Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Lied: : EG 369, GL 295 + 296 

Es ist Herbst im Jahr 1640. Eine Kaufmannsfuhre reist von Leipzig aus nordwärts. Der junge Georg hat sich dem Tross angeschlossen. Er hat gerade sein Abitur gemacht und ist auf dem Weg von seiner Heimat Gotha zur Universität in Königsberg. Er ist erleichtert, dass er nicht alleine reisen muss. Doch mit Kaufleuten unterwegs zu sein ist in dieser Zeit nicht immer die beste Idee...

Und tatsächlich, die Reisegruppe wird nördlich von Magdeburg überfallen. Der junge Georg verliert alles, was er dabei hat: Geld, Bücher und - was für den Moment sicherlich schwerer wiegt - alle seine Kleider. Er zieht trotzdem weiter, bettelt, nimmt Hilfsjobs an und schlägt sich durch, bis er eineinhalb Jahre später Kiel erreicht. Dort sitzt Georg abends oft auf seiner Kammer und fleht den lieben Gott um Hilfe an.

Und eines Tages passiert es dann. Die Hilfe kommt. Die Stelle eines Lehrers wird plötzlich frei und Georg darf sie völlig überraschend übernehmen. Außer sich vor Freude schreibt er in sein Erinnerungsbuch: „Welches schnelle und gleichsam vom Himmel gefallene Glück!" Er setzt sich noch am selben Abend hin und komponiert ein Trost- und Danklied. Auch heute noch ist es eines der bekanntesten Kirchenlieder und stammt eben aus der Feder des damals 20jährigen Georg Neumark. 

(Wer nur den lieben Gott lässt walten, Gesang: Sarah Wegener, Orgel: Kay Johannsen), 2011, Carus 83.015) 

1. Strophe:

Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit,

den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit.

Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut. 

Ich kann Georg Neumark für sein großes Gottvertrauen nur beneiden. Wie schnell bin ich mir heute unsicher, ob Gott wirklich immer auf meiner Seite steht. Diese Zweifel holen mich meistens dann ein, wenn´s mir nicht gut geht. Wenn ich das Gefühl habe, immer genau die falsche Entscheidung zu treffen. Wenn eine Krankheit mich einschränkt oder wenn ich einen lieben Menschen verliere. Dann hadere ich mit Gott, dann ist mein Vertrauen in ihn auf einmal wie weggepustet.

Georg Neumark dagegen scheint nichts erschüttern zu können. Er antwortet ungewöhnlich auf seine Schicksalsschläge: er betet statt zu hadern, er nimmt das Leben an statt sich zurückzuziehen. 

Es wäre doch schön, wenn die Geschichte immer so ausginge wie bei Georg Neumark: mit einem Happy End. Aber die Erfahrung zeigt, dass es eben nicht immer so ist. Und trotzdem darf ich darauf hoffen, dass Gott mich begleitet, gerade in den schlimmen Stunden. Ein Psalm drückt diese uralte Hoffnung aus. Und Teile daraus hat Georg Neumark auch über seine Komposition geschrieben.

(instrumentale Hintergrundmusik: Wer nur den lieben Gott lässt walten, Orgel: Kay Johannsen, 2011, Carus 2. 119/99)
oder aus der Filmmusik zu „Vaya con Dios" 

Es ist der Psalm 55 und da heißt es:

„Vernimm o Gott mein Beten (...).

Das Geschrei meiner Feinde macht mich verstört, mir ist angst, weil mich die Frevler bedrängen. (...)

Da dachte ich: „Hätte ich doch Flügel wie eine Taube, dann flöge ich davon und käme zur Ruhe. (...)

Am Abend, am Morgen, am Mittag seufze ich und stöhne; er hört mein Klagen. (...)

Wirf deine Sorge auf den Herrn, er hält dich aufrecht!" 

Es gibt einen Film von 2002, an dessen Höhepunkt das Lied von Georg Neumark erklingt. Der Film heißt „Vaya con Dios", also „Geh mit Gott". Es geht um die kleine fiktive Ordensgemeinschaft der „Cantorianer". Sie schweißt besonders ihr schöner mehrstimmiger Gesang zusammen. Doch ihre Mitglieder zerstreiten sich im Lauf des Films. Als es kaum noch Hoffnung für den Orden gibt, da führt das Lied von Georg Neumark seine Mitglieder wieder zusammen. Im Film bewahrheitet sich, was der Komponist vor langer Zeit schon mit seinem Lied ausdrücken wollte. 

Wir hören jetzt die letzte Strophe in der „Vaya con dios" - Fassung und da heißt es: „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, (...) denn wer seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht." 

(Wer nur den lieben Gott lässt walten, aus der Filmmusik zu „Vaya con Dios". Archiv-Nummer:3487130-011) 

Letzte Strophe:

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu. (...)

Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

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