloren zu gehen. Und irgendwann hat sich fast automatisch die Frage gestellt: Wer ist dieser Mensch nun eigentlich? Ist er noch derselbe? Und eben: Was ist der Mensch, wenn ihn eine Krankheit so verändert? Mittlerweile ist er gestorben.
Wenn ich an ihn denke, dann denke ich auch immer an die Frage, die einer in der Bibel an Gott stellt: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, das Menschenkind, dass du dich seiner annimmst?“
Das hat sich also jemand schon vor über zweitausend Jahren gefragt: Was ist der Mensch? Und er hat für sich eine Antwort gefunden: Ein Mensch ist irgendwas, was ganz groß sein kann. Aber auch sehr vergänglich. Also irgendwas dazwischen. Ein Geschöpf, das Großartiges leisten kann und doch zerbrechlich bleibt. Heute stark, morgen schwach. Heute voller Pläne, morgen auf Hilfe angewiesen.
Gerade die Demenz führt uns das schmerzhaft vor Augen. Sie nimmt vieles weg, was ein Mensch kann. Das, woran er sich erinnert und natürlich auch seine Selbstständigkeit. Was bleibt, wenn all das verschwindet, was uns ausmacht? Beruf, Leistung, Familie, Wissen, Erfolge?
Das Gebet aus der Bibel hat eine Antwort darauf, was bleibt. Der Wert eines Menschen hängt nicht daran, was er kann. Nicht daran, wie produktiv er oder sie ist oder wie klar sein Gedächtnis funktioniert. Wir Menschen sind wertvoll, weil Gott an uns denkt. Weil Gott uns kennt. Weil Gott uns nicht vergisst.
Wir Menschen können vergessen. Namen verblassen. Manchmal verlieren wir sogar uns selbst aus dem Blick. Aber: Gott verliert uns nie aus dem Blick.
Der demente Mann, an den ich denke, hat sich am Ende seines Lebens an vieles nicht mehr erinnern können. Aber seine Würde war deshalb nicht verschwunden. Denn sie hängt nicht an seinem Gedächtnis, sondern daran, dass Gott Ja zu ihm sagt. Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Geliebt, getragen und gehalten. Immer. Bis zuletzt. Und darüber hinaus.
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Einfach eingeschlafen – und das mitten im Gottesdienst. Nein nicht ich. Und es war eigentlich auch kein langweiliger Gottesdienst – glaube ich zumindest. Ein kleines Kind, vielleicht ein Jahr alt, ist einfach mittendrin eingeschlafen. Wir hatten einen Taufgottesdienst. Und wie es bei Kindern in dem Alter halt so ist, war es immer abwechselnd bei irgendwem auf dem Arm: Bei der Mama, beim Papa, bei der Oma und beim Opa. Dann wollte es ein bisschen rumkrabbeln. Irgendwann saß es dann ganz allein auf einem Sitzkissen auf dem Boden. Da hat es erst ein bisschen kritisch geschaut, hat dann aber gesehen, dass die ganze Familie immer noch da ist. Es hat sich sicher gefühlt, sich aufs Kissen gelegt und ist eingeschlafen. Mich hat das beeindruckt.
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ Diesen Psalm haben wir in dem Gottesdienst gebetet. Und ich habe gedacht. Genau. Dem Kind mangelt es gerade an nichts. Alles ist gut. So kann man ruhig schlafen.
Und mir? Mangelt es mir an etwas? Habe ich von irgendwas zu wenig in meinem Leben? Wenn ich ehrlich bin: eigentlich nicht. Ich habe ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen und kann zusammen mit meiner Familie in Sicherheit leben. Ich glaube das geht vielen Menschen so. Und trotzdem habe ich bei vielen nicht das Gefühl, dass sie einfach nur glücklich sind. Ich ja auch nicht. Ich glaube: es geht uns oft mehr um das, was uns fehlt. Als um das, was wir haben. Überall springt mir in der Werbung oder in den sozialen Medien das „Zu wenig“ entgegen: zu wenig Schlaf, zu wenig Freizeit, zu wenig Sport und überhaupt zu wenig Zeit.
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ In diesem Bild von Schafen und einem Hirten ist es klar: Gras, Wasser, Sicherheit und ein Schaf ist zufrieden. Vielleicht sind die Grundbedürfnisse eines Schafes einfacher zu erfüllen als die von Menschen. Aber der Mensch, der dieses Gebet geschrieben hat, war sich sicher: Gott sorgt so für mich, dass ich zufrieden sein kann.
Mir ist in diesem Gottesdienst klar geworden, was auch in dem Gebet vom Hirten und den Schafen steckt: Dass ich mehr auf das achten könnte, was ich habe. Als auf das, was mir fehlt. Das Schaf denkt ja auch nicht, dass das Gras auf einer anderen Weide viel saftiger und das Wasser dort irgendwie frischer ist.
Ich glaube, wenn ich mich mehr über das freue, was ich habe, bin ich zufriedener. Ich habe, was ich brauche. Auch, wenn ich manchmal vielleicht gerne mehr Zeit oder mehr Geld hätte. Aber es mangelt mir an nichts. Da ist mir dieses Kind aus dem Gottesdienst ein echtes Vorbild.
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Sommerabende. Ich liebe Sommerabende. Wenn man abends noch draußen sitzen kann. Vor allem, wenn es mittags heiß war und es langsam angenehmer wird. Das ist so eine ganz eigene Stimmung. Wenn es langsam ruhiger wird. Wenn es langsam dunkel wird und nach und nach die ersten Sterne zu sehen sind. Da werde ich irgendwie auch selber ruhig.
Bei uns in der Kirche gibt so einen Aufsteller mit Gedichten zum Mitnehmen. Da habe ich mir neulich ein sehr schönes Abendgedicht mitgenommen. Es ist von der Dichterin Maria Gorges. Da heißt es: „Am Himmel ist der Mond schon wach, scheint milde auf das Scheunendach, hinterm Wald nun sacht´ es dunkelt, überm Berg ein Sternlein funkelt. So ruhig und still wird jetzt die Welt, freut sich der Ruh´, die Einzug hält, die Nacht deckt alles friedlich zu, breit´ übers Land den Schlaf, die Ruh´.
Genau diese Ruhe spüre ich an Sommerabenden. Und das Gedicht geht noch weiter: „Nimm dir den Frieden in dein Herz, er löst den Kummer und den Schmerz, er gibt dir Trost in Freud und Leid, denn er kommt aus der Ewigkeit. Er ist ein Hauch von Gottes Sein und hüllt in seine Lieb' dich ein. Er gibt der Seele wieder Kraft, dass sie den neuen Morgen schafft.“
Dieses Bild berührt mich. An so einem Sommerabend, spüre ich manchmal etwas von diesem Frieden. Denn: Vieles, was mich tagsüber beschäftigt hat, wird ein wenig leiser. Mein ganzer Alltag – die Gespräche. Das, was ich heute so erlebt habe oder entscheiden musste. Ich gewinne Abstand und merke: Ich muss das alles gar nicht alleine schaffen.
Vielleicht ist genau das Gottes Friede. Er nimmt nicht alle Sorgen weg. Aber er gibt mir die Kraft, sie für einen Moment loszulassen. Und er erinnert mich daran: So dunkel eine Nacht auch sein mag – sie bleibt nicht für immer. Es wird Morgen.
Natürlich weiß ich, dass manche Nächte schwer sind. Manche Menschen finden keinen Schlaf. Andere liegen wach vor Sorgen oder Schmerzen. Gerade dann wünsche ich ihnen diesen Frieden, um den es in dem Gedicht geht – umso mehr.
Denn ich glaube: Gott bleibt an unserer Seite. Er lässt mich nicht allein. Er begleitet mich am Tag und auch in der Nacht. Ich bin ihm einfach wichtig. Wir Menschen sind ihm einfach wichtig. Und deshalb hoffe ich auch in den dunklen Zeiten meines Lebens auf einen neuen Morgen. Gottes Frieden trägt mich durch die Nacht. Darauf vertraue ich.
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Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser … dieses Sprichwort, kommt mir im Alltag leider immer wieder in den Sinn.
Manchmal ganz unspektakulär. Zum Beispiel dann, wenn mein Auto zum Kundendienst muss und der Anruf kommt: „Wir haben da noch etwas entdeckt. Das müsste gemacht werden.“ Und sofort meldet sich ein Gedanke in meinem Kopf: Stimmt die Diagnose wirklich? Ist die Reparatur tatsächlich notwendig? Oder, wenn ich was über eine Kleinanzeige im Internet kaufe: Kriege ich wirklich das zugeschickt, was ich da gekauft habe? Und stimmen die Beschreibung und der Zustand?
Natürlich weiß ich: Die allermeisten Menschen machen ihre Arbeit gewissenhaft. Und viele sind ehrlich, wenn sie etwas verkaufen. Und trotzdem ist das Misstrauen oft schneller da als das Vertrauen. Auch, weil ich schon einige schlechte Erfahrungen gemacht habe.
Manchmal habe ich den Eindruck, Misstrauen gehört inzwischen fast zur Grundausstattung unseres Alltags. Wer allen und allem vertraut, gilt schnell als naiv. Wer skeptisch ist, als klug und aufmerksam.
Trotzdem frage ich mich manchmal: Was macht das mit uns, wenn wir einander immer zuerst mit Misstrauen begegnen?
Vielleicht sehne ich mich nach etwas, das ich „Himmlischkeit“ nennen würde. Kein Wort aus dem Duden. Aber eines, das mir gefällt.
Himmlischkeit wäre für mich eine Haltung, in der Menschen einander grundsätzlich Gutes wollen und rücksichtsvoll miteinander umgehen. In der Menschen füreinander da sind. Vermutlich ist das ein bisschen naiv. Und trotzdem finde ich diese Sehnsucht im Glauben wieder.
Jesus hat immer wieder davon gesprochen, wie wichtig es ist, den Nächsten zu lieben. Also eigentlich alle, die mir so in meinem Alltag begegnen. Immer auch zu überlegen, was es mit den anderen macht, wenn ich mich so oder anders verhalte. Jesus hat genau davon erzählt: Von einer Welt, wie Gott sie sich für uns gewünscht hat. Eine Welt, in der wir uns gegenseitig vertrauen, respektvoll miteinander umgehen und ehrlich sind.
Vielleicht beginnt Himmlischkeit genau so: Mit einem Vorschuss an Wohlwollen gegenüber jedem und jeder. Wenn ich mich also nicht zuerst frage: „Will mir da jemand schaden?“, sondern: „Könnte es sein, dass dieser Mensch es ehrlich meint?“
Und vielleicht entdecken wir dann: Es gibt unzählige Menschen, die Tag für Tag versuchen, das Richtige zu tun. Ja, es ist manchmal ein Risiko, einander zu vertrauen. Aber es ist auch eine riesige Chance. Auf ein bisschen Himmlischkeit mitten unter uns.
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Manchmal geht es ganz schnell. Ein falscher Schritt, einmal kurz nicht aufgepasst und plötzlich liegt man auf dem Boden. So ist es mir neulich gegangen. Unser Hund ist erschrocken und wollte sich zwischen meinen Beinen verstecken. Das ging so schnell, dass ich gestolpert und hingefallen bin. Gott sei Dank habe ich mir nur das Knie und das Handgelenk aufgeschürft.
„Na da hattest du aber wirklich einen Schutzengel!“ – hat da meine Frau gemeint, als ich nach Hause gekommen bin.
Schutzengel. Für viele Kinder gehören sie ganz selbstverständlich dazu. Sie passen auf dem Schulweg auf, sitzen unsichtbar mit auf dem Fahrrad oder fangen einen auf, wenn man hinfällt.
Aber irgendwann verändert sich etwas. Wir werden groß, stellen Fragen und tun uns mit Engeln manchmal schwer. Engel passen nicht so recht in unsere aufgeklärte Welt. Und trotzdem begegnen sie uns, in der Bibel, in Liedern und manchmal auch mitten im Leben.
In der Bibel sind Engel vor allem Gottes Boten. Sie spielen oft dann eine Rolle, wenn Menschen nicht mehr weiterwissen. Dann schickt Gott einen Engel und die Geschichte wendet sich zum Guten. Dafür braucht es meist gar nicht viel: Etwas zu essen oder zu trinken. Oder ein tröstendes Wort …
Ich mag diese Engelsgeschichten sehr. Und ich glaube: Auch heute wirken Engel noch genau so. Nicht spektakulär. Nicht mit Flügeln und goldenem Licht. Sondern durch Menschen, die im richtigen Moment da sind. Jemand, der mir sagt: „Du schaffst das“. Jemand, der mich genau im richtigen Moment anruft. Oder durch jemand, der sagt: „Komm, ich begleite Dich ein Stück.“
Manchmal merke ich vielleicht erst im Rückblick, dass ich nicht allein war. Dass mich jemand aufgefangen hat. Dass mich jemand beschützt hat. Nicht vor allem Leid. Nicht vor jeder Verletzung. Aber doch so, dass es weitergehen kann.
Der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer hat es so beschrieben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Er spricht nicht ausdrücklich von Engeln. Aber von der Erfahrung, getragen und begleitet zu sein. Gerade dann, wenn vieles unsicher ist.
„Gott ist bei uns am Abend und am Morgen. Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Dichtet Bonhoeffer weiter.
Ich muss nicht alles allein schaffen. Gott hat viele Möglichkeiten, mir nahe zu sein. Manchmal durch Menschen. Manchmal durch einen unerwarteten Gedanken. Manchmal durch eine Kraft, die ich mir selbst nicht erklären kann.
Und wer weiß: Vielleicht hatte ich da neulich ja wirklich einen Schutzengel. Jedenfalls bin ich sehr dankbar, dass der Sturz keine schlimmeren Folgen hatte – Gott sei Dank.
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Wie ein Blitz durchzuckt es mich: „Ach Mist. Jetzt habe ich den Schlüssel daheim vergessen.“ Etwas zu vergessen ist meistens richtig ärgerlich: Den Haustürschlüssel. Den Hochzeitstag oder einen Geburtstag. Den wichtigen Termin mit dem Chef. Gar nicht gut.
Aber manchmal ist es auch ein Segen, wenn man was vergessen kann. Vor allem dann, wenn es um Verletzungen geht. Wenn ich jemanden schlecht behandelt habe oder wenn mich jemand mit seinem Verhalten verletzt hat.
Wie gut, wenn dann der Satz fällt: „Ach komm. Das ist doch vergeben und vergessen.“ Es tut gut, wenn dieser Satz ausgesprochen wird. Wenn was wirklich vergeben und vergessen ist. Dann ist endlich erledigt, was war.
Ich glaube tatsächlich: Es ist lebensnotwenig für uns als Menschen, dass wir Dinge vergessen. Wenn ich immer alles, was mich beschäftigt hat und was mich beschäftigt, mit mir herumtrage, dann platzt mir irgendwann mein Kopf.
Vor allem, wenn Menschen miteinander unterwegs sind. Wenn ich nicht vergeben und vergessen kann. Dann endet das in einer Sackgasse. Dann geht es an diesem Punkt nicht mehr weiter.
Vergeben und vergessen: Diese Wendung erinnert aber auch daran: um etwas wirklich vergessen zu können, muss es auch ehrlich vergeben worden sein. Damit meine ich loslassen, was gewesen ist. Nicht unbedingt entschuldigen. Oder etwas im Nachhinein gutheißen.
Einer, der das erlebt hat, ist Petrus. Petrus ist einer der engsten Freunde von Jesus. Überall hin will er ihm folgen. Und alles für ihn tun. Und was ist am Ende? Da streitet er sogar ab, dass er diesen Jesus überhaupt kennt. Für Jesus eigentlich Grund genug, mit diesem Menschen nichts mehr zu tun haben zu wollen. Aber was macht Jesus? Er vergibt und vergisst, was war. Es spielt keine Rolle mehr. Und Petrus bekommt von Jesus sogar eine ganz besondere Aufgabe: Er soll das weiterführen, was Jesus angefangen hat. Was war ist vergeben und vergessen. Es kann weiter gehen.
Wenn ich mich als Pfarrer bei Beerdigungen mit Familien unterhalte, dann merke ich häufig, wie tief Verletzungen sitzen können. Wenn sie nicht vergeben sind. An Vergessen ist dann erst gar nicht zu denken. Ich glaube: Vergeben und vergessen; das kann so befreiend sein. Es kann so viel Kraft und Mut freisetzen. Und Platz für Neues schaffen.
Einen Haustürschlüssel zu vergessen ist wirklich ärgerlich. Aber Vergeben und vergessen zu können ist etwas Wunderbares. Kein Mensch ist unfehlbar. Und deshalb sind wir alle aufs Vergeben und Vergessen angewiesen.
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„Kriegen wir dafür eine Note?“ – Immer donnerstags bin ich in der Schule und gebe Unterricht. Und das fragen mich die Kinder eigentlich bei fast allem, was wir machen. Wenn wir ein Plakat gestalten. Sie selber eine Geschichte schreiben sollen. Und – ganz wichtig – dafür, wie ihr Heft aussieht. Das macht mich nachdenklich. Die Kinder haben das tief verinnerlicht: In der Schule wird fast alles benotet. Und ich merke, dass dabei immer ein bisschen Angst mitschwingt. Die Angst nicht gut genug zu sein.
Das begegnet mir aber nicht nur in der Schule. Diesen Leistungsdruck erlebe ich auch bei vielen Erwachsenen. Dieses innere Gefühl, ständig benotet zu werden: im Beruf, in der Familie, sogar in der Freizeit. Als ob irgendwo ständig jemand mit einem Klemmbrett alles bewertet, was ich mache. Und auch, wenn es um den Glauben geht, erlebe ich das in Gesprächen immer wieder. Diese Vorstellung, dass Gott alles bewertet, was ich den ganzen Tag so mache. Mein Leben lang. Und am Schluss wird abgerechnet.
Was für eine krasse Überforderung für mein Leben. Nein. Ich glaube das nicht, dass Gott eine Notenliste führt. Nicht, weil alles egal ist, was ich tue. Sondern, weil Gott anders auf uns Menschen schaut als wir auf uns selbst. „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ Das ist ein ganz alter Satz aus der Bibel. Ich lese daraus: Gott sieht nicht nur das Ergebnis. Nicht nur das, was gelungen oder misslungen ist – sondern den Weg, den ich gegangen bin. Die Mühe. Die Angst. Den Mut. Die Liebe, die ich hineingegeben habe, auch wenn sie nicht perfekt war. Und vor allem, bekomme ich am Ende dafür keine Note.
Ja. Ich weiß. In der Schule gibt es nun mal Noten. Und ja. Die Kinder in meiner Klasse bekommen auch Noten von mir. Aber ich habe mir fest vorgenommen, dass ich ihnen vor dem nächsten Zeugnistag einen Aufkleber auf Ihr Heft klebe: „Du bist mehr als deine Noten.“ Und auch allen Erwachsenen würde ich das gerne aufs Handy schicken. „Du musst nicht perfekt sein. Du bist wertvoll. Dein Wert hängt nicht von Leistung ab. Nicht davon, ob Dein Leben gerade eine „Eins“ ist oder eher eine „Vier minus.“
Ich finde das unglaublich befreiend. Weil ich glaube, dass Gott will, dass ich mutig leben kann. Dass ich Fehler zulassen kann. Bei mir und bei anderen. Dass ich Neues ausprobieren kann. Dass ich nicht immer darum kämpfen muss, gut genug zu sein. Und vor allem: Dass ich nicht um meine Versetzung bangen muss.
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Wie jedes Jahr hat das bunte Faschingstreiben heute, am Aschermittwoch, ein Ende. Gott sei Dank – sagen die einen. Schade – schön wars – sagen die anderen. Das Narrenhäs und die Masken werden aufgeräumt. Und wie jedes Jahr beginnt am Aschermittwoch die Fastenzeit. Sieben Wochen bis Ostern. Für viele Menschen sieben Wochen mit besonderer Aufmerksamkeit: Sie denken ernsthafter als sonst darüber nach, was in ihrem Leben vielleicht anders werden müsste. Manche nutzen die Fastenzeit, um auf etwas zu verzichten. Aufs Rauchen oder auf Alkohol. Oder, um sich sieben Wochen zu vegetarisch ernähren oder gar vegan.
Und, wie jedes Jahr, gibt es auch die Fastenaktion der evangelischen Kirche. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto: „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte.“
Das finde ich ein sehr passendes Motto. Wenn ich die Nachrichten anschalte, dann höre ich da überall von „verhärteten“ Fronten. Dass man in Verhandlungen „hart“ bleiben muss. Unsere Welt ist hart geworden – zumindest fühlt es sich für mich manchmal so an.
Jesus hat einmal eine ganze Liste von Eigenschaften aufgezählt, die uns Menschen, wenn wir sie haben, glücklich – ja, selig – machen. Und eine davon ist: Sanftmütigkeit. Jesus sagt: Glückselig sind die, die sanftmütig sind.
Sanftmütig – Ich mag dieses Wort sehr. Denn da steckt Sanftheit und Mut drin. Das ist so ganz anders, als ich im Moment unsere Welt erlebe. Um heute ohne Härte, also sanft durchs Leben zu gehen. Da braucht es wirklich Mut. Weil ich zugeben können muss, dass ich vielleicht nicht alles allein schaffe. Dass ich vielleicht auch Mal einen Fehler mache. Dass ich mich auch Mal schwach fühle. Und manchmal sogar Angst habe.
Ich muss es zugeben können. Zuerst Mal vor mir selber – das ist schon schwer genug. Aber es braucht noch mehr Mut, das auch vor anderen zuzugeben.
Ich glaube, nur wenn ich meine eigene Schwäche bekenne und annehme, kann ich den Menschen um mich herum mit Gefühl begegnen. Und auch Mitgefühl zeigen. Weil wir uns dann auf der gleichen Ebene begegnen. Eben nicht: Ich bin stark und Du bist schwach. Sondern: Wir sind zusammen schwach und können so füreinander da sein. Mitgefühl füreinander haben.
Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte. Vielleicht kann ich die Fastenaktion in diesem Jahr Mal dafür nutzen. Mir zu überlegen, was das ganz konkret für meinen Alltag bedeuten könnte. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine sanfte und mutige Fastenzeit.
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Im Moment ist es ja eigentlich egal, ob man vor die Türe geht. Oder den Fernseher anmacht. Überall tönt es:
Helau – Alleh Hopp! – Hä-Hopp! – Narri-Narro – oder wie er sonst heißt – der Narrenruf, da, wo Sie wohnen. Heute am Faschingsdienstag ist an vielen Orten nochmal ein Höhepunkt. Und ich glaube, was man in diesen närrischen Tagen auch mehr hört als sonst. Das sind Dialekte.
Auf den Straßen, in den Bütten und bei den Umzügen. Da wird geschwätzt – da wird gebabbelt – da wird geredt und manchmal wird sogar geschnackt.
Im normalen Alltag habe ich das Gefühl, dass Dialekte eher etwas sind, was uns trennt. Je nach Region wird man schlicht nicht ernst genommen, wenn man z.B. heftig schwäbelt. Und jeder fürchtet sich davor, was passiert, wenn man einen Schwaben und jemand aus dem Badischen in einen Raum steckt. Da muss der Raum schon recht groß sein. Damit beide Platz haben. Solche mehr oder weniger ernst gemeinten Sticheleien gibt es sicher auch bei Ihnen.
Zur Fasnetszeit scheint das aber kein Problem zu sein. Da liegen sich alle in den Armen und singen und feiern gemeinsam. Eigentlich genau so, wie es Jesus es gemacht hat: Er hat mit Leuten gegessen, von denen sich alle anderen ferngehalten haben. Und einmal erzählt er sogar eine Geschichte von einem, der nicht von hier ist. Und er nimmt ihn als Beispiel dafür, wie Menschen miteinander umgehen sollen. Rücksichtsvoll und eben ohne einen Unterschied zu machen, wo jemand herkommt. Oder wer jemand ist.
Die Welt damals war nicht ideal. Und unsere Welt heute ist es auch nicht. Und trotzdem gibt es während der Fasnet genau das: Menschen, die sonst eigentlich nichts miteinander zu tun haben – vielleicht auch nichts miteinander zu tun haben wollen – feiern plötzlich gemeinsam: auf der Straße oder auf dem Dorfplatz. Friedlich – fröhlich. Welche Sprache man spricht spielt hier keine Rolle. Woher jemand kommt, spielt keine Rolle. Wer man ist, spielt keine Rolle. Man versteht sich einfach.
Gott sei Dank gibt es immer wieder mal Momente, wo ein bisschen was von dem sichtbar wird, was Jesus sich für diese Welt gewünscht hat: Alle sitzen zusammen und essen und trinken und für jeden ist Platz. In diesem Sinne: Helau – Alleh Hopp! – Hä-Hopp! – Narri-Narro. Wie auch immer das bei Ihnen heißt. Genießen Sie diesen Abend.
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Heute Morgen, als ich vor dem Spiegel stand, habe ich erstmal richtig lachen müssen. Ich habe mein Faschingskostüm das erste Mal anprobiert. Dieses Jahr bin ich ein Hippie. Lange Haare, buntes Tuch, Regenbogenbrille, ein Batik T-Shirt und dann noch eine Leinenhose mit Schlag. Was für ein Anblick. Und das an mir. Aber hey: Heute ist Rosenmontag. Da gibt es viele komische Kostüme. Viele Umzüge. Und es wird viel gelacht.
Und als ich da so vor dem Spiegel stand und lachen musste, habe ich mir überlegt: Wäre es nicht schön, wenn wir alle viel mehr lachen würden? Vor allem, wenn ich viel öfter über mich selber lachen könnte? Immerhin heißt es schon in einem Sprichwort aus der Bibel: „Ein fröhliches Herz macht das Leben heiter.“ Und: Ein fröhliches Herz, das ist ein Herz, das auch mal über sich selbst lachen kann.
Ich glaube: Wenn ich mich selbst nicht zu ernst nehme, dann habe ich es leichter – und mache es anderen auch leichter, mit mir durchs Leben zu gehen.
Denn: wenn ich über mich selbst lachen kann, dann ist das eine ganz besondere Form der Freiheit. Es löst Spannungen, nimmt Druck aus dem Alltag und es bringt Menschen zusammen. Wenn ich über meine eigenen kleinen Stolperer lache, dann muss niemand anderes es hinter meinem Rücken tun. Und im besten Fall stehen wir dann gemeinsam da und lachen miteinander – und nicht übereinander.
Wenn ich die Nachrichten anschaue, dann merke ich, dass die Fröhlichkeit schwindet und das Lachen mir manchmal im Hals steckenbleibt. Da geht es im Moment so viel ums Recht behalten und darum nicht schwach zu wirken. Manchmal auch einfach ums Prinzip. Und natürlich kann ich auch über manches an mir selbst nicht lachen. Weil ich zu stolz bin. Weil ich vielleicht zu eitel bin. Weil es um das Bild geht, das jemand anderes von mir hat.
Wie schön wäre es, wenn ich das Lachen vom Rosenmontag mitnehmen könnte in meinen Alltag. Wenn ich mir öfter erlauben würden, Fehler zu machen und darüber zu schmunzeln. Und den anderen natürlich auch!
Ich finde: Wer lacht, lebt leichter. Lachen verbindet. Es öffnet Türen, die manchmal schon etwas klemmen.
Vielleicht könnte das mein kleines Rosenmontagsritual werden: bewusst auf mich selbst schauen – mit einem Augenzwinkern. Und dann mit anderen dieses Lächeln teilen. Nicht aus Spott, sondern aus Herzensweite. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen fröhlichen Abend, an dem Sie aus vollem Herzen miteinander lachen können!
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