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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Danke, für diesen guten Morgen. Danke, für jeden neuen Tag. Danke, dass ich all' meine Sorgen, auf Dich werfen mag“.

Das ist die erste Strophe des einzigen deutschen Kirchenliedes, das es jemals in die Schlagercharts geschafft hat. Das war allerdings schon im Jahr 1963. Die Evangelische Akademie in Tutzing hatte zwei Jahre vorher einen Wettbewerb für religiöse Schlager veranstaltet. Der Sieger war „Danke“.

Manchen Kirchenmusikern und Theologen wurde schlecht davon. „Viel zu seicht“, meinten sie. Erfolgreich war „Danke“ trotzdem. Es war der erste große Hit des Botho-Lucas Chores, wohl die bekannteste deutsche Vokalgruppe der 60er und 70er Jahre. Wer’s etwas elektrischer mag: 1998 haben „die Ärzte“ eine Coverversion von „Danke“ aufgenommen.

Man kann  zum Schlager stehen wie man will, aber Millionen Menschen, von denen wir sagen, sie könnten keine fünf Minuten einer Predigt folgen, sind es gewohnt, sich im Schlager lang und breit Geschichten und Weisheiten auch aus dem religiösen Leben anzuhören. Hier nur ein Beispiel von Nicole aus dem Titel „Es gibt ein Wiedersehen“:

 „Oft lässt er uns ratlos zurück der da oben, der über allem thront. Doch schenkt er uns immer dann zum Glück die wahre Liebe und dann wird man auch belohnt.“

Das könnte auch eins zu eins aus einer – wenn auch etwas einfach gestrickten - Predigt stammen. Dabei stehe ich oft genug selbst ratlos vor dem Leben und kann nicht verstehen, was „der da oben“ sich dabei denkt. Ich komme auch nicht zu einem Ende damit und das wiederum unterscheidet mich vom Schlager. Für den wird immer alles gut. Das muss es allerdings auch, denn sonst wäre es ja kein Schlager. Schlager können die Sehnsucht nach einer heilen Welt formulieren. Das finde ich auch völlig in Ordnung. Dass sie heil wird, dafür müssen wir schon selbst sorgen. Dazu fehlt uns die Kraft, meinen Sie? Nein, das stimmt nicht. Die Kraft haben wir. Ich verrate ihren Namen jetzt nicht, nur die erste Zeile eines echten Schlagers: „Marmor, Stein und Eisen bricht….“ Ergänzen und weitersingen dürfen Sie jetzt selbst.

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Wir sind das Volk – diesen Satz haben Menschen nicht erst 1989 in Leipzig in Sprechchören gerufen. Vor genau hundert Jahren am 9. November 1918 konnte man es auch schon hören: „Wir sind das Volk“.

Die Menschen damals in Deutschland hatten die Nase gestrichen voll. Vier Jahre Krieg, Millionen Tote, Hunger und Elend im ganzen Land. Und Kaiser, Adel und Militär waren immer noch nicht bereit, ohne Wenn und Aber Frieden zu schließen. Die Admiräle der Flotte wollten sogar um ihrer Ehre willen noch einmal eine Schlacht gegen englische Kriegsschiffe schlagen. Da platzte den Matrosen der Kragen. Sie meuterten. Es war wie ein Startsignal. Überall gingen die Menschen auf die Straßen. „Wir sind das Volk“. Der Kaiser dankte ab, die Fürsten mussten gehen. Die Monarchien, die ja angeblich alle von Gottes Gnaden legitimiert waren, waren Geschichte.

Deutschland wurde zu einer Republik. Zu einer „öffentlichen Sache“ wenn man es wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt. Ab jetzt gingen Staat und Gesellschaft jeden etwas an, verbindlich. Aus Untertanen wurden Bürger. Menschen, die ihr Leben lang den Mund zu halten hatten, wurden „mündig“.

Was für ein schönes deutsches Wort. Wenn ich seine Bedeutung nachschlage, finde ich Erklärungen wie „Unabhängigkeit“, „erwachsen werden“, „für sich selbst sorgen und sprechen können“.

Unabhängige, mündige Bürger in einer Republik sind wir auch heute, 100 Jahre nach dem 9. November 1918. Und ich glaube, jeder hat eine Ahnung davon, wie gut und schön, aber auch wie schwer das sein kann. Wir leben heute in einer ungeheuer komplizierten Welt, in der das unabhängig und mündig sein eine mühevolle Arbeit ist. Aber es lohnt sich dran zu bleiben. Und die aktuellen Veränderungen in unserer Parteienlandschaft zeigen, dass sich da auch munter was tut.

Wichtig ist nur, dass der mündige Bürger das Feld nicht denen überlässt, die den Mund am weitesten aufreißen. Aber auch darin haben wir ja schon Erfahrung, 100 Jahre nachdem wir Deutschen „erwachsen“ geworden sind.

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Ich habe manchmal solche Phasen. Da falle ich irgendwie in ein Loch. Dann kann es passieren, dass ich stumm auf meinem Stuhl sitze und ins Leere starre. Wie lange muss ich noch jeden Morgen zur Arbeit fahren? Hat das Leben überhaupt noch einen Sinn? Ich muss dann zwei Etagen tiefer mit lieben Kollegen einen Kaffee trinken. Oder eine Runde spazieren gehen. Das hilft durchaus. Und wenn es keinen Kaffee gibt und es draußen Bindfäden regnet, dann hilft auch schon mal ein Blick ins Bücherregal. Kürzlich hab ich dabei einen Glücksgriff getan und Hilfe beim Dichter Joachim Ringelnatz gefunden. Und zwar bei einem seiner Turngedichte, dem Klimmzug:

 

Das ist ein Symbol für das Leben.
Immer aufwärts, himmelan streben!
Feste zieh! Nicht nachgeben!
….
Du musst in Gedanken wähnen:
Du hörtest unter dir einen Schlund gähnen.
In dem Schlund sind Igel und Wölfe versammelt.
Die freuen sich auf den Menschen, der oben bammelt….

Ja, so ist es. Zumindest gefühlt. Unten gähnt der Abgrund des Lebens und oben bammele ich. Joachim Ringelnatz, der 1934 gestorben ist, lebte eigentlich immer am existentiellen Abgrund. Der führte ein in meinen Augen völlig chaotisches Leben. Und gleichzeitig schrieb dieser Mann Gedichte, die so voller Wortwitz, voller Ideen, voll spöttischer Liebenswürdigkeit für dieses Leben sind, dass ich nur staunen kann. Was ich daraus lerne: eine gute Portion Humor ist äußerst hilfreich, um die Klippen und Abgründe des Lebens überwinden oder aushalten zu können. Joachim Ringelnatz muss eine gehörige Portion von diesem Humor gehabt haben. Und deshalb hat er für uns, die wir wacker weiter am Klimmzug des Lebens ackern, noch einen Tipp:

Klimme wacker,
Alter Knacker! Klimme, klimb
Zum Olymp!
Höher hinauf!
Glückauf!
Kragen total durchweicht.
Äh – äh – äh – endlich erreicht.
Das Unbeschreibliche zieht uns hinan,
Der ewig weibliche Turnvater Jahn.

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November 1918. Mehr als vier Jahre dauert der Erste Weltkrieg schon. Soldaten und Zivilisten haben ihn satt. An der Front gehen Zehntausende von der Fahne. Die Einheiten lösen sich auf. Das ist die Niederlage!

Die für die Katastrophe verantwortlichen Militärs machen sich aus dem Staub. Hindenburg, der Chef der Obersten Heeresleitung, weigert sich, die Kapitulation zu unterschreiben. Das sollen jetzt die demokratischen Politiker in Berlin übernehmen. Und so schickt die neue Regierung Matthias Erzberger nach Frankreich. Er handelt mit den Siegern den Waffenstillstand aus.

Für die Rechtsextremisten ist Erzberger damit zum Volksverräter geworden, einen „Novemberverbrecher“ nennen sie ihn.

Wer ist dieser Mann? Matthias Erzberger kommt aus einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb. Sein Vater ein Schneider, seine Mutter eine Bauerstochter. Die Erzbergers sind fest im katholischen Glauben verwurzelt. Und so überrascht es nicht, dass sich der politikbegeisterte Sohn der katholischen Zentrumspartei anschließt. Steil verläuft seine Karriere. Mit 28 kandidiert Erzberger für den Reichstag und wird mit großer Mehrheit gewählt. Er ist der jüngste Parlamentarier in Berlin.

Schnell macht er sich einen Namen. Mutig kritisiert er die Politik des Kaisers. In seinem Wahlkreis arbeitet er unermüdlich für die Interessen der kleinen Leute. Erzberger ist das, was man heute einen „Workaholic“ nennen würde.

Und dann der November vor hundert Jahren. Der Kaiser muss abdanken, die Demokraten werden zu Konkursverwaltern der Monarchie. Ihnen lastet man die Niederlage an.

Matthias Erzberger bezahlt dafür mit seinem Leben. Zwei ehemalige Offiziere erschießen ihn drei Jahre später feige bei einem Spaziergang im Schwarzwald. Während die Rechtsradikalen seinen Tod feiern, nehmen 30.000 Menschen an Erzbergers Beerdigung teil.

Doch mit der Zeit gerät Erzberger in Vergessenheit. Ganz im Gegensatz zu Hindenburg: Dessen Namen tragen noch immer viele Straßen bei uns. Aber vielleicht helfen ja historische Jubiläen, die unerschrockenen Demokraten in Deutschland wiederzuentdecken. Der Katholik Matthias Erzberger war einer von ihnen.

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„Jeder von uns ist fähig, einen anderen zu töten. Aber ich doch nicht, denkst Du. Das haben die Täter auch einmal gedacht.“

Petrus Ceelen hat das gesagt. Und der Mann muss es wissen. Ceelen hat viele Jahre als studierter Theologe auf dem Hohenasperg bei Stuttgart gearbeitet. „Justizvollzugsseelsorge“ heißt das im Beamtendeutsch.

Ungezählte Häftlinge hat der heute 75-jährige in der Strafanstalt betreut. Ein knochenharter Job. Der Knast ist eine ganz eigene Welt. Petrus Ceelen erzählt, wie er sich selbst unter Junkies, Mördern und Vergewaltigern besser kennenlernte: „In manchen Straftätern begegnete ich meinem nicht gelebten Leben. (…) In meiner Fantasie habe ich auch schon das eine oder andere Ding gedreht, eine Bank überfallen. Und ich habe auch schon ein paar Leichen im Keller.“ Dass er solche Verbrechen nicht verübt hat, erklärt sich Ceelen so: „Aufgrund meiner (…) Erziehung sind bei mir Sicherungen und Bremsen eingebaut, die mich daran hindern, mein kriminelles Ich auszuleben.“

Die meisten Häftlinge hatten nicht dieses Glück. Wie aber gehen sie nach der Verurteilung mit ihrer Schuld um? Hier setzt die Arbeit all der Frauen und Männer an, die in der Gefängnisseelsorge tätig sind. Ein Aufgabenbereich der Kirche, der von den meisten Zeitgenossen nicht wahrgenommen wird.

Stellvertretend für viele Kolleginnen und Kollegen nennt Petrus Ceelen die Botschaft Jesu als Motiv für seinen Beruf: „Bei meinen Zellenbesuchen habe ich Jesus selbst sagen hören: „Ich war im Gefängnis, und du bist zu mir gekommen.“ (Mt 25,36)

Und rückblickend auf seine Zeit im Knast fügt er hinzu: „So wie (Jesus,) der Freund der Sünder, wollte auch ich unvoreingenommen auf die Gefangenen zugehen, ohne Berührungsangst und ohne sie bekehren zu wollen. Ich selbst bin durch die sogenannten Gottlosen Jesus näher gekommen als durch mein Theologiestudium.“

Zitate: https://gefängnisseelsorge.net/spiritualitaet

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„Ich habe einen Traum. Ich will nach Europa. Dort verdienen die Leute viel Geld, haben schöne Häuser und fahren schnelle Autos.“

Immer wieder hört Benjamin Zand diese Sätze. Der junge britische Dokumentarfilmer hat sich aufgemacht, die Flüchtlinge auf ihrem Weg von Westafrika an die Mittelmeerküste zu begleiten. Von Libyen aus wollen die Migranten illegal mit Booten nach Italien übersetzen.

Die Reise gleicht einem Höllentrip. Schonungslos deckt der mutige BBC-Reporter die brutale Praxis der Schlepper auf. Ihr Geschäft boomt. Für die Verbrecher ist das Risiko gering, der Profit gigantisch. Nach Angaben der UN verdient die Flüchtlingsindustrie rund neun Milliarden Euro im Jahr!

Zwischen 4.000 € und 6.000 € zahlt jeder Migrant für seine Flucht. Meist sind es junge Männer, die das Geld von der Familie bekommen. Wenn sie es nach Europa schaffen, sollen sie die Angehörigen daheim unterstützen oder nachholen.

Benjamin Zand reist mit den Flüchtlingen an den Rand der Sahara. Hier verfrachten Schlepper ihre Kunden auf die Ladeflächen von LKW. Für viele wird die Wüste zur Todesfalle. Skrupellos lassen die Schleuser die Menschen in Sandstürmen zurück.

Wer in Libyen ankommt, wird oft Opfer von Sklaverei und Drogenhandel. Frauen werden zur Prostitution gezwungen. Und wer sich einen Platz auf einem der überfüllten Boote erkaufen kann, dem droht der Untergang im Mittelmeer. Oder er wird von der Küstenwoche aufgegriffen und in Lager gesperrt. Auch das zeigt die Dokumentation des Filmemachers.

Was ist zu tun angesichts der Millionen, die noch nach Europa kommen wollen? Alle aufnehmen? Das würde unsere Gesellschaften sprengen. Die Zukunft der afrikanischen Jugend kann nicht in Europa liegen.

Es muss um die Bekämpfung der Fluchtursachen gehen. Das bedeutet konkret: Den Menschen in ihren Heimatländern helfen. Ein Beispiel: Mit dem Geld, das bei uns für einen unbegleiteten jugendlichen Flüchtling aufgewendet wird, lässt sich die Ausbildung für ein Dutzend seiner Alterskameraden in Afrika finanzieren. Wie wäre es da mit einem Solidaritätszuschlag für Afrika?

Hinweis: Zands Dokumentation „Afrikas Flüchtlinge“ wiederholt ZDF-Info am 21.11.2018 zwischen 6.30 Uhr und 7.00 Uhr.

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