Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Heike SpringhartWolf-Dieter Steinmann im Gespräch mit Dr. Heike Springhart, PDin für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg

Steinmann:
Frau Springhart, Sie gehören zur jüngeren Generation von Theologinnen und Theologen, die jetzt schon und erst recht in den kommenden Jahren und Jahrzehnten die theologische Forschung und Lehre prägen werden. Weltweit vernetzt, intensive Verbindungen zu Theologen in den USA und Asien. Sie haben sich habilitiert mit einer Arbeit mit dem Titel „der verwundbare Mensch". Aber zuerst: Was gibt Ihnen Weihnachten?

Springhart:
Weihnachten ist für mich erst mal ganz elementar das Geheimnisvolle. Das ist vielleicht der Moment im Jahr, wo das, was mich in der Kindheit geprägt hat, diese geschlossene Weihnachtsstube und man wusste nicht genau.... Das ist immer noch ein wesentlicher Teil für mich. Und dazu kommt, dass es einen neuen Blick mir ermöglicht, auf mich, auf das Leben, auf die anderen und auf Gott. Ich gehöre zu denen, die lange Weihnachtsbriefe schreiben und gern lange Weihnachtsbriefe bekommen.

Steinmann:
per Hand?

Springhart:
Nein, in der Tat getippt. Weil es ein Jahresrückblick ist und ich kriege genau solche Briefe auch von Freundinnen und Freunden und das ist für mich ein wesentlicher Teil von Weihnachten inzwischen, meinen eigenen zu schreiben und diese zu lesen.

Steinmann:
Zu Ihrer Habilitation. Zu dem Buch mit dem merkwürdigen Titel "Der verwundbare Mensch". Lateinisch: "vulnerabel". Was bedeutet es für Sie, Frau Springhart, dass der Mensch vulnerabel ist? Ist es was Schlimmes, ist es was Positives?

Springhart:
Zuerst würde ich sagen, es ist wie es ist, es ist weder negativ noch positiv. Das Naheliegende ist erst mal, der verwundbare Mensch, das heißt: wir werden verwundet, wir sind dem Risiko ausgeliefert, verwundet zu werden, durch Krankheit, durch Gewalt. Aber das ist nur das Eine. Das andere ist, dass wir, ohne verwundbar zu sein, uns nicht öffen können für den anderen. Verwundbar sein heißt auch, dass mein Leben grundsätzlich offen ist.  Deswegen kann ich vertrauen, im günstigen Fall, deswegen kann ich lieben,  deswegen kann ich offen sein dafür, geliebt zu werden. Also dass der Mensch verwundbar ist, heißt beides: Dass er dem Risiko ausgesetzt ist, verwundet zu werden, und im positiven Sinn, dass das Leben offen daraufhin ist, angetastet zu werden,  affiziert zu werden, berührt zu werden.

Steinmann:
Kann man eigentlich wunderbar auch mit der Geburt Jesu verbinden. Also wir erzählen diese Geschichte ja immer so, dass da ein kleines verletzliches Kind unter schweirigsten Bedingungen auf die Welt kommt. Ist es für Sie quasi die Geburtsstunde der Verletzbarkeit?

Springhart:
So ist es. Weihnachten ist das Fest der Verwundbarkeit: Der Verwundbarkeit Gottes und dann auch der von uns. Aber in der Tat, das ist der Kern, dass Gott sich da selbst verletztlich macht und in der Tat verletzlich ist. Das ist ja nicht Fake, es ist die Geburt, es ist unter diesen schwierigen Bedingungen im Stall, sozial schwierig und dann ja auch sofort ist dieses Leben gefährdet, wenn Sie an die Kindermordgeschichte denken.

Steinmann:
Sie haben gesagt: Es ist erst einmal so, "Verwundbarkeit". das ist eine Grundausstattung gewissermaßen des Menschen, die sich dann auch durch unterschiedlichste Lebenssituationen hindurchzieht. Gewinnen wir wirklich etwas davon, dass wir uns als verwundbar und verletzbar auch ansehen, also nicht nur es sind, sondern auch uns dessen bewusst sind ?

Springhart:
Ja, ich bin davon überzeugt, dass wir was davon gewinnen, nämlich den realistischen Blick darauf. Wie wir sind. Wenn wir in den Blick nehmen, dass wir verwundbar sind und uns das zugestehen, dann ist das, was sich mit dieser Verwundbarkeit verbindet, also inbesondere die negativen Seiten, Krankheit. Dann ist das kein Scheitern des eigentlich so perfekten Menschen. Das ist nichts, dessen ich mich schämen muss, sondern es gehört zu meinem Leben dazu. MIr ist an der Stelle noch eine Unterscheidung wichtig:  Wenn wir von Verwundbarkeit reden, dann ist es einerseits genauso, dass es zum Menschsein dazugehört. Und zum anderen gibt es natürlich Situationen, in denen Verwundbarkeit stärker oder schwächer ist. Dh. die grundsätzliche Verwundbarkeit und die situative Verwundbarkeit, also in riskanten Verhältnissen -über die wir reden müssen- oder in der Erfahrung von Verliebtheit oder Scheitern von Beziehungen, da sind die Grade von Verwundbarkeit noch einmal unterschiedlich. Und das müssen wir beides zusammen sehen, dass der Realismus bleibt. Sonst wird es schnell zynisch.

Steinmann:
oder fatalistisch.

Springhart:
Genau

Steinmann:
Da macht es auch gar keinen Sinn, verwundbare Situationen irgendwie zu verändern. Beispielsweise Rechtsverhältnisse, die extrem ungerecht sind: nehmen wir mal als Extrembeispiel die Situation der Rohinggya in Myanmar. Da zeigt sich, dass eine ganze Volksgruppe, eine ganze religiöse Gruppe extrem verwundbar ist, und verwundet wird. Wenn man da sagen würde, naja, das gehört zum Menschsein dazu, dann wäre das Fatalismus und Zynismus in Potenz. Ich habe trotzdem noch ein Unbehagen, dieser grundsätzlichen Bestimmung des Menschen als ‘verwundbar’ gegenüber: In der Theologiegeschichte hat man lange Zeit den Menschen beschrieben als den sündigen Menschen. Jetzt hab ich bei Ihnen den Eindruck, Sie tauschen diese Sündhaftigkeit mit der Verwundbarkeit. Das leuchtet mir erst mal ein, weil es diese negative Menschenbild auch ein Stück beiseite schiebt. Aber es ist ja trotzdem wieder ein Ansatz auf den Schattenseiten. Warum sagen Sie nicht beispielsweise der "heilbare" Mensch, was ja auch stimmt.

Springhart:
Ja, manchmal stimmts und manchmal stimmts nicht. Der Mensch ist nicht immer heilbar. Also wichtig ist wirklich, diese Ambiguität der Verwundbarkeit deutlich zu machen. Dass es eben nicht nur die negativen Seiten sind, sondern die grundsätzliche Affizierbarkeit. Dann kriegt es mE schon mal einen anderen Ton. MIr liegt überhaupt nichts an einem negativen Menschenbild, aber mir liegt sehr viel daran, kein illusionäres zu zeichnen. Und ich meine, dass wir auch theologisch nicht selten das Problem haben, dass wir entweder ne große Illusion zeichnen, die niemand erreicht, 

Steinmann:
Perfektion, heilig

Springhart:
Perfektion. Ja, der oder eben auch die Illusion, Sie haben grade den Aspekt der Heilbarkeit genannt. Was mach ich in der konkreten Situation unheilbarer Krankheit, wenn meine Grundperspektive ist, dass der Mensch heilbar ist ? Dann kann das eigentlich nur zu schwierigen Schamerfahrungen führen oder zu dem Gefühl, irgendwas habe ich jetzt falsch gemacht, dass ich nicht heilbar bin. Dafür möchte ich gern den theologischen Rahmen bieten, dass wir das vermeiden. Und Verwundbarkeit da ist der Ausgang offen.

Steinmann:
Ist es so richtig verstanden? Grundsätzlich verwundbar, potientiell heilbar?

Springhart:
Ja, damit kann ich gut leben.

Steinmann:
Sie haben vorhin schon angedeutet, diese Verwundbarkeit, die trifft -  wenn man nach Weihnachten guckt - nicht nur das Kind Jesus, sondern damit Gott. Ist Gott verwundbar?

Springhart:
Also wenn wir auf Jesus Christus gucken, dann können wir nicht  anders, als diese Frage mit Ja zu beantworten. Ich würde sagen, natürlich ist Gott verwundbar und verletzlich. Da gibt es natürlich eine lange Diskussion in der Theologie. Die theologische Tradition hat lange mit aller Macht daran festgehalten, dass Gott gerade nicht verwundbar ist. Das lässt sich mE aber - wenn wir die biblischen Texte ernst nehmen und ernst nehmen, was an Weihnachten und am Kreuz geschieht - nicht aufrecht erhalten. Aber wir können auch an die Sintflutgeschichte denken. Am Ende der Sintflutgeschichte sind es nicht die Menschen, die sich verändern haben, sondern es ist Gott. Wenn Gott der Unantastbare, nicht Veränderliche, nicht Verletzliche wäre, würde das nicht passieren. Verletzlichkeit, im Sinn von Berührbarkeit, Affizierbarkeit. Dass Gott nicht irgendwo abstrakt schwebt, sondern -das ist ja der Clou von Weihnachten- in diese Welt eingeht und dass nicht nur als Fake, sondern ganz real.

Steinmann:
Könnte man es auch "Liebesfähigkeit" nennen, diese Verletzlichkeit? Dass diese beiden eigentlich wie zwei Seiten derselben Medaille sind.

Springhart:
Genau.

Steinmann:
Wie verhält sich das denn zur Allmacht? Also, wenn Gott verletzbar ist. Bleibt da noch etwas von seiner Allmacht, die ja lange Zeit das entscheidende  und für viele Menschen glaube ich immer noch - das ganz wichtige Attribut  Gottes ist?

Springhart:
Die Allmacht müssen wir von daher hinterfragen. Der theologische Kniff wäre zu sagen, ‘Die Allmacht zeigt sich in seiner Ohnmacht’. Das ist aber so paradox formuliert, dass man dann aber schon noch mal fragen muss, ja aber was heißt das denn genau. Für mich ist Gott keiner, oder keine, die allmächtig, souverän, unantastbar über dieser Welt schwebt. Das ist nicht der Gott, von dem die biblischen Texte erzählen. Und es ist auch nicht der Gott, der mich tröstet. Weil er so fern von allem wäre, was mein Leben ausmacht, dass ich spätestens einmal im Jahr, an Weihnachten, erinnert werde: So ist er nicht. Sondern er geht ein in diese Welt und zwar konkret und zwar nicht als Engelwesen, sondern als Kind. Insofern, eher der Abschied von der Allmacht.

Steinmann:
Frau Springhart, ich weiß Sie singen gern, gibt es denn ein Weihnachtslied, in dem Sie sich als verletzbarer Mensch aufgehoben, verstanden fühlen?

Springhart:
Das Lied wo es am besten zum Ausdruck kommt, ist kein Weihnachtslied, sondern ein Adventslied, nämlich: "Die Nacht ist vorgedrungen". Wo es heißt, dass der realistische Blick sagt. Immer wieder werden Nächte kommen. Aber sie sind in einem anderen Licht, weil der Stern Gottes mitgeht. Aber ich kann Ihnen auch ein Weihnachtslied sagen, nämlich, "ich steh an Deiner Krippen hier". Da ist verschränkt, mein eigenes Leben, was es für mich bedeutet und mitbringt und mir auferlegt und dieses kleine Kind in der Krippe, was mein Leben schon in der Hand hat, noch bevor das Kind und noch bevor ich geboren bin. Das berührt mich in diesem Lied immer wieder neu. Aber das Gänsehautlied schlechthin ist "O Du fröhliche": Weil da der Weihnachtsjubel und die Verlorenheit der Welt in einem besungen werden.

Steinmann:
Dann, gesegnete Weihnachten, Ihnen, die Sie uns zugehört haben.

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