Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Kalle Grundmann von der katholischen Kirche im Gespräch mit Dr. Herbert Fendrich, Theologe und Kunsthistoriker aus Essen. 

Am Anfang steht tiefste Enttäuschung: Toter Christus (Leichnam Christi im Grabe) von Hans Holbein d.J.  (1497-1543)   

Herr Fendrich, an Ostermontag  wird in den Gottesdiensten immer die  gleiche Bibelstelle vorgelesen. Die Emmauserzählung aus dem Lukasevangelium. Ich habe im Vorfeld  unseres Gespräches  Sie gebeten aus der Kunstgeschichte einige Bilder mitzubringen zu dieser Geschichte. Und dann haben sie gesagt: Dann fangen wir mit einem toten Christus von Holbein an. Warum? Jetzt haben wir endlich Ostern und Sie drehen uns noch mal zurück auf Karfreitag auf Karsamstag. Warum brauchen wir das um die Emmausgeschichte zu verstehen? 

 

 

Ja, ich bin überzeugt wir brauchen das, weil der Anblick dieses toten Christus, das ist es was die Jünger aus Jerusalem heraus treibt. Damit beginnt ja die Emmauserzählung:  Zwei Jünger haben enttäuscht Jerusalem verlassen und treffen einen unbekannten Wanderer, der sie nach ihrer Stimmung fragt: „Warum seht ihr so gruselig aus?“  Und die beiden sagen: „Wir hatten gehofft.“ Tiefste Enttäuschung.

Und woran macht sich das fest in dieser Darstellung von Holbein? 

Der liegt ja in einer ganz ganz engen Kiste. Und ist wirklich ein Leichnam ohne irgendwelche Merkmale von Überwindung des Todes: kein Heiligenschein, kein Licht geht davon aus, kein Glanz; der Mann ist mausetod. Und man muss sich doch fragen, Menschen, die eine solche Todeserfahrung gemacht haben, die Depression die davon ausgeht, die Enttäuschung, die davon ausgeht. Was müssen die für eine Erfahrung gemacht haben, die diesen Anblick, diesen grausamen Anblick durchstreicht.

Er kommt ihnen nahe: Bildstreifen aus dem Codex Aureus aus Echternach (11. Jh.)

Dann kommen wir jetzt mal zu dieser Erfahrung. Steigen wir ein in die Geschichte. Was eben diese beiden dort erleben. Und dazu haben sie einen Bildstreifen aus dem Mittelalter mitgebracht.

 Das ist der Codex Aureus aus Echternach, eines der großartigsten Bücher des Mittelalters, in der Abtei Echternach in der Nähe von Trier entstanden, reich bebildert. Und wir konzentrieren uns mal auf diesen Streifen mit zwei Bilder zur Emmausgeschichte, diese Zweiteilung erfasst im Grunde genommen schon sehr schön die Grundstruktur der Geschichte. Die im ersten Teil eine Unterwegsgeschichte ist und im zweiten Teil eine Mahlgeschichte. Im ersten Teil – wir sehen auf dem Bild die beiden Emmausjünger und die Christusgestalt nähert sich ihnen. Er ist noch ein Stück entfernt. Er ist nicht einfach ein Teil schon ihrer Gemeinschaft, das ist ein Unbekannter, der sie anspricht und sie fragt, warum sie so traurig sind. Der da noch unerkannte Christus hat eine Buchrolle in der Hand. Das ist ein Zeichen für das Gespräch, das sie da führen unterwegs. Das ist nämlich ein Schriftgespräch. Er erklärt ihnen aus dem Wort Gottes heraus, sozusagen, was passiert ist. Seine Leidenserfahrung, die dann in die Herrlichkeit führen soll.  Im Grunde genommen begegnen wir auch mit dieser Doppelstruktur: Am Anfang Schriftgespräch, Schriftlesung, Hören auf das Wort Gottes, der einen Weise der Gegenwart Christi, wie wir sie aus unseren Gottesdiensten aus der Eucharistiefeier kennen.

Das heißt, der erste Teil des Bildes, die Weggemeinschaft, wäre sozusagen der Wortgottesdienst

Genauso! Früher hat man ja den Wortgottesdienstteil unterschätzt. Das eigentliche findet beim Mahl statt. Das ist schon eine Form der Gegenwartserfahrung. Er ist schon bei ihnen und ist es selbst, der zu ihnen spricht. Das ist ja unser Verständnis des  Wortes Gottes.

Und jetzt kommt der zweite Teil des Bildes.

Ja, damit wir wissen, wir sind in einer Stadt, ist da eine Stadtmauer und innerhalb dieser Stadtmauer ist sozusagen direkt der Raum der Begegnung. Die beiden Jünger sitzen am Tisch und das auffälligste ist: Der Auferstandene, den sie beim Mahl erkennen, und der dann gleich wieder verschwindet. Also diese Ostererfahrung ist eine Verdichtung zwischen Erkennen und schon wieder weg sein,  Dasein und Wegsein. Und deswegen in diesem Bild, steht der Auferstandene. Das Verschwinden ist sozusagen vorbereitet. Gleichzeitig  ist er aber nicht einfach weg, sondern er ist da und hat über ein Stück Brot, das er dem ersten Jünger hinhält auch Verbindung. Es ist schon eine Gemeinschaft, eben eine Mahlgemeinschaft im anschaulichsten Sinne des Wortes.

„Da gingen ihnen die Augen auf“  Christus in Emmaus von Rembrandt (1606-1668)

Also dieser zweite Teil: Die Eurcharistiefeier, das Abendmahl. Sie haben noch ein weiteres Bild mitgebracht. Aus dem 17. Jahrhundert, von Rembrandt, hängt im Louvre. Als ich dieses Bild sah, hab ich nicht direkt an Emmaus gedacht, weil mich hat eine Person gestört, die da noch drauf ist und in der Bibel nicht erzählt wird. Nämlich da ist - ich sag mal der Wirt, der Kellner, - der die Bestellung aufnimmt. Warum hat denn Rembrandt in diese sehr dichte Situation des miteinander Brotbrechens, des Mahlhaltens der Jünger mit Jesus, jetzt noch den Kellner da reingebracht.

 

 

 

 

 

 

 

Das ist sagen wir mal typisch  für Rembrandt aber auch typisch für die Kunst überhaupt. Ein Bild, insbesondere ein gutes Bild zu einer biblischen Geschichte übersetzt nicht eins zu eins, was da geschrieben ist. Sondern erfindet neu und durch diese Neuerfindung kommen wir zu Fragen, wie sie, die sie mir gerade gestellt haben. Was soll denn dieser Diener da oder der Kellner. Erst mal steht er dafür: Wir sind in einem Gasthaus. So sehr das ja jetzt eine Erzählung ist, die die christliche Eucharistiefeier, unseren sonntäglichen Gottesdienst, deutet. Und mit der hohen Nische im Hintergrund denkt man auch, sieht fast aus wie ein Altarraum. Aber zugleich ist das auch eine Szene aus dem Alltag. Wir sind in einer Kneipe und ein Kellner nimmt die Bestellung auf. Wichtig für die Erzählung was das Zusammensein angeht, die Verbindung, die hergestellt wird zwischen dem Auferstandenen in der Mitte am Tisch und den beiden Jüngern, ist natürlich der Diener außerhalb dieser Gemeinschaft. Er nimmt nicht wahr, was die beiden andern wahrnehmen. Und auf diese Art und Weise sehen wir, dass die beiden Jünger, die Christus erkennen, etwas erkennen, was man nicht einfach erkennen kann, wenn man nur einfach dabei ist, sondern mit den Augen des Glaubens. Eine ganz besondere Erfahrung. Auch dafür ist der Diener da.

Ja, das heißt eigentlich, dieses Besondere – wenn man so will das Sakrale - spielt sich im Profanen ab. Und man muss es nicht unbedingt mitbekommen.

 Ja, es ist eine Alltagserfahrung und  Sonntagserfahrung zugleich. Das ist die frohe Botschaft von Ostern: Wir müssen nicht in die Kirche gehen, um dem Auferstanden zu begegnen, das ist eine Möglichkeit. Wir können ihm auch unterwegs begegnen. 

Emmaus in Plötzensee von Alfred Hrdlicka (1928-2009) 

Sie haben noch ein modernes Emmausbild mitgebracht. Da ist die frohe Botschaft von Ostern an einem ganz besonderen Ort, wo man sie eigentlich jetzt zunächst einmal nicht erwartet. Das ist ein Bild, das in Plötzensee hängt, in der Gedenkkirche des evangelischen Gemeindezentrums. Es ist von einem modernen Künstler

Alfred Hrdlicka heißt der Maler, der das Ende der 60er Anfang der 70er gemalt hat. Dass wir in Plötzensee sind, sieht man unverkennbar. Die Hinrichtungsstätte mit diesen beiden fast wie Kirchenfenster anmutenden Fenstern und diese Eisenträger mit diesen Fleischerhaken dran, das ist die Hinrichtungsstätte in Berlin Plötzensee. Und auf diesem Hintergrund sehen wir eine Szene mit Gefangenen und ein Gefangener wird gerade offensichtlich zur Hinrichtung abgeführt. Also auf den ersten Blick ein sehr deprimierendes Bild.  Das besondere an dem Bild ist aber, dass unter den Gefangenen so sozusagen  eine Lichtgestalt hervorgehoben ist. Und die scheint so was Ähnliches zu machen wie Brotbrechen. Das zentrale Element der Emmausgeschichte. Insofern ein Emmausbild, das die Erfahrung des Auferstandenen, die Hoffnung, die von ihm ausgeht, das Licht das von ihm ausgeht, an einen der traurigsten Orte von Deutschland versetzt. Und wie schön, dieses Licht aus der zentralen Gestalt überträgt sich auf die Gefangenen, sogar bei dem Hingerichteten, da der Kopf ist auf einmal ganz hell. Das Schöne ist, dass diese Bild im Grunde genommen ein realistisches Bild ist. Wir wissen doch von Plötzensee. Da gab es Menschen wie Alfred Delp, wie Dietrich Bonhoeffer, die tatsächlich in ihrer Stärke, in ihrer Glaubensfestigkeit etwas von dieser Gegenwart Christi und von dieser Hoffnung übertragen haben. Und insofern finde ich das ein wunderbares modernes Emmausbild.

 

 

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