Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas im Gespräch mit Professor Dr. Gerald Kretzschmar, Tübingen

Rittberger-Klas:
Auferstanden von den Toten! An Ostern feiert die Kirche das Leben, das stärker ist als der Tod. Aber: Wo ist der christliche Glaube selbst heute noch lebendig? Und was hält ihn am Leben – oder erweckt ihn wieder zum Leben? Darüber spreche ich heute, am Ostermontag, mit Gerald Kretzschmar, Professor für Praktische Theologie an der evangelisch-theologischen Fakultät in Tübingen. Herr Professor Kretzschmar, erinnern Sie sich an einen Ostergottesdienst, von dem Sie sagen würden: Da wurde von Auferstehung nicht nur geredet, da ist Auferstehung auch geschehen?

Kretzschmar:
„Geschehen“ ist vielleicht zu viel gesagt. Aber ich erinnere mich an sehr, sehr schöne Gottesdienste, an denen ich spüren und erleben durfte, was es mit dieser Osterbotschaft auf sich hat. Konkret waren das die Gottesdienstfeiern in der Osternacht. Ich habe zehn Jahre im Gemeindepfarramt gearbeitet, in einem größeren Dorf mitten im Pfälzer Wald. Und diese Osternachts-Feiern, früh morgens um halb sechs die mitten in der Nacht beginnen, in der Dunkelheit, die Kirche ist dunkel. Und gemeinsam mit diesen Menschen, die sich da versammelt haben, in den Ostermorgen zu starten, entsprechend liturgisch gestaltet als Übergang vom Dunkel ins Licht, mit wunderschöner Musik, das waren sehr ergreifende Momente, wo ich gespürt habe: So fühlt es sich auch gut an, so könnte Ostern sein.

Rittberger-Klas:
Hat es auch damit zu tun, dass das eine ganzheitliche Erfahrung ist, dieser besondere Gottesdienst? Dass da nicht nur der Kopf angesprochen wird durch die Worte, sondern verschiedene Sinne?

Kretzschmar:
Ja, auf jeden Fall! Für mich ist das ein Gottesdienst, der vorbildlich alle Ebenen anspricht und nutzt. Also, ich habe es eben schon angesprochen in diesen dunklen Raum reinzugehen, vielleicht eher tastend, vorsichtig, also dieses in die Dunkelheit reinzugehen, nicht zu wissen, wo bin ich hier eigentlich, was passiert um mich herum, wer ist eigentlich noch alles da. Dann die Stille, die dort herrscht. Dann die Musik, die erst in sanften, leisen Tönen begonnen hat, sich nach und nach aufbaut. Und dann dabei zu sein, wie die Kirche langsam hell wird, wie sich ein Licht ausbreitet, wie die Osterkerze in die Dunkelheit hineingetragen wird. Also ein ganzheitliches Erlebnis. Natürlich eben auch die ganz unterschiedlichen Texte: Alttestamentliche Texte, die gelesen werden aus der Perspektive von Ostern heraus, die man noch einmal ganz anders hört, in dem Sinne, dass ein roter Faden erkennbar wird, dass diese Geschichte Gottes mit uns Menschen von Anfang an besteht und sich durchzieht über Jesus Christus in die Gegenwart.

Rittberger-Klas:
Dass Gottesdienste lebensnah, lebendig und auch ganzheitlich gestaltet werden sollten, die Erkenntnis setzt sich – Gott sei Dank – immer mehr durch in der Kirche. Es gelingt nicht immer, natürlich, aber es ist doch bewusst. Gleichzeitig gibt es schon wieder, habe ich so den Eindruck, eine Gegenbewegung von Menschen, auch Theologinnen und Theologen, die sagen: Wenn man immer so viel an der Darstellung, an den Methoden arbeitetet, das immer weiter perfektioniert, dann trifft man den Kern auch nicht. Ein Kollege, der sich mit Gemeindeentwicklung beschäftigt, hat neulich provokant in einem Aufsatz formuliert: „Perfekt kommt der Teufel daher!“

Kretzschmar:
Ja, klar, das ist eine These, die ist provokant formuliert, sicher auch in der Absicht, dass man übers Thema ins Gespräch kommt. Wenn es um diese Fragen geht: Wie ansprechend sind Gottesdienste gestaltet, was kann man da tun, was sollte man tun, da haben wir es oft mit Polarisierungen zu tun. Die superperfekte Vorbereitung auf der einen Seite, oder auf der anderen Seite die Idee: es wird sich alles fügen, man muss alles auf sich zukommen lassen. Ich glaube, das ist eine ungute Alternative: Mir ist es immer wichtig gewesen, wenn bei Gottesdiensten, mir wirklich alle Mühe zu geben, das möglichst gut vorzubereiten, ganz entscheidend die Menschen im Blick zu haben, dass es für die Menschen passt, die dann da sind. Und da sollte man keine Mühen scheuen, wenn es um die Musik geht, um die Auswahl der Texte, natürlich um die Predigt oder den geistlichen Impuls, den man da präsentiert. Und gleichzeitig müssen wir uns natürlich immer im Bewusstsein halten, dass unserem menschlichen Tun an der Stelle Grenzen sind. Damit Gottes Präsenz spürbar wird, muss er tatsächlich selbst da sein, wir können ihn nicht herbeizwingen, das schafft nicht mal die größte Perfektion.

Rittberger-Klas:
Wir haben jetzt relativ viel über Gottesdienste gesprochen – es gibt aber noch ganz andere Lebensäußerungen, Formen des Glaubens. Wo sehen Sie da besondere Chancen?

Kretzschmar:
Man kann sich ja mal die Frage stellen, wie kam es denn dazu, dass die frühen Christen immer mehr wurden, dass immer mehr Menschen dazugekommen sind. Ich glaube nicht, dass die gekommen sind, weil sie gleich irgendeinen Gottesdienst dieser kleinen Gemeinschaft besucht haben. Ich glaube, die sind tatsächlich zu diesen Gemeinschaften gestoßen, aber in ganz anderen Zusammenhängen, nämlich aber dahingehend, dass sie gehört haben: Da gibt es eine Gruppe von Menschen, da kann ich hingehen, und da gelten, die Muster, die Regeln, die Konventionen, die sonst in der Gesellschaft herrschen, die mich einengen, die mich festlegen, regelrecht fixieren, die gelten da nicht: Männer und Frauen sitzen plötzlich an einem Tisch, was in der damaligen, antiken Gesellschaft so eigentlich gar nicht vorgesehen war – das war eine sehr starre Struktur mit sehr klaren Vorstellungen. Sklaven und Freie saßen zusammen, Menschen aus unterschiedlichen Regionen, unterschiedliche Religionen dann auch – die hatten ja alle irgendeine Religion. Die sind sich begegnet und haben die Erfahrung gemacht: Ich werde hier als Mensch wahrgenommen, nicht als Mitglied eines Standes oder aufgrund meiner ökonomischen Möglichkeiten. Wir begegnen uns hier in aller Freiheit. Und das zu erleben, das war eine ganz konkrete Erfahrung von Freiheit. Und ich glaube, wenn man das modern ausdrücken würde: Das war das Erfolgsrezept dieser frühen Gemeinden.

Rittberger-Klas:
Aus dieser urchristlichen Erfahrung sind ja sehr unterschiedliche Formen und Konfessionen erwachsen. Heute, bei uns im Kontext in Deutschland hat man manchmal den Eindruck, dass die freien Gemeinden lebendiger, vitaler wirken, auch mehr Menschen anziehen als die evangelische und die katholische Kirche. Das liegt meist, denke ich, an der Form der Verkündigung, dass vieles moderner gestaltet ist, aber, ich habe den Eindruck, manchmal liegt es auch an den Inhalten: Es scheint eine Sehnsucht zu geben nach klaren Aussagen, auch klaren Ansagen? Ist eine differenzierte Theologie – wie sie in den evangelischen Landeskirchen, aber auch in der katholischen Theologie gepflegt wird, eher hinderlich, wenn der Glaube lebendig werden soll?

Kretschmar:
Ja, das ist ein wichtiges Thema, wenn es um die religiöse Landschaft in der Gegenwart geht. Religionssoziologisch ist es so, dass wir über die faktischen Zahlen gar nichts wissen. Was wir allerdings wissen ist, dass es Veranstaltungen gibt, in denen zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind. Von den Inhalten her wissen wir, dass gerade diese Gruppierungen, die sich an Jugendliche, junge Erwachsene, junge Familien wenden, im normativen Bereich sehr rigide sind. Wir haben es in der Regel mit einer Trias zu tun von hochproblematischen Vorstellungen, nämlich eines hochproblematischen Verständnisses der Rolle der Frau, dann ganz klar homophobe Vorstellungen, Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, und der dritte Punkt ein wortgetreues Schriftverständnis, auch das höchst problematisch. Ich denke, dass ist ein Feld, dass man im Blick behalten sollte, weil wir es hier de facto mit Wertvorstellungen zu tun haben, die in der Gesellschaft präsent sind, die vielem widersprechen, wofür das kirchliche Institutionen stehen, die aber auch im Widerspruch stehen zum Stand der Gesetzgebung in unserem Land.

Rittberger-Klas:
Auferstanden von den Toten – das Osterfest war unser Ausgangspunkt. Gibt es für Sie persönlich eine Geschichte oder einen Satz, der die Osterbotschaft in besonderer Weise zum Leben erweckt?

Kretzschmar:
Ja, den gibt es tatsächlich. Für mich persönlich ist der Satz vom Samenkorn, das in die Erde fällt und sterben muss, damit es Frucht trägt, eigentlich der Elementarsatz, wenn es um Ostern geht. Von daher habe ich versucht meinen Grundschülern Ostern zu erklären – was auch noch nicht leicht war, aber ich hatte etwas, wo ich doch bildlich einiges darstellen konnte. Und wie das so ist: In der Arbeit mit Kindern liegt für uns Theologinnen und Theologen oft die Nagelprobe, wenn wir herausfinden wollen: Sind wir überhaupt sprachfähig, können wir das, was wir glauben, überhaupt so weitersagen, dass es andere verstehen. Und mit diesem Satz habe ich gute Erfahrungen gesammelt: Also, der Satz vom Samenkorn, das sterben muss, um Frucht zu tragen – das wäre für mich so ein Satz!

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