Manuskripte

SWR3 Worte

Was wir nicht so sehr brauchen,
und zwar nicht nur bei uns,
sondern auf der ganzen Welt,
das sind Arrogante, Hochmütige und Eingebildete,
die immer noch meinen, nur sie allein würden dringend gebraucht.
Was wir brauchen, sind Demütige,
die aus Liebe und Respekt vor jeder Kreatur wissen,
dass sie nur mit allen anderen... zusammen etwas wert sind.
nicht der Alleskönnende, nicht der Alleswissende und der Allesbeherrschende,
sondern der sich Bescheidende,
der mit Heiterkeit die Herrschaften verunsichert.
Der mit den Schwachen eine Schwäche für den Frieden hat.
Dem man sogar seine Stärke gar nicht ansieht,
weil es eine Schwäche ist.
Zum Beispiel eine Schwäche für Versöhnung.
Der geht den unteren eigenen Weg,
der ist es der uns auf den Weg schickt
...Gottes gütlichster Gefolgsmann aus der hohen Schule
der Geduld, der Sanftmut und der Heiterkeit.

Hanns-Dieter Hüsch
Alle meine Predigten, Düsseldorf
)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6194
Es gibt eine Kultur der Bescheidenheit,
die kommt ziemlich hohl daher.
Die sagt, es gebe das kleine private Glück.
Es gibt aber kein kleines Glück
nicht im Horizont des Evangeliums,
so wenig wie es ein bisschen Frieden gibt...
Wenn es ums Verlangen nach Glück geht:
Sei anspruchsvoll.
Es gibt Beschaulichkeit und Muße,
ja, es gibt die Welt in die ich mich zurückziehen kann,
in der ich mich auch abgrenzen,
manchmal gar abschotten muss.
Und es gibt die Welt,
die weiter ist, als meine Tagesform
und mein Horizont es vermuten lassen...
Es gibt doch diese Glücksbringer –
in einer bäuerlichen Kultur
gehörten Hufeisen zu den beliebtesten.
Wer sagt denn, dass nicht jeder von uns,
dass nicht du und ich auch
geschickt sind,
Glücksbringer zu sein?
Anspruchsvoll sein heißt also:
beitragen zur Vermehrung des Glücks –
und, so soll es Albert Schweitzer gesagt haben,
Glück vermehrt sich am ehesten, wenn man es teilt.

Michael Lipps
das schöne zuerst, Mannheim 2008 Edition Quadrat

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6193
Mahmud Darwisch war einer der herausragenden zeitgenössischen Dichter
in der arabischen Welt.
Er gilt als die poetische Stimme des palästinensischen Volkes.
Er setzte sich gleichermaßen gegen Unrecht und Unterdrückung
wie für eine friedliche und gerechte Koexistenz
palästinensischer Araber und israelischer Juden ein.

Wir aber lieben das Leben
Wir aber lieben das Leben, wann immer wir es finden
Wir tanzen zwischen zwei Märtyrern,
errichten zwischen beiden ein Veilchenminarett oder pflanzen Dattelpalmen
Wir lieben das Leben, wann immer wir es finden
Der Seidenraupe rauben wir den Faden, um einen neuen Himmel
uns zu baun’
Wir lassen das Gartentor offen, damit der Jasmin an schönen Tagen
ausgehen kann
Wir lieben das Leben, wann immer wir es finden
Wo wir auch wohnen, säen wir schnellwachsende Pflanzen.
Dann schreiben wir unsere Namen auf, Stein für Stein.
O Blitz erhelle uns die Nacht, leuchte ein wenig.
Wir aber lieben das Leben, wann immer wir es finden.

aus dem Arabischen von Claudia Ott, Internationales Literaturfestival Berlin 08
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6192
Ina zog mit 14 von zu Hause aus.
Die Eltern hatten sich scheiden lassen.
Das hatte ihr jedes Vertrauen genommen.
In einem Streit hörte sie die Mutter zu Inas Vater sagen:
„Ich habe ja kein Kind gewollt,
aber du wolltest es um anzugeben.
Ohne das Kind wäre es zwischen uns nicht soweit gekommen.“
Ina fühlte sich schuldig, ... fehl am Platze...
Deshalb ging sie fort.
Auf der Straße war Ina für niemand zugänglich,
nur für Timo.
Doch dann starb Timo beim Sprung von einem Aussichtsturm.

Ina schrie sich die Seele aus dem Leib... Eines Tages brach Ina zusammen.
Alles Leid floss aus ihr heraus:
der Schmerz dass ihre Mutter sie nicht gewollt hat
und der Vater ihr nicht geben konnte, was sie gebraucht hätte
die tödliche Angst nach der Trennung
und dann der schreckliche Tod von Timo...
Ina hat die Kurve gekriegt.
So entschied sie sich, Sozialarbeiterin zu werden
und Kindern von der Straße zu vermitteln
„Ihr seid gut, auch wenn ihr vernachlässigt, ausgestoßen,
abgelehnt seid... Ina war beliebt unter den Kindern
Sie nannten sie „eine von uns“ und sagten „Wir glauben ihr“

Agnes Lanfermann, Pastoralreferentin
Publik-Forum EXTRA, Stärke und Schwäche. Oberursel Mai / Juni 09

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6191
Das Glück
Ich fand es mal beim Muschelsuchen.
Da gab’s mir sein Geheimnis preis:
„Du rennst mir nach, willst mich erzwingen.
Halt inne, schau und sei ganz leis.
Dann wirst du staunend mich entdecken.
Dann hörst du meinen Glücksgesang.
Und ich kann dir aus vielen Blicken
entgegenschaun’ dein Leben lang.
Ich bin im Brotgeruch versteckt,
und wenn dich deine Liebste neckt
im Dunkeln, dann hörst du mich lachen.
Ich warte auf dich jetzt und hier,
und wenn du singst bin ich bei dir,
dich froh zu machen.“

Gerhard Schöne
klang der Stille, Thomas Verlag Leipzig 2004
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6190
Es sitzt sich weich auf unserm Sofa.
Gemütlichkeit im ganzen Haus.
Geschmackvoll wählten wir die Bilder
zur Farbe der Gardinen aus.
Wir schließen nachts die Jalousien,
hab’n neue Schlösser in der Tür
Das Glück soll sich doch sicher fühlen
als Dauermieter, dachten wir.
Da hat’s das Bündel schon geschnürt.
Ich glaub es wohnt nicht gern möbliert
und scheint die Sicherheit zu meiden.
Versprechen die vergisst es prompt,
und dass es niemals pünktlich kommt,
kann ich nicht leiden.
Ich hab es tief als Kind geatmet
im Kirschenbaum zur Blütezeit.
Da warf’s mir seine Glückshaut über
grad wie ein Sternentalerkleid.
...
Dann ging es fort und kam nicht mehr.
Ich hechelte ihm hinterher.
Doch ich war nie sehr gut im Rennen.
Einmal kam’s ungeheuer groß
es trug ein Baby auf dem Schoß.
Da schossen uns vor Glück die Tränen.

Gerhard Schöne
klang der Stille, Thomas Verlag Leipzig 2004

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6189
dein strahlen
großer gott so freundlich

über diesem tag
über dieser stunde
in meinem herzen

meine augen
ferner gott suchen dich

an diesem morgen
in dieser kirche
suchen dich

dein himmel offen
über dieser erde
du naher gott
finde dich ein
bei uns jetzt hier

komm näher
großer gott
sei nah

das schöne zuerst,
Mannheim 2008 Edition Quadrat

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