Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Martin Wolf im Gespräch mit Bischof Dr. Peter Kohlgraf, Mainz

Herr Bischof Kohlgraf, heute ist das Fronleichnamsfest. Wir würden sie dieses katholischste aller Feste, so möchte ich es mal nennen, jemandem erklären, der kein Katholik ist?

Es ist wohl tatsächlich das katholischste aller Feste und bis es überhaupt zu einer ökumenischen Bewegung kam sicherlich auch das Fest, das noch am meisten die Spaltung zum Ausdruck gebracht hat zwischen evangelisch und katholisch. Aber ich glaube, das ist heute nicht mehr das Thema. Für uns als katholische Christen ist es wichtig, dass wir in bestimmten Zeichen die Gegenwart Gottes feiern. Zeichen, in denen Gott uns Menschen berührt. Das ist zum Beispiel das Wasser in der Taufe oder eben auch das Brot bei der Eucharistie. Dieses Zeichen des Brotes ist für uns Katholiken ganz wichtig. Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut. Insofern sind solche Zeichen, die uns berühren und die uns Gott greifbar machen in unserer Welt, für uns ganz entscheidend. Und dieses Brot stellen wir beim Fronleichnamsfest in die Mitte der Verehrung.

Es ist ein Fest, das im Mittelalter seinen Ursprung hatte, im Hochmittelalter. Wie ist es überhaupt dazu gekommen zu diesem Fest?

Also das Fronleichnamsfest hat man zum ersten Mal im Jahr 1264 gefeiert. Das geht zurück auf Visionen einer Ordensfrau, Juliane von Lüttich. Und die erste Fronleichnamsprozession hat man 1274, das darf ich als ehemaliger Kölner sagen, in Köln gehalten. Wir sehen aber auch 1274, das war Jahre nach den Visionen der Juliane von Lüttich, dass die Fronleichnamsprozession eigentlich ein zweitrangiges Phänomen ist, ein sekundäres Phänomen. Das eigentlich Entscheidende ist die Feier der Eucharistie mit dem Blick auf die Eucharistie: Christus, der gegenwärtig ist.

Sie haben die Prozession erwähnt, die ja ein integraler Bestandteil des Festes ist. Wie hängt das zusammen mit diesem Fest? Wie kam es überhaupt zu diesen Prozessionen?

Im Mittelalter wurde es zunehmend wichtiger für die Menschen, Christus nicht nur im Mahl zu empfangen, sondern ihn auch anzuschauen. Und in der Anschauung und in der Anbetung der Brotsgestalt, in der eben Christus gegenwärtig geglaubt wird, bekannte man sich zu dieser wirklichen Gegenwart Christi. Und dann war es ein ganz wichtiges Motiv, diesen Glauben dann auch in die Öffentlichkeit zu tragen. Dahinter stand bestimmt auch der Gedanke: Man wollte die Felder segnen, man wollte die Stadt segnen, durch die man zieht und ein Bekenntnis ablegen für den Glauben an Christus, der da ist, der gegenwärtig ist. Das Mittelalter lebt sehr stark auch von so einer Schaufrömmigkeit. Die negative Seite der Entwicklung war, dass es im Mittelalter immer mehr dazu kam, dass man gar nicht mehr am eigentlichen Mahl der Eucharistie teilnahm, sondern dass das Schauen, die Anbetung das eigentlich Entscheidende wurde.

Ist das aber nicht eine Theologie, die wir heute überwunden haben? Feiern wir nicht in diesem Fest Fronleichnam eine Theologie, die eigentlich in 13. Jahrhundert gehört und die heute kaum noch kompatibel ist zu der Vorstellung der Eucharistie, der Mahlfeier, die wir heute im Gottesdienst haben?

Ich glaube, wir müssen beides sehen. Also selbst Pius X., also Anfang des 20. Jahrhunderts, ermutigt die Katholiken, regelmäßig die Heilige Kommunion zu empfangen, weil in erster Linie natürlich die Eucharistie Mahl ist, Mahlgemeinschaft mit Christus, der sich hingibt. Aber das andere, was für uns Katholiken wichtig ist, wenn die Messe vorbei ist und das Brot übrig ist, ist das nicht einfach damit erledigt, sondern in dem Brot bleibt Christus gegenwärtig. Also es gibt beides: Wir dürfen das Mahl nicht vergessen. Es geht darum, dass Christus mit mir die Gemeinschaft sucht. Aber die andere Form ist eben auch: Christus bleibt gegenwärtig und das lädt den katholischen Christen ein auch zur Anbetung und zur Erinnerung daran: Christus bleibt da.

Lassen sie uns noch einen Moment bei dem Thema Prozession verweilen. Vor allem in der Zeit nach der Reformation ist ja diese Prozession auch zu einer Art Demonstration geworden. Eine katholische Demonstration gegen den Protestantismus. Es ist eine Zeit, die wir überwunden haben, aber  was kann eine solche Prozession denn heute in einem säkularen Umfeld bewirken, welchen Sinn kann sie haben?

Zum einen möchte ich den ökumenischen Gesichtspunkt ansprechen. Also ich hab in Orten, wo ich als Priester tätig war auch erlebt, dass evangelische Kirchen, wenn die katholische Fronleichnamsprozession vorbeizog, die Glocken läuteten. Das finde ich ein sehr schönes ökumenisches Signal und das wäre, glaube ich, vor 70, 80 Jahren noch nicht möglich gewesen. Und auch das sendet ein Zeichen in unsere säkulare Gesellschaft: Christen streiten sich nicht wegen eines solchen Themas. Es gibt unterschiedliche Zugänge zu dem Thema, unterschiedliche Auffassungen, aber in dem Bekenntnis zu Christus sind wir gleich. Und was die säkulare Gesellschaft angeht, da meine ich, dass es eben zunehmend wichtig wird, dass wir Christen auch deutlich machen, das Glaube auch etwas ist, was in die Öffentlichkeit gehört. Wenn es nur die Prozession wäre, wäre das, glaube ich zu wenig.

Wird damit nicht auch eine Frömmigkeitsform, oder eine Theologie vermittelt, die eigentlich nicht mehr up to date ist, die eigentlich nicht mehr der theologische Stand von heute ist?

Das glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Die Feier der Eucharistie führt uns als feiernde Gemeinschaft zu einer Gemeinde zusammen, und wir tragen diesen Glauben an die Öffentlichkeit. Die Menschen, die als Gemeinschaft unterwegs sind, singen, beten. Ich glaube schon, dass die ein zeitgemäßes Zeugnis in diese Welt hinein senden. Dass das Bekenntnis zu einem lebendigen Gott in unserer Gesellschaft zunehmend vielleicht etwas Fremdes wird, ich glaube, das darf uns nicht abhalten, dieses Bekenntnis auch öffentlich abzulegen.

Nun leben wir in einer Zeit sich dramatisch wandelnder Weltanschauungen. Was kann die Feier dieses Fronleichnamsfestes für Menschen heute noch bedeuten? Was kann sie ihnen sagen? Welche Impulse können davon ausgehen?

Also für uns katholische Christen meine ich, dass es schon heute zu einem schwierigeren Prozess wird, wenn wir uns auf die Straße begeben. Ich glaube, auf den Dörfern ist das ja noch einfach. Aber ich stelle mir vor, dass ich in einer Stadt wie Berlin oder Hamburg oder Magdeburg oder Leipzig als Bischof unterwegs bin und Katholiken gehören dort zu einer verschwindenden Minderheit und ziehen durch die Straßen. Da kann es natürlich schon mal sein, dass Menschen auch den Eindruck haben: Na ja, da sind Exoten unterwegs. Aber vielleicht ist es auch eine Frage, die mich heute herausfordert, mich auch wirklich zu positionieren. Natürlich müssen wir auch auf ganz vielen anderen Feldern in der Gesellschaft präsent sein und dann als Christen auch bekennen, bis in die Formen der Caritas oder in öffentliche politische Diskussionen, die ja auch immer wieder geführt werden. Aber wenn Menschen merken, aus dieser Haltung oder aus diesem Glauben heraus, wächst auch eine Lebenshaltung, eine politische Haltung und Menschen leben im Vertrauen auf einen Gott, der mit uns unterwegs ist, auch das ist ja ein Gedanke dieser Prozession, ich glaube, dann ist das schon noch ein sehr aktuelles Zeichen.

Sind nicht andere Formen, sie haben es auch schon etwas angedeutet, vielleicht dann heute angesagter, besser geeignet, das, was sie gerade ausgeführt haben, auch in die Öffentlichkeit zu bringen?

Ich kann mir schon Situationen vorstellen, wo man überlegen müsste, ob es nicht andere Formen gibt, die anders in die Gesellschaft unsere Botschaft hinein transportieren. Zumal die Prozession ja nichts wesensmäßig zum Fronleichnamsfest hinzugehört, sondern im Mittelalter halt dazukam. Vielleicht müsste man da auch Formen der Kommunikation finden, dass wir mit dieser Hoffnung unterwegs sind. Es wäre für mich der letzte Schritt zu sagen: Weil niemand mehr versteht, was wir machen, lassen wir es sein. Ich glaube, das wär eine schlechte Lösung.

Das heißt: Sie könnten sich durchaus auch vorstellen, diese ja klassisch überkommene Prozession, ich sag jetzt mal, in einer anderen Weise zu gestalten, damit Menschen heute einen Zugang dazu bekommen können?

Natürlich, wenn die Botschaft „Christus ist in unserer Mitte gegenwärtig“ im Mittelpunkt steht. Mit welchen Methoden oder welchen Ideen, auch liturgischen Ideen das man anders noch mal präsentieren könnte, da müsste man wirklich drüber nachdenken. Da kann ich jetzt auch nichts aus dem Hut zaubern, sozusagen. Aber ich glaube, wir sind nicht nur eine Religion, die aus der Erinnerung lebt, sondern wir haben etwas Konkretes, von dem wir glauben: Hier berührt Gott die Erde.

Was bedeutet ihnen persönlich dieses Fest und wie werden sie es dieses Jahr in Mainz feiern?

Fronleichnam ist für mich ein Fest, das mich auch emotional berührt, weil ich es von Kind an in meiner Kölner Gemeinde sehr intensiv mitgefeiert habe. Das hat mich schon sehr geprägt und sehr bewegt und ich erinnere mich immer noch gern an diese Erfahrungen. So was nimmt man irgendwie mit und das zeigt mir auch noch mal, dass so Erfahrungen von Kirche nochmal mehr ist als einfach nur ein Transport von Inhalten, die man Kindern oder Jugendlichen vermittelt.

Also ich stelle mir vor, dass es den Mainzern gelingt, den Menschen, die da mitfeiern, auch eine Erfahrung von Festlichkeit, von Glanz, von Freude, von Hoffnung zu vermitteln, die ähnlich ist. Ich glaube, diese Erfahrungen stehen meiner Jugenderfahrung in nichts nach.

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