Manuskripte

10MAI2020
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Manchmal in schweren Zeiten, wenn die Menschen am Ende sind, dann hilft Musik. Singen vor allem.

Das klingt vielleicht überraschend, aber ich glaube es stimmt. Im besonders schwer von Corona betroffenen Italien, haben die Leute von ihren Balkonen gesungen und sich gegenseitig Mut gemacht. Bei Schwerstkranken und Dementen, die kaum noch ein Trost erreicht, hilft es oft, wenn man für sie singt. Meine Mutter hat oft sogar mitgesungen und schien getröstet, obwohl sie sonst keinen ganzen Satz mehr sagen konnte. Und auch von Gefängnissen und Lagern wird das erzählt: Singen tröstet und macht Mut.

Daran erinnert jedes Jahr der Sonntag Kantate, den wir Christen heute feiern. Kantate heißt: Singt! Singt von Gott und davon, was er tun kann, damit die Lieder eure Herzen anrühren und neu beleben.

Warum Musik das kann? In den evangelischen Kirchen wird heute vom ersten Gottesdienst erzählt, der im Tempel in Jerusalem gefeiert wurde (2. Chr 5, 2-14). Dieser Bericht gibt vielleicht eine Antwort. Zur feierlichen Einweihung des Tempels, steht in der Bibel, waren viele Musiker versammelt: Glockenspiele und Harfen, Trompeten und natürlich Sänger. Die machten Musik aus Freude darüber, dass ihr prächtiges Gotteshaus endlich fertig war. Und, heißt es: „Es klang, als wäre es einer… als hörte man eine Stimme loben und danken“ (V. 13).

Ich glaube, das ist das Geheimnis der Musik. Wenn man es gemeinsam tut, dann klingt es zusammen schön. Die Musiker spielen nicht gegeneinander wie beim Sport, wo jeder zeigen will, wer der Beste ist. Wer musiziert, der fügt sich ein in den gemeinsamen Klang. Jeder kann seine eigene Stimme haben: Hoch oder tief, Trompete, Geige oder Harfe. Es spielen nicht alle das gleiche. Aber sie spielen zusammen. Und dann klingt es schön und überzeugend. Wer musiziert, der wird mitgezogen von den anderen. Auch wenn man zuerst meint, ich kann das nicht: Wenn man mitsingen darf, dann geht einem schließlich doch das Herz auf und es macht Freude. Musik weckt Erinnerungen und kann froh machen.

Erst recht, wenn die Lieder Gott loben. Gott, der das Leben gut geschaffen hat, von dem schon so oft Hilfe und Beistand gekommen ist. Wo sich Menschen mit ihrer Musik daran erinnern, da fassen sie neuen Mut.

Damals im Gottesdienst bei der Tempeleinweihung ist übrigens etwas Merkwürdiges passiert, erzählt die Bibel. Als sie gesungen haben, war auf einmal Gott selbst dabei, spürbar und sichtbar, wie eine Wolke. Da brauchten die Priester keinen Gottesdienst mehr zu halten.

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03MAI2020
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Wenn eine Belastung lange dauert, dann geht einem die Kraft aus. Am Anfang geht ja viel. „Wir schaffen das“ sagt man dann, warum denn nicht, das wäre doch gelacht. Und es stellen sich auch Erfolge ein. Bei der Diät zum Beispiel. Beim Klavierüben. Beim Anlegen des Gartens. Bei der Bewältigung einer Krise.

Aber dann kommen die harten Zeiten: Wenn es nicht weiter geht mit dem Abnehmen, wenn die Klaviermusik einfach nicht klingen will, wenn im Garten erst die Kälte kommt, dann die Trockenheit, dann mit dem Regen die Schnecken… dann verliert man die Lust daran und die Freude. Und auf einmal ist die Kraft weg. Dann zeigt die Waage wieder immer mehr, das Klavier staubt ein und der Garten verkommt…

Geht das auch anders? Wie bleibt man bei Kräften, auch wenn die Zeit lang wird?

Jesus hat solche Situationen anscheinend kommen sehen. Auch damals schon, als er noch mit seinen Jüngern unterwegs war. Und er hatte einen Rat für sie. Mit einem Vergleich aus der Welt der Weingärtner hat er ihnen gesagt: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ (Joh 15, 5)

Ich bin keine Winzerin und musste mir das erst mal klar machen, wie er das meint. Jesus der Weinstock – soweit bin ich mitgekommen. Der Weinstock steht auf gutem Boden, er versorgt die Reben mit allem, was sie brauchen: Wasser und Nährstoffe. Und auch der Geschmack der Trauben hängt mit dem Boden zusammen. Der Weinstock gibt auch den Geschmack an die Reben und die dann an die Trauben.

In der Sprache von Jesus sind die Reben etwas anderes als der Weinstock. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich das verstanden habe. Die Reben, das sind – ich würde mal sagen, die Zweige. Die Triebe, die aus dem Weinstock herauswachsen, seitlich oder in die Höhe. Die Triebe, die an Drähten befestigt werden, damit sie möglichst viel Sonne abbekommen. Die Reben leiten die Nährstoffe und das Wasser vom Weinstock zu den Früchten, den Trauben. Damit die prall werden, saftig, geschmackvoll und süß von der Sonne.

Auf einmal ist mir klar geworden: Es geht nicht darum, dass die Reben mehr werden, also mehr Zweige und Blätter. Das will Jesus mit seinem Vergleich sagen. Es geht um die Trauben. Damit viele den Saft und später den Wein genießen können, sollen die Trauben saftig und süß werden. Und das geht besser, wenn man die Nebentriebe ausgeizt. Die Reben reinigen, nennt Jesus das. Überflüssige Triebe und unnötiges Blattwerk entfernen, damit die Energie nicht in Ausläufer und Blätter, sondern in die Trauben geht.

Ich finde, das ist ein guter Rat auch für mich, damit mir nicht die Kraft ausgeht. Ich darf mich nicht verzetteln, muss die Kräfte konzentrieren, die ich habe.

Aber wichtiger ist. Ich muss an der Quelle bleiben. An der Kraftquelle. Eine abgeschnittene Rebe, die wird trocken. Da wächst nichts mehr. Eine Rebe, die Frucht bringen soll, die muss am Weinstock bleiben. Ich gebe zu, ein bisschen hinkt der Vergleich - Reben können ja nicht einfach weglaufen.

Aber mir leuchtet trotzdem ein, was Jesus gesagt hat. „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Wie eine Rebe am Weinstock.

Und wie bleibt man am Weinstock? Wie bleibt man bei Jesus? Regelmäßig in den Gottesdienst gehen, beten, sich in der Kirche engagieren – hat Jesus das gemeint?Wahrscheinlich kann das alles nicht schaden.

Aber Jesus sagt nicht: Nun reißt euch mal zusammen! Konzentriert euch. Gebt euch Mühe. Er redet nur vom „bleiben“. Bleiben hat so was Ruhiges. Nicht weglaufen. Nicht jeden Moment was anderes suchen und Neues ausprobieren. Nicht sehnsüchtig auf das schauen, was gerade nicht geht. Bleiben. Wer bleibt, kann sich Zeit nehmen. Kann abwarten. Wer bleibt, kann erst mal stillhalten und zusehen, was sich entwickelt. Wer bleibt, kann überhaupt hinsehen. Wahrnehmen, was wichtig ist. Für die Kinder zum Beispiel oder für die alten Eltern. Was brauchen die jetzt wirklich – und was ist erstmal gar nicht so nötig und kostet bloß Kraft? Ich erlebe: Wenn ich mich auf Wichtiges konzentriere und mich nicht verzettele – dann komme ich voran, mit dem, was ich tue. Dann mache ich gute Erfahrungen und vor allem: Dann reicht die Kraft, weil ich meine Kraft nicht unnötig verschwendet habe.

Bleiben also. Das heißt für Jesus aber auch: „Ich bleibe bei euch“ – „wer in mir bleibt und ich in ihm“. Gott lässt keinen allein, der Kraft braucht. Er schickt einen Menschen, der trösten kann. Einen, der Rat weiß. Einen, der mit anpackt. Vielleicht findet man ein paar Worte, die Mut machen. Einen Satz, der Hoffnung gibt. Ein bisschen Lob oder ein Dank. Und auf einmal kommt sie wieder, die Kraft.

Und ich kann Frucht bringen. An was für Frucht denkt Jesus? Liebe sagt er. Das ist die Frucht, die an kräftigen Reben wächst. Um die Liebe geht es – nicht um die Schönheit und Pracht der Zweige und Blätter. Saftige Früchte sind wichtig. Liebe, von der viele leben können.

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13APR2020
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Jesus ist auferstanden! Gott hat den Mann auferweckt, den sie wie einen Verbrecher hingerichtet hatten. Das war die grundstürzende Erfahrung der Jünger damals, drei Tage nach seinem Tod. „Plötzlich war er bei uns im Raum“, haben sie später gesagt, „obwohl wir doch die Türen verschlossen hatten aus lauter Angst. Wir dachten zuerst, das wäre eine Fata Morgana, ein Gespenst. Da durften wir ihn anfassen. Und er hat sogar mit uns gegessen – wie früher“. So haben die Jünger Jesu - völlig überwältigt - erzählt.

Lukas, der Evangelist, hat aufgeschrieben, was man ihm erzählt hat. Heute wird darüber in den evangelischen Gottesdiensten gepredigt (Lk 24, 36-45), die in Radio und Fernsehen und im Internet zu sehen und zu hören sind. Lukas hat sich vielleicht gewundert über das, was man ihm erzählt hat. Aber anscheinend hat er sich gedacht: Zu seinen Lebzeiten konnte Jesus Blinde sehend machen, Taube hörend, er konnte Kranke heilen, dafür sorgen, dass ein schweres Unwetter abzog ohne Schaden anzurichten. Warum hätte Lukas anzweifeln sollen, was er über den Auferstandenen gehört hat?

Und ich mit meinem aufgeklärten Denken im 21. Jahrhundert, ich lerne: Auch damals waren die Jünger anscheinend skeptisch. Sie glaubten zuerst, ein Gespenst zu sehen. Sie trauten ihren Augen nicht. Sie brauchten Bestätigungen. Erst eine: sie durften Jesus anfassen. Dann noch eine: Er hat mit ihnen gegessen. Es war wie früher, als sie mit Jesus unterwegs waren. Da waren sie überzeugt: Jesus ist bei uns. Er ist auferstanden. Gott hat ihn auferweckt. Gott ist stärker als der Tod.

Ich lerne: Jesus hat auch damals nicht blinden Glauben verlangt. Er war nicht empört, dass sie ihn zunächst für ein Gespenster gehalten haben . Er ist seinen Freunden nahe gekommen, sie konnten ihn spüren. Er hat sie Gemeinschaft erleben lassen, wie sie vorher nur mit ihm möglich war. Jesus weiß: Glauben können Menschen nicht immer aus eigenem Entschluss und eigener Kraft. Zu vieles spricht oft dagegen, gerade in schweren Zeiten.

An diesem Ostermontag 2020, mitten in der Corona-Krise, lerne ich: Gott hilft denen zu glauben und auf ihn zu vertrauen, denen das schwer fällt. Die sich fragen: Wo ist Gott in Zeiten wie diesen? Und ich denke an den Besuch bei meinen Enkeln im Garten – alle auf Abstand natürlich und ohne die Oma zu knuddeln. Wie schön, dass es das gibt. Ich denke an die Lieder im Radiogottesdienst – ich kann mitsingen und weiß : viele andere tun das jetzt auch. Krankheit und Tod haben nicht das letzte Wort. Jesus ist auferstanden. Und wir werden aufleben. Bald.

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10APR2020
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Karfreitag. Christen in aller Welt erinnern sich daran, wie Jesus damals in Jerusalem mit anderen Verbrechern am Kreuz hingerichtet wurde: angeklagt von den Religionsbehörde, verurteilt von der Besatzungsmacht. Scheinbar hilflos und ohnmächtig dem Schicksal ausgeliefert.

Die Erinnerung daran hat durch die Jahrhunderte Menschen getröstet und ihnen geholfen, ihr Schicksal zu tragen. In Lazaretten und Gefängnissen, in Armenvierteln und Hospitälern hängen und stehen Kreuze. Und gerade in Notzeiten sind sie für viele eine Hilfe.

Was ist an diesem einen Sterbenden so besonders? Seither sind Unzählige genauso elend gestorben wie er. Warum kann einen das Kreuz trösten, gerade, wenn es einem richtig schlecht geht?

Für die evangelischen Gottesdienste, die man in diesen Wochen nur über Bildschirme und am Radio mitfeiern kann, ist für heute ein Bibelabschnitt vorgesehen, der eine Antwort gibt. Im 2. Brief an die Menschen in Korinth hat Paulus geschrieben: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (2. Kor 5, 18).

Gott war in Christus! Von Anfang an haben Christen geglaubt, dass Gott sich in Jesus Christus gezeigt hat. In ihm hat Gott gelitten. In ihm wurde Gott qualvoll hingerichtet. Ich meine, das hat Menschen zu allen Zeiten getröstet. Gott ist eben nicht nur oben über’m Himmelszelt auf goldenem Thron. Er ist mit seinem Segen nicht nur bei den Starken und Reichen. Gott war und ist bei den Leidenden, bei den Kranken, bei den Einsamen. Am Kreuz Christi hat sich gezeigt, wie weit das geht.

Deshalb muss keiner, der leidet sagen: Gott lässt mich allein. Vielleicht habe ich es nicht anders verdient. Nein! Gott ist auch bei den Leidenden. Er leidet mit ihnen.

Deshalb hat es vielen geholfen und hilft es vielen, auf das Kreuz zu schauen. Denn das Kreuz erinnert: Gott lässt keinen allein. Das Kreuz hilft, auf Gott zu vertrauen, auch in schweren Zeiten. Er bleibt sogar bei den Sterbenden und hält ihr Leben in der Hand – über den Tod hinaus. So wie er Jesu Leben festgehalten und ihm schließlich neues Leben geschenkt hat.

Gott lässt keinen allein. Er ist es auch, der Menschen ermutigt, einander beizustehen so gut sie können. Damit alle das spüren können, dass keiner allein ist. Ich glaube, das könnte unser Zusammenleben verändern.

Ich hoffe sehr, dass viele auch heute die tröstende Kraft des Kreuzes spüren. Und dass sie wir vielleicht später, wenn die Krise vorbei ist, einmal sagen können, was Paulus den Korinthern geschrieben hat: „Wenn jemand zu Christus gehört, gehört er schon zur neuen Schöpfung. Das Alte ist vergangen. Seht doch! Etwas Neues ist entstanden.“ (2. Kor 5, 17)

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04APR2020
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Alexander der Große, Karl der Große, Friedrich der Große: Das sind Herrscher der Vergangenheit, die so viel bewirkt haben, dass sie bis heute bekannt sind. Sie haben Riesenreiche erobert, Entscheidungen getroffen, Gesetzeswerke erschaffen, manches davon wirkt nach bis heute. Vieles hat sich positiv entwickelt in ihrer Regierungszeit. Sie haben Macht ausgeübt, sich durchgesetzt, nicht lange gefragt, wer anders denkt oder unter die Räder kommt. Und bis heute stehen Denkmäler und Statuen herum für diese großen Männer.

Es gibt auch andere bedeutende Männer. Die Bibel erzählt zum Beispiel von Josef, dem Ziehvater von Jesus. Ich kenne kein einziges öffentliches Denkmal von ihm. In Kirchen allerdings, da ist er zu sehen. Da gibt es Gemälde und Statuen – auf denen steht Josef immer irgendwie im Hintergrund. In der Bibel wird auch nicht viel von ihm erzählt, kein einziges Wort ist von ihm überliefert. Aber ohne ihn wäre die ledige, schwangere Maria gesteinigt und Jesus vielleicht nie geboren worden. Ohne Josef hätten ihn die Soldaten des Herodes schon als Kind ermordet. Für mich ist dieser Josef ein großer Mann. Einer der sich für andere eingesetzt hat, obwohl er immer nur im Hintergrund stand.

Vielleicht hat gerade das abgefärbt auf Jesus. Der hat später nämlich gesagt: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein“ (Mk 10, 43). Er hat sich für die eingesetzt, die sonst unter die Räder gekommen wären. Er hat sich um die gekümmert, die die anderen schon abgeschrieben hatten. Damit hat er Menschen beeindruckt und prägt Menschen bis heute. Wir Christen versuchen, diesem Vorbild nachzueifern so gut wir können.

Natürlich weiß ich: Es muss auch große Politiker, Direktorinnen und Vorsitzende geben. Menschen eben, die Regeln aufstellen und Gesetze machen und auch durchsetzen. Menschen, die versuchen, das Miteinander in ihrer Stadt, in ihrem Land zu ordnen. Gerade in diesen Krisenzeiten möchte ich nicht an ihrer Stelle sein.

Aber manchmal frage ich mich: Wer prägt uns und unser Miteinander mehr? Die alleinerziehende Mutter, die fast nie die Geduld verliert und ihrem Kind Geborgenheit vermittelt und Sicherheit? Der Vater, der auf eine große Karriere verzichtet, um mehr als nur im Urlaub Vater zu sein? Die Erzieherin, die mit viel Geduld Kindern zeigt, wie man Streitigkeiten löst? Der Krankenpfleger, der seinen Patienten Mut macht und ihnen hilft auszuhalten?

Oder die Redner mit den markigen Worten? Wer hat Sie beeinflusst und geprägt?

„Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein“ Was ist für Sie ein großer Mann oder eine bedeutende Frau?

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03APR2020
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Sind reiche Leute kapitalistische Ausbeuter? Und Arme die besseren Menschen? Solche Urteile gibt es. Man kann die Menschen sehr einfach einteilen in gut und böse, wenn man so denkt. Aber das andere stimmt natürlich genauso: In manchen Armenvierteln eines Landes ist die Kriminalität besonders hoch. Und viele Wohlhabende übernehmen Verantwortung und unterstützen die Schwächeren mit ihrem Geld.

Jetzt habe ich gelesen, dass in den Kliniken Atemmasken und Desinfektionsmittel gestohlen wurden. Aus Angst vor dem Virus. Und in den Kliniken fehlen sie für die wirklich Kranken. Wer macht so etwas, habe ich mich gefragt. Womöglich Menschen wie Sie und ich? Gerade schlechte Zeiten bringen auch die schlimmen Seiten der Menschen zum Vorschein.

„Das Trachten der Menschen ist böse von Jugend an!“ (1. Mose 8, 21) heißt es in der Bibel am Ende der Geschichte von der Sintflut. Gott, wird erzählt, habe erkannt, dass daran nichts zu ändern sei. Auch Predigten und die Androhung von Strafe helfen nicht. Die Menschen sind böse und jeder denkt nur an sich.

Aber das andere ist ja auch wahr. Es gibt gerade auch in der Bibel Geschichten von Menschen, die über ihren Schatten springen. Zum Beispiel die Witwe in Zarpath, die während einer Hungersnot nichts mehr hat für sich und ihr Kind (1. Kön 17). Kaum noch Öl und Mehl für ein letztes Fladenbrot, dann werden sie verhungern müssen. Und dann kommt auch noch ein Fremder, hungrig und bittet um etwas zu Essen. Erst will die Frau ihm nichts geben. Ist nicht ihr Kind wichtiger als dieser Fremde? Der Fremde ist Elia, ein Gottesmann. Der verspricht ihr: „Fürchte dich nicht!... Gib auch mir zu essen. Du wirst sehen: Das Öl wird nicht ausgehen und das Mehl auch nicht, bis die Hungersnot vorbei ist“. Da wagt es die Frau und gibt dem Fremden und macht Essen für sich und ihren Sohn – und das, solange die Hungerzeit dauert. Alle drei überleben.

Was sagen mir diese Notizen aus der Bibel? Einmal: Wohl jede und jeder hat den Impuls „ich zuerst!“. Das ist normal. Vielleicht ist es auch gut so. Manche machen das leider auch mit bösen Mitteln. Dabei bleiben die anderen leicht auf der Strecke, grade in schwierigen Zeiten. Aber jede und jeder kann auch anders handeln. Wie die Witwe aus Zarpath: fürsorglich, barmherzig und vertrauensvoll. So, wie jetzt besonders die Pflegekräfte und Ärzte.

Vertrauensvoll. Ich glaube, das ist das Geheimnis. Vertrauen auf das Leben, das doch weitergehen wird. Besser noch: Vertrauen auf Gott, der die Barmherzigen nicht im Stich lässt. So kann man ein guter Mensch sein, egal ob arm oder reich..

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02APR2020
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Systemrelevant. Ehrlich gesagt: Das Wort kenne ich noch nicht so lange. In der Finanzkrise vor 12 Jahren waren die großen Bankunternehmen systemrelevant. Wenn eines Pleite gehen würde, würde das die ganze Weltwirtschaft gefährden, hieß es. Mit großem Aufwand hat die Staatengemeinschaft das verhindert. Und ein paar Jahre später gab es einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung. Gott sei Dank.

Jetzt haben wir wieder eine weltweite Krise. Das Corona-Virus hält die Welt in Atem. Die Krise sei noch viel schwerwiegender und vor allem: Sie betrifft uns alle in unserem Alltag.

Und jetzt erleben wir, was eigentlich systemrelevant ist, damit unsere Gemeinschaft nicht zusammenbricht.

Es sind das Pflegepersonal und die Ärzte, die bis zum Äußersten belastet sind. Man holt sogar Rentner und Rentnerinnen wieder zurück. Es sind die Altenpflegekräfte. Sie versuchen, nicht nur die Versorgung der Alten aufrecht zu erhalten. Sie versuchen auch, zu trösten und Mut zu machen, wenn es keine Besuche mehr im Altenheim geben darf.

Mir fallen aber auch die Kassiererinnen ein und die, die die Regale einräumen im Supermarkt. Sie haben unglaublich zu tun und müssen oft noch die Vorwürfe der Kunden anhören, wenn sie ihnen sagen, dass nicht die einen 5 Flaschen Spülmittel auf einmal mitnehmen können, weil dann für andere gar nichts bleibt.. Ich denke an die Lastwagenfahrer, die Überstunden machen müssen, damit die Regale immer wieder aufgefüllt werden können. Die Menschen, die dafür sorgen, dass Wasser, Strom und Gas da sind. Dass die Müllabfuhr kommt. Und auch die in Radio, Fernsehen und Internet, die dafür sorgen, dass wir Informationen kriegen und unterhalten werden, wenn wir zuhause bleiben und nicht ausgehen können.

Ich glaube, viele merken: Wenn es darauf ankommt, sind diese Menschen systemrelevant. Im Augenblick wird ihnen auch immerzu gedankt: Menschen klatschen Applaus auf den Balkonen, Politiker finden Dankesworte. Aber es ist noch etwas anderes nötig, scheint mir. Hoffentlich bleiben uns diese systemrelevanten Berufsgruppen im Gedächtnis, wenn die Krise vorüber ist. Dann nämlich ist es höchste Zeit, dass ihnen ihre systemrelevante Arbeit angemessen bezahlt und auch sonst erleichtert wird. Im Grunde sind sie die Großen unter uns.

So hat das übrigens schon Jesus mal gesagt: „Wer von euch groß sein will, der soll den anderen dienen.“ (Mk 10,44) Was wären wir ohne den Dienst der Menschen, die systemrelevant sind! Danke ihnen und Gott sei Dank, dass es sie gibt.

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01APR2020
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Durch die Jahrhunderte haben Menschen schlimme Katastrophen und schwere Zeiten erlebt. 30jährige und sogar 100jährige Kriege haben ganze Landstriche verheert und entvölkert. Weltkriege, sind den Älteren noch im Gedächtnis. Vulkanausbrüche und Erdbeben, die Pest hat es gegeben und die Spanische Grippe. Aids..

Gott sei Dank sind wir dem nicht mehr so hilflos ausgeliefert wie die Menschen früher. Gegen die Aids-Pandemie unserer Tage hat die Medizin inzwischen schon einigermaßen wirksame Medikamente gefunden und es ist eine Frage der Zeit, bis man auch gegen den Corona-Virus etwas findet. Und immerhin weiß man inzwischen, wie man sich schützen kann. Die Politik tut das Möglichste, um uns zu schützen. Und wir selbst wissen auch wie wir uns schützen können. Manche sagen ja, das sei alles übertrieben und richte mehr wirtschaftlichen Schaden an als es gesundheitlich nutze. Ich wage nicht, das zu beurteilen. Ich habe allerhöchste Hochachtung vor den Politkern, die jetzt entscheiden und Maßnahmen verabreden. Und ich bin froh, dass sie jetzt auch parteiübergreifend zusammenarbeiten und gemeinsam beraten und entscheiden. Vielleicht geht das ja auch noch, wenn die Krise vorbei ist? Dann wäre sie wenigstens für etwas gut gewesen.
Aber: zuverlässigen Schutz gibt es nicht, das muss jedem klar sein.

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ (Psalm 23, 1) beten wir Christen mit einem alten jüdischen Gebet. Das ist ein Psalm aus der Bibel. Menschen haben das in Pestzeiten gebetet und im 30jährigen Krieg,. in der Hungersnot 1816/1817 in Baden-Württemberg hat man so gebetet und in den Bombennächten und den Konzentrationslagern im 2. Weltkrieg auch. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ – Durch die Jahrhunderte haben, gerade in schweren Zeiten, die Menschen damit nicht gemeint: „Mir wird schon nichts passieren!“ Aber sie haben darauf vertraut, dass Gott sie nicht verlässt, auch in Bedrohung und Angst. Sie haben sich darauf verlassen, er lässt mich nicht im Stich. Er hilft mir zu tragen, was kommt. Gott steht mir bei, dass ich nicht aufgeben muss. Gottvertrauen ist keine Lebensversicherung. Aber Gott fängt einen auf. Er hält mich fest, auch wenn Menschen sterben müssen, die ich liebhabe. Gott verbindet mich mit den Toten. Und er schenkt mir neues Leben, auch im Tod.

„Und ob ich schon wandelte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn Gott ist bei mir, sein Stecken und Stab trösten mich.“ (Psalm 23,4) Ich vertraue darauf, dass wir alle auch in der Corona-Krise diese Erfahrung machen werden.

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31MRZ2020
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„Die Welt ist nicht sicher. Und wir müssen lernen, das auszuhalten.“ Das sagt der Psychotherapeut Jan Kalbitzer. Er zählt die Katastrophen der letzten Monate auf: Die Brände in Australien, die gezeigt haben, wie machtlos Menschen gegen den Klimawandel sind. Das Elend von Millionen Geflüchteten aus den Kriegsgebieten in Nahen Osten und in Afrika. Sie stehen an den Grenzen Europas und keiner weiß, was jetzt getan werden kann. Die Morde in unserem Land, in Hanau, in Halle, in Kassel. Sie machen klar: Unser Miteinander ist vom Rassismus bedroht. Und jetzt die Corona-Pandemie: Die meisten von uns wird es treffen. Die Welt ist nicht sicher.

Es gibt verschiedene Strategien, gegen dieses Gefühl der Unsicherheit. Man kann die Bedrohung leugnen und weglügen. Man kann sich das vom Leib halten und sagen: Ich bin jung und gesund, ich lebe im sicheren Europa – mich wird es schon nicht treffen. Aber spätestens das Coronavirus zeigt: Es kann uns alle treffen. Und es geht uns alle an. Die Welt ist nicht das Paradies. Nirgends.

Aber das andere stimmt auch: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Tim 1,7) Das haben schon die ersten Christen sich gegenseitig versichert. Und ich meine, auf diesen Geist Gottes können wir uns auch heute verlassen. Und etwas tun, um die Katastrophen durchzustehen.

Wenn auch jeder einzelne nicht viel tun kann: Gemeinsam können wir Kräfte entwickeln und Maßnahmen ergreifen. Gemeinsam können wir etwas tun, um zum Beispiel die Klimaerwärmung zu verlangsamen – oder sogar zu verhindern. Jeder kann seinen Teil dazu leisten. Jeder an seinem Platz. Und gemeinsam haben wir Kraft und können das schaffen.

Wir können Liebe üben. Trotz eigener Sorgen auch an die anderen denken. Jetzt, während der Coronakrise gibt es viele Ideen Dafür sorgen, dass niemand sich allein gelassen fühlt. Telefonieren ist kein Ersatz für Besuche. Aber immerhin. Das Fernsehen bietet eine Art Schulfunk mit Bild. Im Internet machen Künstler Musik, teilweise hören tausende zu. Man kann sich und anderen ab und zu etwas Schönes gönnen, auch wenn das Leben eingeschränkt ist. Gottes Geist ist auch ein Geist der liebevollen Phantasie.

Und Besonnenheit kann er schenken. Dass wir uns nicht gegenseitig verrückt machen. Für Gesunde besteht kein Grund zur Beunruhigung, auch nicht wenn sie sich anstecken. Sie können zuhause bleiben, bis sie gesund sind. Und sich dann erst recht um die anderen kümmern.

Ich glaube, so können wir miteinander aushalten, dass die Welt unsicher ist.

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30MRZ2020
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Beim Händewaschen soll man „Bruder Jakob“ singen. Zweimal. Dann kann man sicher sein, dass die Seife die krankmachenden Viren weggewaschen hat. Gute Idee, fand ich. Hilft sicher, es richtig und gründlich zu machen, besonders den Kindern.

Jetzt hat mich die Stuttgarter Prälatin auf eine andere Idee gebracht: Man könnte auch bei jedem Händewaschen das Vaterunser beten. Das dauert auch 30 Sekunden und wahrscheinlich kennen es genauso viele Menschen wie „Bruder Jakob“.

Das Vaterunser also um die Zeit abzumessen. Diese Idee gab es schon immer. Früher hat man Backrezepte so beschrieben. Zum Beispiel: Milch einrühren 3 Vaterunser, damit es keine Klumpen gibt. Oder: Teig kneten 5 Vaterunser lang. Meine Tanten kannten das noch. Und ich finde es eigentlich irgendwie charmant. Ein Gebet bemisst die Zeit, drückt ihr sozusagen den Stempel auf. Mir gefällt der Gedanke.

Natürlich können sie jetzt sagen: Was für ein Blödsinn - als ob ein Gebet mich vor Ansteckung schützen könnte. Kann es natürlich nicht. Trotzdem finde ich die Idee, beim Händewaschen das Vaterunser zu beten gut.

Weil es medizinisch empfohlen ist, 30 Sekunden die Hände zu waschen. Und wie soll ich wissen, wie lang 30 Sekunden sind?
Weil mir das Vaterunser erwachsener vorkommt, als „Bruder Jakob“ zu singen.

Und 3., weil Beten beruhigt, viele jedenfalls. Wer betet – egal ob als Jude oder Christ, als Muslim oder Buddhist – wer betet vertraut sich einem anderen an: Gott. Wer betet spricht sich aus und spürt Nähe. Das sagen viele, die regelmäßig oder jedenfalls in Krisenzeiten wie jetzt beten.

„Bleiben Sie gesund!“ ist im Augenblick der neue Gruß, statt Auf Wiedersehen. Ich meine nicht, dass alle gesund bleiben werden, die beten. Wer betet, kann auch nicht sicher sein, gesund zu bleiben. Beten macht ja nicht immun. Aber viel wichtiger ist ja doch, dass wir behütet bleiben. Behütet vor übermäßiger Sorge und Panik. Behütet vor Einsamkeit und dem Gefühl, niemand ist für mich da.

Ich bete deshalb im Vaterunser „dein Wille geschehe“ und verlasse mich darauf: Gott will, dass Menschen behütet bleiben. Neulich hat mir jemand gesagt: Diese Krankheit ist jetzt die Strafe Gottes. Genau das stimmt nicht. Gott behütet seine Geschöpfe. Nicht immer vor Krankheit. Aber vor Verzweiflung und Panik. Und auch vor Eigensucht und Egoismus. Denn vieles können wir jetzt brauchen. Aber Egoismus bestimmt nicht.

Deshalb probiere ich das jetzt mit dem Vaterunser. Bleiben sie behütet!

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