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SWR4 Abendgedanken

13NOV2020
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Wenn ich im Supermarkt die Regale voller Lebkuchen und Marzipankartoffeln sehe, frage ich mich: Wann genau ist eigentlich Weihnachten? Schon im September hätte ich unterm Sonnenschirm die ersten Spekulatius knabbern können. Mich nervt das. Lebkuchen gehören für mich in den Dezember.

Aber dieses Jahr ist es anders. Dieses Jahr danke ich den Supermärkten dafür, dass sie mich schon früh an Weihnachten erinnern. So kann ich mich auf ein ganzes anderes Weihnachtsfest vorbereiten. Denn Corona wirft alles durcheinander. Es sind zwar noch ein paar Wochen bis zum Fest, aber ein paar Dinge habe ich schon entschieden: Auf die Reise zu den Schwiegereltern werde ich verzichten, eine volle Kirche kann es auch nicht geben. Und die schönen Weihnachtslieder darf ich höchstens alleine singen. Da überlege ich mir: Wie will ich Weihnachten dieses Jahr feiern? Was macht es eigentlich für mich aus?

Ich verbinde mit Weihnachten, dass Gott in der Welt und bei den Menschen sein will. Gott zeigt sich als kleines Kind in der Krippe. Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte. Und schon das erste Weihnachtsfest damals ist so ganz anders verlaufen, als alle gedacht haben. Maria und Joseph ziehen mit einem Esel durch das halbe Land. Zur Notgeburt müssen sie in einen Stall. Maria hat es sich bestimmt ganz anders gewünscht, doch dann haben sie das Beste daraus gemacht.

So wie Maria und Joseph werde ich auch improvisieren müssen. Es wird schon gehen: Ich habe ein Zuhause und meine Familie um mich. Aber ich denke an die, die dieses Jahr wegen der Pandemie allein bleiben werden. Weil wir darauf verzichten müssen, uns zu besuchen. Darum werde ich dieses Jahr auf jeden Fall Weihnachtskarten schreiben. Außerdem werde ich alle Fenster schmücken und fröhlich beten und singen. Dieses Jahr gebe ich alles.

Ich werde um Weihnachten kämpfen: Weil Weihnachten mich hoffen lässt, dass im nächsten Jahr vieles besser werden kann. So wünsche ich ihnen eine gute Zeit bis Weihnachten und viele Ideen für die Festtage.

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12NOV2020
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Mein Patenkind Anton ist 19 Jahre alt und hat die Schule abgeschlossen. Seit Monaten überlegt er, was nun aus ihm werden soll. Erst hat er geplant, Polizist oder Gerichtsvollzieher zu werden. Oder soll er doch ins Ausland und danach studieren?

Die Situation von Anton erinnert mich an eine alte persische Geschichte. Die handelt von einem Esel, genauer gesagt von Buridans Esel. Der Esel steht in der Mittagshitze im Hof und hat großen Hunger und Durst. Zu seinem Glück liegt gleich rechts von ihm ein Heuhaufen und links steht ein Trog mit frischem Wasser. Doch der Esel ist verzweifelt, weil er sich nicht entscheiden kann. Kaum geht er ein paar Schritte zum Heu, will er doch lieber trinken. Geht er zum Wasser, meldet sich sein leerer Magen zurück. Die Sonne brennt und es geht lange hin und her. Irgendwann bricht der arme Esel erschöpft zusammen.

Anton nimmt sich an diesem Esel hoffentlich kein Beispiel. Doch auch er muss zwischen mehreren Angeboten wählen, die ihm gefallen.

Als Patenonkel will ich Anton gern helfen. Ich will ihn nicht in eine bestimmte Richtung drängen.  Wichtig ist mir, dass er nicht einfach das tut, was seine Eltern sich wünschen. Er soll unabhängig handeln und entscheiden. Darum habe ich Anton gesagt: „Du kannst am besten entscheiden, wenn Du Deine Ziele kennst. Was ist Dir am wichtigsten? Reizt dich ein Studium, um tief in ein Thema einzusteigen? Oder magst du lieber gleich voll in die Praxis? Stell Dir vor, wie sich der eine oder andere Weg für dich anfühlt. Nach und nach siehst Du dann bestimmt, wo es Dich wirklich hinzieht.“

Wenn ich vor größeren Entscheidungen stehe, hilft es mir, wenn ich mir Zeit nehme. Oft spreche ich dann mit Menschen, die mich gut kennen. Und ich bitte Gott darum, mich zu unterstützen.

Buridans Esel konnte sich nicht entscheiden, obwohl genügend Wasser und Futter da waren. Darum wünsche ich Anton, dass er gelassen bleibt. Die perfekte Wahl muss er nicht treffen. Ich wünsche ihm, dass er es schafft loszulegen. Wenn er dort anfängt, wo es sich für ihn richtig anfühlt. Ich bin sicher, dass er dann seinen Weg finden wird.

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11NOV2020
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In der Bibel stehen viele Geschichten, die Menschen mit Gott erlebt haben. Der Philosoph Gotthold Ephraim Lessing aber hat sich gefragt: Wie soll ich nachprüfen, ob sie wahr sind? Lessing war bei Jesus nicht live dabei. Darum spricht er von einem „garstigen, breiten Graben“. Ein Graben zwischen ihm und der Zeit, in der Jesus gelebt hat. Lessing hat sich darüber den Kopf zerbrochen, wie er diesen Graben überwinden kann.

Ich kenne das: Zwischen Jesus und mir liegen auch zweitausend Jahre. Aber was mir hilft, sind Menschen, denen ich vertraue. Meine Eltern haben mir von Gott erzählt, der Pfarrer und die Religionslehrerin. Auch sie haben Jesus nicht live erlebt. Und doch haben sie mir ganz persönlich erzählt, was Gott ihnen bedeutet. Solche Menschen lassen den Graben schrumpfen.

Ich weiß noch einen anderen Weg, um näher an Jesus heran zu kommen. Heute denken viele an den Heiligen Martin. Ich weiß noch, wie ich als Kind das Fest St. Martin erlebt habe.  Da war ein Mann auf einem echten Pferd. Alle Kinder sind ihm mit ihren Laternen gefolgt. Und dann haben wir ein kleines Schauspiel beobachtet: Der Mann teilt mit einem Schwert seinen Mantel für einen armen Bettler. Mehr braucht es nicht, um zu zeigen, was auch Jesus wichtig war. An St. Martin denke ich deshalb gern zurück: Da habe ich eine tolle Gemeinschaft erlebt, da haben wir zusammen gesungen und Martinsweckle gegessen.

Feste wie St. Martin helfen mir, den Graben zwischen mir und der Zeit von Jesus zu überwinden. Hier kann ich live dabei sein. Leider kann St. Martin heute Abend nicht so groß gefeiert werden. Aber ich habe von einer schönen Idee gehört: Viele Menschen stellen einfach eine Laterne ins Fenster, die nach draußen scheint.  So zeigen sie: Wir denken an St. Martin und wie er mit anderen geteilt hat.

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10NOV2020
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Ich erinnere mich noch gut an das schöne Fest: Andrea und David heiraten. Sie feiern mit vielen Gästen, mit Kirche, Musikverein und allem Drum und Dran. Die Sonne strahlt und alle wünschen viel Glück. Ein paar Jahre später ziehen dunkle Wolken auf. Andrea und David geht es auf den ersten Blick gut: Beide kommen beruflich voran und sind ein schönes Paar. Doch sie führen eine Fernbeziehung zwischen München und Berlin und leben sich auseinander. Viel arbeiten, viel Zug fahren, wenig Zeit für Zärtlichkeit. Bald steht die Ehe auf der Kippe. Aber irgendwann entscheiden Sie sich und sagen: „Wir fangen noch mal neu an. Wir wollen unsere Liebe retten.“

Im Sommer haben Andrea und David mich besucht und erzählt, was ihnen geholfen hat. David sagt: „Wir sind wieder zu einer Einheit geworden. Uns beiden ist es wichtig, dass wir uns auf den anderen verlassen können.“ Und Andrea ergänzt: „Wir haben jetzt einen Hund, der uns sehr am Herzen liegt. Wir kümmern uns zusammen um ihn. Und der Hund spürt sogar, wenn wir uns anschweigen. Dann meldet er sich. Und wir sagen zueinander: Komm, wir laufen zusammen eine Runde.“ Ich sehe sie vor mir, wie sie dann Hand in Hand zusammen losgehen.

Im letzten Jahr hat sich bei den beiden viel verändert. David und Andrea sagen: „Wir fühlen uns jetzt viel stärker verbunden.“ Und doch lassen sich die beiden auch viele Freiräume. Andrea schwimmt gern, David fotografiert viel in der Natur. So wollen sie leben: Nah bei einander und doch auf eigenen Beinen.

Ich freue mich für Andrea und David. Weil sie einander so guttun, bleiben sie hoffentlich noch lange zusammen. Mir haben sie gezeigt: Eine gute Beziehung lebt nicht davon, dass ständig Schmetterlinge im Bauch rumflattern. Es gibt auch Durststrecken und harte Zeiten. Andrea und David haben so eine Zeit durchgestanden. Sie wissen, dass sie Glück hatten. Nicht allen Paaren gelingt so einen Neuanfang. Darum sagt Andrea: „Hoffentlich haben wir es gefunden: Unser Geheimnis einer langen Partnerschaft. Jetzt wollen wir gut darauf aufpassen.“

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09NOV2020
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Ich komme morgens in die Küche und stelle fest: Unsere Küche hat sich über Nacht in eine Tropfsteinhöhle verwandelt. Wir haben einen Wasserschaden, weil oben im Bad die Fugen nicht mehr dicht sind. Es tropft von der Decke. Sofort greife ich zum Telefon und rufe die Handwerker an.

Handwerkerinnen und Handwerker haben mir schon oft geholfen. So auch diesmal: Jürgen und Mustafa rücken an und bringen jede Menge Werkzeug mit. Sie werden die Fugen erneuern und haben eine Trennwand für die Dusche dabei.

Ich komme mit Jürgen und Mustafa ins Gespräch. Sie erzählen von ihrer Arbeit und dass sie nur noch wenige Jahre haben, dann können sie in Rente gehen. Fast 40 Jahre Bäder renovieren, abdichten, bohren, montieren. Jürgen sagt: „Wir achten auf Qualität. Klar, Fehler können immer passieren. Wir versuchen trotzdem jeden Tag unser bestes. Gründlich und sorgsam zu arbeiten ist uns wichtig. Viele Bäder halten dann für Jahrzehnte.“

Ich bewundere, wie bei Jürgen und Mustafa jeder Handgriff sitzt. Die beiden erzählen aber auch von den schwierigen Seiten ihres Berufs: Der eigene Körper muss mitspielen, sonst geht es nicht. Darum sagen sie: Sicherheit geht vor Schnelligkeit, sonst bleibt die Gesundheit auf der Strecke. Das zeichnet die beiden aus: Sie gehen sorgfältig mit dem Werkzeug und dem Material um. Und sie gehen sorgsam mit sich um. Diese Achtsamkeit will ich mir abschauen. 

Jürgen und Mustafa räumen ihr Werkzeug wieder in den Transporter. Sie fahren zurück zu ihren Familien, endlich Feierabend. Und mein Bad sieht super aus.

Arbeit kann anstrengend, nervig und eintönig sein. Oder ich spüre, wie ich etwas aufbaue und anderen weiterhelfe. Dann ergibt es Sinn, was ich mache. Wenn ich meine Talente einbringen kann und mit den Jahren immer besser werde. Manche sprechen sogar davon, dass sie ihre Berufung gefunden haben. So oder so: Es tut mir gut, wenn ich eine Aufgabe habe, wenn ich etwas leisten kann. Dann trägt meine Arbeit dazu bei, dass ich mich selbst verwirklichen kann.

Heute Abend denke ich an alle, die im Handwerk arbeiten. Denn das Handwerk braucht jede und jeder. Allen Handwerkerinnen und Handwerkern, die jetzt müde nach Hause kommen: Erholt Euch gut. Ihr könnt stolz auf Euch sein.

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