Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Wolf-Dieter Steinmann im Gespräch mit Pfarrer Lukas Wehrle, Oberkirch

„Aller-Heiligen“ : Bedeutung und Wirkung

Steinmann
Herr Wehrle, :Sie sind katholischer Pfarrer. Leiter der Seelsorgeeinheit in der Gemeinde Oberkirch in der Nähe von Offenburg. Heute ist Allerheiligen.
Was feiern Sie denn eigentlich heute? Versuchen Sie es mir mal als Protestanten zu erklären, der eher Reformationstag feiert als Allerheiligen.

Wehrle:
Die katholische Kirche feiert Allerheiligen. Viele Heilige haben ihren Festtag im Jahreslauf. „Aller-heiligen“ ist das Fest für die, die keinen eigenen Tag im Jahreslauf haben und vielleicht auch gar nie förmlich heilig gesprochen worden sind, so die Alltagsheiligen. Eher die verborgenen Heiligen. Papst Franziskus hat in einem schönen Schreiben über die Berufung aller zur Heiligkeit in der Welt von heute ein sehr schönes Wort geprägt. Er hat gesagt: ‘Es sind die Heiligen von nebenan.’ Oder so die Mittelschicht der Heiligkeit.

Steinmann:
Das ist ja ein sympathisches Wort. Toll. Gibt es bei denen welche, die Ihnen besonders „bedeutsam“ sind? Die Ihnen im Lauf Ihres Lebens auch näher gerückt sind?

Wehrle:
Ja, die gibts. Neben Maria, der Mutter des Herrn, ist es vor allem Theresia von Lisieux. Eine Heilige aus Frankreich, die mit ihrem Leben so einen Weg zeigen wollte, den alle gehen können. Sie nennt es den „kleinen Weg“. Es ist der Weg des Vertrauens, den Weg der Liebe im Alltag. Finde ich sehr sympathisch.

Steinmann:
Sie hat, glaube ich, im 19. Jahrhundert gelebt in der Normandie in einer kleinen Ortschaft.

Wehrle:
Genau. In Lisieux, war Karmelitin, ist mit 24 Jahren gestorben. Hat aber ne reiche leuchtende Spur hinterlassen.

Steinmann:
Was ist das, was Sie anspricht an ihr?

Wehrle:
Es ist das Vertrauen, dass Gott aus jedem Leben etwas machen kann. Und es ist der Weg, den sie gewählt hat, so in den kleinen Dingen des Alltags das Evangelium zu leben.

Steinmann:
Was sind Heilige für Sie? Was für eine Funktion haben sie. Ich stell mir, sie könnten ne geistliche Hilfe sein für das eigene Leben, sie könnten Anspruch sein, die könnten ein Vorbild sein, vielleicht selber auch „christlicher“ zu werden? Ist es etwas Spezielles?

Wehrle:
Ja, es ist alles drei. Wenn ich in meine eigene Lebens- und Glaubensgeschichte zurückschaue, muss ich sagen, dass es kaum etwas Motivierenderes gab und gibt wie Lebenszeugnisse. Von Christen, die in ihrer Zeit versucht haben, die Botschaft des Evangeliums konkret werden zu lassen. Insofern sind Heilige für mich motivierende Beispiele, die mich selber anregen, mein Christsein ernst zu nehmen, zu überlegen, zu schauen wie kann ich es heute leben.
Neben diesem Vorbildcharakter sind Heilige aber noch mehr: Sie sind für mich Menschen, mit denen ich auch in eine Beziehung treten kann. Sie sind Wegbegleiter, Gefährten. Und ich glaube, dass die Heiligen nicht tot sind, sondern lebendig sind und ansprechbar sind für uns

Steinmann:
Was heißt ansprechbar? Im Gebet im Gespräch, zu sein oder indem man quasi in einen inneren Dialog mit ihnen tritt?

Wehrle:
Ja beides. Also ganz konkret das Gebet zu den Heiligen, aber auch dieser innere Dialog mit ihren Lebensbeispielen. Mit Lebenssituationen, die sie gemeistert haben, natürlich immer verknüpft mit meiner Lebenssituation, in der ich stehe.

Steinmann:
Also, ich steh vor einer Herausforderung und dann gibt es so meinen - ja wie einen Gesprächspartner, wo ich sag: ‘Was würdest denn du an meiner Stelle machen?’

Wehrle:
Genau. Dann wende ich mich an meine Lieblingsheiligen. Oder ich lese etwas aus der Lebensgeschichte oder Zitate von denen, die mich dann anregen jetzt auch entsprechend zu entscheiden.

Heilige Kirche – heilige Menschen?!

Steinmann:
Ich glaube für viele Menschen ist „heilig“ erst mal ein fremdes, ein großes, vielleicht sogar ein zu großes Wort. Birgt dieser geistliche Anspruch, dass die Kirche heilig ist, oder dass man darin als Christenmensch ein „heiliger“ Mensch sein soll, vielleicht auch Gefahren, indem man sich überfordert, überschätzt?

Wehrle:
Könnte schon sein, aber ich glaube, die Kirche ist ja nicht deswegen heilig, weil sie aus heiligen Menschen besteht. Sondern die Kirche ist heilig, weil sie an einen Gott glaubt, der mit Menschen lebt, arbeitet und wirkt, die ihre Grenzen und ihre Bruchstellen haben. Dass Gott diesen Menschen treu ist, sie nicht fallen lässt, das macht eigentlich die Kirche heilig. Und damit meint Heiligkeit letztlich auch, meine eigenen Grenzen anzuschauen, anzunehmen, und grade darin diesem Gott zu vertrauen, der seinen Weg mit mir geht. Insofern glaube ich nicht, dass berufen sein, heilig zu werden, den Menschen überfordert. Im Gegenteil, es nimmt ihn in seiner Gebrochenheit sehr ernst und verbindet ihn mit einem Gott, der diese Gebrochenheit auch annimmt. Das war schon bei den ersten Zeugen Jesu so. Dass Jesus mit einem Petrus weiter geht und arbeitet, das ist doch etwas sehr Aufbauendes und Trostvolles.

Steinmann:
Trotzdem bleibt der Anspruch, heilig zu sein. Könnte darin auch eine Versuchung liegen: es gibt die große Studie zum Missbrauch für die katholische Kirche und wir Evangelischen können uns da nicht rausreden, weil wir genauso wissen, dass es Missbrauch auch gegeben hat. Liegt an diesem Anspruch, heilig zu sein und diesen Anspruch auch nach außen zu vertreten, auch eine Versuchung, Versagen zu verstecken, vor sich selbst und vor allem, vor „denen draußen“ ?

Wehrle:
Ich glaube eigentlich, dass weniger der Anspruch „heilig“ zu sein, dahinter steht, sondern vertuschen von Versagen und Schuld hat mehr den Hintergrund: Ich will meinen eigenen Ruf nicht beschädigen. Das hat aber mit „Heiligkeit“ gar nichts zu tun. Im Gegenteil. Ich glaube eher, dass Allerheiligen uns ermutigen will, die eigenen  Grenzen, das Versagen, die Schuld, einzugestehen, zu bekennen und darin aber - wie es Theresia von Lisieux mal sagt - „bis zur Verwegenheit auf Gott zu vertrauen.“ Insofern kann Allerheiligen eher helfen, auch zum eigenen Versagen zu stehen und es eben nicht zu verbergen.

Steinmann:
ohne die Zuneigung und Gnade Gottes zu verlieren deswegen.

Wehrle:
Genau.

Steinmann:
Sodass dieser Versuch zu vertuschen, ein Zeichen dafür ist, dass man sich selbst rechtfertigt.

Wehrle:
Genau.

Oscar Romero – für das Evangelium stehen

Steinmann:
Herr Wehrle, Sie als katholischer Pfarrer, Leiter der Seelsorgeeinheit im Badischen Oberkirch. Grade vor kurzem hat Papst Franziskus ua Bischof Romero aus Mittelamerika heiliggesprochen. Der ist umgebracht worden, weil er einer Diktatur in seinem Land im Weg stand. Also so etwas war wie „politischer“ Christ. Sonst denkt man ja bei „heilig“ eher an geistliche Begleitung oder caritative Herausforderungen. Was sagt Ihnen die „Heiligsprechung“ von Bischof Romero?

Wehrle:
Ja zunächst ist es wirklich ein Lebenszeugnis, das mich sehr berührt hat und ich glaube, dass Leben nach dem Evangelium in der letzten Konsequenz immer politisch ist, immer eine politische Dimension hat. Es gibt ein schönes Zitat aus einem Interview von ihm zwei Wochen vor seinem Tod. Da sagt er: ‘Als Hirte bin ich Kraft göttlichen Auftrags gehalten, mein Leben für die zu geben, die ich liebe. Und das sind alle Salvadorianer. Sogar die, die mich umbringen wollen. Sollten sie ihre Drohung ausführen, dann werde ich mein Blut opfern für die Erlösung und Auferstehung von El Salvador. Wenn es ihnen gelingt, mich zu töten, können Sie ihnen mitteilen, dass ich ihnen verzeihe und die segne, die es tun.
Da spürt man, wie ein Mensch wirklich im Evangelium verwurzelt ist. Insofern kann man sagen, dass er aus dem Evangelium  heraus, in letzter Konsequenz wirklich damit auch sehr politisch wird und wurde und ich finde sehr berührend und wünsch mir eigentlich auch, mit so einer Kraft und so einer inneren Freiheit auch, das Evangelium zu leben, die Frohe Botschaft leben zu können.

Steinmann:
Dh. die Stärke bei ihm liegt darin, dass er einerseits ne klare politische Haltung hat, auf der Seite der Armen, der Menschen steht, gegen Unterdrückung, gegen Verletzung der Menschenrechte. Aber gleichzeitig diejenigen, die auf der anderen Seite Täter sind, denen versucht ihrer politischen Richtung Widerstand zu leisten, aber nicht sie als Menschen abzulehnen. Das ist ein unglaublicher Spagat, den man in so einer Situation leisten muss. Er ist dann auch in der Kirche erschossen worden.

Wehrle:
Er ist während der Heiligen Messe erschossen worden, genau.

Steinmann:
Ist das für Sie auch zu übersetzen in eine Situation heute?

Wehrle:
Letztlich steht er natürlich für das Evangelium, er steht für Jesus Christus. Und für den Glauben, dass Jesus gesiegt hat. Also dass nach diesem Tod und nach allem Sterben letztlich der Sieg des Lebens kommt. Und ich denke, das ist so ein Punkt, wo man im Grunde ja auch mit Vergeblichkeiten zu kämpfen hat und da den Glauben zu haben, dass der Sieg Jesu sich durchsetzen wird.

Steinmann:
Auch mit Gefühlen der Ohnmacht, wenn man versucht, gute Ziele zu erreichen und die Verhältnisse sind nicht so, die eigenen Kräfte sind nicht so, andere Menschen lassen sich nicht überzeugen. Und dann trotzdem bei der eigenen Sache zu bleiben, ohne zu verbittern, sondern darauf vertrauen zu können, dass Dinge weitergehen, das Evangelium weiterwirkt.

Wehrle:
Genau. Und die innere Freiheit zu bewahren. Auch nicht unter einem Zwang zu stehen, zu sagen: na, ich muss halt, ich bin Christ, ich muss so handeln. Sondern er ist ja einer, der mit dieser inneren Freiheit für die Menschen steht und zwar für alle. Und das finde ich sehr beeindruckend - fühl mich davon auch weit entfernt, keine Frage -aber es hat auch irgendetwas Anziehendes und Berührendes.

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