Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

12SEP2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mein rechter, rechter Platz ist leer – ein Spiel aus Kindertagen. In einem Restaurant in meiner Nähe wird dieses Spiel ernst. Meine Nichte Nathalie geht da gerne essen und lässt sich natürlich von ihrer Tante einladen.

Bevor wir uns in die Köstlichkeiten der Vorspeisen und Hauptgerichte vertiefen konnten, lesen wir auf der ersten Seite der Speisekarte: „Wir servieren Zivilcourage. Zum Wohl unserer Gäste sagen wir NEIN zu Faschismus, Rassismus, Sexismus, Homophobie und Nationalismus“.

Klare Ansage gegen Rechts, nach dem Motto: mein rechter, rechter Platz bleibt leer.

Ich fragte die Inhaber, wie sie auf die Idee gekommen sind, hier in der Eifel Zivilcourage zu servieren und so klar politisch Stellung zu beziehen. Sie hatten es in Berlin gesehen und sich darüber ausgetauscht. Zudem hatten sie auch selbst Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Einer ihrer Mitarbeiter ist kein Deutscher – nichts besonderes in der Gastronomie. Als einmal ein paar Leute im Restaurant feiern wollten und die Reservierung vornahmen, war dieser Mitarbeiter am Telefon. Später wurde noch mal bei Chef und Chefin nachgefragt, ob das auch richtig notiert worden sei. Alltagsrassismus.

Bei einer anderen Tisch-Gruppe ging es im Gespräch darum, dass eine Flüchtlingsfamilie nach 6 Kindern jetzt schon wieder ein neues Kind erwartete und wie unverschämt man das finde: hier in Deutschland aufgenommen zu werden und dann dauernd Kinder zu bekommen. Ich nehme an, dass diese Leute die erste Seite der Speisekarte überblättert hatten.

Eine Gruppe Neonazis könnte wahrscheinlich in diesem Restaurant keine Forelle blau bekommen. Hingegen könnte ein schwules Paar seine Hochzeit feiern. Und dass Chef und Chefin ihre weiblichen Angestellten schützen, wenn Gäste sich schlecht benehmen, finde ich gut.

Ich glaube, dass es richtig ist, Farbe zu bekennen. Grade im Alltag und da, wo ich die Möglichkeit dazu habe. Menschenverachtende Einstellungen zurückweisen.

Dann bleibt der Platz rechts besser leer.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31630
11SEP2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist zur Falle geworden. Nun ist das eingetreten, was viele schon lange befürchtet hatten. Ich auch. Wer hier angekommen ist, hatte so gut wie keine Perspektive auf Rettung. Jetzt, wo das Lager in Flammen aufgegangen ist, wird die Katastrophe unübersehbar. Das ist schlimm und verlangt sofort Hilfe. Unbürokratisch und ohne daran zu denken, was das kostet und welches Land wie viele Flüchtlinge aufnehmen muss.

Aber der eigentliche Skandal besteht darin, dass das alles längst abzusehen war. Wie oft haben Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und auch der Kirchen darauf hingewiesen, dass die Zustände in Moria unhaltbar sind?! Wie viele Angebote hat es gegeben, vor allem die Kinder von dort wegzubringen, um sie vor Unheil zu bewahren?! Etliche Städte und Kommunen auch in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben signalisiert: Wir sind bereit, Menschen aufzunehmen. Wenn viele mithelfen, wird es kein Problem sein, das Lager zu räumen und die Menschen an sicheren Orten unterzubringen. Die Politik der EU und eben auch die deutsche Regierung, die zudem derzeit die Ratspräsidentin stellt, haben in diesem Punkt eklatant versagt, haben eine Entscheidung zugunsten der Menschlichkeit wieder und wieder vor sich hergeschoben. Nun sage kein Politiker und auch sonst kein Mensch, er sei nicht gewarnt gewesen. Als Christ bleibe ich zudem an der Mahnung Jesu hängen: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.[1]

Und jetzt … wird immer noch gezögert. Offenbar aus dem Kalkül heraus, kein falsches Signal für andere Flüchtende zu senden. Dass nur keiner denkt: Wer lange genug durchhält, kommt irgendwann ans Ziel und findet in der EU Aufnahme. Aber solche strategischen Erwägungen sind jetzt vollends fehl am Platz. Sie waren von Anfang an unmenschlich, weil sie die Not des Einzelnen nicht beachten. Jetzt sind sie vollends entlarvt. Wer so denkt, spottet den Werten Hohn, die Europa sonst gerne so betont: Menschenrechte, Freiheit, die Würde jedes einzelnen, Nächstenliebe. Sie sind in den Flammen von Moria verbrannt. Was für eine Schande! Jetzt gibt es nur eines: Den Weg frei zu machen für alle, die längst zum Helfen bereit sind. Damit Europa, damit Deutschland nicht vollends sein menschliches Gesicht verliert.

 

[1]Matthäus 25,45

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31668
10SEP2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich hatte mal ein blaues Schaf im Garten - aus Kunstharz. Diese sogenannten „Blauschafe“ wollen Denkanstöße geben. Sie weisen darauf hin, dass die Menschen alle gleich sind. Daher auch nicht irgendein blau, sondern die blaue Farbe der EU als Zeichen für die Gleichheit aller Menschen. Die Blau-Schafe werben für Toleranz und ein friedliches Miteinander. Wenn sie als Herde aufgebaut sind vor Regierungsgebäuden oder auf großen Plätzen, dann merkt man das nicht sofort, aber sie sind tatsächlich alle gleich. Sehr symbolisch.

Aber die Schafe sehen auch einfach so toll aus und in meinem Garten hatte blue, so hieß sie, einen schönen Platz. Dann war sie auf einmal weg. Unser richtiger Schäfer hatte mich noch angerufen, weil irgendein Scherzkeks blue in seinen Stall zu den echten Schafen gestellt hatte. Danach verlor sich ihre Spur. Mist!

Nach einiger Zeit kaufte ich mir ein neues Schaf; ich wollte nicht auf den fröhlichen Anblick verzichten. Das ging ziemlich genau zwei Jahre gut….auch die zweite blue wurde gestohlen. Ich war traurig und wütend und fassungslos.

Wer macht so was?

Und was mache ich jetzt?

Jeder kennt den Garten mit dem blauen Schaf. Viele kleine Kinder haben schon drauf gesessen und sind von ihren Eltern fotografiert worden. Es leuchtet im Schnee und es blitzt im Spätsommer zwischen den Blumen und Gräsern durch.

Und jetzt: Der Garten ist kein sicherer Ort mehr. Soll ich mir ein neues Schaf kaufen und es ins Haus stellen? Soll ich es im Garten einbetonieren? Alle Leichtigkeit und Freiheit geht verloren, wenn ich mir so was ausmale. Das Schaf gehört in den Garten. Es soll beweglich sein. Aber dann kann es gestohlen werden und das ist ja auch schon zweimal passiert.

Ich bin eigentlich ein sorgloser Mensch, ich vertraue dem Leben und den Mitmenschen. Ich will nicht immer alles verstecken und abschließen. Muss ich jetzt durch Schaden klug werden? Muss ich mich ändern, weil es Fieslinge gibt, die stehlen? Muss ich meinen offenen Lebensstil aufgeben und mich einbunkern?

Zu meiner großen Freude ging die Geschichte gut aus: die Polizei fand blue und brachte sie mir zurück. Um 22.00 Uhr am Abend meines Geburtstages. Und blue steht wieder da, wo sie hingehört: in meinem Garten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31628
09SEP2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst.“ Kaum ein Kindergeburtstag ohne dieses Lied. Im Kindergarten, der Grundschule und auch bei den Feiern zuhause: „Wie schön, dass Du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst, wie schön, dass wir beisammen sind, wir gratulieren dir Geburtstagskind.“

In der Regel freuen sich – gerade kleinere Kinder – über dieses Lied. Sie genießen es an ihrem Geburtstag im Mittelpunkt zu stehen. Ihnen wird ein Lied gesungen und sie bekommen Geschenke. Meist fiebern sie diesem Tag ein ganzes Jahr lang entgegen. Immer wieder erzählen sie, wann sie Geburtstag haben. Nach dem Motto: Vergiss das nicht, das ist mein Tag. Und wenn sie sich dann an ihrem Tag freuen, so richtig stolz sind, dann freuen sich auch Mama und Papa, Onkel und Tante und natürlich auch Oma und Opa. Weil sie alle wissen, wie wichtig es für ein Kind ist, dass ihm gesagt wird: Es ist gut, dass es dich gibt. Wir freuen uns, dass wir dich haben.

Und bei uns Erwachsenen? Wenn überhaupt noch beim Geburtstag gesungen wird, ist es meist das berühmte „Happy Birthday“ oder ein bisschen frommer „Viel Glück und viel Segen“. Dabei tut es auch uns gut, am Geburtstag nicht nur allgemein gute Wünsche gesagt zu bekommen, sondern die Zusage: Es ist gut, dass es dich gibt, dass es dich für mich gibt. Dass Du meine Frau, mein Mann, mein Vater, meine Mutter, meine Tochter, mein Sohn, mein Freund, meine Freundin bist.

Ich gebe zu, auch mir fällt es schwer, meinen Liebsten mal zu sagen, wie wichtig sie für mich sind. Wie viele andere meiner Generation wurde ich nach dem Motto erzogen: „Nicht geschimpft, ist genug gelobt.“ Das führte zu einer gewissen Sparsamkeit in Sachen guter Worte für den andern. Aber zumindest am Geburtstag kann ich die ja mal überwinden. Wenn mir selbst nichts Passendes einfällt, gibt es da eine schöne Liedzeile: „Wie schön, dass du geboren bist, ich hätte dich sonst sehr vermisst.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31627
08SEP2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich mag Pierre und ich mag auch seine Hähnchen. Pierre betreibt eine mobile Hähnchenbraterei. Jeden Mittwoch steht er mit seinem Wagen an einer Kreuzung, an der ich oft vorbeikomme. Häufig auch um die Mittagszeit und ich gebe zu, manchmal kann ich dann nicht widerstehen und leiste mir ein Brathähnchen.

Pierre ist ein netter Kerl. Er ist meist gut gelaunt, selbst wenn im Sommer von vorne die Sonne brennt und von hinten der Grill glüht. Auch wenn ihm dann der Schweiß auf der Stirn steht, ist er stets freundlich und lacht gerne. Ein Grund mehr für mich, meinen Hungergelüsten bei seiner Hähnchenbraterei nachzugeben.

Aber wenn ich dann mein Brathähnchen bezahle, meldet sich mein schlechtes Gewissen. Zum einen Pierre gegenüber. Denn mit den wenigen Euros, die ich da hinblättern muss, kann Pierre keinen großen Gewinn machen. Überbezahlt ist seine Arbeit auf keinen Fall. Zum andern meldet sich mein schlechtes Gewissen aber auch dem Hähnchen gegenüber. Denn bei diesem geringen Preis kann ich mir locker ausrechnen, dass es kein glückliches, freilaufendes Hähnchen war. Es stammt wohl eher aus irgendeiner Massentierhaltung, hat höchstwahrscheinlich sein ganzes Leben kein Tageslicht gesehen und war immer auf engem Raum eingesperrt. Um dann am Ende seines kurzen Lebens als Brathähnchen, von Pierre schmackhaft zubereitet, für mich zu enden.

Gegenüber Pierre kann ich mein schlechtes Gewissen mit einem Trinkgeld beruhigen. Dem Hähnchen aber hilft das wenig.

Vielleicht sollte ich mal mit Pierre reden. Ihm sagen, dass ich bereit bin mehr für seine leckeren Brathähnchen zu zahlen. Wenn die dafür vor ihrem Tod ein schöneres Leben hatten. Höchstwahrscheinlich wird er lachen und mich einen Träumer nennen. Aber vielleicht finden sich ja noch andere Träumer. Und dann……?. Pierre ist bestimmt bereit, sein Geschäft auch mit glücklicheren Hähnchen zu betreiben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31626
07SEP2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Er war ein Kind Gottes. Gut, als Theologe behaupte ich, dass jeder von uns ein Kind Gottes ist. Er aber hat mir gezeigt, was das heißt, ein Kind Gottes zu sein. Denn nach menschlichem Ermessen konnte er nichts. Er konnte nicht gehen, er konnte nicht stehen, noch nicht einmal sitzen. Ohne seine speziell angefertigte Sitzschale wäre er von jedem Stuhl gefallen. Er konnte nicht reden, nicht einmal mit Nicken oder Kopfschütteln ja oder nein sagen. Er konnte auch seinen Harndrang und seinen Stuhlgang nicht kontrollieren. Er war ein Vollpflegefall. Sein ganzes Leben lang. 38 Jahre musste er gefüttert, gewickelt, ins Bett gebracht, aufgeholt, getragen oder im Rollstuhl geschoben werden. Ein ganzes Heer von Menschen war damit beschäftigt. Zuerst die Eltern, die Familie und Freunde, später dann Pfleger, Erzieherinnen und Therapeuten.

Das einzige was er konnte war Lachen und Weinen. Aber das konnte er. Sein Lachen und auch sein Weinen konnte Menschen verändern. Wenn Streit im Raum lag, gingen seine Mundwinkel im Zeitlupentempo nach unten und er fing an zu weinen. Alle merkten dann, das was nicht stimmte. Wenn ein Missgeschick passierte, konnte er voller Schadenfreude lachen und alle lachten dann mit. Wenn er Menschen an ihrer Stimme oder am Schritt erkannte, war sein Lachen, seine Freude übergroß und er steckte alle damit an. Mit Lachen und Weinen die Menschen verändern. Dicke Luft im Raum zu frischer Luft verwandeln, das konnte er. Nach menschlichem Ermessen ist das vielleicht nicht viel, aber um ein Kind Gottes zu sein – vollkommen ausreichend. Denn Gott misst anders – Gott sei Dank!

Wir, die wir ihn kannten, sind immer noch sehr traurig, dass er gestorben ist. Aber immer mehr mischt sich in die Trauer die Dankbarkeit, dass wir ihn bei uns hatten – 38 Jahre lang.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31625