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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.
Gesungen habe ich schon immer gerne. Und über die Wunder gestaunt auch.
Da gab es einen kleinen Elefanten aus Blech.
Er hat auf einem Dreirad gesessen und seine Runden gedreht. An seinem hoch gereckten Rüssel hatte er drei kleine Rotoren, die sich dabei ebenfalls gedreht haben. Und dabei hat er auch noch sehr lustig gewackelt.
Das muss ich sehen, wie das funktioniert. Auseinanderschrauben. Aha, so funktioniert das.
Mit der Neugierde und dem Staunen beginnt jede Kunst, beginnen alle Wissenschaften.
So ist es auch bei Maria Sybilla Merian gewesen, der Falterfrau.
Das Staunen über die Farben und Formen der Welt machte sie zur ersten Forscherin. Als Frau in einer Männerwelt. Gelebt hat sie von 1647 bis 1717. In Frankfurt, Nürnberg und Amsterdam.
Ihr Forscherdrang führte sie bis nach Surinam, einer niederländischen Kolonie in Südamerika.
Von dort brachte sie die, wie sie sagte, Sommervöglein, also die exotischsten Schmetterlinge nach Europa mit. Hat sie gemalt und gestochen.
Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.
Für Maria Sybilla Merian war das Wechselhafte so ein Wunder.
Dass da ein Kreislauf war, der sich immer wiederholte. Aus Eiern werden Raupen, aus Raupen werden Puppen und aus den Puppen schlüpfen die Schmetterlinge. Unzählige Arten, jede in ihrer Schönheit, Buntheit, Formenvielfalt einzigartig.
Drei herrliche Bücher über den Beginn und die Verwandlung der Schmetterlinge hat sie geschrieben, ihr Lebenswerk.
Du kannst ihre Faszination aus den Stichen herauslesen.
Da hat sich ein Kokon an einer Futterpflanze angeheftet. Und plötzlich öffnet sich an der Spitze ein kleiner Spalt, während die Puppe am Zweig pendelt.
Dann schiebt sich etwas Tastendes vor, hält still, regt sich wieder. Und dann bricht die Hülle auf und etwas bebend Lebendiges drängt ans Licht.
Das hilflos Neue bewegt sich, kriecht mühsam weiter, hebt die angewinkelten, dünnen Füße. Lockert die kurzen Flügel. Und dann breitet sich ein verblüffendes Farbspiel aus, während die Flügel sich mit Luft füllen.
Es flattert, taumelt und erhebt sich in die Luft.
Fliegt der Sonne entgegen.
Wenn du das selbst erlebst, das Schlüpfen eines Tagpfauenauges zum Beispiel, dann braucht dein Staunen Worte. Und findet alte Worte. Psalmworte.
Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.
Ich wünsche Ihnen einen schönes Wochenende.

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Ich bin ein richtiger Sterngucker geworden. Nein, ohne große Ausrüstung. Noch nicht mal mit einem Fernglas.
Ich sitze einfach nur draussen , wenn es Nacht wird, schaue in den Himmel und freue mich daran, wie sie einer nach dem anderen zu sehen sind.
Die Sterne.
Ein paar kenne ich mittlerweile sogar mit Namen.
Und natürlich auch ein paar Sternbilder.
Weißt du, wie viel Sternlein stehen... haben wir als Kinder gesungen.
Nein wir wissen es nicht. Selbst die Sternenforscher wissen es ja nicht.
Unsere Milchstraße ist ja nur eine von 100 Milliarden weiteren Galaxien, schätzen die Wissenschaftler.
Und dann sitze ich da, auf meiner Terrasse, schaue in den Himmel - und staune nur.
Wow!
Und mein Staunen ruft die alten Fragen hervor:
Woher stammt das Alles, die Materie, die Energie, der Raum?
Ich kann die Kosmologen gut verstehen. Und finde ihr Forschen faszinierend:
Da horchen sie mit sensibelsten Antennen in den Raum, um die geringste Spur von Strahlung zu entdecken.
Um zu begreifen, was Materie überhaupt ist, bauen sie monströse Teilchenbeschleuniger, in denen sie winzige Partikel aufeinander prallen lassen, so dass sie auseinanderspringen und ihr Innerstes preisgeben.
Sie haben erkannt, dass die Galaxien seit Jahrmillionen auseinanderdriften.
Das All dehnt sich aus.
Also muss es früher kleiner gewesen sein. Genauer: ein winziger Punkt.
Und in dem war alle Materie, alle Energie vereint.
Und dieser Punkt zerbirst in einer gewaltigen Explosion.
Vor 13,7 Milliarden Jahren.
Ein Urknall, oder wie einer der frühen Kosmologen spöttisch sagte: Big Bang.
Viele sagen, jetzt seien die Physiker dem Geheimnis der Schöpfung auf der Spur.
Aber nach wie vor sitze ich auf meiner Terrasse und staune nur. Dass das alles so unendlich und so unendlich geordnet ist. So zauberhaft und so voller Wunder.
Die Schönheit des Sternenhimmels bleibt ein Geheimnis, das wir nie ergründen werden.
So wie wir auch Gott nie ergründen werden. Und dennoch kann ich seine Wirklichkeit spüren, seine Nähe, seine Liebe.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Freitag und einen guten Beginn des Wochenendes.

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Bleib vor allem gesund!
Das ist ein beliebter Wunsch zum Geburtstag.
Denn wir wissen ja, dass das so eine wacklige Sache ist mit der Gesundheit. Ein Freund von mir spricht immer davon, dass wir auf schwankem Eis leben. Und dass uns auch alle Vorsorge und die gesündeste Lebensweise nicht davor schützen können, krank zu werden.
Hauptsache gesund! Alles andere findet sich? Ja, wirklich?
Die unerbittlich Gesunden geben den Ton an, meint der Journalist Günter Franzen. Und er meint damit: Viele lesen Gesundheitszeitungen wie eine Bastelanleitung zum ewigen Leben. Wenn man sich nur ausreichend bewegt, unbelastete Nahrung zu sich nimmt und auch sonst im Einklang mit der Natur lebt, wird man nicht krank. Denn die Natur
meine es ja immer gut mit uns.
Ach ja?
Die unerbittlich Gesunden geben den Ton an.
So war es schon im Alten Testament. Da verliert ein wirklich rechtschaffener, frommer Mann mit Namen Hiob seinen ganzen Besitz und seine Familie. Und wird dann auch noch krank, sitzt mit Geschwüren übersät in seinem Elend und klagt sein Leid seinem Gott.
Und dann kommen sie, die unerbittlich Gesunden.
In Gestalt seiner Freunde.
Die werfen Hiob vor, dass er ganz gewiss in seinem Leben schwerwiegende Fehler gemacht habe.
Aber der weist alle Vorwürfe zurück und bleibt dabei:
Ich bin geschlagen ohne alles Zutun.
Gott weiß, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe.
Und als die Freunde dann noch die Natur ins Feld führen, aus der doch im Donnergrollen, in Blitz und Hagel Gott spreche, bleibt Hiob dabei, mit Gott selbst reden zu wollen. Dass der sein Schicksal wendet.
Bei Günter Franzen heißt das:
Wer Gott in diesem Zustand äußerster Verlorenheit nicht anrufen kann , dem bleibt nur das Flehen um den Beistand seiner Mitmenschen. Dass er erhört wird, ist ihm und uns zu wünschen. Sicher sein kann er sich nicht. Denn: Die unerbittlich Gesunden geben den Ton an.
Was hilft, wenn eins krank wird?
Gewiss keine Vorwürfe und Rechthabereien, sondern ganz einfach Mitgefühl.
So hat es Jesus gemacht und so sollen auch wir es machen.
Danke, Herr Franzen!
Das musste mal gesagt werden.
Ich wünsche Ihnen ein guten Donnerstag!

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Wenn ich bei meinem Markendiscounter die ersten Lebkuchen sehe, dann weiß ich: Jetzt muss ich den Herbst auf volle Lautstärke stellen, damit mich das Weihnachtgeklingel nicht schon Anfang Oktober einholt.
Also schärfe ich meine Sinne für den Herbst.
In den rebenumstandenen Dörfern Rheinhessens duftet es nach reifen Trauben. Und der gärende Most verspricht ein gutes Tröpfchen.
Der geschnittene Lavendel, in der Garage zum Trocknen aufgehängt, ist nicht zu überriechen und die aufgerissene, gepflügte Erde verströmt einen schweren, satten Duft.
Meine Ohren hören die Schreie der Wildgänse, die nach Süden ziehen.
Die Starenschwärme formieren sich mit lautem Gekrächze auf der Suche nach reifen Trauben.
Und ich erschrecke von den Schüssen der Weinbergshüter, die sie vertreiben.
Gedämpfter vom Nebel kommen die Geräusche daher.
Und mein Herz?
Da geht etwas zu Ende, sagt mein Herz.
Gerade war sie noch da, die Aufbruchstimmung des Frühlings, die Farbenpracht, die Fülle des Sommers.
Was waren wir oft draußen.
Was hatte ich für eine Freude an der erwachenden und dann überbordenden Natur.
Aber jetzt geht etwas zu Ende.
Ich kann es mit meinen Sinnen erfassen, sehen, hören und riechen.
Melancholie? Nein.
Denn im Vergehen deutet sich das Werden schon wieder an.
Am Rhododendron sind schon die Knospen ganz deutlich zu sehen.
Ich muss nur bis zum Frühjahr warten.
Und jetzt?
Alles ist gut, sagt mein Glaube. Alles ist gut, denn alles ist getragen von Gott, aus dessen Hand alles kommt und der Neues schaffen wird.
Rainer Maria Rilke hat das so gesagt.
Die Blätter fallen, fallen wie von weit
Als welkten in den Himmeln ferne Gärten
Sie fallen mit verneinender Gebärde
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt:
Und sieh dir andre an: Es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Ich wünsche Ihnen ein wunderschönen Herbsttag.

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Das ist nicht gerecht! Ein Aufschrei geht durch die Klasse.
Meine Frau hat einer Schülerin, die aus Griechenland kommt, ein Befriedigend unter den Aufsatz geschrieben. Und eine deutsche Mitschülerin, die auch eine Drei hat, hat das Heft gesehen und die vielen nicht gewerteten Rechtschreibfehler. Das ist nicht gerecht. Sie haben Aegidia viel besser benotet mit ihren vielen Fehlern!
Dann muss ich eine Zwei bekommen!
Ich habe bei diesem Aufsatz nur auf den Inhalt geachtet, sagt meine Frau. Und das muss ich auch. Denk doch einmal daran, dass Aegidia erst seit einem guten Jahr in Deutschland lebt und wie gut sie sich schon ausdrücken kann.
Ich weiß, sagt Jessica. Es ist nur nicht gerecht.
Gerecht. Was für ein großes Wort! Heißt das etwa, alle sind gleich zu bewerten, weil alle gleich sind?
Zumindest in der Schule ist das schwierig. Und sonst ja auch.
Stellen Sie sich vor: da stehen ein Elefant, ein Eichhörnchen, eine Schnecke und ein Eichelhäher vor einem Baum. Und der Lehrer sagt: So und jetzt alle auf den höchsten Ast.Ist das gerecht?
Lachen Sie nicht. So ist Schule weithin.
Ich erinnere mich noch an diese vermaledeiten Kletterstangen in der alten Schulturnhalle. Die waren nicht nur ein Herausforderung, die bleiben für mich bis heute Zeichen einer erbärmlichen Niederlage.
Und dann bekamen wir Dr. Buch.
Der sah mich und sagte dann: Gelt, Ernst Walter, diese Turnerei ist nichts für dich. Führ mir mal fürs erste meine Listen.
Und in der Pause nahm er mich beiseite und fragte: Gibt es einen Sport, den du gerne machst? Ja, sagte ich, ich schwimme gerne. Gut, sagte er, dann mache ich dich im Sommer zu einem passablen Schwimmer.
Und das tat er dann auch.
Jeder Mensch hat seine eigenen, wertvollen Fähigkeiten. Und, so verschieden wir sind, vor Gott sind wir mit allen übrigen gleich.
Es kommt nicht darauf an, dass alle Kinder das Abitur und ein Hochschulstudium schaffen, sondern dass sie ihre Fähigkeiten entfalten und glückliche Erwachsene werden.
Und ich glaube, dass sich darüber Gott genau so freut wie über einen Anstieg der Abiturientenzahlen.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Dienstag.

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Jeder ist seines Glückes Schmied, heißt es im Sprichwort.
Das klingt nach dem berühmten amerikanischen Traum: Du fängst ganz unten an, als Tellerwäscher, und landest irgendwann ganz oben. Beim großen Geld.
Aber das stimmt alles nicht mehr.
Denn das meiste Glück wird nicht geschmiedet, sondern vererbt.
Reiche Menschen vererben den Reichtum an ihre Kinder und Kindeskinder.
Und die werden immer reicher.
Was aber ist dann mit denen, die ihr Glück gar nicht mehr schmieden können?
Die Obdachlosen.
Die Flüchtlinge.
Die Kinder, die in Armut leben.
Pech gehabt?
Da schrillen bei mir aber holla, alle Alarmglocken.
Schon der Prophet Jeremia hat das vor 2700 Jahren anders gesehen: Da lese ich:
So spricht Gott: ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich Gott bin, der für Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit sorgt auf Erden.
(Jer. 19,22.23)
Das Glück, es hat vor allem mit Gerechtigkeit zu tun. Im Hebräischen steht da das Wort Zedaka. Zedaka.
Das übersetzt Luther mit Gerechtigkeit. Es meint aber nicht den juristisch geprägten Begriff, sondern man könnte es am besten mit Gemeinschaftstreue übersetzen. Gemeinschaftstreue.
Was das heute sein könnte, hat mir Peter Ackermann gezeigt . Er ist Anwalt und Softwareunternehmer, ein Berliner. Er hat mit der Hälfte seines Vermögens die Kreuzberger Kinderstiftung gegründet. Er sagt:
»Ich fühle mich privilegiert, denn ich hatte das Glück, in einer Zeit wachsenden Wohlstandes und Friedens zu leben und mein Geld zu verdienen. Mein Vermögen ist ja nicht vom Himmel gefallen. Wir sind ja nicht bei der Frau Holle.
Die Gesellschaft, die es ermöglicht hat, solchen Reichtum anzuhäufen, die hat einen Anspruch darauf, dass ihr ein Teil davon zurückgegeben wird."
Und so arbeitet sein Geld jetzt für Kinder in Not, ermöglicht Stipendien und fördert Schulprogramme.
Das ist Gemeinschaftstreue.
Und mein Herz jubelt laut und ruft: Bravo!
Ich wünsche Ihnen einen schönen Montag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13936

Heute feiern die meisten Gemeinden das Erntedankfest
Und die Altäre sind geschmückt mit den Gaben des Feldes.
Natürlich: Wir haben kaum noch einen direkten Zugang zu Saat und Ernte. Den goldenen Wein holen wir aus dem Regal. Und auch die Früchte der Gärten lachen uns im Lebensmittelmarkt entgegen.
Aber auch wenn das so ist, Grund zum Danken haben wir.
Denn wir haben geerntet. Vielleicht ein ganzes Leben lang.
Ich halte vor dem Erntedankfest gerne mal Rückschau.
Und da bin ich dieses Jahr auf ein Fotoalbum aus dem Jahr 1970 gestoßen.
Ich war mit der Jungen Kantorei zu einer Chorreise nach Grenoble aufgebrochen. Von Straßburg aus sind wir nach einem Konzert nachts losgefahren. Unser Busfahrer sagte nur: Mal sehen, wie weit wir kommen.
Die meisten sind bald eingeschlafen. Einige von uns, zusammen mit mir, sind einfach nicht zur Ruhe gekommen. Und dann hat der Bus angehalten. Pause.
Draußen wird es langsam hell. Die Luft im Bus ist zum Schneiden stickig.
Schließlich mache ich mich auf, am schlafenden Fahrer vorbei . Die Tür auf und raus.
Durchatmen.
Und dann stehen wir da, ein Häuflein frierender Sängerinnen und Sänger in einem Schweizer Gebirgstal, am Abhang ein Bauernhof. Rauch steigt aus dem Schornstein auf.
Meint ihr, es gibt dort ein Klo?
Wir sind losgezogen. Es gibt ein Klo.
Woher wir kämen, fragt der Knecht. So, so, ein deutscher Chor.
Das trifft sich gut, sagt er. Die Bäuerin hat Geburtstag.
Ob wir ihr ein Ständchen singen könnten.
So früh? Na gut. Wir probieren es. Das Dörfchen von Schumann. Auswendig? OK.
Und dann sehe ich sie da stehen, die Bäuerin, mit nassen Augen.
Ob wir Hunger hätten? Ja.
Und dann sitzen wir auf der Bank in der Küche und sie kommt mit frischer Milch, einem duftenden Laib Brot und einem Brett mit Käse Und bevor sie das Brot anschneidet zeichnet sie mit dem Messer über dem Laib das Kreuz. Brot ist heilig, sagt sie auf unsere erstaunten Blicke. Brot ist heilig.
Soll ich Ihnen sagen, wie es uns geschmeckt hat.
Dieses Jahr lege ich am Erntedankfest dem lieben Gott diese Geschichte neben den Sellerie und die Kartoffeln.
Danke, sage ich. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13935