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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

26OKT2019
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Fünfzig Cent, manchmal auch etwas mehr. Soviel lege ich dem Mann hin und wieder in seinen Pappbecher. Fast jeden Sonntag vor dem Gottesdienst sitzt er auf der Treppe an der Kirchentür. Er sagt nichts, bittet nur stumm um ein bisschen Kleingeld. Manchmal hat er ein selbstgeschriebenes Schild neben den Becher gelegt: „Ich habe Hunger. Danke.“ Er ist einer von zahlreichen Obdachlosen, die sonntags vor unseren Kirchentüren um eine Gabe bitten. Weil sie auf ein offenes Herz der Menschen hoffen, die am Sonntag noch in die Kirche gehen. Schließlich hören die Besucher in der Kirche ja gleich die Geschichten von Jesus, der ein ganz besonderer Freund der Armen und Kranken war. Trotzdem gehen viele Kirchenbesucher achtlos an dem Mann vorbei. Er beschwert sich nicht darüber, macht niemandem einen Vorwurf. Bedankt sich vielmehr bei jedem, der ihm ein paar Münzen in seinen Becher wirft. Doch allein, dass er da sitzt, ist schon anstößig genug. Muss ich nicht als Christ, als Anhänger dieses Jesus anders handeln? Mehr geben? Mich politisch mehr engagieren für eine gerechtere Gesellschaft, in der keiner mehr betteln muss? Und wie kann ich hier im Gottesdienst eigentlich andächtig beten, wenn ich weiß, dass da draußen vor der Tür einer sitzt, der friert und Hunger hat?

Ich gebe zu, auch mich stören sie manchmal, die bettelnden Menschen vor der Kirchentür, die mir ihren Pappbecher oder die offene Hand hinhalten. Und dennoch, der Bettler vor der Kirchentür ist vielleicht ein größerer Anstoß als jede wohlformulierte Predigt. Darüber nachzudenken nämlich, was es für mich ganz persönlich heißt, ein gläubiger Mensch zu sein. Ein Anhänger dieses Jesus, der mal gesagt hat: Selig die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich.

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25OKT2019
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„Ihr werdet in Zukunft kleinere Brötchen backen.“ Den Satz hat mein früherer Chef mal gesagt, als es mal wieder um die Frage ging, wie es weitergehen soll. Kleinere Brötchen backen. Der Spruch stammt wohl aus früheren Zeiten, als die Preise für Brot festgelegt waren. Der Brotpreis hatte damals viel mit dem sozialen Frieden im Land zu tun. Er war früher also das, was heute für die meisten vielleicht der Spritpreis an der Tankstelle ist. Steigt der stark an, wird’s ungemütlich und auch brave Bürger mucken auf. Darum war es früher so wichtig, den Preis für Brot konstant zu halten. Doch was tun, wenn das Getreide knapp wird und die Preise steigen? Dann mussten die Brote eben kleiner werden. Die Bäcker mussten kleinere Brötchen backen.

Mit Blick auf meine Zukunft und die meiner Kinder frage ich mich inzwischen immer öfter, ob das nicht vielleicht genau das Gebot der Stunde ist. Kleinere Brötchen zu backen. Also kürzer zu treten, mit weniger klarzukommen. Weil ich wahrscheinlich wie wir alle nicht mehr einfach weitermachen kann wie bisher. Zum Beispiel mehrmals im Jahr in den Urlaub zu fliegen oder immer fettere Autos zu fahren. Denn knapp wird ja diesmal nicht das Angebot an Lebensmitteln. Knapp wird sauberes Wasser. Knapp wird frische Luft. Und zunehmend knapp wird es auch bei der Gerechtigkeit im Land, wenn immer mehr Menschen abgehängt werden und an einem guten Leben sowieso nicht mehr teilhaben können.

Kleinere Brötchen backen, das war früher mal ein sicheres Indiz für bevorstehenden Hunger und Not. Heute könnte es genau das Gegenteil sein. Ein Zeichen dafür, dass wir verstanden haben und freiwillig wieder kürzer treten für unsere Zukunft und die unserer Kinder.

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24OKT2019
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Die Ansage der jungen Mutter ist scharf und unmissverständlich. Lass das sein! Das macht man nicht! Ihr kleiner Sohn hat gerade nach ihr geschlagen, weil sie ihm im Supermarkt etwas nicht kaufen wollte. Der Möchtegern-Rambo jedenfalls scheint erst mal beeindruckt angesichts dieser klaren Ansage. Super, denke ich, genau so soll es sein. Es muss klar sein, wo die Grenzen sind. Schon bei Kleinkindern.

Bei uns Erwachsenen allerdings wird die Sache komplizierter. Da wird öffentlich rumgepöbelt und beleidigt. Und wenn mir die Meinung des Anderen nicht ins eigene, begrenzte Weltbild passt, gern auch schon mal gedroht oder zugeschlagen. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass im Prinzip jeder weiß, dass sowas ein No-Go ist. So wie im Prinzip auch jeder weiß, dass ich einen fremden Menschen nicht mit übelsten Ausdrücken beschimpfe, weil er anders tickt, anders glaubt oder aussieht als ich. Dass es trotzdem immer öfter geschieht zeigt, dass da ein paar Grenzen mächtig ins Rutschen geraten sind. Für unser Zusammenleben verheißt das nichts Gutes.

Doch wer sagt jetzt eigentlich: Das tut man nicht? Gibt es überhaupt noch eine moralische Instanz, die sagt was geht und was überhaupt nicht? Früher war das vor allem die Kirche. Aber auch wir Kirchen sind ja leider nicht immer glaubwürdig gewesen. Nicht erst, aber besonders seit dem Missbrauchsskandal durch einige Amtsträger. Darum liegt es wahrscheinlich jetzt an jedem von uns, aufzustehen und den Mund aufzumachen. Wenn mal wieder ordinär gegen gewählte Politiker gepöbelt wird. Wenn abfällig über die muslimischen Nachbarn hergezogen, oder klischeehafte Sprüche über „die Juden“ geklopft werden. Wir sind gefragt. Ich und sie und alle, denen das gewaltig auf den Senkel geht. Weil es unser Zusammenleben langsam aber sicher vergiftet. Und ich hoffe, dass ich und sie, dass ganz viele dann gemeinsam den Mut haben zu sagen: Es reicht jetzt! Das geht nicht!

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23OKT2019
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Was ist am Ende stärker: Der Tod oder die Liebe?

Zu allen Zeiten hat diese Frage die Menschen beschäftigt. Die alten Griechen beantworteten sie mit einem Mythos, der Erzählung von Orpheus und Eurydike. 

Orpheus ist ein begnadeter Sänger. Seine Lieder verzaubern Mensch und Natur. Wo er mit seiner Lyra auftritt, sorgt er für Frieden und Harmonie. Wilde Tiere lauschen friedlich seiner Musik. Die Bäume neigen ihre Kronen, um den Gesang des Orpheus zu hören. 

Eines Tages verliebt sich der Sänger Hals über Kopf in die wunderschöne Eurydike. Sie heiraten. Das Glück scheint vollkommen. Doch da stirbt Eurydike plötzlich durch einen Schlangenbiss. Orpheus ist untröstlich. In seiner Trauer wagt er das Ungeheuerliche. Er steigt in den Hades hinab, ins Reich der Toten. Und das Unglaubliche geschieht: Orpheus erweicht mit seinem Gesang die Götter der Unterwelt. Sie geben Eurydike frei. Orpheus kann sie zurückbringen ins Land der Lebenden, aber unter einer Bedingung. Auf dem Weg ins Licht darf sich Orpheus nicht zu seiner geliebten Frau umdrehen. Fast sind beide am Ziel, da blickt der Sänger zurück, unsicher, ob Eurydike ihm wirklich folgt. Damit ist das Schicksal besiegelt. Eurydike entschwindet für immer ins Schattenreich.

Der Tod ist doch stärker als die Liebe. So die Botschaft des Mythos. 

Die frühen Christen kannten die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Aber sie gaben eine andere Antwort: Die Liebe ist stärker als der Tod.

Sie verglichen Orpheus mit Christus. Ja, sie hatten keine Scheu, Christus in der Gestalt des Orpheus darzustellen. Mit einer Lyra in der Hand singt er das Lied der Unsterblichkeit. Solche Bilder findet man noch heute in den römischen Katakomben und auf antiken christlichen Sarkophagen. An den Orten des Todes bezeugten die Gläubigen so ihre Hoffnung, dass mit der Auferstehung Jesu die Liebe am Ende den Tod besiegt. 

Auch Christus ist ja „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Seine Eurydike sind die in Sünde und Schuld verstrickten Menschen, die er zurück ins Licht führt. Anders aber als Orpheus hat Christus, der „Spielmann Gottes“, seine Mission erfüllt. 

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22OKT2019
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Im Schloss Belvedere in Wien hängt das Objekt der Begierde: das Bild „Der Kuss“ von Gustav Klimt, gemalt 1907. In seiner sinnlichen Ausstrahlung gilt es als die Ikone des Wiener Jugendstils. Jeden Tag kommen Tausende Besucher aus aller Welt, um das 1,80 m hohe Gemälde zu bestaunen. 

Was die „Mona Lisa“ für den Louvre in Paris, das ist der „Der Kuss“ für das Belvedere in Wien. Bei einem Besuch im Sommer dieses Jahres erlebe ich den Ansturm hautnah mit. Wirklich in Ruhe anschauen kann man das Bild  nicht. Ein Wald von Armen und Händen verstellt den Blick. Fast alle recken ihre Smartphones oder Tablets in die Höhe. Dabei geht es gar nicht in erster Linie um das Kunstwerk. Es geht um sie selbst. Die meisten wollen ein Selfie machen. Ich und der Kuss. Und das in allen erdenklichen Posen.

Soll ich mich darüber ärgern oder amüsieren? Ein Mann neben mir schüttelt den Kopf: „Wahnsinn, oder? Bei uns in Dresden sind Selfies in den Museen teilweise schon verboten“ Im Belvedere ist man nicht so streng. Hier hat man in einem Nebenraum eine Kopie von Klimts Bild aufgestellt. Doch dieser sogenannte „Kuss-Selfie-Point“ wird wenig genutzt. Wenn man schon nach Wien kommt, dann muss man sich auch vor dem Original ablichten. Und so geht das wilde Gefuchtel munter weiter. Die wenigsten schauen sich das Bild genauer an. Wichtig ist allein das optimale Foto. Und das postet man dann an unzählige Freunde und Bekannte. Alle sollen es sehen: Ich stehe vor Klimts „Kuss“! 

Wie soll man dieses Phänomen deuten? Ist es ein Beleg für die Selbstverliebtheit vieler Zeitgenossen? Psychologen haben herausgefunden, dass viele Selfie-Süchtige ein eher geringes Selbstbewusstsein haben. In der digitalen Welt – so glauben sie – können sie ihre Persönlichkeit eher zur Geltung bringen.

Dabei aber bleibt das wirkliche Leben auf der Strecke: die Unmittelbarkeit in der Begegnung mit einem Menschen oder auch mit einem Kunstwerk. Diese einzigartigen Erfahrungen kann kein Selfie ersetzen.

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21OKT2019
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In einem Pub sitzen drei Männer beim Whisky: ein Franzose, ein Engländer und ein Schotte.Plötzlich landet in jedem Glas eine Fliege. Was macht der Franzose? Er schiebt das Glas angeekelt beiseite und bestellt sich ein neues. Der Engländer verzieht kurz das Gesicht, nimmt eine Serviette und fischt die Fliege vorsichtig aus dem Glas. Der Schotte greift sofort hinein, packt die Fliege vorsichtig an den Flügeln, hebt sie heraus und brüllt sie an: „Spuck sofort alles aus, du Miststück!“ 

Ich glaube nicht, dass die Schotten wirklich so geizig sind. Dass sie aber den Whisky lieben, das steht fest. Sie haben ihn ja auch erfunden. Das Wort „Whisky“ bedeutet so viel wie „Wasser des Lebens“, ein Begriff, der aus der Bibel (Offb 22,17) kommt. Und das ist kein Zufall. Es waren nämlich schottische Ordensleute, die als erste Whisky herstellten. Für ihre Klosterapotheke benötigten sie Alkohol. Und der ließ sich auch aus der gegorenen Getreidemaische gewinnen. Bald schon merkten die Mönche, dass der Whisky, der dabei entstand, auch gut schmeckte. 

Als Schottland dann protestantisch wurde, löste man die Klöster auf. Und so destillierten die Männer Gottes ihr „Wasser des Lebens“ jetzt in der weltlichen Gesellschaft. 

Wahre Whiskyfreunde lassen sich übrigens Zeit zum Genießen, verkosten das Getränk in kleinen Mengen. Für sie ist es ein Ritual, fast schon eine Meditation. Maßstab des Genusses ist die Mäßigung. Wer zuviel konsumiert, der stumpft ab. Das gilt nicht nur für den Whisky 

In ihrer lebensbejahenden Art haben die Schotten ihr Nationalgetränk immer auch als gute Gabe der Schöpfung verstanden. Der christliche Glaube steht dem Whisky nicht entgegen. Auch Jesus war schließlich kein weltfremder Asket. Seine Gegner nannten ihn einen „Fresser und Säufer“ (Mt 11,19; Lk 7,34). Zugegeben, Whisky kannte er noch nicht. Für Jesus war der Wein ein göttliches Geschenk, ein Vorgeschmack des Paradieses. Aber für die Schotten ist klar: Im Paradies muss es auch ihren geliebten Whisky geben. 

 

 

Literaturtipp: Rothe, Wolfgang, F.: Wasser des Lebens. Einführung in die Spiritualität des Whiskys. St. Ottilien, 2016

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