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09SEP2022
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Die Hoffnung stirbt zuletzt – so heißt es in einem Sprichwort. Und zynische Leute ergänzen: Die Hoffnung stirbt vielleicht zuletzt – aber sie stirbt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass uns gerade tatsächlich die Hoffnung fehlt. Die Hoffnung, dass wir den Klimawandel noch in den Griff bekommen. Dass es irgendwann keine Kriege mehr auf der Welt geben wird. Und dass auf eine Pandemie nicht gleich die nächste folgt.

Vor allem in den letzten – bald drei Jahren – sind wir von einer Krise in die nächste geschliddert. Und wir spüren, wie verletzlich wir doch eigentlich sind.

Auch mir kommt die Hoffnung manchmal abhanden. Vor allem auch im Blick auf unsere Kinder. In was für einer Welt wachsen sie auf? Und was für Probleme werden sie später zu lösen haben? Können wir es ihnen jetzt noch leichter machen?

Fragen, die sich wie ein Schatten auf meine Seele legen, besonders abends. Aber dann kommt zum Glück ein neuer Tag. Manchmal hilft mir einfach, dass es wieder hell wird. Die Sonne jeden Tag auf- und wieder untergeht. Weil mich das an ein Versprechen erinnert: Ein Versprechen von Gott. Es ist eine bemerkenswerte Geschichte aus der Bibel: Denn Gott hat selbst einmal die Hoffnung verloren: die Hoffnung, dass die Menschen zu irgendetwas Gutem fähig sind. Er hatte das Gefühl, dass er nochmal ganz von vorne anfangen muss. Also hat er eine große Flut geschickt, eine Überschwemmung. Nur ein Mann namens Noah überlebte – zusammen mit seiner Familie und den Tieren an Bord eines Schiffes.  Die Menschen bekommen eine zweite Chance – aber auch sie sind nicht besser, gütiger oder gerechter als die Menschen vor ihnen. Vor der großen Katastrophe. Trotzdem gibt Gott selbst ein Versprechen ab: „Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Er meinte damit, dass er mit der Schöpfung nicht nochmal ganz von vorne anfangen möchte. Die Lösung ist nicht ein Neustart und die Hoffnung, dass beim zweiten Mal alles perfekt laufen wird. Menschen sind nicht perfekt. Aber sie haben die Fähigkeit, etwas zu verändern. Wir können daran arbeiten, besser und gerechter zu werden. Und rücksichtsvoller gegenüber der Umwelt. Das ist vielleicht mühsamer und langsamer als ein Neustart. Aber es schenkt Hoffnung. Denn zu dieser Veränderung kann ich selber beitragen. Mit ganz kleinen und mit großen Schritten.

Es ist vielleicht naiv. Aber ja, ich glaube immer noch, dass wir es schaffen können, dass wir in einer Welt leben, in der es allen Menschen, Pflanzen und Tieren gut geht. Und dass die Hoffnung eben doch nicht stirbt.

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08SEP2022
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Du darfst erst, wenn ich was habe – das macht jeden Morgen unser Kaninchen-Chef seinen Mitbewohnern klar. Bei Tieren mag das ja ganz normal sein. Aber in letzter Zeit habe ich oft das Gefühl, dass das bei uns Menschen auch immer mehr so wird.

Neulich habe ich beobachtet: Wie hunderte Autofahrer gleichzeitig von einem Parkplatz losfahren wollten. Das war nach einem großen Konzert. Alle sind kreuz und quer über den Parkplatz gefahren. Vorfahrt? Egal! Sich an die angezeigten Wege halten? Wozu? Und das, nur um zwei Minuten früher nach Hause zu kommen. Sowas verstehe ich einfach nicht. Frei nach dem Motto: Platz da, hier komme ich! Ich bin mir sicher, dass jedem und jeder von uns da ein paar Beispiele einfallen. Da zieht einfach jemand in die Kreuzung rein. Dort drängelt sich jemand an der Schlange einfach vorbei. Und wenn es sein muss, dann fährt man auf der Autobahn halt rückwärts.

Was mich dabei stört ist nicht das Drängeln, oder dass ich dann fünf Minuten länger warten muss. Nein. Was mich stört, ist, dass sich einfach jemand für wichtiger nimmt als alle anderen.

Ein Sprichwort sagt: Wenn sich jeder selbst hilft, dann ist allen geholfen. Aber in was für einer Gesellschaft leben wir dann? Ich finde, sie würde dem Kaninchenstall bei uns zu Hause ähneln: Und da kriegt erst der Stärkste was zu fressen – der Rest muss warten, was übrigbleibt.

 „Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt […], das habt ihr für mich getan.“ Das hat Jesus gesagt und dieser Satz wird mir immer wichtiger. Weil er klar macht, dass mein Leben mit dem Leben von ganz vielen anderen Menschen zusammenhängt. Sogar, wenn ich versuche, von einem Parkplatz zu fahren, gleichzeitig mit vielen anderen: Hätte man von oben auf diesen Parkplatz schauen können, dann wäre es klar: Immer, wenn sich jemand einen Vorteil verschafft, klemmt es an unzählig vielen anderen Stellen. Deshalb darf mir nicht egal sein, was mit den anderen wird – Hauptsache ich bin als erster dran. Jesus hat immer versucht, den Leuten klarzumachen: „Hey, es ist wichtig, dass ihr füreinander da seid. Dass ihr euch gegenseitig helft“. Jesus hat schlicht erwartet, dass wir auf unsere Mitmenschen achten.  Bei allem, was man tut, wenigstens einen kleinen Moment drüber nachdenkt, was das für die anderen bedeutet.

Es scheint so einfach zu sein: Einfach aufeinander Acht geben, auch, wenn es dann trotzdem noch an der ein oder anderen Stelle klemmt. Das Zusammenleben wäre nicht perfekt, aber menschlicher – und nicht so wie im Kaninchenstall, wo der stärkste alle anderen erst einmal wegschuppst.

Und dann ist Jesus mittendrin und mit dabei. Denn er sagt: Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt […], das habt ihr für mich getan.“

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07SEP2022
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Mein neues Hobby? Ich bin jetzt Jongleur – ich jongliere Termine! Diesen Sommer wurden einfach unglaublich viele Veranstaltungen, Feste und Angebote nachgeholt, die in den letzten zwei Jahren nicht stattfinden konnten.

Auch jetzt wollen alle schnell noch irgendein Event auf die Beine stellen – wer weiß, was der Herbst bringt. Also bin ich zum Jongleur geworden – für alle Termine unserer Familie. Nach den Kindern schauen. Chorprojekte nachholen, die zwei Jahre lang nicht stattfinden konnten. In der Gemeinde trotz Krankheitsfällen alles am Laufen halten. Und dann zwischendurch am besten die normalen Dinge wie das Einkaufen nicht vergessen.

Zu dumm nur, dass ich gar nicht jonglieren kann. Und, selbst, wenn ich es könnte, weiß ich nicht, wie lange es dauern würde, bis die Arme lahm wären und mir die Bälle runterfallen. In der Ruhe liegt die Kraft, hat mir mal jemand verraten, der wirklich jonglieren kann. Aber, wo soll denn bei all diesen Herausforderungen Ruhe herkommen, frage ich mich jetzt.

„Kommt zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken.“ Diesen Satz hat Jesus gesagt.

Ruhe geschenkt bekommen. Das klingt toll. Aber wie kann das aussehen? Ich glaube, indem ich sie aktiv annehme. Bewusst kurz innehalte und durchatme. Oder die Augen schließe für ein stilles Gebet – auch ohne Worte. Oder ich setze mich ans Klavier und spiele einfach so für mich.

Vermutlich haben wir da alle schon unsere eigene Strategie. Und doch glaube ich, dass in den Worten von Jesus noch ein bisschen mehr als ein Eiskaffee oder ein kühles Bier drinstecken.

„Kommt her zu mir“ sagt er. Er fordert mich auf: „Werde aktiv, komm her und lass die Mühen des Alltags für eine Weile hinter Dir. Lass dich erfrischen. Tanke bei mir auf“. Dieser Satz von Jesus macht mir Mut. Ja, es gibt immer wieder Phasen in meinem Leben, da muss ich jonglieren, obwohl ich es nicht kann. Dann darf – nein – dann soll ich aber auch Momente der Ruhe annehmen. Auch, wenn mir die Bälle dann mal runterfallen. Ich kann sie ja wieder aufheben. Denn Jesus hat versprochen, dass er mir dabei hilft. Zusammen geht es einfach besser.

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06SEP2022
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Immer in den Sommerferien räume ich unsere Pinnwand in der Küche ab. Alle Terminlisten und Zettel, die sich da im Lauf eines Schuljahres sammeln, kommen dann runter. Was sich da alles angesammelt hat. Wie anstrengend es manchmal gewesen ist. Jetzt, wo die Zettel im Papierkorb landen, scheint das alles weit weg.

Aber es geht bald wieder los – auch in Baden-Württemberg. Und wie jedes Jahr nehme ich mir vor, dass die Pinnwand nicht wieder so voll wird. Aber das klappt irgendwie nicht so richtig. Ruckzuck füllt sie sich und es fängt wieder von vorne an. Dann ist der Urlaub schnell vergessen und der Alltag hat mich wieder voll erwischt. Schade eigentlich.

In der Bibel wird davon gesprochen, dass alles seine Zeit hat. Lachen und Weinen. Streiten und versöhnen. Abreißen und Neubauen.

Auch Arbeiten und Urlaub. Beides hat seine Zeit. Und beides braucht Zeit! Schön wäre es deshalb, wenn ich manchmal das Gefühl von Urlaub auch in der Arbeitszeit haben könnte. Das Gefühl, mich entspannt über kleine und große Dinge zu freuen. Beim Frühstück zum Beispiel. Ich frühstücke im Urlaub und in der Arbeitszeit. Aber in den Ferien fällt es mir viel leichter, mich an einem leckeren Frühstücksei zu freuen, oder am schönen Wetter und, dass ich meine Nase in den Wind halten kann.

Das ist im Arbeitsalltag eigentlich nicht anders. Da verstellen mir halt nur ganz viele Sachen die Sicht. Was ich noch alles machen muss. Welches Kind, wann, wohin muss? Dass ich den Kieferorthopädentermin nicht vergesse. Und an was ich von der Pinnwand jetzt noch denken muss. Da würde es mir gut tun zwischendurch zu entspannen, mich an den kleinen Sachen zu freuen und die Nase in den Wind zu halten.

Deshalb habe ich an meine Pinnwand jetzt einen Zettel gehängt, auf dem steht: „Heute schon Urlaub gemacht?“.

Die hängt bei uns in der Küche und ich laufe jeden Tag ein paar Mal dran vorbei. Und ich merke, dass ich jedes Mal diesen Zettel lese und ich dabei an was Schönes denken muss. Das können ganz kleine Sachen sein. Dass mich an der Kreuzung heute hat jemand reinfahren lassen. Oder, dass ich heute Morgen nicht die Bohnen an der Kaffeemaschine auffüllen musste. Das kann ganz viel sein.

Mir hilft das, dass mich mein Alltag nicht so ganz gefangen nimmt. Dass ich es immer wieder schaffe ein Stückchen Urlaub in meinen Alltag zu retten. Und mich wie im Urlaub zu fühlen.

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05SEP2022
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Jetzt wird es Zeit für Plan B ... Im Fernsehen und im Film sagt das immer der Held, wenn irgendein toller Plan von ihm nicht klappt. Der Film-Bösewicht ist entwischt? Dann auf zu Plan B …  Ich finde im Leben ist es auch manchmal so. Man schmiedet Pläne und dann kommt es doch ganz anders.

Der Job, auf den man sich freut und der dann doch nicht klappt. Die Wohnung, die man am Ende vielleicht doch nicht bekommt. Die eine Prüfung, die man versemmelt – das kenn ich gut – oder man sich auf den Ruhestand freut und dann krank wird.

Immer dann kommt Plan B zum Einsatz. Manchmal denke ich: Plan B ist eigentlich eher Plan A. Und das muss ja auch nicht schlecht sein. Bei mir z.B.: ich bin durch eine wichtige Prüfung gefallen und habe sie dann als Plan B in den Ferien woanders wiederholt. Und da ganz nebenbei meine Frau kennengelernt.
Wie gut, dass es Plan B gab. Aber manchmal gibt es auch Situationen, da reicht nicht mal Plan B oder C oder D. Wenn man schwer krank wird oder eine Beziehung endgültig in die Brüche geht. Pläne nützen nur, wenn wirklich etwas zu planen geht. Wie im Film bei unserem Helden. Wenn er sagt: „Jetzt wird es Zeit für Plan B“ stellt sich fast immer heraus, dass es den gar nicht gibt. Es gibt eben Dinge, die lassen sich beim besten Willen nicht planen, weder mit A noch B noch C. Dann braucht es Vertrauen, dass nicht alles in der eigenen Hand liegt. Das gehört zum Leben dazu, und das macht es aus.

„Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte in Scheunen. Trotzdem ernährt sie euer Vater im Himmel.“.Das hat Jesus zu seinen Freunden gesagt, als sie gemeinsam unterwegs waren. Vielleicht auch, weil sie zu viele Pläne geschmiedet haben. Selbst über Dinge, die sich gar nicht planen lassen.

Pläne für das eigene Leben sind gut und wichtig, aber manchmal gehen sie halt einfach nicht auf. Deshalb braucht es eben das Vertrauen, dass manches nicht zu planen geht und trotzdem dazu gehört. Denn wer von uns weiß schon, welcher Plan am Ende zum Ziel führt.

Ich glaube nicht, dass es Jesus darum gegangen ist, dass wir ganz planlos durchs Leben marschieren sollen. Ich glaube, dass er sich gewünscht hat, dass ich in aller Freiheit mein Leben leben kann. Dass ich mir natürlich Gedanken über meinen Lebensplan machen kann und soll – aber eben dabei trotzdem noch offen dafür bin, dass es auch ganz anders kommen kann. Und dass das eben dann auch nicht unbedingt schlecht sein muss.

Denn manchmal ist eben Plan B doch Plan A.

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20MAI2022
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Ja – und Gott helfe mir. Das sagen am Sonntag hoffentlich meine Konfirmandinnen und Konfirmanden, wenn ich sie frage, ob sie weiter als Christen durchs Leben gehen wollen. 19 junge Leute werden bei mir am nächsten Sonntag konfirmiert. Als sie getauft wurden, da waren die meisten von ihnen ja noch Babys und konnten das nicht selber entscheiden. Jetzt mit 14 Jahren können sie das. Wollen sie diesen Weg weitergehen, oder hat der Glaube mit ihnen nur wenig zu tun.

Deshalb haben sie in den letzten Wochen und Monaten viel über den Glauben und die Kirche gelernt. Warum feiern wir Gottesdienst? Was passiert da eigentlich überhaupt? Und was bedeutet eigentlich Taufe? Eine Sache finde ich bei allem Lernen und Erklären immer ganz besonders wichtig: Glaube kann sich verändern – immer. Mein Glaube heute ist sicher ein ganz anderer, als mit 14. Und vermutlich auch ein anderer als mit Mitte zwanzig. Deswegen überlege ich immer mit den Konfis: Was kann ich im Moment glauben? Was ist mir im Moment wichtig? Und auch: Was fällt mir schwer zu glauben? Wo habe ich meine Schwierigkeiten?

Das finde ich nicht nur bei den Jugendlichen wichtig.
Diese jungen Menschen sagen auf jeden Fall am Sonntag jetzt selber ja zu diesem Weg. Und das finde ich toll. Sie sollen ihre eigenen Erfahrungen machen und das werden sie auch. Vielleicht finden sie ja was, was sie anspricht und ihr Glaube wird tiefer. Oder sie merken, dass es im Moment dann noch nicht so richtig was für sie ist – und erinnern sich dann später vielleicht wieder daran.

Den Weg des Glaubens weitergehen - Das ist für mich der wichtigste Teil in diesem Gottesdienst. Und dann gehört auch noch der Segen dazu. Ich lege den jungen Leuten die Hände auf den Kopf und segne sie.

Dass sie hören, spüren und sehen: Es sind nicht nur die Eltern, die sie auf ihrem Weg begleiten, die Familie und die Freunde. Gott sagt zu jedem einzelnen von ihnen: Ja, Du gehörst auch zu mir. Ich habe Dich schon dein ganzes Leben begleitet und ich werde immer für dich da sein. Egal, was Du machst. Egal, wo Du bist und was das Leben für Dich bereithält.

Gott sagt: Ich bin da für dich - immer.

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19MAI2022
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15677 – diese Zahl habe ich vor ein paar Tagen gelesen. So viele Menschen sind in Baden-Württemberg an oder mit dem Corona-Virus gestorben. Weltweit sind es Millionen. Und wahrscheinlich kann im Moment niemand sagen, wie viele Menschen gerade sterben durch Krieg und Zerstörung – nicht nur in der Ukraine.

Dabei denke ich oft: Für mich sind das nur Zahlen. Aber für viele andere haben diese Zahlen eine Geschichte. Sie haben einen Namen und ein Gesicht, das mit einem Schicksal verbunden ist.

Das sind nicht nur Zahlen. Das alles waren Menschen, die vielleicht Kinder haben. Die vielleicht eine Familie haben oder selber das Kind von einer Mutter oder einem Vater sind. Das vergesse ich viel zu schnell, wenn ich die Nachrichten höre. Vielleicht sind wir es mittlerweile schon zu sehr gewohnt. Diese Zahlen.

„Jetzt aber spricht der Herr, […]: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich befreit. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir.“  Das ist ein Segensspruch, den ich immer bei Taufen zu den Kindern sage. Weil ich das so wichtig finde. Gott kennt mich ganz genau. Er weiß, wie ich bin und vor allem kennt er meinen Namen. Und vergisst ihn auch nicht. Denn für Gott ist kein Mensch nur eine Zahl. Er kennt nicht nur jeden Menschen ganz genau. Nein, er kennt sogar die Namen von uns allen.

An diesen Spruch muss ich deshalb gerade immer wieder denken, wenn ich in den Nachrichten so eine neue Zahl höre. Gott sei Dank kennt Gott jede und jeden einzelnen, die mit der Zahl beschrieben worden sind. Mich beruhigt das irgendwie. Der Tod eines Menschen ist immer traurig. Und im Krieg noch dazu so sinnlos und ungerecht. Aber genau deshalb, bin ich froh, dass die Menschen wenigstens bei Gott gut aufgehoben sind. Weil er sie kennt und niemals vergisst – auch, wenn sie sterben nicht.

Ihr Leben endet dann nicht einfach im Nichts. Es ist bei Gott einfach gut aufgehoben. Das finde ich so wichtig. Auch für die Menschen, für die so eine Zahl sehr konkret war. Weil es für sie dann sowas wie eine Verbindung zu dem Menschen gibt, den sie verloren haben. Über Gott.

Denn für Gott sind wir wichtig. Und vor allem viel viel mehr als nur eine Zahl. Und sei sie noch so groß.

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18MAI2022
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„Das siehst Du dann erst in ein paar Jahren, ob das geklappt hat.“ Neulich war ich mit einem Baumpfleger unterwegs. Das war total spannend. Er hat mir erklärt, wie man Bäume schneiden muss und worauf man alles achten sollte. Dabei hat er das dann auch gesagt. Das siehst Du dann erst in ein paar Jahren, ob das geklappt hat. Ein Baum ist keine Maschine, wo man einen Knopf drückt und dann bekommt man das, was man möchte. Ein Baum ist ein lebendiges, eigenständig wachsendes Wesen. Wenn ich einen Ast schneide, dann sehe ich erst nach einer gewissen Zeit, was das verändert.

Manche Dinge brauchen eben etwas mehr Zeit.

Ich glaube: So hat das auch Jesus gemeint, wenn er davon gesprochen hat, dass er unsere Welt verändern möchte. Immer wieder hat versucht den Leuten zu erklären, dass Gott sich eine Welt für uns wünscht, in der alles besser ist. In der es keine Krankheiten gibt. Keine Kriege. Keinen Neid und keinen Streit.

Weil das aber damals schon nicht anders war, als heute, hat er es mit folgendem Bild beschrieben: „Es ist wie bei einem Senfkorn: Wenn es in die Erde gesät wird, ist es das kleinste aller Samenkörner, die ausgesät werden. Aber wenn es ausgesät ist, geht es auf und wird größer als alle Sträucher. Es bringt so große Zweige hervor, dass die Vögel in seinem Schatten ihr Nest bauen können.“

Ausgesät ist diese neue Welt. Das hat damit angefangen, dass Jesus zu uns gekommen ist. Jetzt muss sie nur noch wachsen. Und das ist eben wie mit der Erklärung des Baumpflegers. Es braucht Zeit zum Wachsen und man erkennt nur sehr langsam, was daraus wird.

Aber das Schöne ist: Wir alle sind ein Teil davon. Ich, und andere Christinnen und Christen – letzten Endes können wir alle was dazu beitragen. Wir wachsen mit, und bringen uns ein so gut wir können. Was daraus werden wird, wird die Zeit zeigen. Es gibt ein sehr schönes Lied, das beschreibt, was ich dazu beitragen kann: „Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen. Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken. Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden. Da berühren sich Himmel und Erde.“  Da wird diese neue Welt spürbar. Und ich hoffe und glaube, dass wir immer mehr davon sehen können.

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17MAI2022
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„Das wird schon wieder“ – nach diesem Satz musste ich erstmal schlucken. Eine ältere Dame wollte damit ihre Nachbarin trösten. Das war bei einer Beerdigung auf dem Friedhof. Die Frau hat ihren Mann verloren – und das soll sie jetzt trösten? In dem Moment war ich wirklich kurz sprachlos. Nein, das wird nicht wieder. Der Mann ist tot. Und damit ist alles vorbei, was vielleicht noch hätte sein können.

Diese kurze Szene hat mich noch lange beschäftigt. Die ältere Dame hat das so voller Überzeugung gesagt: Das wird schon wieder – trotz schwerem Schlucken hat das auch bei mir irgendwas angestoßen.

Jesus hat mal von sich selbst gesagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“  Das klingt ja schon so ein bisschen danach, dass wirklich alles wieder gut werden könnte. Wir Christen vertrauen ja darauf. Und es ist gerade einmal vier Wochen her, dass wir Ostern und die Auferstehung von Jesus gefeiert haben. Aber trotz der Hoffnung, dass Jesus wieder von den Toten zurückgekehrt ist – ganz ehrlich: Da gibt es Momente, wo es nicht so anfühlt, dass alles wieder werden wird. So sehr ich mir das vielleicht vor ein paar Jahren gewünscht hätte, als meine Mutter gestorben ist: Unsere Erfahrung zeigt einfach: Nein – das wird nicht wieder.

Ich glaube aber mittlerweile, dass die Frau das gar nicht so gemeint hat. Und Jesus auch nicht. Es geht nicht darum, dass es den Tod nicht mehr gibt, und ich nicht mehr traurig sein darf. Jesus hat gesagt: Wer an mich glaubt …Wer an Jesus glaubt – wer ihm vertraut. Ich denke, Jesus spricht von Vertrauen, selbst dann, wenn ich traurig bin und jemanden verloren habe. Für mich bedeutet das: ich vertraue darauf, dass mein Leben nicht irgendwann im Nichts endet. Dass ich nicht einfach so weg bin. Sondern, dass ich dann ganz bei Gott bin. Wie das genau aussieht, das können wir uns vermutlich nur schwer vorstellen. Auf jeden Fall ganz anders, als wir es jetzt hier von unserer Welt kennen. Und, wenn das so ist, dann kann ich zu einem Menschen, den ich verloren habe, trotzdem noch eine Verbindung haben. Über Gott.

Das wird schon wieder heißt dann vielleicht: Du wirst lernen damit zu leben. Du wirst diesen Verlust spüren – jeden Tag. Und ja, es wird Tage geben, wo man denkt, dass es einfach nicht mehr geht. Und trotzdem wird das Leben weitergehen. Denn: so wenig Gott einen Menschen verlorengehen lässt, der stirbt. So wenig wird er die vergessen, die noch leben. Gott gibt Kraft, damit ich die Trauer überstehe. Hier und jetzt. Das wird schon wieder. Nicht wie es vorher war. Anders. Aber, es wird schon wieder.

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16MAI2022
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Huh – neulich habe ich mich so richtig geärgert. Zuerst habe ich einen Notizzettel gesucht und nicht gefunden – und ich musste einfach los. Dann musste ich nochmal umdrehen, weil ich mein Handy hab liegen lassen. Und am Ende stand ich vor verschlossener Tür, weil mein Schlüssel gerade im Auto meiner Frau irgendwo unterwegs war.

Wie kann man nur so ungeschickt und unorganisiert sein? Was habe ich mich geärgert – und in dem Moment ist mir aufgefallen, dass dieser Ausdruck: „Ich ärgere mich“ total richtig ist. Ich ärgere MICH - über mich selbst. Kein anderer ist schuld. Es hat mich niemand beleidigt und es war auch sonst niemand anderes beteiligt. Nur ich war schuld, war mal wieder zu unorganisiert. Zu unordentlich und zu unpünktlich. Als ich mir das so überlegt habe, da ist mir noch etwas aufgefallen, und zwar dass ich mich viel öfter über mich ärgere, als über andere. Warum eigentlich?

Ich glaube, dass ich von mir selber sehr viel erwarte. Ich wäre gerne pünktlich, ordentlich, gut drauf und bestens organisiert. Ich würde mich gerne selbst ändern. Ich käme mit mir selbst besser klar und wäre mit mir mehr im Reinen. Aber dann merke ich immer wieder: Ich kriege es einfach nicht hin – und das ärgert mich dann.

„Liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst.“  Dieser Satz von Jesus ist mir in dem Zusammenhang eingefallen. Jesus war wichtig, dass das zusammenhängt. Wie ich mit anderen Menschen umgehe und wie ich mit mir selber umgehe. Das heißt für mich: Wenn jemand anderes unpünktlich ist oder keinen Schlüssel dabeihat, dann versuche ich zu helfen und sage: „Ach, das ist doch kein Problem“. Genau deshalb sollte ich mich auch über mich selbst nicht ärgern, wenn das mir mal wieder passiert.

Ich meine: klar, wenn jemand anderes ständig unpünktlich ist und ich deshalb warten muss, dann ärgert mich das auch. Und mir geht es auch nicht darum, einfach mit den Schultern zu zucken und zu sagen: es ist alles egal. Ich möchte ja pünktlich und aufgeräumt sein. Mir geht es darum, dass ich trotz allem Anspruch ein bisschen gnädiger mit mir selber sein möchte – egal in welcher Situation. Niemand ist perfekt - ich nicht, und die anderen auch nicht. Ich denke, das wollte Jesus sagen mit seinem Satz: „Liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst.“ So zeigen wir nämlich auch unsere Liebe zu Gott. Wenn wir liebevoll miteinander umgehen – anstatt uns ständig zu ärgern.

Vielleicht schaffe ich es ja, dass ich beim nächsten Mal dran denke: Liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst. Und heute fange ich bei mir an.

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