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SWR2 Wort zum Tag

„Ich komme wirklich gut zu recht mit meinem Leben, allein ohne ihn. Aber dann gibt es doch diese Momente. Da spüre ich, wie sehr er fehlt," sagt die ältere Dame neben mir in der S-Bahn. Ihre Freundin gegenüber nickt. Sie scheint sehr gut zu verstehen, was die andere ausdrückt. „Es war immer etwas Besonderes" erzählt diese weiter, „zB. miteinander ins Museum zu gehen, sich ein Bild anzuschauen. Und dann weist er auf etwas hin was ich noch nicht gesehen habe und umgekehrt. Zu zweit haben wir immer viel mehr gesehen als allein. Darum mag ich ohne hin gar nicht mehr gern hingehen."
Ein wenig peinlich ist es mir gewesen, dass ich stummer Mithörer dieses Gesprächs war. Aber sie hatten nicht geflüstert und ihnen war es nicht peinlich über ihre leise Trauer zu sprechen.
Jedenfalls die Begegnung mit den beiden allein stehenden Frauen klingt immer noch nach in mir.
Zu Anfang war da der Gedanke, naja allzu groß scheint die Lücke ja nicht, die man als Mann so hinterlässt. Aber dann: Hat sie nicht mit dieser -auf den ersten Blick kleinen Begebenheit- sehr schön und herzlich beschrieben, was man sich mit einer geglückten Beziehung geben kann? Man kann einander die Welt öffnen. Und die beiden konnten das anscheinend auch noch nach langen Jahren. Beieinander sein, die Sinne öffnen füreinander und das Leben um sie herum und vielleicht auch die Seele. Ein Glück, wenn man das kann mit einem Menschen.
Und vor allem scheint es mir ein Glück, wenn einem das auch zu Lebzeiten bewusst ist und man es nicht erst spürt, wenn man es vermissen muss. Und wenn man sich darum bemüht. Ich glaube, das ist gemeint, wenn es in der Bibel heißt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei."
Nicht, dass man nicht allein gut zu recht kommen könnte. Aber diese Begegnung mit den beiden Frauen hat mich erinnert. Erfülltes Leben kann mehr sein als einfach nur gut zu recht zu kommen. Oder erfolgreich zu arbeiten. Das Leben kann beziehungsreich sein.
Aber ist das dann nicht erst recht perfide am Tod, dass er die Menschen besonders treffen kann, die beziehungsreich gelebt haben wie meine Nachbarin in der S-Bahn?
Im Nachhinein hätte ich gern zu ihr gesagt: „Sie werden sich wiedersehen." Mag sein, das klingt Ihnen allzu naiv. Ein solches Bild von einem Leben nach dem Tod. Ja, es ist ein Bild. Einer Zukunft, von der noch niemand berichten konnte. Wahrscheinlich werden wir überrascht sein. Wenn wir einander wiedersehen. Aber dass der Tod unseren Beziehungsreichtum beendet. Daran müssen wir, bei Gott, nicht glauben.

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Können Sie zuhören? Selbstverständlich, hätte ich bis vor Kurzem geantwortet. Sie vermutlich auch. Ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Telefonseelsorge hat mich etwas vorsichtiger gemacht.
„Hören kann jeder, aber zuhören?" hat sie gesagt. Und dabei war unüberhörbar, sie bezweifelt, dass jeder der hören kann, im Gespräch auch zuhört. Ihre eigene langjährige Mitarbeit in der Telefonseelsorge lässt sie so kritisch sein. Wirklich zuhören will gelernt und geübt sein, meint sie.
Hören kann jeder, hat sie gesagt, aber beim Anderen zu sein und das zu hören, was im Verborgenen liegt, das bedeutet wirklich Zuhören. Ich muss mich immer wieder rück vergewissern, was ich höre, ob das auch wirklich stimmt.
Zwei Verhaltensmuster fallen mir ein, die wohl wirkliches Zuhören verhindern können.
Das erste: Man hört nicht hin zum Anderen. Man bleibt viel mehr bei sich. Ich glaube, das ist häufig in der Alltagskommunikation. Im Büro, zwischen Partnern. Sie kennen diese Gespräche, da sieht man es dem Zuhörer schon an, er wartet nur auf den passenden Moment, an dem er endlich anfangen kann zu reden. Schon eine etwas längere Atempause reicht. Ich kann nicht beim wirklich beim Anderen sein, wenn ich nur auf diese Lücke lauere, in die hinein ich mich äußern kann.
Das zweite Hindernis ist vielleicht nicht ganz so offensichtlich. Da hört man dem anderen zu, unterbricht ihn nicht. Aber man ist dennoch nicht wirklich beim anderen, weil man das, was er oder sie erzählt zu schnell auf eigene Erfahrungen und Empfindungen hin absucht. Und viel zu rasch davon überzeugt ist, „das kenne ich auch, ich habe verstanden." Insofern hängt wohl wirkliches Zuhören von beidem ab: Kann ich mein eigenes Redebedürfnis bremsen, vor allem aber auch mein vorschnelles Deutungsbedürfnis.
Ein kleines Detail in einer Geschichte, die von Jesus erzählt wird, hat mir das ganz neu erschlossen. Ich habe mich immer gewundert, warum tut Jesus das? Er kommt in ein Städtchen. Auf der Straße sitzt ein blinder Bettler, ruft laut um Hilfe. Jesus hört ihn, spricht ihn an und als erstes fragt er ihn: Was möchtest Du? Ich habe immer gedacht, warum fragt er? Der Mann ist blind, es ist offensichtlich, was er wollen wird. Aber Jesus ist sich da anscheinend nicht so sicher. Er geht nicht vorschnell von sich aus. Er will wirklich dem Anderen zuhören.
Vorschnelles Reden und Deuten verhindern Zuhören. Komisch: Wenn man mir nicht zuhört, merk ich das sofort. Andersherum ist es viel schwieriger.

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Jesus hatte anscheinend Spaß an Geldgeschichten.
Ganz oft, wenn er von Vergebung erzählt und wie fundamental sie ist für Menschen, handeln seine Gleichnisse von Geld. Und die sprachlichen Bilder fließen ineinander: In einem Gläubiger kann man auf einmal Gott entdecken, Menschen werden zu Schuldnern und Schuldenschnitt und Schuldschnitt, also Vergebung, rücken einander ganz nah. Zufall?
Sicher nicht. Und in diesen Wochen, wo ich jeden Tag in den Nachrichten von riesigen Schulden höre, gibt mir das zu denken.
Jesus erzählt zum Beispiel von Einem, der sehr hohe Schulden hatte. Sein Kreditgeber - Jesus meint Gott - ist großherzig und gönnt ihm einen totalen Schuldenschnitt. Aber dann das Unerhörte: Der Zufall will es, dass der eben Entschuldete einen anderen trifft, der wiederum bei ihm Schulden hat. Viel weniger, als ihm selbst gerade erlassen worden sind. Trotzdem geht er auf ihn los und fordert sofortige Rückzahlung. Der andere fleht ihn an, aber er lässt nicht locker und übergibt ihn der Justiz. Und Jesus endet: Gott gefällt das gar nicht, dass hier der Schuldenschnitt verweigert wird. So gibt es keinen Neuanfang.
Mein Gedanke dazu:
Wenn jemand weiß, wie wichtig für Menschen ein Schuldschnitt ist, dann Christen. „Vergib uns unsere Schuld wie wir vergeben unseren Schuldnern," beten wir im Vater Unser. Das gehört zum Innersten des Glaubens. Schuldschnitt eröffnet den Weg zur Versöhnung. Menschen können wieder leben, weil ihnen vergeben wird und wenn sie einander vergeben können. Wenn der eine sich nicht auf Dauer wie ein „HerrGott" aufführt und der andere nicht immer der arme Sünder sein muss. Immer wieder singt die Bibel dieses hohe Lied der Vergebung, des Schuldschnitts.
Und ich frage:
Sollte ein Schuldenschnitt in Europa schwieriger sein als ein Schuldschnitt? Einen Schuldschnitt haben unsere europäischen Nachbarn uns Deutschen gewährt nach dem 2. Weltkrieg. Da sollte ein Schuldenschnitt nicht möglich sein? Selbst wenn es um riesige Summen geht. Hängen wir mehr am Geld als an Fehlern und Schuld, die Beziehungen verletzen?
Jesu Gleichnisse legen eine Lebenserfahrung immer wieder ans Herz:
‚Seid klug. Wenn ihr wollt, dass euer Leben glückt, werdet Meister der Vergebung. Dazu muss der, der im Recht ist, nachgeben, damit der, der in Schuld und Schulden steckt, wieder heraus kommt. Der Schuldner kann das nicht allein. Dazu muss der Gläubiger helfen.
Ich schließe aus Jesu Geldgeschichten:
Führt Euch nicht auf wie die „HerrGötter." Seid ein bisschen anders, so ähnlich wie Gott anders ist. Jesu Gott ist kein Banker. Er ist ein Meister des Schuldschnitts.

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Die Vision vom friedlichen Miteinander

Völker der Erde / zerstört nicht das Weltall der Worte / zerschneidet nicht mit Messern des Hasses / den Laut, der mit dem Atem zugleich geboren wurde
Das sind Worte von Nelly Sachs, die heute, am Buß- und Bettag, einem Tag des Innehaltens, nachdenklich machen. Die Erfahrungen des Holocaust, Leid und Trauer haben Nelly Sachs gezeichnet, aber dennoch konnte sie zu einem friedfertigen Leben auffordern. Völker der Erde / zerstört nicht das Weltall der Worte... Das heißt für mich, zerstört nicht das Leben, zerstört nicht das, was dem Menschen heilig ist: seine Verwurzelung in der Sprache, sein Leben, seine Heimat. Alle Völker der Erde sind aufgerufen, Hass und Unfrieden zu überwinden. Deshalb: zerschneidet nicht mit Messern des Hasses den Laut, denn Worte bedeuten wie der Atem Leben. Was Nelly Sachs beschwört, ist ihre Vision von einem friedlichen Miteinander.
Diese Vision hat eine lange Tradition. Beim Propheten Jesaja (vor 2500 Jahren) ist sie eindrücklich beschrieben:
Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern... Kühe und Bären werden zusammen weiden... und ein Kleinkind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. (Jes. 11, 6ff.)
Auch dieses Bild ist ein Bild der Hoffnung, in dem der Prophet seine Vision ausdrückt. Es ist das Bild einer versöhnten Welt, einer Welt des Friedens. Jesaja hat in einer Zeit gelebt, die von Bedrohung, Gewalt und Kriegen erschüttert war. Trotz dieser Zeit größter Not hat der Prophet die Vision von einem Leben ohne Angst, die Vision von  einem friedlichen Miteinander.
Visionen sind auf Zukunft gerichtete Hoffnungen. Sie zeigen immer den Abstand zur Wirklichkeit. Wie zu Jesajas Zeiten werden auch heute Visionen zur Anklage in einer friedlosen Welt, in der Hunger, Gewalt und Krieg herrschen, in der z.B. Kinder in den Kampf geschickt werden. Kindersoldaten, weil sie willige und billige Kämpfer sind. Weltweit mehr als 300 000 Kinder. (So nach einem Bericht der UNO)
Visionen können Leben verändern. Sie können Menschen in Bewegung setzen, die auch den Traum vom friedlichen Miteinander träumen. Ich brauche diese Hoffnung. Sie mit anderen zu teilen und sie dazu zu ermutigen, mitzuarbeiten und mitzugestalten, so dass etwas von diesem Traum auf unserer Erde Wirklichkeit werden kann, gibt Kraft, Lebenskraft. Geteilte Hoffnung lässt mich nicht resignieren  oder glauben, allein doch nichts ausrichten zu können. Das ist meine Hoffnung, nicht nur heute am Buß- und Bettag.

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Wenn die Propheten einbrächen / durch die Türen der Nacht ... -
würden wir sie hören?So fragt die große jüdische Schriftstellerin Nelly Sachs.Würden wir auf sie  hören, die zum Umdenken und zur Umkehr auffordern, weil es ein Zu-spät für das Überleben gibt?
Propheten sind kritische Mahner. Sie treten im Alten Testament auf und warnen das Volk Israel vor einem gottfernen Leben. Der Prophet Amos zum Beispiel protestiert gegen ein Leben auf Kosten anderer. Er erhebt im Namen Jahwes seine Stimme gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Unbarmherzigkeit. Er sagt: Nur wenn ihr umkehrt, habt ihr eine Zukunft! Nur wenn ihr euch an Gottes Willen erinnert, kann Recht fließen wie ein Bach!
Sind die Worte des Propheten auch heute aktuell? Wenn ich an die Weltwirtschaftsprobleme denke, an das  Gefälle zwischen Arm und Reich, die Unterdrückung demokratischer Strukturen in vielen Ländern,  den Raubbau an der Natur, dann sind diese Worte sehr aktuell.
Wenn die Propheten einbrächen / durch die Türen der Nacht / und ein Ohr wie eine Heimat suchten -
würden wir ihnen unser Ohr leihen? Oder würden wir von Sachzwängen, militärischen Notwendigkeiten, von Zuwachsraten reden?
Hören wir heute auf Propheten? Fühle auch ich mich von diesen Worten angeklagt?   Ich habe oft den Eindruck, dass ich eher ausweiche wie viele andere auch. Warum soll ich denn auf Propheten hören? Es wird schon irgendwie weitergehen. Nein, das wird es nicht, denn es gibt im Umgang mit dieser Erde auch ein Zu-spät für das Überleben.
Wo sind die Propheten, die heute die Stunde ansagen. Gibt es sie?
Ich möchte Dorothee Sölle als ein Beispiel für eine moderne Prophetin nennen, die wie die Propheten im Alten Testament nach Gottes Willen fragte, kein gottfernes Leben wollte. Sie sagte nein zu allem, was gegen das  Leben gerichtet ist. In ihrem Credo heißt es: ich glaube an gott /der den widerspruch des lebendigen will ...
Ich bin überzeugt, unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten wegzuhören, wenn prophetische Stimmen reden, wenn sie versuchen, mein und Ihr Gewissen wachzurütteln. Zum Beispiel ermutigen mich Aktionen in meiner Region: gegen Fluglärm, gegen überflüssige Konsumtempel, gegen Arbeitslosigkeit, weil sie dieser Aufforderung zum Umdenken folgen. Ich meine, Sie und ich sollten uns konfrontieren lassen mit der Vision prophetischer Mahner, die uns auffordern, an der Veränderung zum Guten für das Leben zu arbeiten.

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Alles beginnt mit der Sehnsucht, / immer ist im Herzen Raum für mehr, / für Schöneres, für Größeres...

Das sind Verse der jüdische Dichterin Nelly Sachs, die nur knapp dem Holocaust entfliehen konnte und in Schweden eine Heimat in der Sprache fand. Verwandte und Freunde kamen in Auschwitz oder den anderen Lagern der Nazis ums Leben. Als Überlebende schreibt sie:

Gärtner sind wir, blumenlos gewordene / Und stehn auf einem Stern, der strahlt / Und weinen.

Erste Gedichte von Nelly Sachs lernte ich während meiner Gymnasialzeit kennen. Die Schönheit der Sprache, der eindringliche Ton von Schmerz und Sehnsucht sind mir im Ohr geblieben. Sie passen in diese Tage von Tod und Trauer, von Buße und Einkehr.
Alles beginnt mit der Sehnsucht. Diese Wahrheit weist auf Ausstehendes hin, auf ein Noch-nicht. Nelly Sachs erinnert mich in vielen ihrer Gedichte an die Propheten Israels, an Mahner, die zur Umkehr auffordern. Im Sehnsuchtswort liegt für sie die Hoffnung, die Wirklichkeit zu verwandeln.
Solche Worte, die Kraft geben zu trösten und Hoffnung schenken, finde ich auch bei dem Propheten Jeremia. Er steht an einem Tiefpunkt der Geschichte Israels. Jerusalem ist von den Babyloniern zerstört, die Bewohner sind von den Besiegern verschleppt und leben im Exil. In diese Situation hinein sagt der Prophet:

Siehe es kommt die Zeit, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Sein Name wird sein: Der Herr unsere Gerechtigkeit. (Jer. 23, 5f.)

Auch das sind Worte, die Hoffnung wecken.  Jeremia spricht in einer Zeit, die von Ungerechtigkeit, Chaos und Elend bestimmt ist. Es kommt die Zeit. Eine neue Richtung des Denkens und Hoffens wird anbrechen. Leid, Not, Ungerechtigkeit und Unterdrückung werden nicht das Letzte sein. Jeremia malt gegen die Wirklichkeit seiner Welt Bilder, die sagen: Gerechtigkeit ist keine Phantasie, sondern ihre Zeit kommt. Alles wird neu werden, nie dagewesen. Auch wenn Jeremia selbst die Erfüllung seines Traums nicht erlebt hat, war es für seine Zeitgenossen eine Hoffnung, wie ein Licht in dunkler Zeit.
Von solcher Sehnsucht bin auch ich bestimmt, weil Leben mehr bereit hält als das, was ist.  Es ist Raum für mehr, für Schöneres, für Größeres, wie Nelly Sachs sagt, z.B. für den eigenen selbstbestimmten Weg, für die Bewahrung des Schönen, für die Ehrfurcht vor dem Leben.
Es kommt die Zeit. Dieses Wort kann Hoffnung geben, trösten, denn alles beginnt mit der Sehnsucht.

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