Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Wohl für keine Generation vorher war es so schwierig, sich in der Welt zu Hause zu fühlen, wie der heutigen.
So oder so ähnlich klingt es, wenn die Soziologen auf den Punkt bringen wollen, wie schwer es fällt, in der globalisierten Welt das Eigene zu finden, unsere Identität.
Überall geht die Entwicklung hin zu einer weltweiten Anpassung. Ähnliche Musik, ähnliche Esskultur, ähnliche Umgangsformen... Und natürlich das Internet, das uns ganz neue Formen der Kommunikation hervorgebracht hat, die wieder für alle auf der Welt gleich sind.
Da kann es leicht passierten, dass ich mich verliere in diesem globalen Einheitsbrei.
Aber ich will dabei nicht stehen bleiben.
Die Globalisierung fordert mich heraus. Wie kann ich behalten, was mich selbst ausmacht und trotzdem nutzen, was das weltweite Zusammenwachsen an Vorteilen bringt?
Ich bin verwurzelt in meiner badischen Heimat, ihrer Kultur und Sprache und will mich trotzdem öffnen für völlig neue Einflüsse und Menschen aus allen Teilen der Erde. Bei meiner Arbeit begegne ich Studenten aus Afrika, Lateinamerika und Asien. Auch sie fragen sich, was sie aus ihren Herkunftsländern bewahren möchten und was sie aus einem modernen Umfeld wie der Universität übernehmen sollen.
Wenn ich das alles zusammenlege, zeichnen sich Konturen ab, ergibt sich so etwas wie ein Bild: Was wir heute brauchen, sind Menschen, die in beiden Welten bewandert sind. Wenn wir unsere Tradition und Herkunft kennen, kennen wir die Wurzeln, die uns fest stehen lassen. Um uns in der Welt der neuen, vielfältigen Möglichkeiten bewegen zu können, brauchen wir Flügel, die uns beweglich machen.
Für mich spielt auch der Glaube eine wichtige Rolle in diesen Zusammenhängen. Auch die Christen bilden eine globale Gemeinschaft. Viele Glaubensüberzeugungen sind weltweit gleich. Das schafft Verbindung und Nähe über weite Distanzen, lässt den Menschen Flügel wachsen. Gleichzeitig gibt mir der Glaube Wurzel und Halt. Das hebräische Wort für glauben heißt „aman“ und bedeutet gleichzeitig fest sein, verlässlich sein.
So ausgestattet mit Wurzeln und Flügeln kann ich die Globalisierung annehmen. Ich habe sogar Lust darauf, zu entdecken, was sie uns bringt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6435
Ich habe bereits meine Koffer gepackt. In Kürze reise ich beruflich wieder einmal nach Ostafrika und die Vorfreude ist groß. Ich habe ein paar Jahre dort gelebt und freue mich auf viele bekannte Gesichter.
Besonders freue ich mich auf das lebendige Christentum dort. Es ist aufregend zu sehen, welche neuen Formen der Glaube dort immer wieder hervorbringt. Ein spannender Dialog entsteht zwischen der christlichen Tradition und der afrikanischen Art, zu beten, zu tanzen und zu singen.
Umgekehrt habe ich aber auch beobachten können: So wie weltweit überall die gleichen Fast-Food-Ketten sprießen, so wird auch die Art, den Glauben zu leben, immer einheitlicher. Es entwickelt sich so etwas wie eine globale Frömmigkeit mit Showeffekt. Auf den Straßen und Plätzen Afrikas, in Fußballstadien und ausrangierten Kinos wird im gleichen Stil gepredigt, gesungen und gebetet wie in den USA, Europa oder Asien.
Ich halte es aber für wertvoll, wenn Menschen verwurzelt sind in lokalen Traditionen.
Wie wir unseren Glauben ausdrücken, das hat mir unserer Herkunft zu tun. Unsere Identität wird davon geprägt, wie und wo wir aufgewachsen sind. Und nur wenn unser Glaube zusammenkommt mit dem, was uns wirklich geprägt hat, kann er unser Leben tragen.
Die afrikanischen Theologen nennen das „Inkulturation“: Dass versucht wird, den christlichen Glauben in einen Dialog zu bringen mit der örtlichen Kultur. Das wirkt sich in Afrika etwa in den Gottesdiensten aus. Hier dominiert nicht mehr die Orgel, sondern Trommel und Tanz und Bewegung bestimmen das Geschehen. Das zeigt sich aber auch in der Theologie, wenn z.B. die afrikanische Ahnenverehrung in Beziehung kommt mit der Verehrung der Heiligen als Ahnen unseres Glaubens. Diese Theologie versteht Christus als Ur-Ahn, der mit seinem Beispiel allen Gläubigen vorangegangen ist.
Es ist klar: Niemand kann die Globalisierung einfach ignorieren. Wir alle haben uns den Herausforderungen zu stellen, die sie mit sich bringt. Aber wenn die Welt näher zusammenrückt, ist es noch wichtiger als vorher, dass wir wissen, was uns als Person geprägt hat. Der Glaube kann so zu einer wichtigen Hilfe werden im Meer der Möglichkeiten und Einflüsse – dann nämlich, wenn er etwas mit unserer Kultur, mit unserem Leben zu tun hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6434
Bischöfin Margot Käßmann war entrüstet: In letzter Zeit hat man sie immer wieder gefragt, ob die Kirche nicht womöglich die Gewinnerin der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise sein könnte. Und einem ihrer katholischen Kollegen ging es nicht besser: Hat Gott uns vielleicht die Krise zur Besinnung geschickt? So wurde der Augsburger Bischof Walter Mixa treuherzig von der Moderatorin einer Talkshow gefragt.
Absurde Fragen – und eine gespenstische Vorstellung dazu: die Kirchen nützen Ängste und Nöte, um Mitglieder zu werben. Und noch gespenstischer ein solches Gottesbild: Alttestamentlichen Plagen gleich lässt Gott den internationalen Finanzmarkt kollabieren, damit wir endlich zur Vernunft kommen?
„Not lehrt beten“ hieß es früher im Volksmund. Das meint natürlich nicht: Not füllt Kirchenbänke oder womöglich Kirchenkassen. Trotzdem aber dürfen die Kirchen den Kairos nutzen. Den guten Zeitpunkt, um ihre kritische, aber auch tröstende Botschaft zu verkünden.
Immer wieder haben sich die Kirchen, so auch in den letzten Wochen und Monaten, zu Wort gemeldet – zur Wirtschafts- und Finanzkrise. Die evangelische Kirche zuletzt mit einer Erklärung, einer richtigen prophetischen Buß- und Umkehrpredigt. Sie ist überschrieben mit einem Zitat aus dem Buch Jesaja: „Wie ein Riss in einer hohen Mauer“ Mit diesem Bild warnte der Prophet sein Volk vor der nahen Katastrophe, wenn nicht sofort alle ihr Verhalten ändern.
Stärker theologisch fundiert hat sich auch Papst Benedikt XVI. in seiner „Sozialenzyklika“ der Wirtschafts- und Finanzkrise gewidmet, vor zwei Wochen veröffentlicht.
Wortgewaltig mahnen beide Texte, in Wirtschaft und Finanz wieder Maß zu nehmen: Am Wohl aller Menschen nämlich; derer, die jetzt leben wie derer, die nach uns kommen. Maßzunehmen auch an einer intakten Umwelt, der guten Schöpfung. Und die Starken sollen wieder die Schwachen tragen, hier bei uns wie weltweit.
Wirtschaftsführer und Politiker aller Couleur, Gewerkschafter und Arbeitgeber - von allen Seiten werden jetzt beide Kirchen für ihre Mahnworte heftig gelobt. Dabei könnte man durchaus etwas boshaft sagen: Richtig neu und überraschend war es wirklich nicht, was sie da gesagt haben. Das hat man im Großen und Ganzen doch alles schon einmal gehört - von kirchlichen Hilfswerken und Organisationen, von Bischöfen und auch vom Papst.
Aber vielleicht gibt es doch diesen Kairos, diesen günstigen Augenblick: In dem das, was schon oft gesagt wurde, endlich wieder gehört wird. Der günstige Zeitpunkt, in dem allzu Selbstverständliches wieder neu und überraschend klingt. Die Kirchen dürfen, ja müssen diese Chancen nutzen, um ihre Botschaft zu verkünden. Vielleicht lehrt die Not ja nachzudenken und womöglich gar nachdenkend zu beten.
Das Vertrauen auf Gott kann nicht nur helfen, der Krise standzuhalten, so heißt es in der Erklärung der evangelischen Kirche; es kann auch helfen, aus der Krise die richtigen Schlüsse zu ziehen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6459
22. Juli. Im Jahreskalender der Heiligenfeste steht heute der Name Maria Magdalena, Maria aus Magdala – ein kleiner Ort in Palästina zur Zeit Jesu.
Im Kreis der Jüngerinnen und Jünger Jesu, so die Evangelien, spielt sie eine besondere Rolle. Maria von Magdala ist unter den wenigen, die den Weg Jesu mitgehen bis zum Tod am Kreuz. Und sie ist unter den ersten, die die Osterbotschaft vernehmen und bezeugen.

Maria ist sehr oft und sehr unterschiedlich von Künstlern dargestellt worden.
Vor Jahren wurden in einer Kunstausstellung in Florenz Bilder und Figuren dieser Heiligen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert zusammengetragen. Sie machten deutlich, welche Faszination von der Gestalt der Maria Magdalena auf die Künstler vieler Jahrhunderte ausging. In der Frömmigkeit und in der Kunst hat man sie, je nach den Zeitumständen, auf sehr unterschiedliche Weise gesehen und dargestellt. Sie ist Sinnbild der Schönheit, Sünderin und Verführerin, Hüterin des Spirituellen, ‚neue Eva’, strenge Asketin, Philosophin im Nachdenken über die Vergänglichkeit.
Für alle diese Sichtweisen bot die Ausstellung beeindruckende Beispiele. Eremitin ist sie im Mittelalter, Hofdame mit dem Salbgefäß in der Renaissance, Bekehrte in der Gegenreformation, Büßerin im Barock, später immer wieder Mystikerin. Nach dem gerade überstandenen 2. Weltkrieg malt Francis Bacon Maria Magdalena klagend, tief gebeugt, mit offenem Mund, wie sprachlos.
Eine seltene Darstellung, die in der genannten Ausstellung nicht vertreten war, findet sich in der Buchmalerei des 12. Jahrhunderts im sogenannten Albani-Kodex, der heute im Domschatz in Hildesheim aufbewahrt wird – mit dem Motiv der Apostola Apostolorum. Maria Magdalena als die Apostolin der Apostel: Aufrecht stehend, mit der einen Hand auf die Gruppe der Zwölfapostel, mit der anderen nach oben zum Himmel weisend, so tritt sie in diesem Bild auf die ängstlich, dicht zusammengedrängte Schar ihrer männlichen Apostelkollegen zu. Sie bringt ihnen die Botschaft, die den christlichen Glauben begründet: die Botschaft von der Auferweckung Jesu Christi aus dem Tod durch Gott. Maria von Magdala ist die erste, die die Botschaft von Ostern empfängt und weitergibt.
Dieses Bildmotiv hält eine Szene aus dem Evangelium nach Johannes fest. Da spricht der Auferstandene Christus zu ihr am Ostermorgen: „Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater“. Maria von Magdala sucht einen Toten, sie findet einen Lebenden, glaubt ihn als Auferstandenen und wird damit zur ersten Zeugin des Osterglaubens – diese atemberaubende Vorstellung ist für uns heute vielleicht der wichtigste Zug an ihrer facettenreichen Gestalt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6458
Evangelische und katholische Christen können zusammen singen. Sie haben gemeinsame Lieder. Damit sind sie dem Ziel ihrer Einheit schon sehr viel näher, als sie es selbst oft meinen. Darauf macht die evangelische Theologin Christa Reich aufmerksam in ihrem Buch „Evangelium - klingendes Wort“. (Stuttgart 1997)
Ihr Ausgangspunkt: In der Bibel sind Lied, Hymnus und Lobpreis die ältesten Textformen. Wenn Menschen von Gottes Handeln sprechen und von den eigenen Erfahrungen in ihrer Geschichte, tun sie das zuerst „im Singen und Sagen“, im Singen und Musizieren. Was Gott tut und was sie erfahren haben, wird nachvollzogen, mit vollzogen – in einem Klanggeschehen. So haben sich die ältesten Aussagen über den Glauben auch nicht als Buch, als Lehrtexte geformt, sondern als Lieder, als Klang. „Gott ist mein Lied“, so hat Israel gesungen, als es durch das Schilfmeer hindurch gerettet, gleichsam aus der Tiefe wieder aufgestiegen war. (Ex 15,2) Und bevor Paulus seine Briefe schrieb, haben christliche Gemeinden ihren Glauben gefeiert und gesungen in Liedern und Hymnen, als Lobpreis des Christus, der aus dem Tod errettet und zu Gott erhöht worden ist. ‚Singen und Beten’ geht anderen Ausdrucksweisen des Glaubens voraus. Von Anfang an ist der Lobpreis die klingende Gestalt von Glaube und Hoffnung, - so die Theologin Christa Reich.
Seit Jahrzehnten schon – so fährt sie fort - gibt es Lieder in den offiziellen Gesangbüchern der Kirchen, die mit einem „Ö“ für „ökumenisch“ ausdrücklich gekennzeichnet sind. ‚Mit einem Munde’ sollen die Gemeinden Gott loben.
So wie grundsätzlich das Bekennen des Glaubens dem Nachdenken über ihn vorausgeht, so ist auch die Einheit der Christen im Singen und Beten dem Nachdenken über theologische Fragen voraus.
Aus dem gemeinsamen Singen und Beten – so könnte man schließen – entsteht eine Dynamik. Die Einheit der Christen ist nicht mehr nur ein erstrebenswertes Ziel, sondern schon von Gott her gegeben.
Eines dieser „ökumenischen“ Lieder drückt das besonders deutlich aus:
„Wir glauben Gott im höchsten Thron, wir glauben Christum, Gottes Sohn. … Wir glauben Gott den heiligen Geist, … den Geist, der heilig insgemein, lässt Christen Christi Kirche sein.“ (GL 276)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6457
„Du bringst mein Licht zum Leuchten“ – ein Liedvers aus den Psalmen der Bibel. Der so zu Gott ruft, ist erstaunt, dass Gott ganz anders handelt als die Menschen untereinander.
Manche wirken geradezu darauf hin, dass das Licht der anderen nicht zum Leuchten kommt. Sie stellen andere gezielt in den Schatten, damit ihr eigenes Licht umso heller aufleuchtet.
Es gibt auch Menschen, die auf Grund ihrer Veranlagung oder Erziehung selber dazu neigen, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Die aber gleichzeitig darunter leiden, dass sie nicht ihren Fähigkeiten entsprechend zur Geltung kommen.
Beispiele für das eine wie für das andere finden sich in Familien unter Eheleuten und Geschwistern. In Schulen unter Lehrern und Schülern. In Behörden unter Vorgesetzten und Kollegen.
Wenn einer – so wie in den Psalmen - sagt: „Du bringst mein Licht zum Leuchten“, dann ist er überzeugt: Gott braucht den Menschen mit seiner Besonderheit. Eigenständig und unverwechselbar soll er sein. Eben so ist er, ist sie Gott wichtig.
„Du bringst mein Licht zum Leuchten“ - mein Licht: das meint, was nur ich bin, was niemand an meiner Stelle sein kann. Das soll ich leben. Und andere haben es zu respektieren und zu fördern. Es heißt: Ich bin nicht dazu da, Abglanz und Widerschein anderer zu sein - ob das bestimmte Erwartungen in einer Familie sind, einer Gesellschaft, einer Glaubensgemeinschaft.
Jeder einzelne soll sichtbar werden, hervortreten können in dem, was nur er sein kann. Was im Einzelnen ist und lebt, soll zum Tragen kommen.
Wenn das geschieht – und es ist gar nicht so selbstverständlich, dass es geschieht – wenn es aber geschieht, dann wirkt es sich aus. Auf den einzelnen Menschen selbst und auf die, mit denen er oder sie intensiver zu tun hat. Wenn einer die Chance bekommt, dem Licht seiner Einzigartigkeit zu trauen, dann gewinnen alle. Sein oder ihr Licht ist dann eines, das andere zum Leuchten bringt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6456