Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Hörfunkpfarrer Thomas Steiger im Gespräch mit Johanna App und Markus Neff.

 

STEIGER

Mein Name ist Thomas Steiger. Ich bin der katholische Hörfunkpfarrer beim Südwestrundfunk. Herzlich willkommen und guten Morgen. Ich wünsche Ihnen frohe, gesegnete Weihnachten und den Frieden, den Jesus in die Welt gebracht hat auch in Ihr zu Hause. Und ich freue mich über meine beiden Gesprächsteilnehmer, mit denen ich mich über dieses christliche Fest unterhalten will. Das ist zum einen Johanna App, 17 Jahre alt, Schülerin in der letzten Klasse vor dem Abitur. Sie hat seit ein paar Jahren den christlichen Glauben für sich entdeckt und ist trotzdem kritisch geblieben. Mit ihr hier am Tisch sitzt Markus Neff, Pastoralreferent und Jugendseelsorger im Dekanat Tübingen und Leiter der noch ganz jungen Jugendkirche hier.

Frau App, wie feiern sie Weihnachten? Und mit wem feiern sie Weihnachten? Gibt es da so was wie feste Rituale, die immer dazugehören zu diesem Fest?“

 

APP

Also bei uns in der Familie ist es meistens so, dass wir alle zusammen in die Kirche gehen, oder ins Krippenspiel gehe ich persönlich am liebsten, weil es ein bisschen was anderes ist, was ich eine nette Auflockerung zur normalen Predigt oder zu einem Gottesdienst finde und danach essen wir meistens gemeinsam. Und es gibt schon noch eine Bescherung, weil es halt irgendwie dazugehört.

 

STEIGER

Aber fürs Krippenspiel sind sie ja eigentlich viel zu alt mit 17 Jahren. Verraten sie uns warum?

 

APP

Ich finde es einfach nett, weil ich früher oft beim Krippenspiel mitgespielt hab‘ und manchmal auch Leute kenne, die jetzt mitspielen oder es einfach schön ist, die Geschichte bildlich zu erleben.

 

STEIGER

Und bei Ihnen zu Hause, wer sitzt denn da alles am Tisch, wenn sie feiern?

 

APP

Meine Mutter, weil meine Eltern getrennt sind und meine beiden älteren Schwestern.

 

STEIGER

Findet da dann auch etwas Weihnachtliches statt? Sie sagen Bescherung, das ist dann doch der etwas weltliche Teil. Aber gibt es auch irgendwelche liturgischen oder gottesdienstliche Elemente oder Rituale die eine Rolle spielen?

 

APP

Das fällt jetzt eher weg, weil meine Familie nicht sehr religiös ist und meine Mutter eigentlich nicht interessiert daran ist. Sie würde eher halt mitkommen in einen Gottesdienst, halt nicht von sich aus. Deswegen ist es eher auf der familiären Basis, als religiös.

 

STEIGER

Und das bedeutet aber auch, dass sie sich selber stark machen mussten für ihren christlichen Glauben. Dass er ihnen von zu Hause nicht schon mitgegeben worden ist, sondern dass sie selber irgendwann entdeckt haben, das bedeutet mir etwas.

 

APP

Ja, das hab ich eher von anderen Quellen mitbekommen.

 

STEIGER

Und was sind das für Quellen?

 

APP

Also z. B. Markus, der im Schülertreff war, wo ich oft Essen war, dann meine Freunde die halt auch mehr mit der Kirche zu tun hatten und die mich mitgenommen haben zu Jugendgottesdiensten, zum Krippenspiel z. B. auch.

 

STEIGER

Also hat das mit anderen Mensch zu tun, die sie kennengelernt haben, die gleichaltrig sind und denen das auch was bedeutet.

Herr Neff, dann würde ich jetzt sie fragen: Sie haben ja relativ viel Kontakt mit jungen Leuten. Wie gehen denn die mit diesem alten Fest Weihnachten um? Und wie feiern die Weihnachten?

 

NEFF

Zunächst mal würde ich sagen, dass junge Leute mit dem Fest so umgehen, in dieser Unterschiedlichkeit, so unterschiedlich wie junge Leute nun mal sind. Aber mit denen, mit denen ich hauptsächlich Kontakt habe, die kirchennah sind, auch durchaus kirchenkritisch nah, wie die Johanna, da spielt an Weihnachten die Erinnerung ganz viel mit. Also da ist eine ganz große Bedeutung an Weihnachten, wie die Kindheit auch war. Deswegen kann ich gut verstehen, dass sie gern in das Krippenspiel geht. Da kommen Kindheitserinnerungen an dieses familiäre Feiern, an Geborgenheit, an Großeltern die mitgefeiert haben und vieles mehr. Deshalb hat es, glaub ich, eine große Bedeutung als Familienfest auch weiterhin für junge Leute. Ich nehm' aber auch wahr, dass es wichtig ist dieses Fest zu feiern, auch liturgisch zu feiern im Rahmen eines Gottesdienstes in ihrer Heimatgemeinde. Dort wo sie herkommen, wo sie engagiert sind. Weswegen wir, z. B. an der Jugendkirche, bisher noch kein Angebot gemacht haben.

 

STEIGER

Das Weihnachtsevangelium ist vermutlich mit die bekannteste Geschichte, die es in der Bibel überhaupt gibt. Sie ist bei uns so etwas wie ein Kulturgut. Ich erinnere mich, dass ich die als Kind zu Hause immer vortragen durfte und als junger Mann dann auch noch und da war ich immer sehr stolz drauf. Die hat für uns ganz fest zum Heiligen Abend gehört. Frau App was bedeutet ihnen diese Geschichte? Und wie verstehen sie sie? Was finden sie daran wichtig?

 

APP

Also normal zu Hause an Heilig Abend mit meiner Mutter und meinen Schwestern kommt es eher nicht zur Weihnachtsgeschichte, weil wir da nicht so religiös sind, aber am 1. Weihnachtsfeiertag gehe ich immer zu meiner Oma und meinem Opa und meine Oma besteht darauf, dass sie die Weihnachtsgeschichte vorlesen darf und das meistens in einer abgewandelten Form,  jetzt nicht direkt aus dem Lukasevangelium. Und ich find die Geschichte an sich ist auch heutzutage praktisch noch aktuell, weil es viel davon hat, irgendwo anzukommen oder nach Hause zu kommen. Wie eben dann auch Maria und Josef eine Bleibe gesucht haben und dass man heimkommt oder ankommt und zusammen ist. In der Familie eigentlich.

 

STEIGER

Also sie geben dem Ganzen schon auch eine fast politische Bedeutung oder zumindest eine soziale Bedeutung, also es ist nicht nur irgendwo eine alte Geschichte, sondern sie übertragen was das geschehen ist auf ihre Zeit und das was heute in unserem Leben eine Rolle spielt. So wie das eigentlich ein guter Prediger auch immer tun sollte, wenn er dran ist an Weihnachten etwas über das Lukasevangelium zu sagen.

Herr Neff: Welcher Aspekt, bei Lukas, ist ihnen besonders wichtig?

 

NEFF

Dieser Aspekt der Begegnung, das in der Beziehung sein, sich in Beziehung setzen von Gott zu seiner Welt, zu seiner Schöpfung. Was für mich im Lukasevangelium an der Weihnachtsgeschichte nochmal auf eine ganz neue, dramatische Weise eigentlich greifbar wird. Dass der liebe Gott, als Schöpfer die ganze Welt ins  Dasein gerufen hat, nochmal auf eine ganz neue, radikale Art und Weise sich in Beziehung setzt zu seinen Geschöpfen. Er selbst wird Mensch, heißt es, und diese Menschwerdung ist ja nicht gerade was Äußerliches, Oberflächliches, sondern es ist wirklich ein ganz Hineintauchen in das, was eben unser Menschsein ausmacht. Und das Miterleben, was Menschen erleben in allen Facetten, von Freude über Leid, Verzweiflung, Klagen, Schmerz. All das, was plötzlich in dieser Beziehung, in Gott selbst hineinkommt.

 

STEIGER

Ich kann mir das gut vorstellen, dass das gerade für junge Leute ein guter Ansatzpunkt ist, die mitten im Leben stehen. Die gerade dabei sind, die Welt für sich zu erobern. Sich selber kennenzulernen mit all den Facetten, die sie auch angedeutet haben. In der katholischen Kirche gibt es derzeit viele kirchliche Ereignisse und Maßnahmen, die sich um die Jugend drehen. Im Vatikan hat eine Jugendsynode stattgefunden, die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat bis Mai 2019 jetzt gerade ein Jahr der Jugend ausgerufen.

Herr Neff, was denken sie, kommt davon etwas bei den jungen Leuten an?

 

NEFF

Das ist etwas für die Jugendlichen, glaub ich, etwas was oft sehr weit weg ist und natürlich erst mal auch abstrakt bleibt. Es ist eine Weltsynode, da werden keine konkreten Beschlüsse gefasst, die sofortige Auswirkungen hier irgendwie für die Jugendarbeit, für die Jugendlichen hier vor Ort hätten. Wir können die Johanna selbst fragen, ob sie etwas davon mitbekommen hat.

 

APP

Also, um ehrlich zu sein, habe ich es nicht mitbekommen und ich frag mich auch ein bisschen, wofür es so ein Jahr der Jugend braucht, wenn man sonst dann die ganzen anderen Jahren kein Jahr der Jugend hat und die Jugend nichts zu sagen hat? Oder, wie ist das?

 

STEIGER

Ich vermute, da haben sie Recht. Das gibt mir Gelegenheit, sie abschließend noch zu fragen: Was sie sich denn von der Kirche wünschen?

 

APP

Also ich find‘ Kirche ist einfach auch dafür da, dass man einen offenen Ort hat, wo man hinkommen kann, wann es einem vielleicht selber einmal passt. Also es muss ja nicht sonntags sein, morgens auch noch, zum normalen Gottesdienst, sondern einfach wenn‘s eigentlich auch reinpasst, mit der ganzen Schule und so. Das man jemanden hat, mit dem man reden kann, über was auch immer. Und das man nicht verurteilt wird, weil man kein Vorwissen hat, was die genaue kirchliche Geschichte angeht oder so. Und das man so angesprochen wird, wie es halt zu einem passt. Also, dass es extra Jugendangebote gibt, finde ich immer sehr ansprechend, weil es einfach dann spannender ist oder halt was anderes mal.

 

STEIGER

Man möchte verstehen, was die Kirche zu sagen hat.

 In einer Sprache, die man verstehen kann. Ich finde, dass passt auch gut zu Weihnachten. Wo Maria und Josef ja auch froh waren, dass sie dann irgendwann mal eine offene Tür gefunden haben.

 

NEFF

Und es passt zu der Offenheit des Weihnachtsfestes. Die Offenheit Gottes auf etwas Neues hin. Was auch er selbst vielleicht als ein Wagnis, so stell ich es mir vor, empfunden haben könnte. Durchaus: Ich lass mich auf etwas ein, wo ich noch nicht ganz gefunden habe. Die Offenheit wünsche ich meiner Kirche auch immer.

 

STEIGER

Vielen Dank, dass sie sich Zeit für dieses Gespräch mit mir genommen haben. Ich wünsche ihnen und den Menschen, die uns zugehört haben, an diesem besonderen Festtag gute Stunden mit lieben Menschen. Frohe Weihnachten!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27797

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