Manuskripte

13SEP2020
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Bibelstelle: Mt 18, 21-35

Verzeihen, immer wieder verzeihen. Das ist die Botschaft, die heute in den katholischen Kirchen zu hören ist. In einem Text aus dem Matthäus-Evangelium. Darin fragt Petrus Jesus wie oft er denn einem Bruder vergeben müsse, der gegen ihn gesündigt hat. „Bis zu 7 Mal?“ fragt Petrus. Und Jesus antwortet ihm: „Nicht bis zu 7 Mal, sondern bis zu 70 Mal 7 Mal.“ Scharf gerechnet also 490 Mal oder anders gesagt: wieder und wieder verzeihen. Das ist typisch Jesus: überraschend, radikal und provokant. Und er hat ja auch recht: Wenn man an einen barmherzigen Gott glaubt, dann sollte man selbst auch versuchen so barmherzig wie möglich zu sein. Genau das ist der Kern dieser Geschichte. Dass einer der Christ sein will, immer und immer wieder verzeihen soll. Mehr als Andere, toleranter als Andere. Das ist aber leichter gesagt als getan. Weil wir eben menschliche Wesen sind, die auch empfindlich, verletzlich und nachtragend sind. Darum bringt es auch nichts, es sich nur vorzunehmen zu verzeihen. So nach dem Motto „Schwamm drüber“, es gärt aber noch weiter in einem. Mit dem Herz gilt es zu verzeihen. Und das geht weder schnell noch leicht. Es müssen schon ein paar Dinge geschehen bis es zu wirklicher Vergebung kommen kann. Das erste: Den, der mich verletzt oder beleidigt hat, anhören. Seine Seite, seine Gründe zu verstehen versuchen. Und ihm sein Bedauern, seine Reue glauben. Das zweite: Wenn der Andere das wiedergutmachen will, was er an mir falsch gemacht hat, es wirklich anerkennen, seine Entschuldigung annehmen. Und dann darauf vertrauen, dass das, was zu meiner Verletzung geführt hat, nicht wieder vorkommt. Erst auf dieser Basis ist der letzte Schritt zu wirklicher Vergebung möglich: die Versöhnung und der Neubeginn. Bis dahin ist es aber ein langer und oft schwerer Weg, der allein mit Lippenbekenntnissen nicht zu gehen ist. Der sich aber lohnt. Weil am Ende zwei Menschen wieder ihren Seelenfrieden haben. Der, der verletzt hat, weil er von der Last seiner Schuld befreit ist. Und der, der verletzt wurde, weil er sich durch sein Verzeihen befreien konnte: von seinem Schmerz, seiner Scham oder seiner Wut.

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05SEP2020
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Der Fußballer Benedikt Höwedes gehört zur Weltmeistermannschaft von 2014. Im Endspiel hätte er beinahe das entscheidende Tor geschossen. Auf die Frage, ob er sich ärgere, dass sein Kopfball nur an den Pfosten ging, antwortet er:

Im Gegenteil, ich bin bis heute heilfroh, dass ich nicht der Schütze des entscheidenden Tores gewesen bin. Dann wäre die Aufmerksamkeit auf mich gefallen. Ich habe nie gern im Rampenlicht gestanden. Ich möchte nicht der alleinige Held sein, sondern ein Teil der Mannschaft, ein Teil einer Erfolgsstory sein.

Quelle: Der Spiegel, Nr. 32/1.8.2020, Interview mit Benedikt Höwedes, „Der Fußball hat sich brutal entwickelt. Und dabei distanziert von den normalen Fans“, S.120.

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04SEP2020
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Die Politikerin Claudia Roth war als Kind viel bei ihren Großeltern. Darüber, was sie von ihnen über den Glauben und die Liebe gelernt hat, sagt sie:

Beide gehörten verschiedenen Konfessionen an, was damals etwas Besonderes war. Trotzdem war immer das Gemeinsame und nicht das Trennende entscheidend. Meine Oma war sehr gläubig. Dennoch hat sie akzeptiert, dass ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin, weil diese Institution Frauen diskriminiert. Meiner Großmutter konnte ich alles sagen, sie hat bedingungslos geliebt. Ich durfte als Kind immer im Ehebett im Gräbele schlafen, und die Beiden, dieser große Opa und die kleine, runde Oma, haben sich dann über mir die Hand gereicht, sich beschützt und festgehalten. Das war von einer solchen Innigkeit, ich glaube, daher habe ich die Sonne in meinem Herzen.

Quelle: Südwestpresse, Samstag, 11. Juli 2020, Interview mit Claudia Roth: „Den Alltagsrassismus nicht kleinreden“.

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03SEP2020
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Der Jazz-Sänger und Komponist Gregory Porter ist ein sehr religiöser Mensch. Darüber wie seine Musik und sein Glauben zusammenhängen, sagt er:

Wenn Sie sich mit den bedeutendsten Soul- und Jazzmusikern beschäftigen, nehmen wir Marvin Gaye, Al Green, Ray Charles oder Luther Vandross, dann sehen Sie: Egal wie stark sie in ihren Songs die Liebe zu einer Frau behandelt haben, ihre stilistische Inspiration, rührt aus dem Besingen der Gegenwart Gottes. Sie lernten in der Kirche, sich vom heiligen Geist beherrschen zu lassen, was ihnen ermöglichte, Dinge zu formulieren und Töne zu singen, die sie normalerweise nicht hätten singen können. Auch ich habe mir die Werkzeuge in der Kirche angeeignet, nun wende ich sie in der säkularen Sphäre an. Die Sehnsucht nach Gott steckt in meiner musikalischen DNA.

Quelle: Galore Interviews, Nr. 40, 04/2020, Verlag Dialog GmbH, Dortmund, S. 121.

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02SEP2020
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Der Singer-Songwriter Jason Mraz wurde gefragt wofür er dankbar ist. Seine Antwort war:

Natürlich für meine Gesundheit. Vor allem auch für Zeit. Damit meine ich einerseits meine eigene Zeit und die Möglichkeit frei darüber zu bestimmen: Will ich der Weiterentwicklung hinterherjagen und noch größere Berühmtheit anstreben oder möchte ich behutsam mit mir umgehen und mich um Freunde und Familie kümmern, die gerade Unterstützung brauchen? Andererseits meine ich aber ebenso die Zeit, die andere Menschen mir widmen. Wenn sich eine Person dafür entscheidet, ihre Zeit damit zu verbringen, sich meine Musik oder ein Konzert von mir im Internet anzuhören, dann schenkt sie mir ihre wertvollste Ressource.

 

Quelle: Galore Interviews, Nr. 41, 06/2020, Verlag Dialog GmbH, Dortmund, S. 121.

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01SEP2020
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Die Schweizer Fernsehmoderatorin Barbara Bleisch hat einmal den Schauspieler Klaus Maria Brandauer interviewt. Am Anfang des Gesprächs war er sehr verschlossen. Wie es ihr gelungen ist ihn zu öffnen, beschreibt sie so:  

Ich hatte gelesen, dass er Kastanien mag. So wie ich. Am Vorabend des Gesprächs mit Brandauer habe ich mir also eine glänzende Kastanie von der Straße geholt, sie dann im Lauf des Gesprächs auf den Tisch gelegt und mit ihm über Kastanien gesprochen, die in einem stacheligen Häuschen heranwachsen und selber so vollkommen sind. In diesem Moment war dieser Mann so berührt, dass ich gemerkt habe: Jetzt öffnet er sich. Das sind großartige Momente, in denen man denkt: Ah, jetzt zeigt sich mir der Mensch!

Quelle: Galore Interviews, Nr. 41, 06/2020, Verlag Dialog GmbH, Dortmund, S. 66.

 

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31AUG2020
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Der Liedermacher Reinhard Mey beklagt eine zunehmende Verrohung in unserer Gesellschaft. Auf die Frage was er dagegen setzt antwortet er:

Freundlichkeit. Kostet nichts, bringt viel Freude, fällt mir nicht schwer. Den Menschen einfach signalisieren, dass man nicht vorhat, im nächsten Moment die Waffen zu ziehen. Ich gehe in der Woche drei-, viermal denselben Weg, da trifft man bestimmte Leute schon mehrmals. Einer ist dabei, der hat nie zurückgegrüßt, und ich dachte mir: Den knackst du irgendwann. Also habe ich diese Person so penetrant immer weiter gegrüßt, bis sie eines Tages tatsächlich mein „Guten Tag“ erwiderte. Heute sehe ich diesen Menschen schon von Weitem – und ich freue mich er freut sich.

Quelle: Galore Interviews, Nr. 41, 06/2020, Verlag Dialog GmbH, Dortmund, S. 21.

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30AUG2020
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Der Sonntag gibt Gelegenheit zur Muße. Aber was ist das eigentlich - Muße? Peter Philipp Riedl ist Leiter des Sonderforschungsbereichs Muße an der Uni Freiburg. Er beschreibt sie als:

Absichtslose Hingabe. Das heißt, ich lasse mich voll und ganz auf etwas ein, ohne dass ich eine Stoppuhr danebenliegen habe. Der Zeithorizont ist zwar nicht unendlich, aber er sollte zunächst einmal offen sein, denn Muße befreit von zeitlichen Zwängen und direkten Leistungserwartungen…Sie eröffnet Räume für ein freies Verweilen in der Zeit. Wie dieses Verweilen ausgefüllt wird, das ist zunächst offen. Um es zu beschreiben helfen Paradoxien. Zum Beispiel als ‚bestimmte Unbestimmtheit‘…oder als ‚tätige Untätigkeit‘.

Quelle: Galore Interviews, Nr. 41, 06/2020, Verlag Dialog GmbH, Dortmund, S. 82.

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02AUG2020
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Bibelstelle: (Matthäus 14, 13-21)

„Hände, die teilen, erzählen von Gott“ – dieses Sprichwort gefällt mir. Und es passt gut zu dem Text, der heute in den katholischen Kirchen zu hören ist: „Die wundersame Brotvermehrung“ - eine der unglaublichen Geschichten, die in allen vier Evangelien steht und sie geht so:

Jesus hat einen Tag lang mit vielen Menschen verbracht. Er hat sie angehört, mit ihnen gesprochen und sie geheilt. Es wird Abend und weil es so viele sind, sagen seine Jünger er soll die Leute in die umliegenden Dörfer schicken, damit sie dort zu essen bekommen. „Nein“, antwortet er, „gebt ihr ihnen zu essen!“ „Aber wir haben doch nur fünf Brote und zwei Fische für über 5000 Leute!“ Da sagt Jesus, dass sie die Menschen in Gruppen zu je 50 versammeln sollen, nimmt die fünf Brote und zwei Fische, segnet sie und sagt dann den Jüngern sie sollen sie austeilen. Die Jünger tun das und alle werden satt, ja es bleiben sogar 12 Körbe mit Brotresten übrig.

Das kann doch nicht sein, sagt da jeder Skeptiker und fängt an zu rechnen: Fünf Brote und zwei Fische für über 5000 Leute, also ein Brot für tausend Menschen und ein Fisch für zweieinhalbtausend?

Wie oft bei den biblischen Wundererzählungen gibt es drei Möglichkeiten sie zu sehen: Erstens wortwörtlich – Jesus konnte das. Er hatte die Gabe die Naturgesetze außer Kraft zu setzen und die unglaublichsten Dinge zu tun.

Zweite Möglichkeit: Die Speisung der Fünftausend ist ein Bild, ein Bild, das die Christen zu der Zeit, in der die Evangelien geschrieben wurden ermutigen soll. Ein Bild, in dem das Brot und die Fische für den spirituellen, den seelischen Hunger stehen. Und dieser wird durch die Botschaft Jesu, die die Jünger zu den Menschen bringen, gestillt.

Die dritte Sichtweise ist mir die Liebste: Sie verlagert die Perspektive dieses Speisungswunders. Nicht die überdimensionierten Zahlen sind wichtig, sondern das Teilen. Das Teilen ist das eigentliche Wunder.

Wenn die Jünger das teilen, was sie haben und sich diese Haltung bei 50, 5000 oder wie viel Menschen auch immer fortpflanzt, dann werden alle satt. Wenn der, der mehr hat, dem, der weniger hat, etwas abgibt, dann werden alle satt.

Und wenn das geschieht, dann ist das – so wie unsere Welt nun mal ist – doch schon ein Wunder, oder?

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25JUL2020
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Was strömt den lieben langen Tag nicht alles auf uns ein. Wie viel und wie viel unnützes Zeug. Wir sind umgeben von immer mehr Informations-Bruchstücken, die kaum mehr ein Ganzes ergeben. Dr. Google weiß alles, aber seinen Nutzerinnen und Nutzern fehlt es immer mehr an Lebenswissen. Eltern bringen ihr Kind wegen eines Mückenstichs zum Arzt, echt, kein Witz. Die meisten Jugendlichen haben vor ihrem ersten Kuss zig Pornos auf ihren Handys gesehen. Und auch ältere Paare holen sich ihre Orientierung in Sachen Sex aus dem Fernsehen oder dem Internet. Hier fehlt es an wohlmeinenden Vertrauenspersonen und vertrauenswürdigen Institutionen. Mich hat meine Großmutter aufgeklärt und sie hat das wunderbar kindgerecht und behutsam gemacht. Die Kirche, auf jeden Fall die Katholische, fällt als vertrauenswürdige Institution in Sachen Sex und Beziehungen weg. Nachdem sie bei diesem Thema jahrzehntelang die Moralkeule geschwungen hat und ihre Kleriker gleichzeitig Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Und das, wo wir doch so dringend vertrauenswürdige Institutionen brauchen! Nicht nur beim Thema Beziehungen oder Sex. Was wir brauchen ist eine Vermittlung von Lebenswissen, mit überzeugenden und praxistauglichen Antworten auf Fragen wie: Wie halte ich ein Baby richtig? Wie lange darf es fiebern? Wann schlafe ich als Mädchen mit einem Jungen und wann lieber nicht? Wie viel Sex und welcher ist für uns gut als Paar? Wie spreche ich mit einem schwer Krebskranken? Und was nimmt mir die Angst vor der Begegnung mit einem Sterbenden?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31347