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SWR3 Gedanken

Eine Frau sitzt mit uns in unserem Gesprächskreis.
Es ist eine seltsame Gemeinschaft von Zweiflern und anderen Gläubigen.
Eine sagt, wenn sie von ihrer Familie erzählt:
Das waren die Frömmsten, das sind sie immer noch,
die wissen genau, was richtig ist und was Gott will.
Und wenn du anfängst zu denken und nicht aufhören kannst,
Fragen zu stellen, dann sagen sie:
„Hör doch einfach auf mit dem denken!“
Die Frau ist verheiratet, mit einer Frau.
Das war undenkbar in ihrer Familie.
Weil die Bibel das so sagt, dass es ein Gräuel sei,
wenn Mann und Mann und Frau und Frau beieinander liegen.
Da hat sie aufgehört, an diesen Gott zu glauben.
Bei dem sie, so wie sie ist, nicht sein durfte. Schließlich hat sie es sich
nicht ausgesucht. Sie hat es nicht entschieden.
Vielleicht hat Gott das so entschieden. Ich habe zu ihr gesagt, dass ich
überzeugt bin:
Gott hat nichts gegen Liebe,  wie auch immer man sie lebt.
In der Bibel ging es damals um Macht und um Missbrauch von Macht.
Denn damals haben sich erwachsene Männer kleine Jungs genommen,
in Griechenland durchaus üblich, Christen wie Juden aber war es ein Gräuel.
Die Liebe aber gibt es nicht ohne Respekt und gegenseitige Wertschätzung,
auch und gerade dann, wenn sie so bedroht und von außen so angefeindet ist.
Wie die zwischen Frau und Frau und Mann und Mann.
Ich glaube, dass Gott die Liebe liebt.
Und sich finden lässt, in der Liebe.
Auch in der zwischen Frau und Frau.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19874

Mein Neffe war vor einer Weile mit so einem Langstreckenbus unterwegs.
Der Bus wurde angehalten und kontrolliert.
Zwei junge Leute wurden rausgefischt.
Die konnten weder deutsch noch englisch noch sonst eine Sprache,
die die Polizisten gekonnt hätten und sie hatten keine Papiere.
Irritiert meinte ein Polizist, er könne nicht verstehen, was diese Leute, diese illegalen Migranten hier wollten, wenn sie doch kein Deutsch könnten und auch kein Recht hätten, hier zu sein.
Als mein Neffe mir das erzählt hat, konnte ich mich nicht zusammen nehmen.
Also hab ich ihm einen langen Vortrag gehalten, darüber, wie die Europäer
auf alle Kontinente dieser Erde aufgebrochen sind.
Keiner hat sie als illegale Immigranten bezeichnet, während sie die Urbevölkerungen Latein- und Nordamerikas ermordet und von ihrem Land verjagt haben.
Als sie  ihnen alles gestohlen haben, was ihre Lebensgrundlage war, ihre Kultur,
ihre Sprache, und wie sie das heute noch tun.
Und wie sie Afrika und Asien und die arabischen Länder in passende Stücke aufgeteilt haben.
Und wie viele Konflikte in der Welt noch heute darauf zurückgehen,
wie die weißen Menschen des Nordens sich die Welt untertan gemacht haben.
Und wie lächerlich es ist, wenn der australische Präsident erklärt,
dass er keine illegalen Immigranten in seinem Land tolerieren werde,
die sollten alle zurück nachhause.
Lächerlich, weil die meisten Europäer, die seit Generationen in aller Welt leben,
da nicht zuhause waren, sondern selbst einmal als Wirtschaftsflüchtlinge wegen Verfolgung oder Kriegen oder Hunger oder wegen des Mangels an Freiheit
in Europa für sich und für ihre Kinder eine bessere Zukunft aufgebrochen sind.
Dann hab ich ihm erzählt von den Syrern, die ich kennengelernt habe
und vor was die flüchten.
„Das hättest du auch gleich sagen können,“ hat er gemeint, „das versteht jeder!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19873

Konstanze ist inzwischen 77. Bei Kriegsende war sie 7.
Und sie erzählte von diesen Tagen bei uns im Gottesdienst.
Die Milchkanne, die am Fahrrad klappert, als sie mit der Mutter in der Schlange steht.
Am Milchladen die ersten amerikanischen GI sieht.
Ein Moment der Verunsicherung.
Und dann spürt sie wie sich Erleichterung breit macht.
Endlich keine Bombenangriffe mehr. Keine Angst. Keine seltsamen Befehle.
Dann aber muss die Familie das Haus verlassen, die Mutter erklärt noch:
Nur das Wichtigste mitnehmen und das sind in dieser Situation: Die Matratzen.
Die Amerikaner richten sich im Haus ein. Staunen über die vielen Bücher.
Und sie und ihre Familie sind auf einmal obdachlos, Flüchtlinge.
Sie muss mit ihrer Familie der Einquartierung gemäß ins Obergeschoß
einer anderen Frankfurter Familie ziehen.
Der Empfang ist unerwartet:
‚Herzlich willkommen, schön dass ihr bei uns seid‘,sagt die Frau in der Tür.
Das werde ich nie vergessen, sagt Konstanze und meint:
‚Das kann uns heute doch wirklich zu denken geben!
Wie wichtig das war, dass wir einfach mit offenen Armen empfangen wurden.
Es ist 70 Jahre nach Kriegsende und in Deutschland erinnern sich viele daran
wie sie selbst einmal Flüchtlinge waren.
Nicht allen ist es dabei so gut gegangen wie der Familie von Konstanze Wegner.
Das Kind von damals wurde Historikerin und Politikerin
15 Jahre war sie Mitglied des Bundestages und konnte viele Dinge
voran bringen.
Heute liegt ihr nichts so am Herzen wie die unfassbare Ungleichheit der
Lebensverhältnisse in der Welt und der sich daraus ergebende Flüchtlingsstrom.
Unerträglich findet sie diese Verfinsterung der Welt
und findet: Wir müssen doch helfen, wie wir nur eben können. Ganz ähnlich wie Konstanze argumentiert die Bibel:

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande,
den sollt ihr nicht bedrücken.
Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch,
und du sollst ihn lieben wie dich selbst;
denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. (3. Mose 19,33-34)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19872

Wer bin ich? Und wenn ja, wieviel hab ich?
So könnte man auch mal fragen.
Weil das, was unser Lebensgefühl und unsere Identität ausmacht, bei vielen das ist, was sie besitzen und herzeigen können.
Nicht umsonst lockt uns die Werbung mit Sprüchen wie:
„Wohnst du noch oder lebst du schon?“
oder „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“
Die haben genau verstanden, dass Einkaufen das Lebensgefühl mit bestimmt.
Dass die Wohnung, die ich habe ebenso wie die Shampoomarke
und das Auto, etwas darüber sagen, wer ich bin
oder als was die anderen mich sehen sollen,
oder: wer ich sein will.
Ich kenne einen Mann, der hat von allem, was man so haben kann fast nichts.
Er hat keine eigene Wohnung, aber ein ziemliches Talent nicht ganz im
Freien zu schlafen, leere Hinterhäuser und offenstehende Garagen
sind so die Plätze in denen er sich einrichtet.
Und er verfügt auch über einen gewissen Besitz, nicht nur das, was in Tüten passt.
Er bekommt es immer mit, wenn irgendwo jemand einen Sperrmüll macht.
Er sammelt Sachen.
Die stellt er dann irgendwo unter, in der Hoffnung, sie zu Geld machen zu können.
Das gelingt meistens nicht.
Aber irgendwie geht es auch mehr noch darum, etwas zu haben.
Weil- nur wer etwas hat, auch jemand ist.
Und wenn er was hat, kann er sich auch um was sorgen.
Wovon soll jemand sonst erzählen, als von den Leuten und den Sachen, um die man sich so sorgt?
Er jedenfalls hat wohl das Gefühl, jemand zu sein, wenn er sich um etwas sorgen kann.
Und kann dann auch mal etwas von den Sachen verschenken
an Leute die noch weniger haben als er oder die zumindest eine neue Wohnung haben.
Der Mann wohnt zwar nicht, aber leben tut er schon,
weil er etwas hat und sich um etwas sorgt.
Jesus sagte: „Sorge nicht für den morgigen Tag,
denn jeder Tag hat seine eigene Plage.“
Jesus hat auch weder gewohnt- also in einer festen Wohnung - noch hat er etwas
gehabt. Und doch hat er gelebt. Und wie!
Wie das gelingt, frag ich mich oft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19871

Frau M. ist sehr krank, sie lebt im Heim.
Hier ist sie gut aufgehoben und wird sehr freundlich versorgt.
Aber ihre Seele muss mit einem Trauma fertig werden.
Sie ist vor Jahren vergewaltigt worden.
Das ist zwar einige Jahre her, aber es beherrscht sie bis heute.
Sie ist nicht sympathisch. Vielleicht war sie es nie.
Sie hat eine kratzende Stimme
mit der sie einem immer irgendwie zu nah kommt.
Was sie erlebt hat, lässt sie nicht loses ist, als wäre ihr alles genau gestern passiert.
Sie erzählt davon, sie brüllt und tobt: „Der hat mich beschmutzt“
Sie will kämpfen. Sie will vor Gericht. Seit Jahren erlebe ich das.
Und ahne, dass sie niemals die Gerechtigkeit bekommen wird,
die ihr so wichtig wäre. Sie ist krank und alt und wird bald sterben.
Bei alldem ist sie auf eine Weise fromm, die mich immer wieder rührt.
Wenn sie mir wieder ihr Herz ausgeschüttet hat, dann greift sie nach
meiner Hand und sagt:
„Wie gut, dass ich weiß, dass der Herr Jesus Christus mich liebt!
Gell, unser Herr liebt mich? Er liebt uns alle, das fühl ich in meinem Herzen
und das ist mein ganzer Trost.“
Sagt sie und erinnert mich an einen Psalm, in dem es heißt:
Wenn aber jene schreien, die ihn suchen, wird es der Herr hören
Er wird sie aus der Angst reißen
Nah ist den zerbrochenen Herzen, Gott,
und er wird sie umarmen in ihrer Angst.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19870

Es ist ein Bilderbuchnachmittag.
Im Garten neben der Kirche sitzen Leute zusammen, unterhalten sich, einige spielen mit den Kindern, die da sind und die Kinder - nach anfänglicher Scheu - toben miteinander.
Muhamad und Dalia heißen die.
Die Kinder sind Flüchtlinge.
Manche erst ganz kurz in Mannheim, manche schon länger.
Die Familien haben inzwischen sogar Wohnungen in der Stadt und versuchen sich einzurichten.
Die Eltern erzählen von der Mühe, die Kinder in Kindergärten unterzubringen,
die sind ja eh überlastet.
Andere Erwachsene erzählen aufgeregt von ihren Familien, die sind in Flüchtlingslagern
im Libanon oder in der Türkei.
Ja, sie sind in Sicherheit, aber einer hat seine Kinder seit Jahren nicht gesehen,
seit er eben auf der Flucht ist. Seine kleinste Tochter hat er noch nie gesehen.
Was sollen sie nur tun, damit sie hierkommen können.
Andere fragen, wie das gehen soll, sie sind Ärzte und Rechtsanwälte, sie wollen arbeiten, aber sie wissen genau:
Davor steht die Hürde so Deutsch zu lernen, dass sie hier alles anerkennen lassen können.
Das dauert Jahre. Von was sollen sie leben bis dahin?
Manche sind Palästinenser, sie waren einmal sicher in Syrien.
Dann mussten sie weiter fliehen. Einer erzählt von der Flucht über Bulgarien,
wie sie immer wieder abgefangen wurden und zurückgeschickt, wie er es dann geschafft hat, aber dort lebte ohne jede Hilfe,
wie ein Hund auf der Straße, Wasser aus Pfützen getrunken.
Es ist ein Bilderbuchnachmittag. Kinder spielen im Garten.
Aber die Seelen der Flüchtlinge sind noch nicht angekommen.
Sie sind bei den Familien weit weg. Sie sind bei den Toten, im Krieg, im Meer,
und bei der Sorge um ein Morgen, das anders, das besser werden soll.
Gemeinsam schweigen und beten wir für die vielen, die wieder untergegangen sind, für die, die um sie weinen und für das Leben derer, die noch immer irgendwo auf der Flucht sind.
Dass sie ankommen heil und sicher.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19869

Heute geht in Stuttgart der Evangelische Kirchentag zu Ende.
Unter dem Motto „auf dass wir klug werden“
feiern heute zigtausende einen  Abschlussgottesdienst.
Vier Tage lang haben Junge und Alte spannende Begegnungen genossen und Nächte durchgemacht, haben Kofi Anan zugehört,
mit Frank Walter Steinmeier diskutiert,
miteinander gebetet und Lieder gesungen in der Straßenbahn
und auf den Plätzen der Stadt.
Manchen mag diese öffentliche Präsenz der Christen auf die Nerven gegangen sein.
Manche sagen ja:
„Die Christen, die sollten mal schön leise sein,
die sind genauso schuld an all den Kriegen und Konflikten in der Welt
wie die Muslime und wie die Juden.
Wir wollen endlich frei sein von all dem Religionskram.“
Mir gehen auch manche Christen auf die Nerven.
Es gibt ja welche, die stellen sich auf die Straße und brüllen, dass alle in die Hölle kommen, die nicht genau so an Jesus glauben wie sie.
Meine Vorstellung von dem, wie Gott ist, sind ganz andere als ihre
und ich glaube nicht dass Gott will, was solche Brüller wollen.
Und lange Zeit hab ich immer gedacht:
Der möge doch bitte den Mund halten, auch wenn es nur wenige sind, wie ja auch nur wenige Muslime und ganz wenige Juden Fundamentalisten sind.
Aber Fundamentalisten und Brüller gibt’s ja überall.
Auch bei den Religionskritikern und sogenannten Säkularen.
Inzwischen denke ich:
So ist das eben mit der Freiheit, die gilt auch denen, die ich nicht mag, selbst den Brüllern.
Deswegen bin ich froh, dass es den Kirchentag gibt.
Da ist ein anderes Christentum laut und hörbar, eines das nachdenkt und diskutiert und sich fröhlich und verantwortlich einmischt, in das was unser Leben wirklich ausmacht. Auf das wir klug werden!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19868