Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

 – des ersten christlichen Märtyrers.

Kalle Grundmann im Gespräch mit Andreas Knapp, Autor des Buches „Die letzten Christen. Flucht und Vertreibung aus dem Nahen Osten“

Zweiter Weihnachtsfeiertag: Im Festkalender der Kirche gibt es den eigentlich gar nicht. Sondern der 26. Dezember ist der Festtag des Heiligen Stephanus, des ersten christlichen Märtyrers.
Herr Knapp, sie sind Gefängnisseelsorger in Leipzig und dort auch in der Flüchtlingsarbeit tätig. Sie leben in einer Plattenhaussiedlung und gehören der Ordensgemeinschaft der kleinen Brüder des Charles de Foucault an. Sie haben ein Buch geschrieben, dass sich mit der Christenverfolgung im Nahen Osten beschäftigt. Wie kam es dazu?

Im Wohnviertel, in dem ich lebe, sind in den letzten Jahren viele Flüchtlinge eingezogen. Auch christliche Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Und ich habe begonnen mich mit ihnen zu beschäftigen und mich mit ihnen anzufreunden. Und so haben sie mir auch ihre Geschichten erzählt. Und ich fand diese Geschichten über ihre Herkunft und ihren Glauben und auch über das, was sie an Schwerem erlebt haben, so spannend, dass ich dieses aufschreiben wollte.

Verfolgung der Christen im Nahen Osten heute

Sie sprechen davon, dass die Christen dort – in einer muslimisch geprägten Gesellschaft - seit Jahrhunderten unter Diskriminierungen leiden. Wann hat das begonnen und warum hat es sich in den letzten Jahren so zugespitzt?

Der Ursprung der Diskriminierung ist schon im Koran selber begründet. Es gibt im Koran durchaus auch Verse, die den Christen sehr wohl gesonnen sind. Diese stammen aus einer Frühzeit als Mohammed noch in Mekka versucht hat, Christen und auch Juden für den neuen Glauben zu werben. In einer späteren Phase allerdings in Medina wurde Mohammed dann auch Staatsmann und Politiker. Und in dieser Zeit wurden Verse formuliert, die Juden und Christen diskriminieren und diese sogar ganz ablehnen. Von daher gesehen findet man im Islam unterschiedliche Strömungen. Und in den letzten Jahren gab es vor allen Dingen im Nahen Osten einige salafistische Strömungen, radikale fundamentalistische Interpretationen des Koran, die dann den Christen das Leben sehr schwer machten, in dem sie sie noch mehr diskriminierten und auch dann mit dem Leben bedrohten.

Viele Geschichten, die sie in ihrem Buch erzählen erinnern mich an die Judenpogrome unter den Nazis in Deutschland. Erst fängt es klein an: Christliche Kinder werden in der Schule diskriminiert, dann werden ihre Häuser geplündert, dann Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Vertreibung … ist dieser Vergleich zu weit hergeholt oder kann man das so sagen?

 Ich glaube, dass dieser Vergleich zutrifft. Denn jede Diskriminierung beginnt im Kleinen. Und hat dann Auswirkungen, dass eine Atmosphäre vergiftet wird. Und aus einer solchen vergifteten Atmosphäre heraus können dann auch Genozide geschehen. Wir haben das in Europa erlebt. Immer wieder auch mit der Diskriminierung von Juden, was dann im Dritten Reich einen brutalen Höhepunkt gefunden hat. Aber solche ähnlichen Entwicklungen finden sie auch im Nahen Osten. Dass zunächst einmal die Christen gemoppt werden, dass man sie gesellschaftlich an den Rand drängt und das führt dann am Ende zu Vertreibung und Ermordung.

Die Kirchen des Orients gehören zu den ältesten christlichen Kirchen, Was verlieren wir Christen, wenn diese Kirchen so gewaltsam ausgelöscht werden?

 Wir verlieren den Kontakt zu unseren Ursprüngen. Es geht hier nicht um eine geografische Nostalgie, sondern die Christen im Osten haben manche Traditionen bewahrt, die auch uns kostbar sein sollten. Das eine ist zum Beispiel die Sprache Jesu. In den syrischen Kirchen wird immer noch aramäisch gebetet, gesungen. Aber ein anderer Punkt, der mich besonders berührt hat, war auch die Treue zur Gewaltlosigkeit Jesu. Wir im Westen haben eine andere Geschichte mit dem Christentum. Bei uns wurden durchaus auch Gewalttaten innerhalb des Christentums gerechtfertigt bis hin zu den Kreuzzügen. Aber die Kirchen des Ostens blieben dieser Gewaltfreiheit immer sehr treu. Sie haben sich nie an einem Kreuzzug beteiligt. Sie haben es immer abgelehnt im Namen der Religion eine Waffe in die Hand zunehmen. Und ich finde, das ist ein sehr kostbares Erbe.

 Christen werden im Nahen Osten verfolgt und der Islam breitet sich in Europa aus

Christen werden im islamischen Orient verfolgt, gleichzeitig sollen wir hier im immer noch christlich geprägten Europa Platz machen für den Islam. Können Sie Menschen verstehen, die da nicht mitgehen, die einfach sagen, solange in Saudi Arabien und der Türkei keine Kirchen gebaut werden dürfen, solange sehe ich nicht ein, dass bei uns immer mehr Moscheen errichtet werden sollen. Können sie so eine Haltung verstehen?

Ich kann das teilweise nachvollziehen aber auf der anderen Seite dürfen wir nicht Gleiches mit Gleichem aufrechnen. Wir haben bei uns eine andere Grundeinstellung. Der Staat ist der Religion gegenüber neutral eingestellt. Und von daher gesehen haben alle Religionen das Recht hier ihre Kirchen oder Moscheen oder andere Einrichtungen zu bauen, solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes bleiben, d.h. so lange sie nicht radikale politische Theorien vertreten oder gewalttätig werden.

In Saudi Arabien und der Türkei ist das etwas anderes. Dort ist der Islam Staatsreligion und von daher gesehen haben dort Christen nicht das gleiche Recht wie Muslime. Was auf der internationalen politischen Ebene allerdings einzufordern wäre ist, dass man auch dort den Minderheiten diese Rechte zugesteht. Und der Westen kann durchaus stärker Druck ausüben. Gerade auf Saudi Arabien. Hier sehe ich allerdings eine große Schwäche unserer Politik. Durch die Abhängigkeit vom Erdöl und durch Waffenlieferungen an Saudi Arabien bis zum heutigen Tag unterstützen wir radikale Regime, die auch einen fundamentalistisch geprägten Islam fördern und auch dessen Ausbreitung bei uns noch bezahlen. Hier braucht es größere Klarheit in der Politik.

Herr Knapp, die christlichen Kirchen in Deutschland legen sehr viel wert auf den Dialog mit dem Islam. Und betonen, dass die gewalttätigen Muslime nur eine kleine Minderheit seien. Sind wir da zu naiv?

Nein, ich glaube, dass ist der einzige Weg um wirklich eine neue Atmosphäre der gegenseitigen Anerkennung zu schaffen. Solange sich zwei Menschen begegnen, miteinander in Respekt sprechen, haben solche diskriminierenden Formen keinen Platz mehr. Und deswegen glaube ich, ist der Dialog so wichtig. Wenn wir miteinander reden, dann respektieren wir uns als Gesprächspartner und Menschen. Und dieser menschliche Respekt muss wachsen.

 Märtyrertum heute

Kommen wir zurück zum heutigen Festtag: Das Fest des Heiligen Stephanus. Er wird als der erste christliche Märtyrer gefeiert. Nun hat das Wort Märtyrer heute auch eine negative Bedeutung, woher kommt die?

Ich bedauere es sehr, dass das Wort Märtyrer so doppeldeutig und ambivalent geworden ist. Ursprünglich bedeutet das Wort ja Zeuge. Und meint damit jemand, der für seinen Glauben einsteht. Und der seiner Überzeugung treu bleibt und sich äußerer Gewalt nicht beugt. Und so haben sich die ersten christlichen Märtyrer auch verstanden. Sie haben sich zu ihrem Glauben an Jesus bekannt, ließen sich nicht einschüchtern und das entscheidende ist, sie haben nie mit Gewalt auf ihre Gegner reagiert. Nun gibt es auch andere Deutungen von Märtyrer, die aus dem Islam kommen. Wo nämlich ein Glaubenszeuge jemand ist, der für den Glauben kämpft und mit der Waffe in der Hand für seinen Glauben stirbt. Der christliche Märtyrer betet für seine Verfolger. So wie Stephanus das getan hat. Stephanus betet sterbend: „Herr rechne ihnen diese Sünde nicht an.“ Ein muslimischer Märtyrer aber betet nicht für seine Verfolger sondern tötet sie, damit sie zur Hölle fahren, im Extremfall.

Wenn heute diese Bibelstelle von der Steinigung des Stephanus vorgelesen wird, welche Bilder gehen ihnen durch den Kopf, an wen denken sie?  

Ich denke schon an meine Nachbarn. Es gibt einige Familien, die ich gut kenne, die bereit waren ihres Glaubens willen alles zurückzulassen. In einer Familie wurde auch ein Kind ermordet, jemand anders hat seinen Ehepartner verloren nur deswegen weil diese Menschen Christen waren. Und ich fühle mich diesen Leuten sehr verbunden am heutigen Stephanustag. Ich habe großen Respekt vor ihrer Haltung dem Glauben treu zu sein und trotzdem nicht zu verbittern oder über ihre Gegner nicht zu fluchen, sondern für sie zu beten.

Herr Knapp, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

 

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