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SWR4 Abendgedanken
Wie ein Blitz durchzuckt es mich: „Ach Mist. Jetzt habe ich den Schlüssel daheim vergessen.“ Etwas zu vergessen ist meistens richtig ärgerlich: Den Haustürschlüssel. Den Hochzeitstag oder einen Geburtstag. Den wichtigen Termin mit dem Chef. Gar nicht gut.
Aber manchmal ist es auch ein Segen, wenn man was vergessen kann. Vor allem dann, wenn es um Verletzungen geht. Wenn ich jemanden schlecht behandelt habe oder wenn mich jemand mit seinem Verhalten verletzt hat.
Wie gut, wenn dann der Satz fällt: „Ach komm. Das ist doch vergeben und vergessen.“ Es tut gut, wenn dieser Satz ausgesprochen wird. Wenn was wirklich vergeben und vergessen ist. Dann ist endlich erledigt, was war.
Ich glaube tatsächlich: Es ist lebensnotwenig für uns als Menschen, dass wir Dinge vergessen. Wenn ich immer alles, was mich beschäftigt hat und was mich beschäftigt, mit mir herumtrage, dann platzt mir irgendwann mein Kopf.
Vor allem, wenn Menschen miteinander unterwegs sind. Wenn ich nicht vergeben und vergessen kann. Dann endet das in einer Sackgasse. Dann geht es an diesem Punkt nicht mehr weiter.
Vergeben und vergessen: Diese Wendung erinnert aber auch daran: um etwas wirklich vergessen zu können, muss es auch ehrlich vergeben worden sein. Damit meine ich loslassen, was gewesen ist. Nicht unbedingt entschuldigen. Oder etwas im Nachhinein gutheißen.
Einer, der das erlebt hat, ist Petrus. Petrus ist einer der engsten Freunde von Jesus. Überall hin will er ihm folgen. Und alles für ihn tun. Und was ist am Ende? Da streitet er sogar ab, dass er diesen Jesus überhaupt kennt. Für Jesus eigentlich Grund genug, mit diesem Menschen nichts mehr zu tun haben zu wollen. Aber was macht Jesus? Er vergibt und vergisst, was war. Es spielt keine Rolle mehr. Und Petrus bekommt von Jesus sogar eine ganz besondere Aufgabe: Er soll das weiterführen, was Jesus angefangen hat. Was war ist vergeben und vergessen. Es kann weiter gehen.
Wenn ich mich als Pfarrer bei Beerdigungen mit Familien unterhalte, dann merke ich häufig, wie tief Verletzungen sitzen können. Wenn sie nicht vergeben sind. An Vergessen ist dann erst gar nicht zu denken. Ich glaube: Vergeben und vergessen; das kann so befreiend sein. Es kann so viel Kraft und Mut freisetzen. Und Platz für Neues schaffen.
Einen Haustürschlüssel zu vergessen ist wirklich ärgerlich. Aber Vergeben und vergessen zu können ist etwas Wunderbares. Kein Mensch ist unfehlbar. Und deshalb sind wir alle aufs Vergeben und Vergessen angewiesen.
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„Kriegen wir dafür eine Note?“ – Immer donnerstags bin ich in der Schule und gebe Unterricht. Und das fragen mich die Kinder eigentlich bei fast allem, was wir machen. Wenn wir ein Plakat gestalten. Sie selber eine Geschichte schreiben sollen. Und – ganz wichtig – dafür, wie ihr Heft aussieht. Das macht mich nachdenklich. Die Kinder haben das tief verinnerlicht: In der Schule wird fast alles benotet. Und ich merke, dass dabei immer ein bisschen Angst mitschwingt. Die Angst nicht gut genug zu sein.
Das begegnet mir aber nicht nur in der Schule. Diesen Leistungsdruck erlebe ich auch bei vielen Erwachsenen. Dieses innere Gefühl, ständig benotet zu werden: im Beruf, in der Familie, sogar in der Freizeit. Als ob irgendwo ständig jemand mit einem Klemmbrett alles bewertet, was ich mache. Und auch, wenn es um den Glauben geht, erlebe ich das in Gesprächen immer wieder. Diese Vorstellung, dass Gott alles bewertet, was ich den ganzen Tag so mache. Mein Leben lang. Und am Schluss wird abgerechnet.
Was für eine krasse Überforderung für mein Leben. Nein. Ich glaube das nicht, dass Gott eine Notenliste führt. Nicht, weil alles egal ist, was ich tue. Sondern, weil Gott anders auf uns Menschen schaut als wir auf uns selbst. „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ Das ist ein ganz alter Satz aus der Bibel. Ich lese daraus: Gott sieht nicht nur das Ergebnis. Nicht nur das, was gelungen oder misslungen ist – sondern den Weg, den ich gegangen bin. Die Mühe. Die Angst. Den Mut. Die Liebe, die ich hineingegeben habe, auch wenn sie nicht perfekt war. Und vor allem, bekomme ich am Ende dafür keine Note.
Ja. Ich weiß. In der Schule gibt es nun mal Noten. Und ja. Die Kinder in meiner Klasse bekommen auch Noten von mir. Aber ich habe mir fest vorgenommen, dass ich ihnen vor dem nächsten Zeugnistag einen Aufkleber auf Ihr Heft klebe: „Du bist mehr als deine Noten.“ Und auch allen Erwachsenen würde ich das gerne aufs Handy schicken. „Du musst nicht perfekt sein. Du bist wertvoll. Dein Wert hängt nicht von Leistung ab. Nicht davon, ob Dein Leben gerade eine „Eins“ ist oder eher eine „Vier minus.“
Ich finde das unglaublich befreiend. Weil ich glaube, dass Gott will, dass ich mutig leben kann. Dass ich Fehler zulassen kann. Bei mir und bei anderen. Dass ich Neues ausprobieren kann. Dass ich nicht immer darum kämpfen muss, gut genug zu sein. Und vor allem: Dass ich nicht um meine Versetzung bangen muss.
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Wie jedes Jahr hat das bunte Faschingstreiben heute, am Aschermittwoch, ein Ende. Gott sei Dank – sagen die einen. Schade – schön wars – sagen die anderen. Das Narrenhäs und die Masken werden aufgeräumt. Und wie jedes Jahr beginnt am Aschermittwoch die Fastenzeit. Sieben Wochen bis Ostern. Für viele Menschen sieben Wochen mit besonderer Aufmerksamkeit: Sie denken ernsthafter als sonst darüber nach, was in ihrem Leben vielleicht anders werden müsste. Manche nutzen die Fastenzeit, um auf etwas zu verzichten. Aufs Rauchen oder auf Alkohol. Oder, um sich sieben Wochen zu vegetarisch ernähren oder gar vegan.
Und, wie jedes Jahr, gibt es auch die Fastenaktion der evangelischen Kirche. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto: „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte.“
Das finde ich ein sehr passendes Motto. Wenn ich die Nachrichten anschalte, dann höre ich da überall von „verhärteten“ Fronten. Dass man in Verhandlungen „hart“ bleiben muss. Unsere Welt ist hart geworden – zumindest fühlt es sich für mich manchmal so an.
Jesus hat einmal eine ganze Liste von Eigenschaften aufgezählt, die uns Menschen, wenn wir sie haben, glücklich – ja, selig – machen. Und eine davon ist: Sanftmütigkeit. Jesus sagt: Glückselig sind die, die sanftmütig sind.
Sanftmütig – Ich mag dieses Wort sehr. Denn da steckt Sanftheit und Mut drin. Das ist so ganz anders, als ich im Moment unsere Welt erlebe. Um heute ohne Härte, also sanft durchs Leben zu gehen. Da braucht es wirklich Mut. Weil ich zugeben können muss, dass ich vielleicht nicht alles allein schaffe. Dass ich vielleicht auch Mal einen Fehler mache. Dass ich mich auch Mal schwach fühle. Und manchmal sogar Angst habe.
Ich muss es zugeben können. Zuerst Mal vor mir selber – das ist schon schwer genug. Aber es braucht noch mehr Mut, das auch vor anderen zuzugeben.
Ich glaube, nur wenn ich meine eigene Schwäche bekenne und annehme, kann ich den Menschen um mich herum mit Gefühl begegnen. Und auch Mitgefühl zeigen. Weil wir uns dann auf der gleichen Ebene begegnen. Eben nicht: Ich bin stark und Du bist schwach. Sondern: Wir sind zusammen schwach und können so füreinander da sein. Mitgefühl füreinander haben.
Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte. Vielleicht kann ich die Fastenaktion in diesem Jahr Mal dafür nutzen. Mir zu überlegen, was das ganz konkret für meinen Alltag bedeuten könnte. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine sanfte und mutige Fastenzeit.
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Im Moment ist es ja eigentlich egal, ob man vor die Türe geht. Oder den Fernseher anmacht. Überall tönt es:
Helau – Alleh Hopp! – Hä-Hopp! – Narri-Narro – oder wie er sonst heißt – der Narrenruf, da, wo Sie wohnen. Heute am Faschingsdienstag ist an vielen Orten nochmal ein Höhepunkt. Und ich glaube, was man in diesen närrischen Tagen auch mehr hört als sonst. Das sind Dialekte.
Auf den Straßen, in den Bütten und bei den Umzügen. Da wird geschwätzt – da wird gebabbelt – da wird geredt und manchmal wird sogar geschnackt.
Im normalen Alltag habe ich das Gefühl, dass Dialekte eher etwas sind, was uns trennt. Je nach Region wird man schlicht nicht ernst genommen, wenn man z.B. heftig schwäbelt. Und jeder fürchtet sich davor, was passiert, wenn man einen Schwaben und jemand aus dem Badischen in einen Raum steckt. Da muss der Raum schon recht groß sein. Damit beide Platz haben. Solche mehr oder weniger ernst gemeinten Sticheleien gibt es sicher auch bei Ihnen.
Zur Fasnetszeit scheint das aber kein Problem zu sein. Da liegen sich alle in den Armen und singen und feiern gemeinsam. Eigentlich genau so, wie es Jesus es gemacht hat: Er hat mit Leuten gegessen, von denen sich alle anderen ferngehalten haben. Und einmal erzählt er sogar eine Geschichte von einem, der nicht von hier ist. Und er nimmt ihn als Beispiel dafür, wie Menschen miteinander umgehen sollen. Rücksichtsvoll und eben ohne einen Unterschied zu machen, wo jemand herkommt. Oder wer jemand ist.
Die Welt damals war nicht ideal. Und unsere Welt heute ist es auch nicht. Und trotzdem gibt es während der Fasnet genau das: Menschen, die sonst eigentlich nichts miteinander zu tun haben – vielleicht auch nichts miteinander zu tun haben wollen – feiern plötzlich gemeinsam: auf der Straße oder auf dem Dorfplatz. Friedlich – fröhlich. Welche Sprache man spricht spielt hier keine Rolle. Woher jemand kommt, spielt keine Rolle. Wer man ist, spielt keine Rolle. Man versteht sich einfach.
Gott sei Dank gibt es immer wieder mal Momente, wo ein bisschen was von dem sichtbar wird, was Jesus sich für diese Welt gewünscht hat: Alle sitzen zusammen und essen und trinken und für jeden ist Platz. In diesem Sinne: Helau – Alleh Hopp! – Hä-Hopp! – Narri-Narro. Wie auch immer das bei Ihnen heißt. Genießen Sie diesen Abend.
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Heute Morgen, als ich vor dem Spiegel stand, habe ich erstmal richtig lachen müssen. Ich habe mein Faschingskostüm das erste Mal anprobiert. Dieses Jahr bin ich ein Hippie. Lange Haare, buntes Tuch, Regenbogenbrille, ein Batik T-Shirt und dann noch eine Leinenhose mit Schlag. Was für ein Anblick. Und das an mir. Aber hey: Heute ist Rosenmontag. Da gibt es viele komische Kostüme. Viele Umzüge. Und es wird viel gelacht.
Und als ich da so vor dem Spiegel stand und lachen musste, habe ich mir überlegt: Wäre es nicht schön, wenn wir alle viel mehr lachen würden? Vor allem, wenn ich viel öfter über mich selber lachen könnte? Immerhin heißt es schon in einem Sprichwort aus der Bibel: „Ein fröhliches Herz macht das Leben heiter.“ Und: Ein fröhliches Herz, das ist ein Herz, das auch mal über sich selbst lachen kann.
Ich glaube: Wenn ich mich selbst nicht zu ernst nehme, dann habe ich es leichter – und mache es anderen auch leichter, mit mir durchs Leben zu gehen.
Denn: wenn ich über mich selbst lachen kann, dann ist das eine ganz besondere Form der Freiheit. Es löst Spannungen, nimmt Druck aus dem Alltag und es bringt Menschen zusammen. Wenn ich über meine eigenen kleinen Stolperer lache, dann muss niemand anderes es hinter meinem Rücken tun. Und im besten Fall stehen wir dann gemeinsam da und lachen miteinander – und nicht übereinander.
Wenn ich die Nachrichten anschaue, dann merke ich, dass die Fröhlichkeit schwindet und das Lachen mir manchmal im Hals steckenbleibt. Da geht es im Moment so viel ums Recht behalten und darum nicht schwach zu wirken. Manchmal auch einfach ums Prinzip. Und natürlich kann ich auch über manches an mir selbst nicht lachen. Weil ich zu stolz bin. Weil ich vielleicht zu eitel bin. Weil es um das Bild geht, das jemand anderes von mir hat.
Wie schön wäre es, wenn ich das Lachen vom Rosenmontag mitnehmen könnte in meinen Alltag. Wenn ich mir öfter erlauben würden, Fehler zu machen und darüber zu schmunzeln. Und den anderen natürlich auch!
Ich finde: Wer lacht, lebt leichter. Lachen verbindet. Es öffnet Türen, die manchmal schon etwas klemmen.
Vielleicht könnte das mein kleines Rosenmontagsritual werden: bewusst auf mich selbst schauen – mit einem Augenzwinkern. Und dann mit anderen dieses Lächeln teilen. Nicht aus Spott, sondern aus Herzensweite. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen fröhlichen Abend, an dem Sie aus vollem Herzen miteinander lachen können!
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Haben Sie sich eigentlich schon Mal so richtig über die vielen Blätter auf dem Boden gefreut? Oder Ihren Kopf bis zu den Ohren in einen Blätterhaufen gesteckt? Oder haben Sie schon Mal beim Mittagessen jeden Bissen sehnsüchtig mit den Augen verfolgt: vom Teller Richtung Mund? Manches davon vermutlich noch nie. Aber unser Hund: jeden Tag.
Einerseits amüsiert mich das total. Andererseits bin ich manchmal fast neidisch und denke: Eigentlich toll. Hunde leben ganz im Hier und im Jetzt. Wichtig ist das, was sich jetzt im Moment vor ihnen abspielt. Bei mir ist das ganz anders. Mein Tag ist meistens durchgeplant. Aufstehen, Kinder wecken, schauen, dass alle rechtzeitig aus dem Haus kommen. Dann Schreibtisch oder Termine. Mittagessen, Fahrdienste, zwischendurch noch ein Telefonat und abends dann noch eine Sitzung. So oder so ähnlich läuft das ziemlich oft.
Vielleicht hat sich Jesus deshalb auch Tiere als Beispiel genommen. Und zu seinen Freunden gesagt: „Darum sage ich euch: Macht euch keine Sorgen um euer Leben – was ihr essen oder trinken sollt, oder um euren Körper – was ihr anziehen sollt. Ist das Leben nicht mehr als Essen und Trinken? Und ist der Körper nicht mehr als Kleidung? Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte in Scheunen. Trotzdem ernährt sie euer Vater im Himmel.“
Dass wir was zu essen und was zum Anziehen brauchen, das war Jesus klar. Da bin ich mir sicher. Ich glaube, dass es ihm genau darum gegangen ist: Dass ich auch das Hier und Jetzt ganz bewusst wahrnehme. Und genau das kann ich von unserem Vierbeiner lernen, glaube ich.
Mich versuchen mehr an den Dingen zu freuen, die mir gerade im Moment begegnen. Also natürlich keine Blätter und Katzen und sowas. Aber das, was ich halt so jeden Tag erlebe. Keine Ahnung: Ein Lächeln am Morgen. Ein gutes Gespräch. Eine nette Begegnung. Ein Hund, der in einem Blätterhaufen verschwindet …
Unsere Hündin macht das. Vielleicht, weil sie weiß, dass sie sich keine Sorgen darum machen muss, dass sie was zu fressen bekommt. Vielleicht, weil sie weiß, dass sie zu unserer Familie gehört.
Ich muss mich schon darum kümmern, dass es was zu essen gibt. Dass ich was zum Anziehen habe.
Und ja, es ist völlig klar, dass das selbst bei uns in unserem reichen Land nicht mehr ganz selbstverständlich ist. Und trotzdem möchte ich wieder versuchen mehr darauf zu achten: Weniger planen und mir Sorgen machen. Und mehr im Hier und Jetzt leben.
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Neulich morgens, da war bei uns plötzlich der Strom weg – im ganzen Ortsteil. Mit einem Schlag – kein Strom mehr, kein Licht, kein WLAN, keine Heizung. Ich hatte abends auch vergessen mein Handy einzustecken, also auch kein Telefon mehr. Und auch die Verbindung über meinen Computer-Bildschirm: ich war mit ein paar Kollegen in einem online-Meeting – alle plötzlich weg.
Später habe ich dann mitbekommen, dass bei Bauarbeiten ein Hauptstromkabel erwischt wurde. Aber in dem Moment war es plötzlich dunkel. Von jetzt auf gleich: Steinzeit. Offline. Alles wie tot. Wie oft ich in der Zeit in ein Zimmer reingelaufen bin und vergeblich auf den Lichtschalter gedrückt habe ….
Zwei Stunden hat das gedauert. Dann war alles wieder da. Aber das Gefühl ist bei mir geblieben. In einem Moment ist noch alles normal und plötzlich ist alles anders.
Gerade im Herbst und vor allem im November dreht sich bei uns in den Gottesdiensten alles um den Tod und was da vielleicht noch kommt. Volkstrauertag jetzt am Sonntag. Und nächste Woche dann der Totensonntag, wo nochmal an die Menschen erinnert wird, die in diesem Jahr in der Gemeinde gestorben sind.
Ich habe auch schon Menschen verloren, ich weiß, wie das ist: Da ist eine Verbindung weg, die sonst immer da war. Der Gesprächspartner am Esstisch fehlt. Der Sessel in der Stube ist plötzlich leer. Manchmal sind Mama oder Papa plötzlich nicht mehr da. Immer, wenn ein Mensch stirbt, dann reißt da etwas ab. Eine Verbindung. Oder sogar ein Teil von einem selbst. Es fehlt einfach was.
Ein kaputtes Stromkabel kann man wieder reparieren. Einen gestorbenen Menschen können wir nicht wieder zurückholen. Die Verbindung scheint tot. Und trotzdem glaube ich: Das Leben geht weiter – bei Gott. In der Bibel klingt das so: „Und Gott wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben […]. Denn was früher war, ist vergangen; sieh doch: Ich mache alles neu!“
Geborenwerden – leben – sterben. Alles gehört in diese Geschichte mit hinein. Gott umfasst alles. Und gerade deshalb glauben wir Christen, dass wir am Ende auch wieder bei Gott sind.
Meine direkte Verbindung zu einem Verstorbenen mag abgerissen sein. Aber die Verbindung zu Gott reißt niemals ab. Weil Gott sie nicht abreißen lässt. Er bleibt bei mir. Und er ist den Menschen nahe, die gestorben sind. Damit ist Gott sowas wie ein Verbindungsglied zwischen uns. Diese Verbindung beginnt jetzt schon in meinem Herzen und meinen Erinnerungen. Und sie geht garantiert nie offline.
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„ … denn von Jugend an haben die Menschen nur böses im Sinn …“ das ist ein Satz aus der Bibel, an den ich letzter Zeit oft denken muss. Früher hat er mich geärgert. Weil ich dachte, dass wir uns doch weiterentwickelt haben. Dass wir Menschen friedlicher geworden sind – wenigstens hier in Europa. Aber – wenn ich an die Nachrichten von heute denke – dann stimmt der Satz vielleicht doch: von Jugend an haben die Menschen nur Böses im Sinn…. Es gibt so viele Konflikte auf der Welt. Kriege zwischen Völkern. Machtkämpfe zwischen Nachbarn. Öffentliche Hinrichtungen, die den Schrecken vermehren sollen. Es geht wieder um Abschreckung, Schutzschirme und Machtgehabe….
Vielleicht ganz so wie bei der Noah-Geschichte, wo genau dieser Satz herkommt. Gott hat sich das alles angeschaut, was die Menschen so machen. Und hat den radikalen Entschluss gefasst, dass alle Menschen ausgelöscht werden sollen. Bis auf Noah und seine Familie. Ein Neustart sozusagen. Alles einmal auf Werkseinstellungen zurücksetzen und dann einfach nochmal von vorne anfangen. Und genau das hat er gemacht. Er hat eine Sintflut geschickt, die alles weggespült hat. Nur Noah hat in seiner Arche mit seiner Familie und ganz vielen Tieren überlebt.
Am Ende hat Gott dann aber mit Noah einen Vertrag geschlossen. Und er hat ihm versprochen, dass es so etwas nie wieder geben wird. Kein Neustart mehr. Keine Sintflut mehr. „Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“
Und ich glaube genau das ist es, was auch mich an der Menschheit nicht verzweifeln lässt: Dass Gott an uns glaubt – obwohl wir so sind, wie wir sind. Dass Gott uns immer wieder einen Neustart schenkt. Fehler und den eigenen Egoismus vergibt, statt alles zu zerstören. Weil das Gute in uns für ihn wichtiger ist. Und das gibt es ja auch wirklich.
Es gibt Menschen, die sich für andere einsetzen. Die sich für Tiere und die Natur engagieren. Menschen, die nicht akzeptieren, dass alles so bleibt. Die ihre Meinung sagen und sich einsetzen.
Ja, manchmal finde ich es zum heulen, was alles so schiefläuft. Und gleichzeitig will ich den Glauben an uns auch nicht aufgeben. Gott hat uns ja auch nicht aufgegeben. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass es eben nicht so bleibt. Nicht nur für mich und meine Kinder. Sondern für uns alle.
Ich habe es ein Stück weit mit in der Hand. Was ich wo einkaufe z.B. aber vor allem auch, wie ich mit anderen umgehe. Ob sie mir einfach egal sind oder ich mir manchmal einen Moment lang überlege, wie ist das jetzt wohl für mein Gegenüber.
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Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind … . Ich glaube es gab kein Jahr, seitdem unsere Kinder auf der Welt sind, in dem wir nicht mit den Laternen unterwegs waren. Und immer war irgendwas: Einmal hat die Kerze in der Laterne meiner Tochter nicht richtig gebrannt, und es hat Tränen gegeben. Im nächsten Jahr dann Tränen, weil das Pferd von St. Martin gescheut hat und es einfach nicht weiterwollte. Einmal hätte es beinahe richtig Ärger gegeben, weil eine Familie den heißen Punsch nach dem Umzug nicht bezahlen wollte oder nicht konnte.
Dabei finde ich die Geschichte so wichtig. Ein Soldat, dem es offenbar an nichts gefehlt hat, sieht einen Bettler im Schnee sitzen. Er hält sein Pferd an und macht in dem Moment das, was er kann. Er teilt seinen Mantel mit dem Schwert durch und gibt eine Hälfte diesem armen Menschen. Damit hat er ihm in dieser kalten Zeit vermutlich das Leben gerettet. Vielleicht hatte St. Martin die Worte von Jesus im Ohr: „Achtet auf die Menschen, die um Euch herum leben. Und helft, wo ihr gebraucht werdet.“ Das hat Jesus immer wieder versucht, zu erklären. Und er ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen, als er gesagt hat: „[...] Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für mich getan.“
Wenn ich mir unsere Welt im Moment so anschaue, dann wünsche ich mir manchmal, dass diese einfache Botschaft mehr Menschen ernst nehmen würden: Geht mit offenen Augen durch euren Alltag und schaut, wo es jemand gibt, der Hilfe braucht. Ich glaube, das braucht unsere Welt mehr denn je. Menschen, die nicht nur nach sich selber schauen. Denen nicht einfach alles egal ist, was um sie herum passiert. Die gerne teilen, was sie haben. Wie dankbar war ich, als uns jemand eine „Ersatzkerze“ geschenkt hat, als die Laterne meiner Tochter nicht richtig leuchten wollte. Und für den Punsch haben wir am Ende zusammengelegt. Aber man kann auch einfach Zeit teilen. Jemanden anrufen und zuhören. Mal nach meinen Nachbarn schauen. Klingeln und fragen, ob sie was brauchen. Vielleicht beten.
Diese Geschichte zeigt mir: wenn ich teile, was ich habe, dann ist das viel mehr als eine noble Geste. Manchmal schenkt das neues Leben.
Kein Mensch ist unbedeutend. Und es lohnt sich genau hinzuschauen. Und mit ganz offenen Augen und mit einem noch weiteren Herzen durch das Leben zu gehen. Ich glaube das bringt ein bisschen mehr Licht und Wärme in unsere Welt. So, wie jede einzelne Laterne heute Abend.
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Im Herbst ist es immer das gleiche mit mir: wenn die Sonne scheint, würde ich‘s am liebsten riskieren und nochmal ohne Jacke rausgehen. Ich hätte den Sommer gern noch eine Weile behalten – muss mich aber langsam doch auf die neue, kalte Jahreszeit einlassen. Der Herbst ist eben eine Übergangszeit. Und Übergangszeiten sind nie so ganz leicht: Jemand zieht um – die Kartons sind noch nicht alle ausgepackt. Man wohnt dann nicht mehr in den alten vier Wänden. Ist aber auch noch nicht richtig am neuen Ort angekommen. Jemand geht in den Ruhestand – dann arbeitet man nicht mehr da, wo man so viele Jahre war. Ist aber noch nicht in der neuen Phase angekommen. Kinder wechseln die Schule oder haben gerade eine Ausbildung angefangen und und und …
Dabei frage ich mich immer: Was gibt mir eigentlich in so einer Situation den Mut weiterzugehen? Ich weiß ja noch gar nicht, wie es werden wird.
Bei dieser Frage muss ich an die Mosegeschichte denken. Mose hat sein ganzes Volk aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit geführt. Er hat damit einen Auftrag ausgeführt, den er von Gott selber bekommen hatte. Und da war es genauso. Sie waren nicht mehr in Ägypten. Sie waren aber auch noch nicht in der neuen Heimat angekommen. Sie waren irgendwas dazwischen. Aber: Gott hat sie Tag und Nacht begleitet. Er wollte sie gerade in dieser Übergangszeit nicht allein lassen. Weil er wusste, dass Veränderungen uns Menschen nicht immer leichtfallen. Vor allem überhaupt erstmal das Losgehen, wenn wir nicht so richtig wissen, wo uns der Weg eigentlich hinführt. Er hört das Schimpfen von denen, denen die Füße weh tun. Er hört die Sorgen über das wenige Essen und die Frage, wo es Wasser gibt.
Trotzdem würden manche der Israeliten lieber umdrehen. Zurück in das Leben, das sie gekannt haben. Es ist eben eine Übergangszeit – in der Gott aber den Menschen seine Hilfe hinhält. So ähnlich wie mir meine Frau gerade eine Übergangsjacke unter die Nase hält, bevor ich morgens aus dem Haus gehe. Die ist tatsächlich perfekt: Denn noch ist es nicht richtig Winter, warm ist es aber auch nicht mehr.
Deshalb ist mein Glaube für mich, wie so eine Übergangsjacke, wenn man so will. Gott ist mit dabei. Auch in meinem Leben. Gott begleitet mich und hält mir eine Jacke hin. Er weiß, was gut für mich ist. Ich kann in die Jacke jederzeit reinschlüpfen. Er hält sie mir geduldig hin. Er ist einfach immer da. Egal, was kommt.
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