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SWR3 Gedanken

Wie ist das, wenn du von jetzt auf nachher alles verlieren würdest: dein Haus, deine Wohnung, die Möbel von der Tante, die Fotos von früher, Alles einfach weg?
Ich kann es mir nicht vorstellen. Aber in Japan geht es derzeit Tausenden von Menschen so. Das verheerende Erdbeben und der gewaltige Tsunami hat Tausende von Menschen getötet und Hunderttausenden das Zuhause genommen. Vielen ist nur das nackte Leben geblieben. Jetzt streifen sie durch die zerstörten Ortschaften und wissen gar nicht, wo sie mit dem Aufbauen anfangen sollen.
Für den gläubigen Japaner ist es ganz wichtig, zuhause einen Ort zu haben, an dem er entweder die Asche seiner verstorbenen Familienmitglieder oder zumindest eine Liste mit den Namen aufbewahren kann. Und deshalb suchen die Aufräumhelfer in den Trümmern zuerst nach diesen Ahnentafeln und nach Fotos von den Verstorbenen.
Wenn Angehörige keine Spur ihrer vermissten Lieben finden können ist die Trauer noch einmal größer. Die Verstorbenen sind so etwas wie Mittler zwischen Gott und den Menschen und so etwas wie Schutzengel für das eigene Leben. Die Lebenden brauchen diesen Glauben, um wieder neu anfangen zu können. Die Verbindung zu den Vorfahren gibt ihnen die Kraft, das Unerträgliche auszuhalten.
So verbindet sich die Trauer mit der Hoffnung auf einen Neuanfang. Zum Glauben der Japaner gehört es, dass sie sich nicht von Tod und Zerstörung gefangen nehmen lassen. Sie glauben an das Leben. Diesen Glauben hätte ich auch gerne. Dann haben auch die Toten einen Platz im Leben und in der Herzen der Menschen.
Für die Lebenden und die Toten werde ich heute eine Kerze anzünden.

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Klaus ist Mitte 50 und hat sich seit ein paar Monaten Haare und Bart wachsen lassen. Sein fast weißes Haar ist mittlerweile schulterlang. Normalerweise würde er nicht so rum laufen, aber in diesem Jahr macht er wieder bei den Passionsspielen in seinem Dorf mit. Alle zehn Jahre beteiligen sich über 200 Bewohnerinnen und Bewohner an dieser besonderen Aufführung. Sie spielen die letzten Tage im Leben des Jesus von Nazareth. Wie er verraten wird, wie er verhört wird und wie er schließlich an einem Kreuz hingerichtet wird.
Klaus spielt einen der engsten Freunde Jesu. Er spielt den Petrus. Der ist immer mit vorne dabei. Hat eine große Klappe. Brüstet sich damit, für Jesus alles zu tun.
Aber im entscheidenden Augenblick kneift er und will mit ihm nichts zu tun haben. Weil er Angst um sein Leben hat. Und als der Hahn dann kräht, erkennt Petrus, was für ein Feigling er ist und weint bitterlich.
Klaus spielt diese Rolle überzeugend. Obwohl er mit Kirche und Glauben wenig am Hut hat. „Warum machst du bei den Passionsspielen mit?", frage ich ihn.
Weißt du, sagt er, das ist so: das Leben hat mir immer wieder einen Strich durch meine Pläne gemacht. Und ich hab es selber erlebt, wie Freunde einen verraten. Überhaupt habe ich vieles von Petrus bei mir selber entdeckt.
Aber weißt du, was mich am meisten anspricht? Klaus lächelt mich an. „Dass die Geschichte am Ende gut ausgeht. Jesus lässt diesen Petrus und seine anderen Freunde nicht im Stich. Sogar dann nicht, als er sterben muss.
Und deshalb spiele ich mit. Haare und Bart kommen bald wieder ab, aber eins bleibt: Gott gibt keinen Menschen auf. Das hab ich jetzt begriffen. Und das möchte ich mitnehmen in meinen Alltag.

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Sunflower-Guerillas- davon gibt es immer mehr- auch bei uns. Ihre Idee ist ganz einfach:
In den nächsten Laden gehen, Sonnenblumen-Samen kaufen und dann den Samen irgendwo in die Erde bringen: auf dem Weg zur Arbeit oder in die Schule, an der Bushaltestelle oder auf dem brachliegenden Baugrundstück nebenan. Ich finde die Idee prima. Kennen Sie nicht auch so eine hässliche Stelle in der Nachbarschaft, die ein bisschen Grün und bunte Blumen gebrauchen könnte? Dann werden Sie doch auch ein Sunflower-Guerilla!
Ich kenne eine Lehrerin, die hat jedem aus ihrer Schulklasse ein Tütchen Blumensamen geschenkt. Damit die Jugendlichen ihren Weg in die Schule ein bisschen bunter gestalten. Oder der Verkäufer des Möbelladens. Der verbringt seine Mittagspause immer im Stadtpark und hat jetzt neben „seiner" Bank ein paar Samenkörner gesetzt. So kann er sich später im Sommer an den Blumen freuen. Und andere Spaziergänger mit ihm. Die Welt ein bisschen bunter machen- das ist gar nicht so schwer und auch nicht so teuer.
Wir brauchen doch alle Farbe und Licht um uns herum. Deshalb gehört auch der Frühling zu meiner Lieblingsjahreszeit. Herrlich! Nach langen, grauen Wintermonaten endlich wieder Sonne und satte bunte Farben. Und Vogelgezwitscher! Wenn die Natur aufblüht, tuts der Mensch auch. Grade dann, wenn es mal nicht so gut läuft. Wenn vieles trostlos und traurig aussieht sehne ich mich umso mehr nach Leben, nach Farben und Frühling. Man sieht es, man riecht es, man fühlt es: nichts muss so bleiben, wie es ist.
Das steht schon in der Bibel, ganz vorne am Anfang, als Gott die Welt erschaffen hat. Da wird aus Wüste ein Garten. Und das zieht sich dann wie ein roter Faden durch die Geschichte. Immer wieder siegt das Leben über den Tod. Nichts muss so öde bleiben, wie es ist. Die Blumen der Sunflower-Guerillas werden uns bald daran erinnern.

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Wie aus Verzweiflung Schuld wird

Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, wenn er sogar sein eigenes Kind tötet? Die Altenpflegerin Ellen aus Kapstadt in Südafrika hat es getan. Sie hat ihren fast erwachsenen Sohn getötet. Warum? Sie hat es nicht mehr mit ansehen können, wie er sein Leben und das Leben seiner Familie zerstört. Seine Mutter sagt sogar: er war kein Mensch mehr, sondern ein Monster.
Ihre Tat kann ich nicht verstehen. Ich kann nur ihre Verzweiflung erahnen. Dabei geht es vielen Müttern in den Townships von Südafrika so wie Ellen. Armut und ungerechte Verhältnisse haben ganze Familien entzweit und gegeneinander aufgebracht. Die Jugend rebelliert und ihre Hoffnung auf eine bessere Welt wird jeden Tag aufs Neue enttäuscht. Mit Alkohol und Drogen beamen sie sich aus der Realität in eine Traumwelt. Gewalt ist an der Tagesordnung, denn sie brauchen Geld und haben so Macht über andere.
Ellen trifft sich mit anderen Müttern regelmäßig in den Räumen einer Kirchengemeinde. Sie hören einander zu und trösten sich gegenseitig. Ihr Glaube gibt ihnen Mut. Sie beten miteinander für ihre Kinder. Und doch lässt sie ihre Verzweiflung nicht los.
Nachdem sie ihren Sohn getötet hat, stellt sich Ellen der Polizei. Sie wird zu drei Jahren mit Bewährung verurteilt. Und sie bekommt die Auflage, ihre Geschichte in Schulen und Kirchen zu erzählen. Die Richterin sagt bei der Urteilsverkündigung: „Die Botschaft muss sein: Mord ist keine Antwort!" Und Ellen erzählt ihre Geschichte und macht anderen Eltern Mut, für ihre Kinder zu kämpfen: für mehr Therapieplätze und ambulante Hilfsangebote. Sie erzählt von ihrem Schmerz, der sie seitdem nicht mehr los lässt. Und von ihrer Schuld, mit der sie jetzt leben muss. Und sie erzählt von ihrem Glauben, den sie trotzdem nicht verloren hat.

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Monika ist vier Jahre alt und eigentlich wie alle Kinder in ihrem Alter. Sie spielt gern mit ihren Puppen, sie lacht viel und sie versteckt sich gerne. Und doch ist Monika anders, denn sie ist von Geburt an blind.
Sie kann die vielen bunten Blumen im Garten nicht sehen. Und auch nicht wie andere Kinder ein Bilderbuch entdecken. Und trotzdem ist sie ein fröhliches Kind. Als hätte sie alle Farben dieser Welt in ihrem Herzen.
Vor ein paar Tagen habe ich sie beobachtet, wie sie allein im Garten unterwegs ist. Wie eine Katze krabbelt sie über den Rasen. Einmal greift sie mit ihren kleinen Händchen nach einem Ball. Sie setzt sich aufrecht hin und hält ihn sich vor das Gesicht. Sie riecht an ihm. Lange und intensiv. Und dabei schmunzelt sie. „Ein blauer Ball" ruft sie auf einmal aus und wirft ihn in die Luft. Ein blauer Ball? Tatsächlich ist er grün, aber für sie riecht er blau und sie freut sich über einen blauen Ball.
Der grüne blaue Ball beschäftigt mich noch eine Weile. Ist wirklich alles, was ich wahrnehme und sehe, so wie es ist? Ein Beispiel: Ich sehe einen jungen Mann, der keine Arme und Beine mehr hat. Und sofort denke ich: der arme Kerl! Ist das ein Leben? Aber dann höre ich ihm zu und bin bewegt von seiner Lebensfreude, von seinen Träumen und von dem, was er alles kann: Tauchen, auf einem Surfbrett übers Wasser gleiten, sogar Golf spielen. Kurzum: Ich sehe einen Menschen, der schwer behindert ist und der so ganz anders, als ich vermute, sein Leben genießen und gestalten kann.
In der Bibel sagt Jesus einmal: Menschen sehen erst nur, was vor Augen ist. Gott aber schaut das Herz an. Mit dem Herzen sehen, das macht erst wirklich sehend. Die kleine Monika hat mir gezeigt, wie das gehen kann.

 

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aber glücklich

Nick hat von Geburt an keine Arme und Beine. Heute ist er 28 Jahre alt und als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe fiel mir vor allem sein Lächeln auf.
Früher, als Kind ist er in der Schule oft gehänselt worden. Seine Mitschüler haben ihn als „Monster" beschimpft. Das war nicht einfach für ihn.
Heute kann er sogar Witze über sich machen. Vor allem, wenn Leute ihn zum ersten Mal sehen und erschrecken.
Vieles, was er tut, hätte ich einem Menschen mit dieser Behinderung gar nicht zugetraut. Er taucht und er spielt Golf, wobei er sich den Schläger zwischen Schulter und Kinn klemmt. Er kann ein liegendes Mobiltelefon bedienen und selbständig seinen elektrischen Rollstuhl betätigen.
Wie hat er das geschafft? Warum hat er sich selber nicht aufgegeben?
Irgendwann hat Nick sich gefragt: „Will ich wirklich den Rest meines Lebens als Häufchen Elend verbringen und mich von den anderen mitleidig anschauen lassen? Oder will ich meine Träume ernst nehmen und ihnen folgen?"
In einer christlichen Gemeinde hat er Leute gefunden, die ihn so angenommen haben, wie er ist. Da hat er angefangen, über sich zu reden und über seine Träume.
Heute ist er viel unterwegs. Er besucht Schulen und große Jugendveranstaltungen und erzählt von sich und seinem Leben. Seine Botschaft an die jungen Leute ist überzeugend, wenn er sagt: „Habt Mut! Macht was aus eurem Leben!" Viele sind einfach fasziniert von seiner positiven Ausstrahlung. Sie merken es ihm an: der hat es sogar ohne Arme und Beine geschafft, sein Leben in die Hand zu nehmen. Der hat Höhen und Tiefen erlebt, aber sein Glaube hat ihm in allem Mut gemacht, zu sich zu stehen.
„Ich kenne Menschen" - sagt er lächelnd - „die haben einen perfekten Körper. Aber sie sind nicht halb so glücklich wie ich es bin".
Und noch ein Satz von Nick hat mich berührt:
„Die Vergangenheit kannst du nicht ändern - die Zukunft schon."

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und einer Hoffnung

So ein Esel - denke ich, als ich mich mal wieder über meinen Nachbarn ärgere. So ein Esel, so ein dummer Mensch. Der Esel gehört nicht unbedingt zu den Tieren, die beliebt sind. Er gilt als eigenwillig und ungehorsam - und sein gequältes, langgezogenes I-a klingt auch nicht besonders schön. So ganz anders als das Wiehern eines stolzen und sportlichen Pferdes. Der Esel ist immer schon das Pferd der kleinen Leute gewesen.
Und so ist es kein Zufall, dass der Esel auch im Leben des Jesus von Nazareth eine besondere Rolle spielt. Schon bei seiner Geburt, so berichtet es die Bibel, gehört der Esel mit in den Stall von Bethlehem. Keine Weihnachtskrippe ohne Ochs und Esel. Und auch in den letzten Tagen vor seinem Tod spielt ein Esel eine wichtige Rolle. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Schon seit Wochen sorgt er für Gesprächsstoff: er redet so ganz anders von Gott als die Lehrer und Theologen der damaligen Zeit. Er macht Menschen gesund und er macht ihnen Hoffnung. Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden. Jesus wird in Jerusalem fast wie ein Superstar empfangen. Aber er tritt so ganz anders auf als ein Superstar: Nicht hoch zu Ross, sondern auf einem einfachen Esel reitet er in die Stadt hinein. Und die Leute auf der Straße sind begeistert: Das ist einer von uns, der steht auf unserer Seite. Der sorgt für unser Recht, dafür, dass keiner ausgegrenzt und ausgebeutet wird.
Der macht uns Mut!
Wie kann man nur so dumm sein und an das Gute glauben? Und sich dafür engagieren? Denken viele bis heute. So ein Esel!
Ein paar Tage nach seinem Einzug in Jerusalem ist Jesus mit seiner Hoffnung scheinbar erledigt. Er wird gekreuzigt und stirbt. Aber seine Hoffnung, die Kraft, die von ihm ausgeht, ist bis heute nicht totzukriegen. Bis heute gibt's diese Esel, die sich mutig für Andere engagieren und die ihre Hoffnung nicht aufgeben. Komisch, oder?

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