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SWR4 Abendgedanken

Barmherzigkeit verwandelt euer Herz. Dieser Satz stammt von Papst Franziskus. Er steht an der Wand einer Kirche in meiner Stadt. Kein Befehl, so muss es sein, sondern eher eine Bitte. Lasst euer Herz verwandeln, nicht von Angst oder Enttäuschung, sondern durch Barmherzigkeit.

Barmherzigkeit. An diesem Wort bin ich hängen geblieben. Für Jesus war es keine Frage, dass Gott barmherzig ist, geduldig und großzügig. Das hat er aus seinem Religionsbuch gelernt. Später hat er zu seinen Freunden gesagt: Seid auch ihr barmherzig, so wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Jesus zeigt den Weg zur Quelle der Barmherzigkeit. Von Gott kommt, was ich brauche, für mich selbst und für andere.

Spuren dieser Barmherzigkeit entdecke ich auch in meinem Leben: Jahr um Jahr gehe ich weiter. Darf erleben, dass Menschen zu mir halten, mir etwas anvertrauen oder zutrauen. Ich genieße es, bei jeder Jahreszeit draußen zu sein. Die Treue der Freunde erfahre ich als eine Kostbarkeit.  Immer wieder kann ich Neues beginnen und fremden Menschen begegnen. Mich an kleinen Dingen freuen und herzlich lachen- auch über mich selbst. Das hält mich lebendig.

Und dazu das Versprechen, das Gott gibt: Hab keine Angst, ich bin an deiner Seite. Und erst recht sein Verzeihen: all die kleinen und großen Fehler, die ich mache, einfach weggewischt. So zieht sich  Gottes Barmherzigkeit durch mein Leben. Seine Art mit mir umzugehen geht mir zu Herzen. Ich erkenne sie immer mehr als Grundlage, die mein Leben trägt und erträglich macht. Und ich erlebe, wie auch ich barmherzig sein kann und damit mir selbst und anderen gut tue.

Barmherzigkeit verwandelt euer Herz. Für mich sind diese Worte eine Einladung: Vertraue darauf, dass sich etwas ändern kann. Lass die Barmherzigkeit dein Herz verändern. Fang einfach an. Wo immer du kannst. Verzeih dem anderen und verzeih auch dir selbst. Sei barmherzig, weil du längst von der Barmherzigkeit lebst.  

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Heute in einem Monat feiern wir Weihnachten. Eine Woche später ist der letzte Tag im Jahr 2016. Das sage ich nicht, um Ihnen Stress zu machen. Eher weil ich  empfinde, wie es in einem Lied heißt: Die Zeit sie eilt dahin…

Schnell vergeht sie. Ich merke es, wenn der Zahnarzt sagt, im Februar waren Sie zum letzten Mal da. Und ich hatte gedacht, das war vor ein paar Wochen. Die Zeit sie eilt dahin…

Im November spüre ich deutlicher als sonst, wie das Jahr vergeht und auch, wie das Leben vergeht. Ich denke an Menschen, von denen ich Abschied genommen habe für immer. Der Gang auf den Friedhof gehört dazu. Ich besuche die Gräber. Ich zünde Kerzen an oder lege ein Gesteck ab. Es tröstet mich, wenn ich mir dabei vorstelle, dass Gott die Zeit und alle Lebenszeiten in seinen Händen hält.

Wenn ich in diesen Wochen das Vergehen der Zeit so stark empfinde, glaube ich dennoch, dass mir das Jahr nicht einfach durch die Finger rinnt: alles was ich bisher in diesem Jahr erlebt habe, was ich geschafft und was ich durchgestanden habe. Alles auch was andere für mich getan haben. Das ist nicht wenig. Es ist da. Nichts ist verloren.

Manches Mal frage ich mich: Wo ist die Zeit hingekommen? Was habe ich heute geschafft? Wie schnell ist dieser Monat vergangen? Gerade in Zeiten, in denen ich Geduld brauche, weil es nicht so läuft  wie geplant, wenn ich keinen Sinn sehe in  endlosen Sitzungen. Dann habe ich das Gefühl, es ist verlorene Zeit.

Trotzdem finde ich: diese unfreiwilligen Unterbrechungen gehören in meine Zeit hinein. Vielleicht kann ich lernen, sie als heilsame Auszeiten anzusehen. Sie geben mir Zeit. Sie laden mich ein, dass ich Atem schöpfe. Sie erlauben mir, dass ich zu mir selbst komme und auf mein Leben schaue. Und oft werde ich dankbar für das, was trotz allem glücklich verlaufen ist oder gut überstanden.    

Die Zeit sie eilt dahin. Gerade deshalb will ich mein Leben Gottes Händen anvertrauen. Er hält meine Zeit, die aktive und gesunde und auch die einsame und schwere in seinen guten Händen.

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Willst du gesund werden? Hat Jesus einen Kranken gefragt. Der Patient hatte schon seit vielen Jahren sein Lager am Rand eines Teiches aufgeschlagen. Und wartet immer noch, dass das Wasser ihm Heilung bringt.

Willst du gesund werden? Was für eine Frage. Natürlich will er gesund werden. Vielleicht hätte ich an seiner Stelle gedacht, der will mich auf den Arm nehmen. Ich wäre ja nicht mehr hier, wenn ich nicht tief drinnen immer noch auf eine Änderung hoffen würde.

Willst du gesund werden? Der Kranke hat gar nicht Antwort gegeben auf diese Frage. Er hat gleich die Erklärung geliefert, warum das bisher nicht geklappt hat mit seiner Heilung.

Ich habe keinen Menschen, bricht es aus ihm heraus. Das ist sein Problem. Das tut ihm weh, mindestens so viel wie seine Krankheit, mit der er seit 38 Jahren lebt. Ich habe keinen Menschen. Dieser Satz geht mir unter die Haut. Keinen Menschen haben, das ist kein Leben. Krank und ausgeschlossen von dem, was zum Leben gehört: miteinander arbeiten und schlafen, essen und trinken, sich streiten und sich vertragen. Niemanden haben, der mitgeht und mitfühlt.  

Wer lange krank ist oder einen Angehörigen pflegt, der kann erleben, dass mit der Zeit die Freunde immer rarer werden und die Kontakte seltener.  Soweit war  es auch bei dem Mann dort am Teich gekommen. Keiner war da.  

Dieser Kranke brauchte wie so viele einen Menschen. Und mit Jesus war er dem Richtigen begegnet. Jesus will sich nicht abfinden, dass Menschen umsonst hoffen. Sie sollen zu essen bekommen, sie sollen sehen können, sie sollen beim Leben mitmachen können.

Jesus, wird für diesen Menschen zum Retter. Er verändert seine Lage. Er holt den Kranken heraus aus diesem Loch, in dem er sagt: Ich habe keinen Menschen.

Die Geschichte fragt mich: Für wen kannst du der Mensch sein? So, dass der andere nicht mehr sagen muss: ich habe keinen Menschen.

Ich weiß: Das wird nicht immer und für alle möglich sein. Krankheit und Sorgen werden nicht einfach verschwinden. Aber vielleicht kann ich es leichter machen, sie zu ertragen.  

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Mensch mach doch. Das dauert ja eine Ewigkeit bis du fertig bist. So ruft ein Freund durch die Umkleidekabine der Schwimmhalle. Das dauert ja eine Ewigkeit. Und wie lange dauert die?

Viele Menschen verstehen unter Ewigkeit eine lange, eine sehr lange Zeit. Irgendwann einmal hat sie angefangen. Das Ende liegt irgendwo, da vorne,  unvorstellbar weit weg. So weit, dass manche finden, dass das für ihr Leben keine Rolle mehr spielt.

Wir Christen hoffen auf ewiges Leben über den Tod hinaus. Nicht für alle ist das eine schöne Vorstellung, ewig zu leben. Manche meinen, das würde ja doch irgendwann langweilig.

Aber kann denn Ewigkeit überhaupt eine Grenze haben? Kann sie irgendwann zu Ende sein? So wie ein Film oder eine lange Reise irgendwann zu Ende gehen. 

Vielleicht kennen sie die Geschichte von Johann Peter Hebel. Wie lange dauert die Ewigkeit. Sie erzählt, wie ein Vogel mit seinem kleinen Schnabel den hohen Berg abwetzen soll. Und wenn der Berg abgetragen ist, dann ist von der Ewigkeit eine Sekunde vergangen. 

Mir leuchtet eher ein, wenn einer sagt: Ewigkeit ist die immer fortwährende Gegenwart Gottes. Das verstehe ich so, dass Gott jeden Augenblick bei mir ist und immer im Augenblick, im Jetzt, erfahren wird. Mitten im Alltag. Wenn ich mich angenommen fühle, so wie ich bin. Wenn mein Vertrauen stärker ist als meine Angst. So erfahre ich, Gott ist da.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Ewigkeit, das kann ich mir schwer vorstellen.  Augenblick schon eher. Für einen Augenblick geborgen, glücklich, ganz bei mir.

Wenn ein Fremder unter vielen mir ein Lächeln schenkt und ich spüre, wir sind Verbündete für das Leben. Wenn ich spät abends die Schläge der Glocken zähle, und ich empfinde: Danke für diesen Augenblick. Danke, dass du da bist, Gott, bei Tag und in der Nacht. Dann erlebe ich ein Stück Ewigkeit.  

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Ich bin glücklich und fühle mich frei, hat mir eine Frau erzählt. Ich habe mich getraut und endlich getan, was ich lange aufgeschoben hatte. Ich habe angepackt, wovor ich Angst hatte.  
Ihr Partner hatte zu ihr gesagt: Dann mach es doch endlich. Du sprichst schon so lange davon. Fass dir ein Herz und fahr los.

Da bin ich bin aus dem Zimmer gelaufen, hat die Frau erzählt, und habe geweint vor Aufregung. Doch dann habe ich nachgedacht und gemerkt: Es stimmt. Ich habe immer wieder davon gesprochen, Pläne gemacht und mir vorgestellt, wie es sein würde. Ich habe mir sogar die Sätze ausgedacht, die ich endlich sagen wollte.
Aber ich habe alles immer nur gedacht und geplant. Aber in diesem Augenblick habe ich gespürt: ich werde nicht mehr davon reden. Ich werde es tun.

Die Frau hatte mit ihrer Tochter Streit gehabt. Der Kontakt war abgebrochen. Bisher hat sie sich nicht dazu durchringen können, mit ihrer Tochter zu reden, anzurufen oder zu ihr zu fahren. Ihre Angst hatte sie abgehalten, ihr Vorhaben in die Tat
umzusetzen.
Sie hatte sich gefragt, ob ihre Tochter sie anhören würde. Oder würde sie das Gespräch verweigern. Und dann – der Stolz. Als Mutter hat sie darauf gewartet, dass die Tochter den ersten Schritt macht.    

Aber auf einmal hat sie gemerkt: es stimmt. Ich rede nur davon. Aber erledigt wird die Sache nur, wenn ich sie tue. Dieses Mal gibt es kein Zurück. Später hat mir die Frau erzählt: Ich habe es getan und ich bin so glücklich. Wir haben miteinander gesprochen. Es ist gut. Ich bin richtig erleichtert.

Vielleicht müssen Sie nicht zu Ihrer Tochter fahren, um eine Funkstille zu beenden. Aber vielleicht einmal wieder bei der Nachbarin vorbeischauen oder bei einem Kaffee mit der Kollegin ein Missverständnis klären.   

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ich Dinge immer nur vor mir herschiebe. Ich weiß aber auch, wie befreit ich mich fühle, wenn ich eine Sache anpacke. Sie dann nicht länger vor mir, sondern hinter mir habe. Etwas tun und nicht nur davon reden. Das macht mich glücklich.

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