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SWR3 Gedanken

Wenn beim Computer mal wieder gar nichts mehr geht, gibt es eine hilfreiche Taste: Reset. Neustart. Alles auf Anfang. Manchmal die einzige Chance, danach überhaupt weiterarbeiten zu können. Wenn das im auch Leben immer so einfach wäre. Wenn ich den Eindruck habe, mich verrannt zu haben. Wenn scheinbar nichts mehr vor oder zurück geht, dann einfach einen Knopf drücken und von vorn anfangen zu können. Das wär’s. So einfach geht es natürlich nicht. Aber die Chance, nochmal anzufangen, die habe ich trotzdem jeder Zeit. Dass ich sie so selten nutze, hat eher mit meiner Bequemlichkeit zu tun. Und wohl auch mit der Angst davor, Altes wirklich los zu lassen und einen echten Neustart zu wagen.

Vor ein paar Tagen hat die christliche Fastenzeit begonnen. Für mich jedes Jahr sieben Wochen lang eine Einladung mal einen Gang runter zu schalten, wenn’s denn geht. Mal bewusst zu schauen, was da gerade läuft in meinem Leben. Ob ich noch auf dem Kurs bin, den ich gerne gehen möchte. Oder, ob ich vielleicht doch unter meinen Möglichkeiten lebe. Als Mensch und - ich zumindest - auch als Christ. Manchmal kann dann sogar ein Reset angebracht sein. Ein Neustart. Im Leben, im Job oder vielleicht auch im Glauben, der sich irgendwie verflüchtigt hat. Die Fastenzeit hat gerade erst begonnen. Die Einladung gilt. Noch fünf Wochen lang.

 

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Die Jugend taugt nichts mehr. Die gehen nicht mehr in die Kirche, denen ist doch nichts mehr heilig. In unregelmäßigen Abständen bekomme ich sowas mal zu hören. Meistens von Leuten, die nur noch wenig mit jungen Menschen zu tun haben. Mag sein, dass viele junge Menschen mit manchen Formen von Religion nicht mehr viel anfangen können. Doch dass ihnen nichts mehr heilig ist? Einspruch! Auf die Frage an die Schülerinnen und Schüler einer Oberstufenklasse, wer von ihnen noch bete, sagten die Meisten: Ja, machen wir. Nicht wenige von ihnen sogar regelmäßig. Beten kann aber nur, wem auch etwas heilig ist. Wer tief in sich die Hoffnung spürt, dass da noch etwas anderes sein muss. Eine Sehnsucht, die irgendwie unerfüllt bleibt. Eine Sehnsucht nach dem Heiligen. Dabei ist es fast gleich wie man betet. Dem einen hilft es, wenn er Psalmen rezitiert. Einem Anderen, indem er laut ausspricht, was ihn bewegt. Und ein Dritter mag vor allem die Stille suchen. Entscheidend ist eigentlich nur, dass ich zu meiner Sehnsucht vordringe, dir wir schlicht Gott nennen. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat das für sich einmal mit folgenden Worten beschrieben:  „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger zu sagen. … Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber[, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es:] Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt: Still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“

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Sie sind seltener geworden, die Spam-Mails mit den schlüpfrigen Angeboten. Doch ab und zu schafft es immer noch eine auf meinen Rechner. Wenn ich dann lese, dass mir da etwas ganz und gar Tabuloses verheißen wird, dann weiß ich gleich, worum es geht. Tabu. So abgedroschen das Wort auch ist. Ein angeblicher Tabubruch reizt offenbar noch immer.

Das Wort Tabu stammt eigentlich von Menschen aus der Südsee. Da meint es eine religiöse Vorschrift. Etwas, an das die Stammesmitglieder auf gar keinen Fall rühren, das sie nicht mal aussprechen dürfen. Wer es trotzdem wagt, wird drakonisch bestraft. Mag sein, dass es so etwas auch bei uns mal gab. Doch echte gesellschaftliche Tabus gibt es schon längst keine mehr. Und weil sie sich prima dazu eignen, Missstände totzuschweigen, ist das vielleicht auch ganz gut so. Wer trotzdem heute noch mit dem angeblichen Tabubruch spielt, sucht vor allem eines händeringend: Aufmerksamkeit. Wenn Aktivistinnen etwa halbnackt auf dem Kölner Domaltar tanzen, kann man das entweder ärgerlich oder lächerlich finden und es als Hausfriedensbruch verfolgen. Nur eines ist es sicher nicht: Ein Tabubruch.

Das Christentum kennt nämlich nur zwei wirkliche Tabus: Die Heiligkeit Gottes und die Würde jedes einzelnen Menschen. Denn die meint die Bibel, wenn sie vom Menschen als Ebenbild Gottes spricht. Und das  ist in der Tat weder diskutier- noch verhandelbar.

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Gehen sie doch vor! Ganz oft schon habe ich das gehört, wenn ich mal wieder in der Schlange vor der Supermarktkasse stand. Oft habe ich nur ein Handvoll Dinge, die ich noch einkaufen muss, wenn ich von der Arbeit komme. Und dann ist da vor mir jemand mit seinem vollen Einkaufswagen, schaut mich plötzlich an und sagt: Gehen sie doch vor. Sie haben ja nicht viel. Natürlich  hätte ich auch klaglos gewartet, bis ich an der Reihe bin. Aber dieser kleine Satz freut mich jedes Mal. Gar nicht unbedingt, weil ich nun ein paar Minuten früher fertig bin, sondern weil da jemand aufmerksam hingeschaut hat. Weil da einer nicht nur an sich und seinen Einkauf gedacht hat, sondern auch an mich. Einfach so.

Freundlich und rücksichtsvoll aufeinander zu schauen und miteinander umzugehen ist ja nicht unbedingt die Regel. Wir können auch ganz anders. Aber ab und dann geschieht es eben doch. Und eines kommt für mich dabei  immer unausgesprochen rüber: Auch wenn ich dich gar nicht kenne, du bist mir trotzdem wichtig. Und zwar mindestens genau so viel, wie ich mir selbst. Nächstenliebe. Das Wörtchen kommt oft so übergroß und wichtig daher. Dabei fängt es so oft  im ganz Kleinen an. Zum Beispiel mit dem Satz: Gehen sie doch vor. Sie haben ja nicht viel.

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Der Augenblick. So heißt eine Rubrik in meiner Tageszeitung. Sie besteht nur aus einem einzigen Foto, ohne Titel, ohne Kommentar. Das Bild selbst erzählt die Geschichte. Ein winziger Moment im Alltag, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Es gibt sie auch im Leben. Augenblicke, die sich oft ein Leben lang ins Gedächtnis brennen. Standbilder meines Lebens sozusagen. Der erste Kuss gehört dazu. Der Augenblick, in dem ich mein Kind zum ersten Mal im Arm halte. Aber auch der Schmerz, als mich die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen trifft.  Es gäbe noch Vieles mehr. Sollte ich jemandem von meinem Leben berichten, es würde eigentlich reichen, ihm nur diese Augenblicke zu erzählen. Vielleicht mögen sie ihm wie ein zusammenhangloses Puzzle erscheinen, ohne erkennbare Ordnung. Und trotzdem würden sie ihm viel mehr über mich erzählen, als jeder ausformulierte Lebenslauf es könnte. Weil es genau diese Momente sind, in denen ich mich am intensivsten selber spüre. Augenblicke, in denen ich einen Wimpernschlag lang ganz tief bei mir selber bin.

Genau darum haben solche Augenblicke für mich etwas von einem stillen, wortlosen Gebet. Denn wo kann ich mich Gott näher fühlen, als in den Augenblicken, in denen ich am intensivsten bei mir selber bin.

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Sind sie überhaupt schon mal einem Juden begegnet? Eine verstörende Frage. Gestellt hat sie  uns damaligen Theologiestudenten vor vielen Jahren unser Professor an der Universität. Es war in einem Seminar über das Judentum und die Antwort der Meisten sprach Bände: Betretenes Kopfschütteln. Nein, sind wir nicht, zumindest nicht bewusst. Jüdisches Leben gab es in Deutschland damals nur noch vereinzelt und wenn, dann oft verborgen. Trotzdem hat mich als jungen Studenten der  jüdische Glaube und jüdisches Leben fasziniert. Denn letztlich sind wir Geschwister. Wir Christen sind die Jüngeren und die Juden eben die Älteren. Empfunden hat man das leider nicht immer so und die Leidtragenden waren fast immer die Juden. Mit furchbaren Folgen, wie wir wissen. Auch viele Christen haben sich an ihren jüdischen Geschwistern schuldig gemacht. Dabei gibt es ganz vieles, was uns verbindet und vieles, was wir uns zu sagen hätten. Unter Geschwistern eben. Geschwistern im Glauben an den einen Gott.

Gestern ist in Kiel wieder die „Woche der Brüderlichkeit“ eröffnet worden, die heute wohl eher Woche der Geschwisterlichkeit heißen müsste. Seit 1952 gibt es sie. Weil es Menschen gab und gibt, die nicht schweigen, sondern miteinander reden wollen. Christen und Juden. Allem Furchtbaren zum Trotz. Noch schöner fände ich es, wenn es diese „Woche der Brüderlichkeit“ irgendwann gar nicht mehr geben müsste. Weil es einfach völlig selbstverständlich geworden ist, sich zu begegnen. Egal wo. Unabhängig davon, ob und was einer glaubt oder nicht.

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Die kleine Farm von Mary liegt in einer der fruchtbarsten Gegenden der Welt. In Uganda, im Osten Afrikas. Wunderschön aber bettelarm. Jeder Dritte Einwohner dort gilt als unterernährt. Mary und ihre Kinder gehören glücklicherweise nicht mehr dazu. Sie hat nämlich gelernt, wie sie ihre fruchtbaren Felder richtig bestellt. Wie sie nachhaltig mit Dünger und vor allem mit dem kostbaren Wasser umgehen kann. So kann sie nicht nur ihre kleine Familie gesund ernähren, sondern die Überschüsse sogar auf dem Markt verkaufen. Möglich gemacht hat das ein Landwirtschaftsprogramm der ugandischen Kirche, unterstützt durch das Katholische Hilfswerk Misereor. Heute, am ersten Fastensonntag, startet es wieder seine alljährliche Spendenaktion.

Mut ist, zu geben, wenn alle nehmen. So heißt das Motto in diesem Jahr. Da ist was schon dran. Denn wenn sich wirklich etwas grundlegend ändern soll, reicht die Spende für Misereor alleine nicht aus. Mut braucht es aber, an meiner Art zu leben etwas zu verändern. Überfluss hier und Armut dort sind ja oft zwei Seiten einer Medaille. Viele billige Waren hier bei uns haben trotzdem ihren Preis. Zwar nicht für mich, aber ganz oft für die Menschen in den armen Ländern. Meine Spende heute ist lebenswichtig, damit Mary und andere weiter vorankommen. Doch wenn auch ihre Kinder und Enkel eine bessere Zukunft haben sollen, braucht es noch mehr: Die Bereitschaft, auch von meinem bequemen Lebensstil etwas herzugeben. Zum Beispiel, indem ich bewusster lebe und konsumiere. Damit auch andere noch genug zum Leben haben.

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