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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Kunden, die dieses Buch gekauft haben, kauften auch jenes Buch. Das ist so ein Satz, der mich nervt. Jedes Mal. Ich weiß genau, warum der Händler das schreibt. Weil er noch mehr Bücher verkaufen will.

Aber ich merke schnell, dass hier ein Computer empfiehlt: Wenn ich ein Buch von einem Autor lese, heißt das doch nicht, dass ich alle von dem lesen muss. Wenn ich einmal Donald Duck lese, dann will ich doch nicht alle Comics kaufen. Ich bin eben nicht berechenbar. Ich lasse mich gerne treiben. Mal gehe ich links, mal rechts.

Aber der Rechner ist blöd. Es kann nur vorhersagen, was er berechnen kann. Eine Welt, die komplett durchgerechnet und per Computer berechenbar gemacht wird, ist für mich ein Alptraum. Ich weiß, viele Versicherungsgesellschaften sehen das anders. Sie müssen das auch, sie brauchen Daten, um Risiken zu berechnen. Aber für mich ist das Leben immer überraschend.

Bibel und Wissenschaft sind da übrigens meiner Meinung. Die Neurowissenschaft bestätigt das: Computer arbeiten präzise. Ein und Aus. Das Gehirn funkt ganz unterschiedlich. Manchmal ist es richtig schlampig, dann wieder wie ein Computer. Anders gesagt: Es vergisst oder es erinnert sich. Ganz genau verstehen die Forscher das nicht. Das Gehirn lebt eben. Es ist kreativ – so wie das Leben.

Die Bibel sagt das Gleiche. Leben ist unberechenbar. Kreativ und sprunghaft. Eigentlich unverständlich. Es muss halt einfach gelebt werden. In all meinen Beziehungen. Da erfahre ich, was Leben bedeutet. Wenn ich arbeiten gehe, lebe ich in meinem Beruf mit den Kollegen. Wenn ich nach Hause komme, lebe ich in meiner Familie. Wenn ich krank bin, lebe ich mit meinem Körper ganz auf Tuchfühlung. Und ich lebe in meiner Beziehung zu Gott. All diese Beziehungen machen mein Leben aus.

Kunden kauften auch dieses Buch. Das stimmt! Der Rechner irrt sich nicht. Aber der Satz hat die falsche Blickrichtung: Er blickt zurück. Aber das was war, soll doch nicht bestimmen, was ich jetzt mache. Das Leben geht nach vorne. Und Gott auch. Und ich mit ihm.

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„Papa! Die Oma hat uns Bilder gezeigt. Von dir. Von früher. Du sahst ja mal richtig gut aus.“ „Na, danke“, sage ich.

Meine Kinder haben bei meinen Eltern übernachtet. Oma und Opa haben sie wie immer nach Strich und Faden verwöhnt. Und dabei in alten Erinnerungen gekramt. Meine Kinder sind gerade in dem Alter, in dem sie es ganz faszinierend finden, dass ihre Eltern auch mal jung waren. Sie entdecken, dass es ein Leben vor ihnen gab.

Ich drehe mich zu meiner Tochter um: „Soll das heißen, ich sehe heute nicht mehr gut aus?“ Jetzt windet sie sich. Sie merkt, dass ich Spaß mache, aber ganz geheuer ist es ihr doch nicht. „Naja“, sagt sie, „heute siehst du nicht mehr so aus früher. Aber ich habe dich gleich erkannt.“

Das ist der Punkt, denke ich. Das Erkennen. In der Bibel sagt der Apostel Paulus, dass wir uns selbst nicht richtig erkennen können. Wir sehen uns und alle anderen wie in einem dunklen Spiegel. Nur Gott weiß, was in jedem wirklich vorgeht. Ich merke das immer dann, wenn ich jemanden lange nicht gesehen habe. „Den hätte ich ja kaum noch erkannt.“ Das ist so ein Satz.

Ich sehe einen Kumpel von früher und denke: „Sehe ich genauso alt aus wie der?“ Es geht um das Erkennen. Paulus meint: Nur Gott erkennt uns so, wie wir wirklich sind. In der Tiefe unseres Herzens. Ich finde das tröstlich. Dass jemand mich wirklich kennt, das ist sogar unter Freunden, selbst in der Familie selten. Auch wenn man meint, man würde sich kennen.

Gott kennt mich. Das ist ein ungeheurer Glücksfall. Ich muss mich nicht verstellen. Ich muss mich nicht „aufhübschen“. Muss nicht die ganzen Erfolge vorstellen. Da kennt mich jemand und der meint es gut mit mir.

Meine Tochter tröstet mich: „Ich finde dich heute auch gut. Macht ja nichts, dass du nicht mehr so hübsch bist wie früher. Du bist ja auch mein Papa.“ Seltsam schräge Argumentation – aber trotzdem muss ich lächeln. 

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„Was hast du gesagt?“ Ich schaue meinen Sohn fragend an. „ibeacons! In Amerika gibt es das schon. Mit ibeacons wäre das alles einfacher.“

Mein Sohn und ich sind einkaufen. In einer dieser großen Malls. Wir suchen ein ganz bestimmtes Sportgeschäft. Jetzt hat er sein Handy in der Hand und studiert den Lageplan der Geschäfte auf dem kleinen Bildschirm. Mit seinen elf Jahren kennt er sich mit Handys schon besser aus als ich.

Ich frage: „Was sind denn ibeacons?“ „Das sind kleine Boxen, die Signale aussenden. Mein Handy kann die empfangen.“ „Und die zeigen dir dann, wo du hinmusst?“ „Ja, die wissen, wo ich bin. Und die leiten mich dann zum Geschäft!“ „Vielleicht zeigen dir die auch noch, was es für Sonderangebote gibt?“ „Ganz genau!“ Er nickt. Dabei habe ich das eigentlich als Witz gemeint. Aber jetzt lege ich noch einen drauf und sage: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!“

Mein Sohn schaut mich verständnislos an: „Hä?“ „Das ist ein Zitat aus der Bibel!“, erkläre ich. „Aha“, mein Sohn ist nicht beeindruckt. „Weißt du“, sage ich, „Technik ist ja schon super. Ich staune jeden Tag, was alles geht. Aber manchmal habe ich auch Angst davor: Diese ibeacons. Die wissen, wo ich bin. Die wissen vielleicht, was ich gerne kaufe. Das ist für mich Überwachung. Freiheit ist was anderes, finde ich.“

Jetzt wird es für meinen Sohn zu philosophisch. Er will nur Schuhe kaufen. Ich frage mich, warum ich mir Sorgen mache über diese ganze Technik. Ich fürchte, dass sie abhängig macht. Dass sie die innere  Freiheit kaputt macht, die für mich was mit dem Glauben an Gott zu tun hat.

Ich brauche kein Handy, um wer zu sein! Auch keine ibeacons. Ich muss sowas nicht haben. Für mich ist das Freiheit. Und die habe ich durch meinen Glauben. Mein Sohn schaut mich an: „Papa! Das Handy ist doch nicht schlecht. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Und mit den ibeacons ist es doch genauso!“ „Da hast du auch wieder Recht! Wo ist denn jetzt das Geschäft?“

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„Das sind meine Pommes!“ Mein Sohn sieht seine Schwester böse an und dreht sich weg. Er versucht seine Pommes vor den gierigen Händen seiner Schwester zu schützen.

Und mich springt ein Gleichnis an. In der Bibel erzählt Jesus von einem König. Der König erlässt einem Mann seine Schulden. Weil er Mitleid mit ihm hat. Der Mann ist erleichtert. Er trifft auf der Straße einen anderen Mann, der wiederum Schulden bei ihm hat. Der andere Mann bittet ihn, die Schulden zu stunden. Aber der erste Mann ist ganz hart. Er will sein ganzes Geld zurück. Deshalb lässt er ihn ins Gefängnis werfen. Seine Schulden wurden erlassen – aber er selbst erlässt anderen die Schulden nicht. Dieses Gleichnis hat mich schon immer aufgeregt.

Und jetzt macht mein Sohn das Gleiche. Er schützt seine Pommes. Und ich rege mich auf. Wir sitzen in einem dieser Burger-Bunker und er hat gerade einen Hamburger verdrückt. Eigentlich sollten wir gar nicht hier sein. Wir kommen nämlich gerade vom Mittagessen. Aber das hat meinem Sohn nicht geschmeckt. Er ist noch hungrig. Meine Frau wäre da konsequenter. Aber mir tut er leid. Mir haben als Kind auch viele Dinge nicht geschmeckt. Also habe ich angehalten, als ich das Schild des Burgerladens über der Straße gesehen habe.

Von dem Schuldner aus dem Gleichnis erwarte ich, dass er weitergibt, was er selbst erfahren hat: Großzügigkeit, Barmherzigkeit, Vergebung. Und jetzt sehe ich, wie mein Sohn seiner Schwester nicht eine Pommes gönnt. Da werde ich dann ein bisschen moralisch: „Ich habe dir erlaubt, hier zu essen. Obwohl wir eigentlich gerade gegessen haben. Und jetzt willst du deiner Schwester nicht eine Pommes abgeben?“

Mein Sohn schaut mich an. Er schaut seine Schwester an. Langsam schiebt er seine Pommes ein Stückchen in ihre Richtung. „Keiner hat gesagt, dass es leicht ist“, sage ich. „Aber wenn wir schon so viel bekommen haben, dann sollten wir doch auch ein bisschen abgeben, oder?“

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„Da stell‘ ich mich schon lange nicht mehr drauf.“ Mein Freund Daniel schüttelt den Kopf. „Aber das ist doch total wichtig. Du musst doch wissen, wie viel du wiegst.“ „Nein“, sage ich, „die Waage deprimiert mich immer so. Jeden Morgen. Das will ich lieber nicht wissen.“

Daniel schaut mich verwundert an. Und er hat ja Recht. Natürlich ist das Unsinn. Die Waage kann ja nichts dafür, dass ich zu viel wiege. Und wenn ich sie ignoriere, nehme ich auch nicht ab. Manchmal will ich es trotzdem nicht so genau wissen. Zu viel Wissen verdirbt oft die Laune.

In der Bibel sagt König Salomo: Gott kennt das Herz aller Menschen ganz genau (1. Kön 8,39). Gott drückt also kein Auge zu. Und trotzdem lässt er sich die Laune nicht verderben. Das ist – für mich – das ganz große Geheimnis des Glaubens. Wenn ich nicht so genau hinschaue, dann geht es mir meistens besser. Hier mal „fünfe grade sein lassen“, da „ein Auge zudrücken“. Ist schon nicht so schlimm. Macht mir höchstens ein bisschen schlechtes Gewissen, aber mit dem werde ich fertig.

Manchmal habe ich das Gefühl, das ist der Weg, mit dem zu leben, was mich deprimiert. Jeden Abend möchte ich die Tagesschau abschalten. Ich möchte keine Nachrichten über Krieg und Flucht mehr sehen. Da ist es verführerisch, einfach die Augen zu schließen. Was ich nicht sehe, ist nicht da.

Aber Gott macht das anders. Gott sieht ganz genau hin und hört uns an. Darauf vertraut König Salomo und bittet Gott: Hab doch ein Auge auf uns. Noch besser: Schau mit beiden Augen auf uns. Gib uns die Zuversicht, dass du mit uns gehst. Denn dann können wir ruhig schlafen und jeden Tag wieder daran arbeiten, dass diese Welt ein besserer Ort wird.

Daniel nimmt einen neuen Anlauf: „Du benimmst dich wie ein Kleinkind. Deine Pfunde sind da. Ob mit oder ohne Waage.“ „Ja“, sage ich, „das sehe ich ein. Morgen mache ich was dagegen. Wollen wir ein Eis essen gehen?“

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„Sie ist halt mein Kind!“ Stefan dreht sich zu mir um und zuckt mit den Schultern. „Sie ist mein Kind.“ Ich verstehe. Das ist natürlich was ganz anderes.

Stefan und seine Frau Anja sind zu Besuch. Stefan hat sich gerade den ganzen Frust von der Seele geredet. Anja arbeitet zu viel im Büro. Für seinen Geschmack. Sie findet das ganz in Ordnung. Wenn Anja sich samstags entspannen will, dann geht sie in den Garten. Sie kann den ganzen Tag damit verbringen, den Garten zu gestalten. Blumen zu pflanzen oder Gemüse zu ziehen. Stefan findet das nicht gut. Er würde lieber mit ihr in die Stadt gehen und Kaffee trinken.

Plötzlich kommt die jüngste Tochter ins Wohnzimmer. Stefan strahlt sie an. „Bist du müde?“, fragt er sie. Sie schüttelt den Kopf, nimmt sich einen Keks und geht wieder raus. „Komisch, dass sie nicht müde ist, sie war auch den ganzen Tag draußen und hat im Garten gebuddelt.“

„Und das findest du gut?“, frage ich. „Na klar, da geht mir das Herz auf, wenn ich seh‘, wie sie zufrieden vor sich hin busselt.“ „Bei deiner Frau stört dich das, aber bei deiner Tochter gefällt es dir?“ Und dann kommt der Satz: „Sie ist halt mein Kind!“

Dieser Satz verändert alles. Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Wichtig ist, welches Verhältnis man hat. Eltern lieben ihre Kinder bedingungslos. Wenn es den Kindern gut geht, dann freuen sich auch die Eltern.

Ich glaube, dass Gott deshalb in der Bibel oft als „Vater“ oder „Mutter“ bezeichnet wird. Bei dem Propheten Jesaja heißt es: „Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht.“

Gottes Liebe zu uns Menschen ist noch größer als die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Wenn ich sehe, wie Stefan seine Tochter ansieht, denke ich: Mir würde es schon reichen, wenn Gottes Liebe genauso groß ist wie die Liebe eines Vaters. Und ich sein Kind bin.

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