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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12SEP2026
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Vor 70 Jahren wurde in meiner Kirche zum ersten Mal eine Frau als Pastorin ordiniert, mit allen Rechten und Pflichten.

70 Jahre ist bei 2000 Jahren Christentum eigentlich nur ein Wimpernschlag. 70 Jahre ist auf der anderen Seite auch wieder lang, wenn man bedenkt, dass Ehefrauen in der Bundesrepublik Deutschland erst seit 1977 überhaupt berufstätig sein dürfen, ohne ihren Mann um Erlaubnis zu fragen.

In biblischen Texten sind Frauen leider auch oft nur eine Randerscheinung. Auf der anderen Seite weiß man heute, dass Frauen von Männern erst zu einer Randerscheinung gemacht wurden. Manche von ihnen wurden sogar aus der Bibel herausgelöscht. Da gab es beispielsweise Junia, die zeitgleich mit dem Apostel Paulus im Gefängnis gesessen hatte. Paulus erwähnt sie sogar im Römerbrief. In späteren Handschriften steht aber an Stelle von Junia der Name: Junias – und schwupps, ist aus Junia ein Mann geworden.

Von Paulus gibt es aber auch eine Bibelstelle, wo er Frauen in der Gemeinde zurückpfeift. Sie sollen zu Hause ihre Männer fragen und in der Gemeinde lieber den Mund halten. Das passt aber gar nicht zu der erwähnten Stelle im Römerbrief, wo er etliche Frauen in öffentlichen Positionen erwähnt: Phöbe, Priska und Maria, Persis und Julia. Andere grüßt er, nennt aber keine Namen.

Ich erkläre mir den Widerspruch damit, dass Paulus eben ein Kind seiner Zeit war. Gleichzeitig war er seiner Zeit dann doch wieder voraus, denn er setzte sich für Frauen in öffentlichen Ämtern ein und spricht mit Achtung von ihnen. Zum Beispiel von Phöbe, die als Diakonin eingesetzt war.

Es hat trotzdem viel zu lange gedauert, bis Männer die Kanzeln mit den Frauen geteilt haben – zumindest in den evangelischen Kirchen, finde ich. Eine Kollegin im Ruhestand hat mir erzählt, wie sie zur Examenspredigt in manchen Gemeinden unerwünscht war. Andere Gemeinden haben in der Anfangszeit gefragt, ob sie nicht doch lieber eine Gemeindeschwester bekommen können - statt einer Pastorin.

Ein junger Mann ist mal an der Tür umgekehrt, als er gesehen hat, dass ich den Gottesdienst halte. Doch die allermeisten freuen sich über uns Frauen auf der Kanzel.

Ich bin den Pionierfrauen sehr dankbar. Ich bin dankbar für ihren Mut und ihre Power. Denn so kann ich heute selbstverständlich meinen Dienst tun.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

11SEP2026
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Ich kann mich nicht mehr an den 11. September 2001 erinnern. Was habe ich an dem Nachmittag gemacht, als die Nachricht vom Anschlag auf das World Trade Center um die Welt ging? Ich weiß es nicht mehr. Und das ärgert mich. Viele, die ich gefragt habe, wissen es ganz genau. Die meisten waren bei der Arbeit: „Ich saß im Elektrogeschäft bei meinem Kollegen im Büro. Dort lief der Fernseher und plötzlich sehen wir die einstürzenden Türme." Oder: „Ich saß am Schreibtisch. Ein Außendienstmitarbeiter kommt rein und fragt: Habt ihr es schon mitbekommen? Er hatte es auf der Fahrt im Radio gehört." Später habe ich mir die Videos der einstürzenden Hochhäuser noch oft angeschaut.

Erinnern ist wichtig. Es hilft, Zusammenhänge zu verstehen, und aus Fehlern zu lernen. Erinnerungen verbinden Menschen und schaffen so eine gemeinsame Identität. Was wir erlebt haben, wird oft zunächst mündlich weitergegeben und irgendwann schriftlich festgehalten. So ist es auch mit den Schriften der Bibel gegangen. Am Anfang standen die Erlebnisse Einzelner, mündlich weitergereicht von Generation zu Generation – schon Kinder lernten die Geschichten, manchmal in Reimform, damit sie leichter im Gedächtnis blieben. Irgendwann stand die hebräische Schrift zur Verfügung, und die Geschichten wurden aufgeschrieben. Bis daraus ein fertiges Buch wurde, dauerte es viele Hundert Jahre.

In der Bibel spielt Erinnern eine große Rolle. Es wird an menschliches Versagen und an Katastrophen gedacht. Doch erst recht wird erzählt, wie Gott sich an seine Versprechen erinnert und deshalb eingreift und hilft. Und wie Menschen sich immer wieder an diese Hilfe erinnern, und deshalb besondere Feste feiern, die sie lebendig halten.

Sich an Gutes zu erinnern, weckt Dankbarkeit. Deshalb finde ich das so wichtig, denn gerade die guten Momente verblassen leicht. Feste helfen dabei, doch es geht auch ne Nummer kleiner: Ich schaue zwischendurch gerne mal alte Fotos durch, oder ich treffe mich mit ner alten Freundin, um in Erinnerungen zu schwelgen.

In einer Pause nehme ich mir heute 3 Minuten Zeit, um 30 schöne Erinnerungen zu notieren. Mir ist schon allerhand Gutes passiert, und Gott hat mir immer wieder geholfen. Auch nach Katastrophen wie dem 11. September bleibt das: Erinnerung kann wehtun – aber sie kann auch tragen. Mich an das Gute zu erinnern, stärkt meinen Glauben und hebt meine Stimmung.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

10SEP2026
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Meine Schwester war mit ihrer Familie eine Woche Kanuwandern. Die Nächte verbrachten sie im Zelt. Die ersten beiden Nächte waren noch okay, doch in der dritten Nacht fing es an zu regnen und sie wurden alle nass. Die Kinder hatten ihren Spaß. Sie hatten schon über das dreißig Jahre alte Zelt gelästert, weil sie sich gedacht haben, dass es mürbe und brüchig war. Doch den Eltern kam es vor, als sei der Kauf erst gestern gewesen. Außerdem war es teuer und von sehr guter Qualität. Am Ende mussten sich die Eltern mit ihren Fahrrädern in die 25 Kilometer entfernte Stadt aufmachen und ein neues Zelt kaufen.

Ich habe mich amüsiert, als ich die Story gehört habe. Dabei hätte mir das auch passieren können. Auch ich denke manchmal: Gute Dinge gehen immer so weiter. Eben wie ein dreißig Jahre altes Zelt – das dann aber doch brüchig wurde.

Der Apostel Paulus, von Beruf Zeltmacher, vergleicht einmal Zelte mit unserem Leben. Er schreibt: „Wir wissen: Unser Zelt in dieser Welt wird abgebrochen werden. Dann erhalten wir von Gott ein neues Zuhause. Dieses Bauwerk ist nicht von Menschenhand gemacht und wird für immer im Himmel bleiben.“

Dass hier im Leben nichts für die Ewigkeit ist, ist mir eigentlich klar. Doch ich muss es mir wohl immer mal wieder ins Bewusstsein rufen, damit ich meine Prioritäten richtig setze. Ich habe gelernt: Wichtiger als alles andere sind die Menschen, die ich liebe. Wertvoller als alles Schöne, das es zu kaufen gibt, sind die gemeinsamen Erinnerungen, die wir schaffen: Wo wir miteinander gelacht haben oder auch mal geweint, wenn etwas traurig war. Wo wir füreinander da waren.

Und wichtiger als alle Sorgen, die ich mir um das Hier und Jetzt mache, ist meine Beziehung zu Gott. Zu ihm zieht es mich. Wenn auch noch nicht jetzt gleich. Denn mein Lebenszelt steht noch ganz gut da – finde ich.

Mir ist es wichtig, mich zu fragen: „Ist das, worüber Du Dich gerade sorgst oder aufregst, wirklich so wichtig?“

Die Familie meiner Schwester ist mit guten Erinnerungen heimgefahren, die noch lange anhalten werden. Ob im alten oder neuen Zelt: Sie hat in der Woche erlebt, dass sie sich aufeinander verlassen können. Dass ihre Beziehung so stark ist, dass sie sich auch liebevoll übereinander lustig machen können.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

09SEP2026
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Ich finde, es sollte nur zwei Kategorien von Menschen geben: Die, die allein klarkommen und die, die sich helfen lassen. Richtig anstrengend wird es mit jenen, die eigentlich Hilfe brauchen, sich aber nicht helfen lassen wollen. Ich habe darüber mit einer Richterin gesprochen und sie sagte zu mir: „Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zuzuschauen. Jeder Mensch hat das Recht, sich selbst ins Unglück zu bringen. Jeder hat das Recht auf Verwahrlosung.“ Damit tue ich mich echt schwer.

Doch gibt es überhaupt Leute, die ganz allein klarkommen? Kommen nicht alle mal an einen Punkt, wo sie Hilfe brauchen? Es kann doch niemand alles. Was ist mit Blumen gießen oder Tiere versorgen im Urlaub, Hilfe beim Umzug oder bei unverständlichen Anleitungen? Ich kann und will mir ein Leben ohne Hilfe durch andere gar nicht vorstellen.

Ich find's wichtig, zu helfen, aber auch sich helfen zu lassen, wenn man nicht mehr weiterkommt. Natürlich ohne Menschen auszunützen. Meine Kinder sind da streng mit mir und fragen: Hast Du es wirklich erst mal allein probiert?

Ich habe schon viel Hilfe bekommen im Leben und bin echt dankbar dafür. Ich bin auch Gott dankbar, weil ich glaube, dass er mir zur rechten Zeit die richtigen Menschen geschickt hat. So bete ich manchmal mit einem alten Psalm aus der Bibel: „Ich preise Dich, Gott, denn Du hast mich aus der Tiefe gezogen.“ Auf meinem Schreibtisch steht dazu sogar ein kleines Kunstwerk. Mein Sohn hat es mal im Kunstunterricht aus Draht gemacht. Zu sehen ist jemand, der die Arme nach oben reckt und ein anderer beugt sich zu ihm und streckt ihm die Hand entgegen. Ich liebe diese Skulptur und habe damals so lange geschwärmt, bis mein Sohn sie mir geschenkt hat.

Und wen Gott mir über die Jahre schon alles geschickt hat: Die Studentin, die mir geholfen hat, riesige Lücken in Französisch aufzuarbeiten, als ich gemerkt habe, dass ich aus dem Loch nicht mehr allein rauskomme.

Meinen Mann, der das glatte Gegenteil von mir ist und mir bei vielem helfen kann, was mir schwerfällt. Den Kollegen, der mich auf eine hilfreiche Fortbildung aufmerksam gemacht hat. Die Nachbarin, die als Babysitterin eingesprungen ist.

Gott hat mich schon so oft aus der Tiefe gezogen. Ich bin sicher, dass er das auch in Zukunft tun wird.

Und für die, die sich partout nicht helfen lassen wollen, bleibt mir wohl nur, die Hand trotzdem offen zu halten – so wie es die kleine Drahtfigur auf meinem Schreibtisch zeigt. Vielleicht reicht das schon: offenbleiben und den Rest Gott überlassen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag. Vielleicht können Sie heute jemandem helfen – oder dankbar erleben, dass Ihnen geholfen wird.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

08SEP2026
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Noch immer höre ich im Wetterbericht: „Am Nachmittag wird es freundlicher.“ Oder: „Heute erwartet uns schönes Wetter.“

Was war daran eigentlich freundlich? Wochenlang lag diesen Sommer ein Hoch über dem Land. Keine Wolke am Himmel. Die Sonne stach. Die Erde wurde hart. Die Pflanzen haben gelitten. Wildtiere haben sich am hellen Tag gezeigt, auf der Suche nach Wasser. Flüsse hatten auch zu wenig davon. Das soll schön sein?

Dabei ist diese Einteilung uralt. Schon zu Jesu Zeiten unterschied man so: „Ist der Himmel abends rot, wird es morgen schön. Ist er morgens rot und trüb, gibt es Regen.“ So lese ich es bei Matthäus. Zwei Kategorien, seit über 2000 Jahren: schönes Wetter oder schlechtes Wetter.

Nur: Diese alten Kategorien passen heute nicht mehr. Wochenlang kein Tropfen Regen ist heute keine schöne Aussicht mehr, sondern Dürre. Sinkende Grundwasserspiegel. Ernteausfälle. Der Klimawandel macht aus dem einfachen „schön oder schlecht“ eine Frage, die viel genauer angeschaut werden muss.

Ich will den Regen in Schutz nehmen. Er ist nicht unfreundlich. Wenn er ruhig fällt, kann er ein Segen sein. Er füllt Bäche und Brunnen. Er lässt Pflanzen wachsen. Er kühlt die Luft. Ein Regentag ist nicht schlecht, er ist einfach regnerisch. Okay, als ich kürzlich beim Open-Air-Konzert auf dem Killesberg in Stuttgart richtig nass geworden bin, lag mir auch eine andere Formulierung auf der Zunge…

Ich will zukünftig anders vom Wetter reden. Nicht sofort bewerten. Nur sagen: Es ist sonnig. Es ist trocken. Es regnet. Das reicht doch.

Das Gleiche gilt auch für unser Leben. Wir sprechen von guten und schlechten Tagen. Aber ein Tag ist nicht gut oder schlecht. Er ist einfach schwer. Oder still. Oder voller Fragen. Oder er kommt überraschend leicht daher. Auch Tränen sind nicht automatisch ein schlechtes Zeichen. Müdigkeit ist kein Versagen, eine Pause keine verlorene Zeit.

Wie auch immer sich die Tage anfühlen. Und wie auch immer das Wetter ist: eines weiß ich. Gott ist mit in meinem Leben. Seine Begleitung ist verlässlich.

Und deshalb muss ich auch gar nicht so tun, als sei alles nur schön. Und wenn das Leben sich mal wirklich bescheiden anfühlt, ist das auch nicht die Katastrophe. Denn ich weiß, ich bin dem allem nicht allein ausgesetzt.

Ich lebe davon, dass Gott da ist - in der Sonne, im Regen, im Gegenwind, in der Flaute. Und das trägt mich, selbst durch Dürre und Sturm.

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07SEP2026
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Heute, am Tag nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, ist ein Tag, an dem ich es ruhig angehen lasse. Ich werde mich, wenn’s geht, zurückziehen, denn ich brauche Zeit zum Nachdenken. So viele Gedanken schießen mir durch den Kopf: Warum unterstützen Leute, die sich benachteiligt fühlen, ausgerechnet eine Partei für Reiche? Warum gewinnen die, die schon konkrete Pläne für den Demokratie-Abbau in der Schublade haben?

Mich nimmt das sehr mit. Wenn das Wetter passt, gehe ich zwei Stunden in den Wald, denn beim Gehen kann ich immer ganz gut denken. Oder ich schnappe mir mein Strickzeug, denn Stricken beruhigt. Ich habe da ein Vorbild. Nicht für Waldspaziergänge und Stricken, sondern fürs sich Zurückziehen und sich pflegen lassen: Den Propheten Elia aus der Bibel.

Elia hatte mal eine Phase, da wurde es richtig schwierig für ihn. Er hatte eine entscheidende Abstimmung verloren, und dann wurde er auch noch von Feinden verfolgt. Er hat sich so schlecht gefühlt. Er war nicht nur wütend, er hatte auch Zukunftsängste. Er ist in die Wüste geflohen. In der Bibel wird berichtet, dass Gott Elia sieht und reagiert. Gott schickt Elia zweimal einen Engel mit Brot und Wasser vorbei. Es funktioniert. Elia kann schlafen, er kann sich erholen und kommt wieder zu Kräften.

Das brauche ich jetzt auch. Atmen, essen, schlafen. Damit nicht gleich wieder die großen Fragen da sind. Die Frage, warum viele Menschen heutzutage so blauäugig sind und Gefahren nicht erkennen. Die Frage, wie Menschen dazu gebracht werden können, genau auf die Fakten zu schauen, um zu wissen, was wahr ist. Die Frage, wie Menschen wieder miteinander ins Gespräch gebracht werden können, damit sie sich gegenseitig verstehen. Bevor ich überhaupt an Gespräche denken kann, brauche ich erstmal Zeit mit mir selbst und mit Gott. Elia hat damals erlebt, dass die Solidarität nicht tot war. 7.000 Leute standen auf seiner Seite. Für ihn war das ein Zeichen, dass alles gut ausgehen wird. Darauf will ich auch hoffen, dass genug Leute da sind, die mit mir auf die Gefahren aufmerksam machen. Genug, die erkennen, dass oft auch die, die sich besonders christlich geben, mit ihren Positionen weit weg vom Christentum sind. Ich setze darauf, dass es viele sind, denen Nächstenliebe und Solidarität wichtig sind. Und wenn ich morgen wieder mehr Kraft habe, werde ich mich auch wieder dafür einsetzen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

14MRZ2026
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Als ich noch in der Schule war, habe ich mich immer wieder mal gefragt: „Warum haben die Erwachsenen so wenige Freunde?“

Freundschaften waren damals für mich ein Selbstläufer. Kaum war ich nachmittags von der Schule daheim habe ich das Familientelefon blockiert und ewig mit meiner Freundin gequatscht. Ständig waren wir im Kontakt.

Heute, viele Jahre später, merke ich, wie schwer es sein kann gute Freunde zu finden und mit ihnen im Kontakt zu bleiben. Zumindest, wenn man, wie ich, öfters schon mal umgezogen ist und außerdem immer wieder am Wochenende arbeitet.

Denn Freundschaften muss man pflegen. Und das geht nicht ohne Planung. Manchmal bin ich zu träge zum Organisieren. Und ehrlich gesagt, ist es auch schön, Sonntagnachmittags einfach aufs Sofa zu sitzen und zu stricken oder zu lesen.

Im Lukasevangelium, erzählt Jesus ein Gleichnis von Freunden und meint: Ein Freund ist einer, bei dem man, auch noch mitten in der Nacht anklopfen kann und Hilfe bekommt – oder auch drei Fladenbrote, wenn überraschend Besuch gekommen ist. Ich habe auch schon erlebt, wie gut es tut, wenn man einem Freund helfen kann.

Aber manchmal bekommt man gar nicht die Gelegenheit zu helfen. Ein Bekannter hat mir erzählt, wie er nach langer Zeit einen guten Freund getroffen hat. Er hat ihn gefragt: „Warum warst Du so lange von der Bildfläche verschwunden? Was war los?“ Sein Freund hat ihm erzählt, dass er eine schwere Zeit durchgemacht hat. Meisten sagen wir dann so etwas wie: „Ach, Du Armer. Das tut mir sehr leid. Das war bestimmt nicht leicht für Dich.“

Doch mein Bekannter meinte zu ihm: „Wie kannst Du nur so egoistisch sein? Du hast mir die Chance genommen, Dir zu helfen.“

Freundschaften leben nicht davon, dass alles glatt läuft. Sie leben davon, dass wir Dinge miteinander teilen: unsere Sorgen, unsere Zweifel, unsere Überforderung.Dafür sind Freunde da und so wächst Vertrauen.

Ich bin sehr dankbar für meine Freunde, die mir auch eine längere Funkstille nicht übelnehmen. Meine guten Freunde sind ein Geschenk des Himmels. Und ich will mit dafür Sorge tragen, dass es so bleibt.

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13MRZ2026
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Ein Kollege klopft an der Tür. „Ich habe ein paar berufliche Probleme, über die ich mit Dir reden will. Können wir ein paar Schritte gehen und ich erzähl Dir davon?“

So gehen wir los. Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonne scheint und ich genieße es, obwohl die Themen wirklich zum Kopfzerbrechen sind. Immer wieder unterbrechen wir und staunen. Weil einer von uns sagt: „Schau mal diese Farben.“ Weiß, orange, lila, blau, die Frühblüher machen so Freude.

Wir wählen unsere Strecke so, dass wir möglichst immer in der Sonne sind. Schritt für Schritt denken wir die Themen durch. Wir überlegen, was für Möglichkeiten es gibt und wo wir uns Hilfe von dritten holen müssen. Alles bekommen wir nicht gelöst, doch wir sind anschließend ein gutes Stück weiter.

Nicht immer gehe ich meine Themen so an, dass ich mir jemanden an meine Seite hole, der mich unterstützt. Und manchmal passiert es, dass ich in so eine Grübel-Schleife komme, die mir nicht guttut und mich auch nicht weiterbringt. Dann fühlt sich alles so schwer und kompliziert an und manchmal hört die Grübelei nicht einmal abends auf, wenn ich einschlafen will.

Bei dem Spaziergang zu zweit zwischen Schrebergärten und Feldern habe ich es anders erlebt. Wir zwei haben uns zwar bei der einen oder anderen Frage echt das Hirn zermartert. Doch es hat sich nicht nach Sackgasse angefühlt. Beim Gehen sind wir inhaltlich Schritt für Schritt weitergekommen. Dass wir uns bewegt haben, hat auch beim Denken geholfen.

Und geholfen hat sicher auch die Sonne und die schöne Natur. Wenn ich über die Natur staune, dann entsteht in mir so eine Gelassenheit und auch Dankbarkeit. Ich spüre, wie dankbar ich Gott für die Schöpfung bin. Dann denke ich: wie klein sind meine Probleme, verglichen mit der unendlichen Weite der Natur. Irgendwie lässt mich das bescheidener werden. In der Natur fällt mir auf, welch kleines Rädchen ich bin. Das tut mir gut. Dann nehme ich mich selbst nicht zu wichtig. Im Buch Hiob gibt es eine Diskussion zwischen Hiob und Gott, in der sich Hiob bei Gott über seine Probleme beschwert. Gott antwortet ihm: „Wo warst du, als ich die Erde gründete und zum Meer sprach: Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!“? Ja, so denke ich dann auch. Ich überblicke nur einen kurzen Zeitabschnitt und sehe nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Und ich bin darauf angewiesen, mit anderen zusammen nach Lösungen zu suchen. Mit anderen Personen wie meinem Kollegen und auch mit Gott. Von Gott erhoffe ich mir, dass er mich bei meinen Entscheidungen leitet. Staunen statt Grübeln. Das sollte ich viel öfter tun.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

09OKT2025
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Im Urlaub war ich zu Gast bei Freunden von Freunden, die ich zuvor erst einmal gesehen hatte, und das war Jahre her. Ganz wohl war es mir nicht dabei, denn wir hatten uns selbst eingeladen. Was denken die Gastgeber über uns und unseren Besuch? Sind wir lästig? Freuen sie sich?

Es wurde zu einem wunderschönen Erlebnis, mit englischem Tee, Humor und Herzlichkeit und vielen Geschichten aus Jahrzehnten.

Gastfreundschaft ist etwas Wertvolles. Ich lerne so viel, wenn ich bei anderen zu Hause bin, über ihre Kultur, ihre Werte, ihr Leben, manchmal auch über ihren Glauben. Und ich freue mich, wenn alte Bekannte bei mir anklingeln und sagen „Ich bin demnächst in Eurer Nähe. Passt es, dass ich vorbeikomme?“

In der Bibel steht der Satz: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen.“ Hier geht’s um mehr als ein Plauderstündchen. Gastfreundschaft hat damals bedeutet, ein Dach über dem Kopf zu haben, wenn man auf der Durchreise war, und einen gefüllten Magen. Auch das habe ich schon erlebt und bin dankbar dafür.

Ob ich als Gast ein Engel war weiß ich nicht, aber ich weiß, dass Gastgeber für mich schon zu Engel wurden. Einmal bekam ich einen Anruf, als ich gerade nach einer Fehlgeburt aus dem Krankenhaus kam. Und meine Freundin am Telefon sagte zu mir: „Packe deine Kinder ein und komme zu mir. Ich will für Euch da sein“. Und das hat so gutgetan, umsorgt zu werden, die Kinder fröhlich mit anderen Kindern spielen zu sehen und Freundschaft und Liebe zu spüren. Und abends war Zeit für Gespräche zu zweit und für Trauer und auch manche Tränen.

Ich will sie nicht vergessen, die Gastfreundschaft. Und ich bin tatsächlich froh darüber, wenn Freunde von selbst fragen: „Würde es passen, dass wir Euch besuchen?“ Denn das Leben ist so angefüllt mit Terminen und Aktivitäten, dass es bei mir manchmal einen Anstoß von außen braucht.

Gastfreundschaft erfordert von mir immer etwas Mut. Egal, ob ich selbst eine Einladung aussprechen will oder ob ich vorsichtig bei Freunden oder Bekannten anfragen will, ob ich bei ihnen vorbeikommen kann, immer ist da eine kleine oder größere Hürde, die ich überwinden muss. Vielleicht drucke ich mir den Satz aus der Bibel mit der Gastfreundschaft und den Engeln aus und hänge ihn mir als Erinnerung an die Wand.

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08OKT2025
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In einer Woche ist es wieder so weit: Dann findet in meiner Nähe das Krautfest statt und alles dreht sich ums Filderkraut. Ein Krauthobel-Weltmeister wird ermittelt, die Kinder zaubern Gesichter auf Spitzkrautköpfe und natürlich gibt es viele verschiedene leckere Krautgerichte: Krautwickel, mit Kraut gefüllte Rouladen, Schupfnudeln mit Kraut oder Krautkuchen.

Wussten sie, dass Kraut schon in der Bibel vorkommt.

Im Buch der Sprüche steht: Besser ein Gericht Kraut mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Hass. (Sprüche 15,17)

Welch passender Spruch zur Krautsaison. Hier geht es um viel mehr als nur um Herbstgerichte. Es geht um mehr als Gemüseliebhaber contra Fleischesser.

Es geht um das Atmosphärische, das bis zu einem gewissen Grad von den äußeren Umständen unabhängig ist. Es geht um den Geist, der in einem Haus lebt.

Der Mast-Ochse war zur damaligen Zeit das absolute Highlight der Saison. Fleisch kam nur selten auf den Tisch. Deshalb fieberte man auf dieses Festessen hin und wer nicht mitfeiern konnte, wurde zum Außenseiter.

Doch das luxuriöseste Essen ist nichts wert, wenn am Tisch schlechte Stimmung herrscht, eisiges Schweigen oder gar Feindseligkeit, wenn sich keiner für den anderen interessiert, oder wenn die Erwachsenen ausflippen, nur weil ein Glas Saft umgefallen ist.

Ich kenne Menschen, die mir erzählt haben: „Bei uns war nie viel Geld da. Wir haben einfach gelebt und im Urlaub haben wir bei der Großtante auf dem Hof gezeltet. Doch es war immer Liebe da und Zusammenhalt.“

Ich will die Einfachheit nicht glorifizieren. Wer bei Festen ausgeschlossen bleibt, weil kein Geld da ist, der kann hier nur müde lächeln. Genau wie jene, die die gedrückte Stimmung kennen, wenn vor dem Monatsende das Geld zuneige geht und nur noch Nudeln mit Ketchup auf den Tisch kommen.

Ob reich oder arm: Dahin sollte es uns ziehen, dass wir ins Miteinander investieren und auf Beziehungen setzen. Auch am Essenstisch. Denn erfahrene Liebe ist das, was im Leben wirklich trägt. Ich werde mich demnächst wieder mit frischem Sauerkraut eindecken. Und hoffentlich denke ich auch noch an den Spruch: „Besser ein Gericht Kraut mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Hass.“

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