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SWR4 Abendgedanken

06MRZ2026
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Kleine bunte Vögelchen aus Keramik schmücken meine Serviettenringe. Und sie sehen aus wie die echten. Es sind Vögel aus Guatemala: Ein Tukan, ein Pelikan und andere, deren Namen ich nicht kenne. Wenn ich diese Serviettenringe zum Essen mit Gästen auf den Tisch lege, erzähle ich gerne, wo ich sie herhabe. Sie sind durch den Weltgebetstag zu mir gekommen.

Der Weltgebetstag wird schon seit vielen Jahren immer am 1. Freitag im März, also auch heute, begangen. Christen auf der ganzen Welt feiern an diesem Abend einen Gottesdienst, bei dem jedes Mal ein anderes Land im Mittelpunkt steht. Es geht um die besonderen Themen der Menschen dieses Landes, verbunden mit einem Text aus der Bibel. Um mehr über das jeweilige Land zu erfahren, habe ich mich immer bemüht, Kontakt zu Leuten herzustellen, die das Land kennen. Im Jahr 1993 kam der Weltgebetstag aus Guatemala. Und ich habe damals eine Frau getroffen, die Handarbeiten aus Guatemala nach Deutschland gebracht hat und sie hier verkauft hat. Sie hat mit dem Erlös Menschen in dem südamerikanischen Land unterstützt.

Sie hat mir erzählt von den Frauen, die diese kleinen Kunstwerke gefertigt haben mit großer Sorgfalt und Liebe.

Diese Serviettenringe sind für mich mehr als eine hübsche Tischdekoration. Sie erinnern mich daran, dass wir alle miteinander verbunden sind – auch wenn uns Kontinente trennen.

Im Bibeltext des Weltgebetstags damals ging es um Gottes Fürsorge für die Vögel des Himmels. „Seht die Vögel“, heißt es dort. Ein Satz von Jesus aus der Bergpredigt. Er sagt: Die Vögel säen nicht und ernten nicht – und doch sorgt Gott für sie. (Matth 6,26) Dieser Satz hat für mich durch die Begegnung mit Guatemala eine neue Tiefe bekommen. Denn Gott sorgt nicht nur für die Vögel, sondern auch für die Menschen, die die Keramikfiguren formen, bemalen und verkaufen, um ihr Leben zu sichern.

Heute und an jedem 1. Freitag im März ist das die Einladung dieses Abends zum Weltgebetstag: einmal bewusst hinzuschauen. Auf die Dinge, die uns umgeben und verbinden. Auf die Menschen, die hinter ihnen stehen. Und auf die Geschichten, die Gott darin für uns bereithält. Und wenn ich Gäste habe und meine Keramikvögel den Tisch und die Servietten schmücken, kommen wir manchmal darüber ins Gespräch.

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SWR4 Abendgedanken

05MRZ2026
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Morgen ist Weltgebetstag. In vielen Christengemeinden rund um die Welt feiern Menschen einen Gottesdienst zu einem gemeinsamen Thema. Den Weltgebetstag gibt es schon seit fast hundert Jahren, immer am 1. Freitag im März. Ursprünglich war das eine Initiative von Frauen, weshalb dabei bis heute vor allem die Lebenssituation von Frauen zu Wort kommt. Die Idee dabei ist auch, dass das Gebet von vielen Menschen an diesem Tag rund um die Erde läuft und praktisch nicht verstummt.

Wenn Anfang März der Weltgebetstag gefeiert wird, entsteht ein unsichtbares Netz über Kontinente hinweg. Frauen in kleinen Dörfern und großen Städten, in altehrwürdigen Kirchenräumen und modernen Gemeindehäusern, in Ländern voller Frieden und in Regionen voller Angst – sie alle verbinden sich im Gebet.

Was mich daran so berührt: Diese Frauen beten füreinander. Für Menschen in ihrer Nachbarschaft oder ganz weit weg in einem fernen Land. Für Frieden, der überall gebraucht wird.

Und während sie beten, tragen sie.
Sie tragen Verantwortung in ihren Familien.
Sie tragen Lasten; sie tragen Träume.
Und sie tragen Hoffnung – oft für andere, bevor sie an sich selbst denken.

Im Lukasevangelium heißt es: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.“ Maria spricht diese Worte, eine junge Frau, die selbst nicht wusste, wie ihr Leben weitergehen würde. Und doch lobt sie Gott mit ihrem Gebet. Sie vertraut. Sie trägt.

Vielleicht ist das das Geheimnis dieser betenden Frauen weltweit: Sie wissen, dass sie nicht allein tragen müssen. Dass Gott mitträgt. Dass ihre Worte nicht im Raum verhallen, sondern Teil eines großen, atmenden Gebets werden, das die Welt umspannt.

Gewiss gibt es auch in Ihrer Nähe einen Weltgebetstagsgottesdienst. An vielen Orten sind Frauen und Männer dazu eingeladen, dieses besondere Gebet mitzufeiern, sich davon inspirieren zu lassen und sich einzubinden in dieses weltweite Netz.

So wird aus vielen leisen Stimmen ein großer Klang.
Ein Klang, der trägt – rund um die Welt.

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SWR4 Abendgedanken

04MRZ2026
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Ich halte mich als Pfarrerin in Seelsorgegesprächen an die Schweigepflicht. Ich verrate, wie manche sagen: „kein Sterbenswörtchen“ und spreche nicht mit anderen über das, was man mir anvertraut hat. Dieses Wort „Sterbenswörtchen“ bedeutet ursprünglich etwas ganz Besonderes. Es ist ganz wörtlich das letzte Wort eines Sterbenden. Ein letzter Gedanke, eine letzte Botschaft.

„Ich habe alles gesagt.“
Diesen Satz hat eine sterbende Frau zu mir gesagt, kurz bevor sie am Abend desselben Tages gestorben ist.

Es war kein dramatischer Moment. Kein großes Pathos.
Nur ein leiser, klarer Satz – für mich war es ein Satz voller Trost und voller Frieden.

Viele Menschen tragen am Ende ihres Lebens noch etwas mit sich herum: Ungesagtes, Ungeklärtes, Unvergebenes. Manchmal ist es ein Dank, der nie ausgesprochen wurde. Manchmal ein Bedauern. Eine Schuld, die nicht vergeben wurde, ein Streit, der nie beendet wurde. Manchmal ein „Ich liebe dich“, das sich nie den Weg nach draußen getraut hat.

Diese Frau hat einiges aufgeschrieben, was ihr wichtig gewesen ist. Und hat mit anderen, auch mit mir, einiges besprochen. Und am Ende unseres Gesprächs fällt dieser Satz: „Ich habe alles gesagt.“ Das war ihr ganz persönliches „Sterbenswörtchen“.

In diesem Moment habe ich gespürt: Sie ist bereit.
Nicht, weil sie keine Angst mehr hatte vor dem Sterben.
Nicht, weil alles perfekt war.
Sondern, weil sie alles ausgesprochen hatte, was ihr wichtig war.

Ihr ganz persönliches „Sterbenswörtchen“ hat mich daran erinnert, wie wertvoll und heilsam Worte sein können.

Und ich überlege mir: Wie gut ist es, wenn wir nicht erst am Ende unseres Lebens solche „Sterbenswörtchen“ sagen; wenn wir im Leben sagen, was gesagt werden soll und was uns auf dem Herzen liegt.
Wenn wir Dank nicht aufschieben.
Wenn wir Versöhnung nicht vertagen.
Wenn wir Liebe nicht für selbstverständlich halten.

„Ich habe alles gesagt.“

Das Sterbenswörtchen dieser Frau hat mich ermutigt: Rechtzeitig zu sagen, was ich noch sagen will. Es ist kostbar und voller Segen für die, die gehen. Und für die, die bleiben.

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SWR4 Abendgedanken

03MRZ2026
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Vor kurzem habe ich eine offizielle Ehrung bekommen. Mich hat das einigermaßen verlegen gemacht. Ich bin für ehrenamtliche Arbeit geehrt worden, also für etwas, das ich aus Überzeugung tue, aus Freude oder aus Verantwortung. Für etwas, das ich nicht getan habe, um geehrt oder gesehen zu werden, sondern weil es mir am Herzen liegt. Und plötzlich stand ich da, habe eine Urkunde bekommen, eine Ehrennadel und lobende Worte und Applaus.

Ich habe diesen Moment genossen -– und gleichzeitig hat mich die Ehrung verlegen gemacht. Denn Ehrenamt lebt ja gerade davon, dass es nicht um mich, um die eigene Person geht. Und doch tut es gut, wenn jemand sagt: „Danke. Wir sehen, was du tust.“

Im Matthäusevangelium sagt Jesus:
„Ihr seid das Licht der Welt. Man stellt eine Lampe nicht unter den Scheffel.“ (Matth 5,15f)
Das heißt nicht: „Stell dich ins Rampenlicht.“
Es heißt: „Lass dein Tun leuchten – damit andere Mut bekommen, selbst Licht zu sein.“

Ehrenamt ist genau das: ein Licht, das man in die Welt trägt.
Oft klein. Manchmal unauffällig.
Aber ohne diese vielen kleinen Lichter wäre unsere Gesellschaft dunkel.

Deshalb denke ich mir: Wenn ich eine Ehrung für ehrenamtliches Tun bekomme, dann ist das nicht nur ein Dank an mich.
Es ist ein Dank an alle, die sich einbringen.
An die, die im Hintergrund oder mit mir wirken.
An die, die vielleicht niemand sieht, aber jeder spürt.
An die, die ihre Zeit verschenken, ihre Kraft, ihr Herz.

Ich verstehe die Ehrung für mich als Stellvertretung.
Als Zeichen dafür, wie wertvoll Ehrenamt ist.
Als Ermutigung für andere, sich ebenfalls einzubringen.
Als Erinnerung daran, dass jede und jeder etwas beitragen kann und Teil ist eines großes Ganzen.

Albert Schweizer hat das ehrenamtliche Engagement – er nennt es „Nebenamt“ – einmal beschrieben als etwas, was zum Menschsein gehört, so sehr, dass er sagt:
„… lass Dir ein Nebenamt, in dem Du Dich als Mensch an Menschen ausgibst, nicht entgehen. Es ist Dir eines bestimmt, ...“.

Engagement macht einen Unterschied – und es darf gesehen werden. So gesehen, ist Anerkennung kein Podest, auf das jemand gestellt wird, sondern vielleicht eher so etwas wie ein Wegweiser.

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SWR4 Abendgedanken

02MRZ2026
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„Kannst du mitkommen, wenn ich mir das Pflegeheim für meinen Mann anschaue?“ Aus der Art, wie meine Freundin mich das fragt, kann ich schon hören, wie schwer ihr dieser Gang fällt. Ihr Mann ist demenzkrank, und sie pflegt ihn seit Jahren. Nun ist sie selbst am Ende mit ihrer Kraft. Und sie denkt darüber nach, einen Pflegeplatz für ihren Mann zu suchen. Ein Gedanke, der, wie ich finde, in ihrem Fall schon lange fällig ist. Aber sie schiebt das schon eine Zeitlang vor sich her, und das Herz ist ihr schwer.

Bei einer solchen Entscheidung gibt es kein richtig oder falsch – nur Liebe, die spürt: Ich kann es nicht mehr allein.

Jesus sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

Dieser Satz gilt besonders denen, die sich aufopfern, bis sie selbst kaum noch Kraft haben. Gott sieht die Erschöpfung. Er sieht die Tränen, die man heimlich wegwischt. Er sieht die Angst, den Partner „abzugeben“. Und er sieht auch die Sehnsucht nach Entlastung.

Vielleicht darf meine Freundin jetzt einen neuen Gedanken zulassen:
Dass ein Heim nicht das Ende der Liebe ist, sondern eine neue Form davon.
Dass sie weiterhin an seiner Seite bleibt – nur nicht mehr allein verantwortlich.
Dass professionelle Pflege nicht bedeutet, weniger da zu sein, sondern besser da sein zu können.

Manchmal ist Loslassen kein Aufgeben.
Manchmal ist Loslassen ein Halten – nur anders.
Ein Halten mit mehr Händen. Mit mehr Kraft. Mit mehr Frieden.

Bevor ich mit meiner Freundin das Pflegeheim aufsuche, bete ich für sie und für alle, denen es ähnlich geht:
Gott, begleite alle, die schwere Entscheidungen treffen müssen.
Schenke ihnen Mut, ihre Grenzen zu erkennen.
Schenke ihnen Vertrauen, dass Liebe viele Wege kennt.
Und schenke ihnen Frieden, wenn sie loslassen müssen, um weiter halten zu können. Amen

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SWR4 Abendgedanken

28NOV2025
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Der November hat seine eigene Stimmung – leise, ein bisschen melancholisch.
Viele Menschen mögen diesen Monat nicht so besonders. Vielleicht, weil wir in dieser Zeit besonders spüren, dass alles vergeht. Die Blätter, die Wärme, das Licht, das sich morgens gegen den Nebel durchsetzen muss. Es ist die Zeit oder der Monat, in dem wir besonders an die Menschen denken, die fehlen. Auf den Friedhöfen werden Lichter angezündet für unsere Verstorbenen, die wir vermissen.

Ich finde, dass gerade in dieser Dunkelheit auch etwas Tröstliches stecken kann. Wenn ich abends unterwegs bin und irgendwo Licht im Fenster sehe, dann weiß ich: Da ist jemand. Ich bin nicht allein. Gerade jetzt im November haben solche erleuchteten Fenster für mich etwas sehr Starkes. Sie erinnern mich an einen Satz in der Bibel, den ich sehr mag. Im Johannesevangelium heißt es:
„Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1, 5)

Der Evangelist Johannes beschreibt es nicht so, dass die Dunkelheit verschwindet. Aber das Licht geht nicht unter in ihr. Keine Dunkelheit ist so mächtig, dass nicht schon ein einziges Licht etwas daran verändern würde.

Vielleicht ist das genau die Botschaft, die wir im November brauchen.

Ich muss nicht an der Dunkelheit verzweifeln oder versuchen, vor ihr wegzulaufen oder so tun als gäbe es sie nicht: die dunklen Zeiten in meinem Leben. Ich darf mitten darin immer das Licht sehen, das ganz gewiss da ist.
Das Licht der Erinnerung.
Das Licht der Liebe.
Das Licht, das einer angezündet hat und das ich wahrnehmen kann, wenn ich unterwegs bin. Und auch das Licht, das ich selbst für einen anderen Menschen sein kann.

Das sind alles Erinnerungslichter an die beharrliche Leuchtkraft, die der Glaube in die Seele scheinen lassen will. Sie erinnern mich an die Erfahrung, wie ich durch den Glauben Hoffnung bekommen habe oder Trost oder Mut.

Vielleicht ist dies das besondere Geheimnis dieses Monats November, bevor der bunte, fröhliche Vorweihnachtslichterglanz nun bald überall in unseren Straßen und Häusern das Sagen hat: Die Dunkelheit ist da. Aber sie hat nie das letzte und einzige Wort.

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SWR4 Abendgedanken

27NOV2025
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Ein Freund muss das Haus seiner verstorbenen Eltern ausräumen und verkaufen. Er stöhnt über die viele Arbeit, die er damit hat. Aber mehr noch als die bloße Mühe belastet ihn, dass seine Eltern das nicht schon selbst zu Lebzeiten unternommen haben: Warum haben sie sich nicht von Überflüssigem getrennt? Warum haben sie die Dinge, die sie nicht mehr gebraucht haben, nicht verschenkt? Mein Freund ist ziemlich wütend deswegen.

In der Bibel beschreibt der Prophet Jesaja einmal das Gefühl wie es ist, wenn man denkt, mit einer großen Aufgabe alleingelassen zu sein. Auch ihm fallen erst mal Sachen ein, die hätten anders laufen müssen. Das macht ihn noch ärgerlicher.

Meinen Freund kann ich verstehen. Ich verstehe, dass es ihn belastet. Aber ich kann auch verstehen, dass seine Eltern es nicht geschafft haben, sich von ihren Sachen zu trennen. Und ich denke, das ist nicht nur eine Frage des Alters. Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, haben oft eine Bedeutung für uns, die andere kaum erkennen können. Bücher, Bilder, Geschirr, Möbel, Kleidungsstücke – mit vielem sind Erinnerungen verbunden. Bei Manchem sammelt sich so viel an, dass er darüber krank wird. Und wie schwer es einem fallen kann, das Angesammelte wegzugeben, das habe ich selbst gerade erst erlebt, als ich in eine neue Wohnung umgezogen bin. Dinge, die für andere eben nur ein Buch oder ein Bild sind, sind für mich eine Erinnerung und eine Verbindung mit einer Geschichte aus meinem Leben.

In der Bibel nimmt die Geschichte vom Zornigen eine überraschende Wendung. Er bleibt bei seinem Zorn nicht stehen, sondern stattdessen lobt er Gott und sagt:

An die tätige Güte Gottes will ich erinnern, an alles, was Gott für uns tat:
Gutes in Fülle (…) entsprechend seiner Mutterliebe
und entsprechend der Fülle der göttlichen Treue (…). (Jes 63,7 Bibel in gerechter Sprache)

Vielleicht kann mein Freund ein wenig von seinem Ärger runterkommen, wenn er mit einem liebevollen oder wenigstens barmherzigen Blick auf das schaut, was seine Eltern an Aufräumarbeit nicht mehr geschafft haben oder nicht schaffen konnten. Ich denke mir: Oft wird sie vermutlich vor allem die Liebe und Treue daran gehindert haben, Dinge wegzutun. Und darüber muss er sich, bei aller Mühe, nicht ärgern, sondern kann mindestens nachsichtig sein.

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SWR4 Abendgedanken

26NOV2025
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Ein Lokal in unserer Stadt muss schließen. Die Pächter geben auf, weil die Wirtin mit schlimmen Rückenschmerzen die Arbeit nicht mehr schafft und keine Aushilfe findet, die sie entlasten kann. So gehen wir mit unserem Freundeskreis gemeinsam ein letztes Mal dort essen.

Die Stimmung ist gedrückt. Wir plaudern über die leckeren Gerichte, die wir hier über Jahre hinweg gegessen haben und über die Schwierigkeiten, die man in der Gastronomie heutzutage hat. Immer mehr kommen wir dabei zu dem Thema Abschied. Dieser konkrete Abschied heute Abend und Abschiede im Allgemeinen.

Als Pfarrerin habe ich in meinem Beruf viele Abschiede erlebt und begleiten dürfen. Und ich weiß auch von Abschieden, die so schwer sind, dass sie kaum gelingen oder lange aufgeschoben werden. Manchmal wünschen sich Menschen Abschiede, die nicht sofort sichtbar sind. „Ich gehe einfach nach Hause an meinem letzten Arbeitstag so wie immer.“ Sagt eine Freundin zu mir. Sie mag sich nicht verabschieden, oder besser: verabschieden lassen.

Innerlich hat sie vermutlich schon oft durchgespielt, wie es sein wird, wenn sie geht. Und damit es nicht so sehr weh tut, soll der letzte Abend einfach so sein wie jeder Abend. Denn das kennt sie ja. Das hat sie jahrelang so gemacht. Und das tut auch nicht besonders weh, denn am nächsten Morgen wird sie ja wiederkommen.

So soll es sich zumindest anfühlen: Als ob es einen nächsten Morgen gibt, weswegen man um diesen Abschied am Abend kein Aufsehen machen soll.

Und so will es auch die Wirtin unseres Lokals haben: Sich von uns Gästen verabschieden als ob wir morgen wiederkommen. Und deshalb will sie auch nicht in der Vergangenheit schwelgen und keine großen Abschiedsworte von uns hören. Auch wenn das Morgen tatsächlich anders aussieht als bisher. Ich kann verstehen, warum die Wirtin so denkt.

Auch in der Bibel finde ich diese Haltung. Beim Propheten Jesaja ist es Gott selbst, der so redet: Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen (…). (Jes 43, 18-19a)

Gott schenkt einen Neuanfang. Die Vergangenheit ist nicht mehr belastend, auch nicht aus Nostalgie. Unbeschwert auf Neues zugehen können. Das wünsche ich der Wirtin unseres Lokals und – bei allem Bedauern: Das wünsche ich auch uns als Gästen.

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25NOV2025
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Ich bin gerne Gastgeberin und lade Leute zu mir nach Hause ein. Dann überlege ich, wie ich es den Gästen besonders schön machen kann. Wo soll mein Gast sitzen? Wohin wird sein Blick dann fallen? Was gibt es zu essen und zu trinken? Wie kann ich sicherstellen, dass wir nicht gestört werden und dass ich selber nicht unter Zeitdruck stehe, solange mein Gast da ist?

Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir in den Sinn, dass ich manchmal mindestens so lange mit der Vorbereitung befasst bin wie nachher auch der Besuch dauert. Wenn ich Menschen zum Frühstück einlade, kaufe ich extra dafür ein. Schon am Vortag decke ich den Tisch. Ich falte die Servietten und stelle die Marmelade auf den Tisch. Am nächsten Morgen koche ich Kaffee und Tee und Eier, schneide Käse, Schinken, Obst und Gemüse auf. Die Vorbereitungszeit ist für mich voller Vorfreude.

„Ich bin ein Gast auf Erden“ heißt es in einem Gesangbuchlied. Das Lied handelt von der Vergänglichkeit. Davon, dass wir als Menschen nur eine begrenzte Lebenszeit haben. Wir sind im Leben nur zu Gast. Für manchen Menschen mag das ein trauriger Gedanke sein.

Beim Vorbereiten des Frühstücks für meine Gäste kommt mir in den Sinn, dass es auch eine schöne Sicht auf das Leben sein kann:
Mir gefällt die Vorstellung, dass Gott sich auf meinen Erdenbesuch vorbereitet hat wie ein Gastgeber. Und ja – seine Vorbereitung könnte durchaus genau so lange gedauert haben wie mein Besuch dauert. Vielleicht nicht unbedingt Jahrzehnte am Stück; aber er hat jede Einzelheit für meinen Besuch genauestens bedacht und sorgfältig vorbereitet:

Wo ich hingehören soll, wie er es mir gutgehen lässt, wer zu mir passen wird, was ich in den Blick bekommen soll.

Ein Gast auf Erden sein – ja, da geht es um Vergänglichkeit, um Dinge, die begrenzt sind. Aber auch um Gewollt-Sein und erwartet werden. Gott hat sich lange Gedanken gemacht für meinen Besuch auf dieser Erde, und er nimmt sich Zeit dafür, dass er mein Gastgeber ist.

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SWR4 Abendgedanken

24NOV2025
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Übergangslos zum nächsten Thema oder zum alten Zustand übergehen: Das gefällt mir nicht. Ich finde: Übergänge sind etwas Gutes.

Ein Freund von mir war länger krank. Nun ist er in der Reha und kann es kaum abwarten, endlich wieder in seinem Beruf voll durchzustarten. Ich fürchte, dass er sich dabei übernimmt und wünsche ihm, dass er auf seine Ärzte hört, die ihm zu einer Übergangszeit raten. Wiedereingliederung heißt der Fachbegriff. Meinem Freund gefällt das überhaupt nicht; vermutlich, weil er von seiner Krankheit schon ziemlich lange sozusagen „ausgegliedert“ gewesen ist, herausgerissen aus seinem gewohnten Arbeitspensum. Übergangszeit? Darauf hat er so gar keine Lust.

In einer solchen Übergangszeit befinden wir uns gerade im Kalenderjahr. Gestern haben wir in unseren evangelischen Kirchen Totensonntag gefeiert. Manche Menschen haben diesen Sonntag ganz bewusst begangen, waren in der Kirche oder auf dem Friedhof und haben an ihre Verstorbenen gedacht. Noch eine Woche ist es jetzt bis zum ersten Dezember, bis die Kinder wieder das erste Türchen am Adventskalender öffnen. Und dazwischen diese Woche des Übergangs. Nicht mehr Totensonntag, noch nicht Advent. Ein bisschen von beidem und doch wieder anders.

Mich stimmen solche Übergangs-Zeiten auf eine Weise froh und leicht. So eine Übergangszeit sagt mir, dass nicht alles, was im Leben geschieht, festgelegt sein muss und sich in einem festen Rahmen bewegt. Nicht alles muss immer gleich hundert Prozent sein.

So sehr ich die geprägten Festtags-Zeiten wie Advent mag: Wie gut, dass es auch das Dazwischen gibt: Die kleine Pause mit dem Freiraum für den sanften Übergang von einem Thema zum nächsten.

Ich wünsche meinem Freund in der Reha, dass er in seiner Ungeduld nicht zu voreilig auf seine Übergangszeit verzichtet, dass er sich Zeit lassen kann, wieder zurückzufinden und dass er es genießen kann, langsam da anzukommen, wo er hinwill.

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