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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Was brauchen wir wirklich?
Immer wenn ich meinen Koffer packe, stelle ich mir diese Frage. Reicht es, wenn ich zwei Paar Socken mitnehme oder nehme ich lieber noch ein drittes Paar mit? Man weiß ja nie. Andererseits kann ich ja nicht den ganzen Kleiderschrank mitnehmen. Also: was brauche ich wirklich?
Meine Nachbarn haben ein ähnliches Problem. Sie haben drei Kinder und wohnen in einem großen Haus. Früher war das gut. Aber jetzt sind die Kinder ausgezogen und das große Haus ist leer. Also haben sie sich eine kleine Wohnung gesucht. Jetzt fragen sie sich: Was nehmen wir mit? Was lassen wir zurück? Was brauchen wir unbedingt?
Solche Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Was ist wirklich wichtig?
Die Bibel hat darauf eine einfache Antwort: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Munde Gottes kommt." Zwei Dinge brauchen wir also: etwas zu essen, also Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf und ein Auskommen. Das alles meint die Bibel mit Brot. Viele Menschen haben das alles nicht. Da gibt es noch viel zu tun. Und trotzdem sagt Jesus nicht: das genügt. Nein. Davon allein kann kein Mensch leben.
Wir brauchen mehr. Und dieses „Mehr" ist kein Luxus. Es ist genauso lebensnotwendig wie Brot.
Wir leben von all dem, was Gott uns schenkt.
Was könnte das sein? Was schenkt uns Gott?
Für mich ist das zum Beispiel: einen Moment ohne Pläne.
Gott schenkt mir manchmal einen Augenblick in einem Straßencafé im Frühling. Die Sonne scheint. ich habe eine Tasse Kaffee in der Hand, unterhalte mich mit einem Freund oder einer Freundin und: ich denke nicht daran, was ich noch zu tun habe. Das ist für mich ein Gottesgeschenk.
Oder: einen Moment tiefen Glücks. Vielleicht schenkt Gott dir manchmal auch so einen Augenblick. Wenn deine Tochter sich ganz unmotiviert zu dir umdreht und sagt: „Du bist der beste Papa der Welt."
Das sind die Momente, in denen ich alles habe. Das ist für mich genug. Das kann ich nicht planen, das kann ich nicht kaufen. Das passiert einfach.
Was brauche ich also wirklich? Etwas zu essen und das, was Gott mir schenkt. Das genügt.

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Letzten Sonntag habe ich eine Wanderung gemacht. Das mache ich leider viel zu selten. Manchmal ist das Wetter nicht gut genug, manchmal bin ich zu müde und kann mich einfach nicht aufraffen.
Aber gestern habe ich mich aufgemacht. Mit der ganzen Familie sind wir durch die Weinberge in der Pfalz marschiert. Das hat richtig gut getan. Am Ende war ich glücklich. Und habe mal wieder was für meine Gesundheit gemacht.
„Hauptsache gesund", denken viele. Das ist das Wichtigste im Leben. Die Gesundheit. Oder?
Ein Freund von mir ist anderer Meinung. Er arbeitet den ganzen Tag, die ganze Woche. Er ist Vertreter, besucht Kunden und freut sich, wenn er viel verkauft. Hauptsache, die Firma macht viel Umsatz und Gewinn. „Also Hauptsache Arbeit?", frage ich ihn. Dann weiß er nicht so genau, was er sagen soll.
Was ist für Sie das Wichtigste im Leben? Was macht Sie glücklich?
Martin Luther hat einmal gesagt: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott."
Opferst du alles für deine Gesundheit, dann ist deine Gesundheit dein Gott. Arbeitest du den ganzen Tag und hast sonst keine Zeit, dann ist die Arbeit dein Gott. Was machst du aber, wenn du mal krank wirst oder wenn du deine Arbeit verlierst?
Luther meint: Glück, Zufriedenheit, Sinn - das sind Dinge, die man nicht herstellen kann. Man wird am Ende nicht zufrieden und nicht glücklich, wenn man alles selbst machen will. Du kannst dir dein Glück nicht verdienen und nicht herstellen, du kannst es nicht kaufen. Du kannst gesund essen und trotzdem krank werden. Du kannst viel arbeiten und trotzdem nicht glücklich sein.
Das Wichtigste auf der Welt, das kann man nicht machen und nicht kaufen.
Man kriegt es geschenkt. Ich glaube: Gott schenkt dir alles, was du brauchst.
Lebensgewinn, Sinn, Freude und Freunde. Die kann man sich auch nicht kaufen. Die muss man finden. Glück passiert einfach. Niemand kann sich das alles selbst verdienen.
Und niemand kann das jemand anderen schenken, selbst wenn er sich sehr darum bemüht. Das kann man nicht herstellen.
Das muss man sich schenken lassen. Von Gott.

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„Besitzstandswahrung". Wissen Sie, was das ist? Ich glaube, das ist typisch deutsch. Andere Sprachen haben das Wort gar nicht.
Was ist Besitzstandswahrung? Nehmen wir mal an, Sie haben eine bestimmte Gehaltsstufe erreicht. Und jetzt wird das Büro oder die Behörde, in der Sie arbeiten, umstrukturiert. Wenn Sie Besitzstandswahrung genießen, darf Ihnen Ihr Arbeitgeber nicht weniger Gehalt zahlen. Egal, was passiert, Ihnen darf es finanziell nicht schlechter gehen.
Das ist doch eine prima Sache. Mein Einkommen ist mir sicher. In diesen Tagen ist das eine Aussage. Sowas hätte ich gern auch für andere Bereiche in meinem Leben.
Irgendjemand soll mir doch bitte garantieren, dass es mir nicht schlechter geht. Egal was passiert. Versicherungen zum Beispiel versuchen das. Sie sagen: dir kann nichts passieren. Egal wie schlimm, du bist ja versichert. Das beruhigt erst mal. Aber es hilft nicht.
Absolute Sicherheit gibt es nicht im Leben. Niemand weiß, was mich an der nächsten Ecke erwartet. Vielleicht habe ich einen Verkehrsunfall. Vielleicht treffe ich die Liebe meines Lebens. Hinter jeder Ecke kann das Leben eine neue Wendung nehmen.
Niemand kann mir wirklich garantieren, dass mir im Leben nichts Schlimmes passiert. Auch keine Besitzstandswahrung. Da muss nur eine Krankheit kommen, ein Unfall mit Folgekosten.
Niemand kann mir garantieren, dass jeder Schicksalsschlag abgefedert wird, dass ich immer mein Recht bekomme. Niemand kann das. Auch Gott macht das nicht.
Nicht einmal der Glaube an Gott ist eine Lebensversicherung. Selbst wenn ich mich voll auf Gott verlasse, eine Garantie ist das nicht.
Aber: Wenn es mir schlecht geht, wenn ich meine Arbeit verliere, gibt mir der Glaube die Kraft weiterzumachen. Wenn ich einen Unfall habe, hilft mir Gott, den Lebensmut nicht zu verlieren. Gott verspricht, dass es immer irgendwie weiter geht. Dass wir nicht verloren gehen, wenn wir ihm vertrauen.
Gott garantiert keine Besitzstandswahrung. Aber er hilft, dem Leben einen Sinn zu geben. Ohne Garantie, aber mit mehr vom Leben.

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„1000 Orte, die Sie gesehen haben müssen, bevor Sie sterben!"
Das ist der Titel eines Buches, das mir ein Freund zum Geburtstag geschenkt hat. Ausgerechnet zum Geburtstag.
„1000 Orte, die Sie gesehen haben müssen, bevor Sie sterben!"
Von den 1000 Orten, die ich gesehen haben muss, war ich gerade mal an 10. 990 Orte in der ganzen Welt muss ich also noch sehen, bevor ich sterbe. Aber wie soll ich das schaffen? Allein schon der Gedanke macht mir ganz schlechte Laune.
Kennen Sie das auch? So viel zu tun - und so wenig Zeit. So viele Ansprüche!
So viel, was man erleben sollte! Aber jeden Tag muss man zur Arbeit gehen. Jeden Tag kommt man wieder heim und setzt sich vor den Fernseher.
Nicht weil das Programm so gut ist, nein: weil man einfach nur müde und geschafft ist. Wie soll man das machen mit den 1000 Orten? Wer hat so viel Zeit?
Vielleicht ein paar ganz besonders reiche Menschen. Die können vielleicht die Liste der 1000 Orte abarbeiten. Aber ob sie das dann zufrieden macht? Ob sie dann ihren Frieden finden, bevor sie sterben? Ich habe da große Zweifel.
Für mich ist klar: Ich habe niemals so viel Zeit, um das alles abzuarbeiten. Und die meisten Menschen auch nicht. Nur Gott hat unendlich viel Zeit. Gott allein.
Solche Listen machen nur schlechte Laune. Weil sie einem nahe legen, man hätte nicht genug aus seinem Leben rausgeholt, nicht genug mitgenommen. Das macht gierig und neidisch auf die, die mehr haben. Wer schreibt eigentlich solche Listen von Sachen, die man unbedingt gemacht haben soll? Muss ich an das glauben, was sie mir unterjubeln? Eben nicht. Niemand hat das Recht, mir schlechte Laune zu machen. Und Ihnen auch nicht.
Bei Gott jedenfalls ist gute Laune. Bei Gott habe ich das Gefühl, ich habe ewig Zeit. Ein schöner Moment, eine innige Umarmung, das ist manchmal wie eine ganze Ewigkeit. Wenn ich mit meiner Frau ein gutes Glas Wein trinke und dabei einen schönen Sonnenuntergang bewundere - was soll ich da bei Ort Nummer 378?
Besser 10 Orte gesehen und dabei viel Spaß gehabt als in 80 Tagen um die Welt. Auch so ein Buch, das man hätte schenken können.

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„Die Christen müssten mir erlöster aussehen." Hat mal der Philosoph Friedrich Nietzsche gesagt. Und hinzugefügt: „Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte."
Ich kann ihn gut verstehen. Wie soll man an einen Erlöser glauben, wenn die Christen oft so unerlöst aussehen? Mir kommen die Christen auch manchmal ganz ernst und düster vor. Vor allem deutsche Christen. Sie ducken sich in die Kirchenbänke und singen schwere Lieder, die kaum ein Mensch versteht.
Warum sollte ich am Sonntag in die Kirche gehen? Erlöst und fröhlich? Wo ist das in der Kirche?
Erlöst und fröhlich. Das treffe ich eher am Strand, im Schwimmbad oder manchmal auch in der Stadt, in der Fußgängerzone. Sicher, da rennen auch viele ganz ernst rum, tragen rechts und links zwei Tüten. Und hetzen immer nur stur geradeaus.
Aber andere Leute schlendern so dahin. Bleiben mal hier stehen und mal da. Haben Zeit. Lassen sich einfach treiben. Die haben für mich was Erlöstes. Bestimmt haben sie auch Sorgen. Aber sie lassen sich nicht unterkriegen. Zumindest nicht in diesem Moment.
Mir fällt da immer ein Satz aus der Bibel ein. Jesus sagt einmal: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?"
Das stimmt. Es geht um Vertrauen in Gott. Da fange ich doch mal bei mir an. Ich mache mir bewusst: Du bist wie du bist. Und das ist gut so. Du wirst geliebt. Einfach so. Mehr geht gar nicht. Ich vertraue darauf, dass Gott mich beschützt. Ich weiß also: ich muss nicht immer Höchstleistung bringen. Ich kann meine Arbeit gelassener angehen.
Mehr lachen, mehr loslassen, entspannen. Auf der Straße fängt das doch an. Da lasse ich jemandem mal die Vorfahrt und hupe ihn nicht an. Da warte ich mal geduldig an der Ampel, wenn der vor mir sein Auto abgewürgt hat. Ich setze ihn nicht unter Druck. Ich klammere mich nicht an mein Recht. So einfach ist das. Erlöst und fröhlich.

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