Manuskripte

SWR3 Worte

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Woche vom 13.11.2011 bis 19.11.2011




Ilka Sobottke

Von Ilka Sobottke, Mannheim, Evangelische Kirche

Mut gibt es gar nicht...

Samstag, 19. November 2011     [Druckversion]

Man muss nur den nächsten Schritt tun.
Mehr als den nächsten Schritt kann man überhaupt nicht tun.
Wer den nächsten Schritt nicht tut,
obwohl er sieht,
dass er ihn tun könnte, tun müsste, der ist feig.
Der nächste Schritt ist nämlich nie ein großes Problem.
Man weiß ihn genau.
Eine andere Sache ist, dass er gefährlich werden kann.
Nicht sehr gefährlich.
Aber ein bisschen gefährlich kann auch der fällige nächste Schritt werden.
Aber wenn du ihn tust, wirst du dadurch,
dass du erlebst, wie du ihn dir zugetraut hast
auch Mut gewinnen.
Gerade das Erlebnis, dass du einen Schritt tust,
den du dir nicht zugetraut hast,
gibt dir ein Gefühl von Stärke.
Es gibt nicht nur die Gefahr, dass du zuviel riskierst,
es gibt auch die Gefahr, dass du zu wenig riskierst.
Den Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.

Martin Walser
Meßmers Reisen Suhrkamp 2003

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So gesehen...

Freitag, 18. November 2011     [Druckversion]

Ein Grashalm sagte zu einem Blatt im Herbst:

„Du machst solchen Lärm, wenn du fällst!
Du störst meine Winterträume."
Das Blatt antwortete ungehalten:
„Du bist von niedriger Herkunft
und hast dich nie über deine Herkunft erhoben,
griesgrämiges stummes Ding.
Du lebst nicht in den höheren Sphären und hast von Musik keine Ahnung."
Dann legte sich das Blatt auf die Erde
Und schlief ein.
Als der Frühling kam, erwachte es wieder
und war ein Grashalm.
Als es Herbst wurde,
die Zeit für den Winterschlaf nahte
und in den Lüften die Blätter fielen,
murmelte es:
O diese Blätter im Herbst!
Sie machen so einen Lärm!
Sie stören meine Winterträume."

Khalil Gibran, Dichter aus dem Libanon
Sämtliche Werke, Patmos 2003

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Für meinen besten Freund

Donnerstag, 17. November 2011     [Druckversion]

Freunden kann auch mal der Kragen platzen, wenn sie mit dir reden,
aber nur weil ihr Herz für dich bis zum Halse schlägt.
Freunde kämpfen für dich nächtelang im Gebet und sagen dir: "Ich habe neulich an dich gedacht!"
Freunde möchten deine Welt kennen lernen und entdecken immer neue Stadtteile.
Freunde erleben dich mit verklebten Augen, ungewaschenen Haaren und erkennen dahinter deine Eigenartigkeit und deine Schönheit.
Freunde können es sich leisten, bei einem Witz, den du erzählst, nach der Pointe zu fragen.
Bei Freunden kannst du nachts um halbdrei klingeln und sie fragen dich: „Kaffee oder Tee?"
Freunde reden manchmal blödes Zeug, weil sie wissen, dass du keine Goldwaage im Keller hast.
Freunde kennen sich nicht in deiner Brieftasche aus, dafür aber in deinem Kühlschrank.
Freunde geben dir im Winter ihr letztes Hemd und behaupten, sie wollten sich sowieso gerade sonnen.
Freunde machen es so ähnlich wie Gott: Sie mögen dich so wie du bist, trauen dir aber zu, dass du dich verändern kannst.

Albrecht Gralle
Der andere Adventskalender 2011/2012, andere zeiten e.V.

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Tränen? Ja, bitte

Mittwoch, 16. November 2011     [Druckversion]

Gib mir die gabe der tränen gott
Gib mir die gabe der sprache

Führ mich aus dem lügenhaus
Wasch meine erziehung ab...
Nimm meinen schutzwall ein
Schleif meine intelligente burg

Gib mir die gabe der tränen gott
Gib mir die gabe der sprache

Reinige mich vom verschweigen
Gib mir die wörter den neben mir zu erreichen...
Wie kann ich reden wenn ich vergessen habe wie man weint

Gib mir die gabe der tränen gott
Gib mir die gabe der sprache

Zerschlage den hochmut mach mich einfach
Lass mich wasser sein dass man trinken kann
Wie kann ich reden wenn meine tränen nur für mich sind...

Gib mir die gabe der tränen gott
Gib mir die gabe der sprache
Gib mir das wasser des lebens

Dorothee Sölle
Den Rhythmus des Lebens spüren, Herder 2003

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Ein Segen für heute

Dienstag, 15. November 2011     [Druckversion]

und vielleicht auch für morgen

Im Übrigen meine ich möge uns der Herr weiterhin
Zu den Brunnen des Erbarmens führen
Zu den Gärten der Geduld
Und uns mit Großzügigkeitsgirlanden schmücken
Er möge uns weiterhin lehren
Das Kreuz als Krone zu tragen
Und darin nicht unsicher zu werden
Soll doch seine Liebe unsere Liebe sein
Er möge in unser Herz eindringen
Um uns mit seinen Gedankengängen zu erfrischen
Uns auf Wege führen
Die wir bisher nicht betreten haben
Aus Angst und Unwissenheit darüber
Dass der Herr uns nämlich aufrechten Ganges
Fröhlich sehen will
Weil wir es dürfen und nicht nur dürfen sondern auch müssen
Wir müssen endlich damit beginnen
Das Zaghafte und Unterwürfige abzuschütteln
Den wir sind Gottes Kinder: Gottes Kinder!
Und jeder soll es sehen und ganz erstaunt sein
Dass Gottes Kinder so leicht und fröhlich sein können
Und sagen: Donnerwetter
Jeder soll es sehen und sagen: er habe Gottes Kinder gesehen
Und die seien ungebrochen freundlich und heiter gewesen

Hanns Dieter Hüsch
Das kleine Buch zum Segen. tvd, 1999

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Montagsbitte

Montag, 14. November 2011     [Druckversion]

Lieber Gott
Bis jetzt geht's mir gut
Ich habe noch nicht getratscht,
die Beherrschung verloren,
war noch nicht muffelig,
gehässig, egoistisch oder zügellos.
Ich habe noch nicht gejammert,
geklagt, geflucht oder Schokolade gegessen.
Die Kreditkarte habe ich auch noch nicht belastet.
Aber in etwa einer Minute
Werde ich aus dem Bett klettern
Und dann brauche ich wirklich deine Hilfe

Der andere Adventskalender 2011/2012, andere zeiten e.V.

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Hier bin ich Gott

Sonntag, 13. November 2011     [Druckversion]

Mein Herz ist bereit
O Gott, mein Herz ist bereit,
ich will dir singen und spielen.
Wach auf, meine Seele,
erwacht Harfen und Instrumente.
Ich will das Morgenrot wecken.
Vor der ganzen Welt will ich dich preisen.
Vor allen Völkern will ich ein Loblied
Singen auf dich.

Denn
Du bist so gut wie der Himmel weit ist
Und treu bis zu den Wolken.
Geh über die Himmel hinaus!
Zeig deinen Glanz wie herrlich du bist
Auf der ganzen Erde
Hilf mit deiner starken Hand.
Höre uns doch!
Und jene die du liebst sind gerettet
... zeige dich als Gott
denn Menschen richten hier nichts aus

Psalm 108 übersetzt von Arnold Stadler
Die Menschen lügen alle Insel Verlag 1999

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