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SWR3 Gedanken

Sich alleine freuen ist doch nur halb so schön wie zusammen mit anderen. Darüber gibt es eine kleine aber gemeine Geschichte.

Ein Rabbi geht total gerne golfen. Aber es regnet schon seit Wochen und an Golf ist gar nicht zu denken. Ausgerechnet an einem Sabbatmorgen kommt die Sonne raus. Aber am Sabbat darf man sich körperlich ja nicht betätigen – schon gar nicht als Rabbi. Verzwickt, verzwickt. Aber der Rabbi muss es einfach tun.

Sofort laufen im Himmel bei Gott die ersten Beschwerden ein: „Das darf der doch nicht, das musst du bestrafen, Herr!“ „Keine Sorge“, sagt Gott, „wird schon werden.“ Unterdessen schlägt der Rabbi den Ball ab, der fliegt und fliegt und landet direkt im Loch. Dem Rabbi ist tatsächlich der erste „Hole in one“ seines Lebens gelungen – und das freut ihn wie Bolle.

Im Himmel wird Gott bestürmt: „Herr, bestrafen sollst du ihn, nicht belohnen!“. Doch Gott bleibt ganz cool und sagt: „Überlegt doch, wem soll der Rabbi das nur erzählen?“

Ich glaube nicht an einen Gott, der bestraft. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Die Geschichte macht deutlich, dass es schlimm ist, wenn man Freude nicht teilen kann. Oder andersrum: Teilt alles, was euch freut! Zum Beispiel ausschlafen dürfen, frisch schwanger sein, den Zug gerade noch erwischen, der erste Schnee, nach langer Zeit jemanden wiedersehen, gesagt bekommen, dass man seine Arbeit gut macht, mit einem Geschenk genau ins Schwarze treffen, Essen, das super schmeckt, wenn der Lieblingsverein gewinnt oder wenn die Waage zwei Kilo weniger zeigt.

Freude zu teilen ist eine Win-Win-Situation, denn meistens macht sie beide Seiten froh: den, der sich über etwas freut und den, der davon erfährt. Und damit gehört Freude zu den wenigen Dingen, die mehr werden, wenn man sie teilt.

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Im Sommer war ich mit meiner Familie in Irland. Dort gibt es Strände, die sind so endlos wie das Wetter wechselhaft ist. Genau an so einem Strand waren wir. Und genau so war auch das Wetter. Gerade noch mit meinen beiden Jungs eine Kugelbahn in den Sand gebaut, und schon überrascht uns ein Schauer. So ein Schauer ist zwar schlecht für den Urlaubsteint, aber gut für die Kugelbahn: die wird stabil und schnell. Und plötzlich zeigt sich ganz nah ein Wahnsinns Regenbogen.

Kaum haben ihn meine Kinder erblickt, treiben sie mich an: „Los Papa, lauf an das Ende vom Bogen, dort liegt doch immer ein Schatz!“ Ich denke noch: Oh nein, aus welchem Kinderbuch haben sie das nun wieder. Aber irgendwie bin ich auch ein bisschen urlaubsmäßig aufgekratzt, und deshalb renn ich los wie ein Bekloppter. Obwohl ich natürlich längst weiß, wie das ausgehen wird.

Und tatsächlich fühle ich mich ein bisschen wie bei „Hase und Igel“: Kaum meine ich den Zipfel des Regenbogens zu erwischen, da tönt es von irgendwo „Bin schon weg!“ Zwei, drei Mal mach ich das – dann gebe ich völlig fertig auf.

Seit der Geschichte mit der Arche und Noah gilt der Regenbogen als Zeichen, dass sich Gott mit den Menschen verbündet hat. Als das Wasser der Sintflut abfließt, zeigt sich ein herrlicher Regenbogen. Und da sagt Gott zu Noah: „Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes zwischen uns sein.“

Ausgepumpt stehe ich da, barfuß, Badehose und Regenjacke, die Hände auf die Knie gestützt. Und mir wird klar: Gott ist wirklich wie ein Regenbogen: Man kann ihn nicht festhalten – da hilft alles Abstrampeln nichts. Und trotzdem ist er mir ganz nahe, wie aufgespannt über mir. Auch wenn meine Jungs da anderer Meinung sein werden: ich finde diese

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Maria und Josef hatten es nicht leicht, in Betlehem eine Herberge zu finden. Klar, sie waren arm, in der Fremde unterwegs und der Wohnraum war äußerst knapp – unter solchen Bedingungen hast du auch heute noch wenig Chancen, etwas zu finden.

Zum Beispiel Familie Amani. Nicht Maria und Josef sondern Rabia und Obaid. Nicht in Betlehem, sondern in München. Guter Witz, oder? Eine afghanische Flüchtlingsfamilie mit zwei kleinen Kindern und befristetem Arbeitsvertrag sucht eine Wohnung in München. Leider kein Witz.

Aber nach Kirchenasyl und einer Gemeinschaftsunterkunft gab es wirklich Aussicht auf eine Wohnung für die Amanis. Die Vermieterin wollte sogar auf die Kaution verzichten. Einziges Problem: Der Vormieter wollte 4.000 Euro für die Küche haben.

Jetzt kommt das Engelchen ins Spiel: Isolde kennt die Amanis noch vom Kirchenasyl her. Sie postet ein Bild von einer Playmobil-Familie und schreibt darunter: „Wenn 400 meiner Freunde, 10 Euro spenden würden, könnte Familie Amani in eine eigene Wohnung ziehen.“

Drei Tage später sind fast 3.800 Euro auf dem Konto eingegangen, und Isolde postet: „Obaid hat den Mietvertrag unterschrieben. Im Februar kann die Familie umziehen. Die Familie ist sehr glücklich. Ich persönlich bin unglaublich überwältigt und dankbar, dass Ihr alle mitgemacht habt.“

Das war die Herbergssuche 2017. Bestimmt nicht die einzige. Aber eine, die wie damals in Betlehem gut ausgegangen ist.

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Eine große Schale Weihnachtsgebäck steht auf unserem Esstisch. Mein kleiner Sohn Fred nimmt einen Zimtstern. Und weil er immer Bescheid wissen möchte, fragt er: „Woher kommt eigentlich Zimt?“ Puh – da komme ich ins Stottern: „Äh - mit Gewürzen kennt sich Mama besser aus.“ Und die weiß es tatsächlich: „Zimt kommt von weit her. Früher gab es ganze Karawanen, Kamele voll beladen mit Zimt, und deshalb war es auch so kostbar.“

Fred murmelt „Aha, kostbar“, und schon geht das Fragen-Pingpong weiter. Sein kleiner Bruder Tom nimmt einen Lebkuchen ins Visier und fragt: „Und Lebkuchen? Wo kommt der her?“ Auch da kennt sich Mama besser aus als ich. Sie sagt: „Lebkuchen war früher eine Arznei. Ein Kuchen, in den man alle gesunden Sachen reingetan hat, damit Kranke geheilt werden.“ „Wie Globuli?“, fragt Tom. „Ja, ein bisschen so. Auf jeden Fall heilsam“, antwortet meine Frau.

Christstollen mögen beide Kinder nicht so, aber sie schlecken mit Hilfe ihrer Zeigefinger gerne den Puderzucker runter. Und dann kommt unvermeidlich die nächste Frage:„Warum ist denn da Puderzucker drauf?“ Endlich eine Frage aus meinem Fachgebiet. Ich antworte: „Man sagt, der Stollen ist mit Puderzucker umwickelt, dass er aussieht wie das gewickelte Jesuskind in der Krippe.“ Fred muss lachen: „Eine Puderzucker-Windel – da würden wir auch wieder Windeln wollen, gell Tom!“

Und so gehen die Fragen und die manchmal etwas hilflosen Antworten weiter. Und ganz nebenbei inspirieren mich Zimtsterne, Lebkuchen und Christstollen zu weiteren Fragen. Der Zimtstern könnte mich fragen: Was ist dir besonders kostbar? Der Lebkuchen könnte wissen wollen: Wo wünschst du dir in deinem Leben Heilung? Und die Frage des Christstollens wäre: Welche inneren Werte möchtest du in Zukunft besonders zur Geltung bringen? Das sind Fragen, die mich auch noch beschäftigen werden, wenn das Weihnachtsgebäck längst alle ist.

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Mo möchte mit dem Islam nichts mehr zu tun haben. Deshalb nennt er sich auch nicht mehr Mohammad, sondern eben Mo. Warum? Er zieht sein Sweatshirt hoch und zeigt die Narben. Die hat er sich in seiner iranischen Heimatstadt eingehandelt, als er abends unterwegs war. Ein Trupp Glaubenswächter hat ihm eine Abreibung verpasst, weil er zu westlich gelebt hat: er liebt Breakdance und Boxen und läuft Parkour.

Jetzt lebt Mo in Hamburg. Dort arbeitet auch Pfarrer Moses, ein syrischer Christ. Er erinnert sich an die Flugblätter, die über Mossul abgeworfen wurden: „Flieht, ohne Gepäck“, hieß es da, „nur mit der Kleidung am Leib. Sonst könnt ihr wählen: den Islam annehmen, eine Sondersteuer zahlen, oder mit dem Schwert hingerichtet werden.“

Das ist heftig. Und es ist keinesfalls weit weg, denn viele der Opfer leben inzwischen hier. Und deshalb ist der heutige Gedenktag so aktuell und wichtig. Der zweite Weihnachtstag ist auch Stephanustag. Stephanus war der erste Christ, der verfolgt und getötet wurde. Keine zehn Jahre nachdem Jesus gestorben war, wurde Stephanus gesteinigt. Deshalb beten die beiden großen Kirchen am zweiten Weihnachtsfeiertag für alle Christen, die verfolgt werden. Dabei beten sie nicht exklusiv für die Christen, sondern beispielhaft. Genauso werden alle ins Gebet eingeschlossen, die irgendwo wegen ihrer Religion verfolgt werden.

Die Christen, die bei Pfarrer Moses in Hamburg landen, wurden fast alle verfolgt. Ibrahims Familie ist hierher geflohen, als die ersten Verwandten ermordet wurden. Wassim wurde erst in Deutschland in der Erstaufnahme bedrängt. Für Pfarrer Moses ist deshalb fast jeder Tag ein Stephanustag. Er sagt: „Wassim, Ibrahim, Mo – und all die anderen, die verfolgt werden, die Schlimmes mitgemacht haben und hier Hilfe suchen: jeder von ihnen ist ein Stephanus.“

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Wenn mir jemand in diesen Tagen einen grippalen Infekt wünscht, dann würde ich sagen: ja geht´s noch! Und wenn derjenige Klinikseelsorger ist, dann erst recht. Wolfgang Raible ist Klinikseelsorger, und er wünscht den Leuten in der Weihnachtszeit tatsächlich einen „krippalen“ Infekt – aber krippal mit K. Er erklärt dann schnell: „Ich wünsche Ihnen einen „krippalen“ Infekt mit K – dass Sie sich vom Kind in der Krippe anstecken lassen.“

Der Stuttgarter Wolfgang Raible macht diesen krippalen Infekt an drei Symptomen fest. Vielleicht schauen Sie mal bei sich selbst, ob Sie schon infiziert sind.

Schwäche. Haben Sie eine Schwäche für Ihre Mitmenschen? Interessieren Sie sich dafür, wie es denen geht, was die gerade brauchen oder worunter sie leiden?

Fieber: Fiebern Sie danach, dass der Terror endlich aufhört? Warten Sie darauf, dass es gerechter und friedlicher zugeht bei uns?

Schluckbeschwerden: Können Sie nicht mehr alles schlucken was so passiert – wenn Geld an den falschen Stellen landet, wenn jemand oberflächlich und dumm daherredet und dabei andere gefährdet?

So ein krippaler Infekt tut gut. Diese Art von Symptome - Schwäche, Fieber, Schluckbeschwerden  - die braucht es, damit sich was ändern kann. Nur wer sich für die anderen interessiert, wer sich danach sehnt, dass es anders wird und wer nicht mehr alles hinnimmt – der kann auch die Welt verändern. So wie das kleine Kind in der Krippe. Krippe mit K.

(Quelle: Wolfgang Raible: 100 Kurzansprachen, Herder-Verlag, Freiburg 2010, S. 33ff)


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Wenn meine beiden kleinen Söhne Fred und Tom Süßigkeiten bekommen, dann landen sie entweder direkt im Mund oder in der „Schatzkiste“ für kargere Zeiten. Und dann gibt es noch den natürlichen Schwund. Süßigkeiten also, die einfach verschwinden – und manchmal auch ganz überraschend wieder auftauchen, so wie letztes Jahr an Heiligabend.

Fred und Tom warten gerade auf die Bescherung. Und der kleinere Tom ahnt, dass jetzt gleich was ganz Großes kommen muss, so hippelig wie sein älterer Bruder ist. Der weiß gar nicht, wohin mit den Händen und vergräbt sie deshalb in seinen Hosentaschen. Da beginnt er plötzlich zu strahlen wie ein Christbaum. Er zieht die Hand aus der Tasche und präsentiert stolz - ein Gummibärchen. Tom macht große Augen. Zauberei? Aber Fred ist selbst mindestens genauso baff und ruft: „Hey, bei mir war das Christkind in der Hosentasche!“

Warum eigentlich nicht. Weihnachten zeigt ja, dass wir mit dem Unerwarteten rechnen können. Ein Kind im Stall, die Eltern einfach und unverheiratet. Weihnachten zeigt, dass Gott die unkonventionellen Wege bevorzugt. Dass wir auf Überraschungen hoffen dürfen. Maria und Josef ist das so gegangen, aber auch den Hirten. Wie bitte, das soll Gottes Sohn sein? Damit hatte niemand gerechnet.

Und wenn man etwas nicht auf der Rechnung hat, dann ist die Freude doch umso größer. Genau wie bei Fred und seinem Christkind in der Hosentasche.

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