Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

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Woche vom 18.12.2011 bis 24.12.2011




Dr. Thomas Weißer

Von Dr. Thomas Weißer, Mainz, Katholische Kirche

Was zählt

Samstag, 24. Dezember 2011     [Druckversion]

Die Kinder sind sieben, acht oder zehn Jahre alt, heißen Mara und Lukas, Gina und Johannes und gehen noch in die Schule. Aber an Heiligabend sind sie Maria und Josef, ein flotter Engel, ein dicker Wirt und eine gewitzte Hirtin. In Budenheim bei Mainz wird heute, wie in vielen anderen Kirchen, ein Weihnachtsmusical aufgeführt, ein Krippenspiel. Fast 50 Kinder lernen seit Anfang November Texte und Lieder. Und entdecken ganz nebenbei, dass die alte und bekannte Geschichte von der Geburt Jesu auch heute noch viel zu sagen hat.
Allgemein gilt Franz von Assisi als ‚Erfinder' der Krippenspiele. Er soll in einem Wald das Weihnachtsgeschehen mit lebenden Tieren und echten Menschen nachgestellt haben. Ursprünglich stehen also Erwachsene beim Krippenspiel auf der Bühne. Heute haben Kinder diesen Part übernommen. Ist das Krippenspiel damit auch Kinderkram? Ganz im Gegenteil. Die Kinder erzählen in ihrem Weihnachtsmusical die altbekannte Geschichte neu. Auch in diesem Jahr. Da führt nämlich ein Volkszähler durch das Stück. Erzählt, wen er alles zählt. Und wie es kommt, dass sich Maria und Josef nach Betlehem aufmachen müssen. Wie nebenbei wird deutlich, dass sich zwar vieles zählen lässt. Aber das Wichtige im Leben, das kann man nicht zählen: Liebe, Licht, Freundschaft, Hoffnung und Trauer. In einer Welt, die auch am Ende dieses Jahres vor allem durch die Diskussion über Geld, über den Euro in Atem gehalten wird, ist das eine ganz aktuelle und politische Botschaft. Und die Kinder erzählen in diesem Weihnachtsmusical gerade davon, wie wichtig all das in unserem Leben ist, was sich nicht zählen lässt. Was keinen Geldwert hat. Was nichts kostet. In Budenheim bringen die Kinder in diesem Jahr eine Botschaft all den froh gestimmten Heiligabend-Christmetten-Besuchern: Die Botschaft, dass die Geburt Jesu mehr ist als Stoff für rührselige Erinnerungen an die Kindheit, sondern dass die Geburtsgeschichte eine Geschichte mit Auswirkungen ist. In der Dreifaltigkeitskirche in Budenheim vertauschen sich so die sonst üblichen Rollen. In der Regel lernen ja Kinder von Erwachsenen. Mit dem Weihnachtsmusical aber können Kinder den Erwachsenen etwas beibringen: Dass Weihnachten mitten ins Leben hineinführt. In mein Leben und meine Welt. In die Frage, was mir wichtig ist und was wirklich zählt.

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Mitte der Welt

Freitag, 23. Dezember 2011     [Druckversion]

Zwei Wochen werkeln sie jedes Jahr im Advent. Die Krippenbauer in der katholischen Kirche St. Stephan in Gonsenheim. In dem Mainzer Vorort steht einer der größten Krippen weit und breit. Mehr als zehn Leute holen schon zwei Wochen vor Weihnachten Platten aus dem Keller, verkleben Stoffbahnen, verlegen 200 Meter Kabel. Sogar ein kleiner Wald rahmt die riesige Krippenlandschaft. Die Krippe ist groß und jedes Jahr gibt es andere Probleme. Mal tropfen die frisch gefällten Bäume und setzen die Kirche unter Wasser. Dann fällt die Elektrik aus und muss überholt werden. Aber einen Tag vor Heilig Abend spielt das alles keine Rolle mehr. Wenn fast 140 Figuren an ihrem Platz stehen und der Weihnachtsgeschichte ihr ganz eigenes Gesicht geben. Neben dem üblichen Krippenpersonal fallen in Gonsenheim vor allem ungewöhnliche Figuren auf. Tanzende Kinder, Ziegenböcke, die miteinander kämpfen, eine Magd mit einem Hahn unter dem Arm, viele Alltagsszenen aus dem Leben ganz normaler Leute. Es sind die Figuren und die Landschaft, die Jahr für Jahr Menschen anziehen. Und mehr noch sind es viele Geschichten, die aus der Krippe einen lebendigen Teil der Gemeinde machen. Geschichten wie die vom Pfarrer, der die Figuren persönlich in Österreich abholte und seine Gemeinde mit einem Elefanten überraschte. „Unsere Krippe", sagen viele Gonsenheimer - und stellen sich dadurch zu Hirten und Engeln, Holzfällern und Bäuerinnen. Sie werden Teil der Krippengesellschaft. Einer Gemeinschaft von Menschen, die sich auf ein neugeborenes Kind ausrichten. Das finde ich einen spannenden Gedanken. Die Welt kreist das ganze Jahr über um das Geld, um kleine und große Sorgen, um Gesundheit und Wetter, um Liebesglück und Erfahrungen des Todes. In der Welt der Krippe aber kreist alles um das Kind. Die normalen Regeln des Alltags spielen keine Rolle mehr. Die Welt richtet sich neu aus. Auf das Kind. Und genau darin sehe ich Gott aufleuchten. Mitten in einer Kirche am Rand von Mainz. Die Hoffnung, dass diese Welt eine menschliche Mitte besitzt. Dafür, finde ich, lohnt sich der große Aufwand, den die Gonsenheimer Jahr für Jahr betreiben.

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Dr. Maria Meesters

Von Dr. Maria Meesters, Baden-Baden, Katholische Kirche

Fünf Engel, Ochs und Esel

Donnerstag, 22. Dezember 2011     [Druckversion]

Zum Schwerpunkt „Deutschlandreise"
In diesen Wochen ist er zugeklappt, der Hochaltar im Freiburger Münster. Das Jahr hindurch, wenn seine Flügel aufgeklappt sind, zeigt er die Krönung Marias im Himmel. Aber vom 1. Advent bis zum 2. Februar sind die Bilder von Advent und Weihnachten zu sehen: der Engel Gabriel, der zu Maria kommt und ihr die Geburt Jesu ankündigt. Maria und ihre Cousine Elisabeth, beide schwanger. Dann das Bild von der Geburt Jesu im Stall und schließlich die Heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten. Hans Baldung Grien ein Schüler von Albrecht Dürer, hat im 15. Jahrhundert diesen Altar gemalt. Ich möchte besonders auf das weihnachtliche Bild schauen. Eine Szene im Dunkeln ist es und voller Licht. Die stärkste Lichtquelle ist das kleine Kind. Es liegt in einem Tuch, das gehalten wird von 3 Engeln, die kaum größer sind als es selber. Ein weiterer Engel schwebt mit gefalteten Händen über dem Tuch und betet das Kind an, und der fünfte sitzt einfach nur da und staunt. Beim Bild von der Flucht nach Ägypten sehen wir die 5 wieder. Da klettern sie in einer Dattelpalme herum, um für die heilige Familie ein paar Früchte zu ergattern. Himmlische Boten mit praktischen Fähigkeiten. Und - weil sie fünf sind - vielleicht Repräsentanten der 5 Erdteile, die dem Kind huldigen. Diesem Kind, von dem soviel Licht ausgeht. Es streckt die Ärmchen der Mutter entgegen. Maria kniet vor ihm, versunken und mit gefalteten Händen. Hinter ihr Josef mit widerspenstigem Bart und Haarkranz, etwas zur Seite geneigt und mit geschlossenen Augen. Auch der Ochse fehlt nicht, ganz nah bei den Engeln, angeleuchtet vom Kind, schaut er mit großen nachdenklichen Augen. Der Kopf des Esels ist noch fast ganz im Dunkeln. Auch Ochs und Esel gelten übrigens als Repräsentanten der Menschheit. Der Kirchenlehrer Gregor von Nyssa zum Beispiel hat dazu im 4. Jahrhundert geschrieben: Der Ochse unter dem Joch steht für das an das mosaische Gesetz gebundene Israel; der Esel trägt die Last des Götzendienstes, vertritt also die „Heiden" alle. Beide sind sie an der Krippe, in Jesus werden - um es mit einem modernen Wort zu sagen - die Weltanschauungen versöhnt. Die Tiere und die Engel huldigen dem Kind - in der Geburt Jesu sind die Menschen nicht mehr getrennt oder sogar verfeindet aufgrund von Herkunft, Rasse und Religion. Ein hoffentlich prophetisches Weihnachtsbild aus dem Freiburger Münster.

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Träumen und sich wandeln

Mittwoch, 21. Dezember 2011     [Druckversion]

Zum Schwerpunkt „Deutschlandreise"
Im Traum findet er seinen Weg - Josef, Zimmermann in Nazareth, verlobt mit Maria. Auf einem Altarbild in der Kirche St. Peter im Schwarzwald, nicht weit von Freiburg, ist mir der träumende Josef begegnet. Bei der Arbeit ist er offenbar eingeschlafen, die Werkzeuge - Hobel, Winkelmaß, Säge liegen auf dem Boden. Josef ist nicht alt, vielleicht Mitte 30. Über ihm ein Engel, weiblich, halb sitzend, halb schwebend auf einer Wolke. Mit der rechten Hand berührt er die Schulter des schlafenden Josef, die linke zeigt nach vorn. Das Bild erzählt die biblische Szene aus dem Matthäusevangelium. Josef hat bemerkt, dass Maria schwanger ist, aber nicht von ihm, und beschließt, sich in aller Stille von ihr zu trennen. So sollte es für beide das Beste sein. Über dem Nachdenken schläft er ein, und im Traum ist dieser Engel da, der ihm Mut macht. „Fürchte dich nicht, Maria als Deine Frau zu dir zu nehmen. Denn - so die geheimnisvolle Botschaft des Engels - was sie empfangen hat, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären, den sollst du Jesus nennen."(Mt 118ff) Als Josef wach wird, tut er, was der Engel gesagt hat, und nimmt seine Frau zu sich. Das Altarbild in St. Peter, um 1730 gemalt, denkt nicht über biologische Fragen der Zeugung und Geburt Jesu nach. Es zeigt, wie am Anfang der Weihnachtsgeschichte ein Mensch träumt und sich wandelt. Josef, überfordert von der Situation, erschöpft vom Nachdenken, sorgenvoll den Kopf in die Hand gestützt. Der Engel, die junge Frau mit den Engelsflügeln, berührt ihn an der Schulter - etwa da, wo im Nibelungenlied der Held Siegfried seine einzige verwundbare und damit auch empfindsame Stelle hatte. Mit der andern Hand zeigt der Engel voraus, wohin der Weg gehen kann. Und jetzt sehe ich, dass Josef im Schlaf auch schon einen Stab in der Hand hält. Er wird es schaffen, er wird seinen Weg finden. Es ist ein Weg, „den er vorher nicht gekannt und sich auch nicht zugetraut hatte"[1]. Diesem Josef wird durch einen Traum seine Angst genommen. Er wird frei, ungeachtet der Konventionen zu handeln: seine Liebe zu Maria zu leben und dem Kind Vater zu sein, liebevoll und fürsorglich wie die Bibel betont. Eine persönliche Wandlungs- und Entwicklungsgeschichte innerhalb der Weihnachtsgeschichte. So etwas kann sich ereignen, wenn Weihnachten wird. 


[1] Hans-Otto Mühleisen, Wandel im Traum. Ein Josefsbild aus St. Peter auf dem Schwarzwald. In Mühleisen u.a. (Hrsg.), Der heilige Josef. Kunstverlag Josef Fink, 2008, S. 223

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Dr. Gotthard Fuchs

Von Dr. Gotthard Fuchs, Wiesbaden, Katholische Kirche

Markt und Dom in Mainz

Dienstag, 20. Dezember 2011     [Druckversion]

Jetzt ist in Mainz der Wochenmarkt besonders schön, weihnachtlich erweitert erst recht. Um den gewaltigen Dom herum kuscheln sich die Verkaufsstände und Läden. Ein Gewusel von Schaulustigen und Käufern schiebt sich bummelnd durch die Reihen. Obst und Gemüse vom Umland locken zum Schauen und Kaufen. Düfte von Bratwurst und Glühwein ziehen durch die Nase. Und immer ist der sandsteinfarbene Dom da, beschützend, sichernd, stark und verlässlich. Um wieviel ärmer wäre der Weihnachtsmarkt in Mainz, wäre das gewaltige Steinmassiv der Kirche nicht da. Und immer noch sitzt der Heilige Martin auf dem First fest im Sattel, immer noch teilt er den Mantel für den Armen am Wegrand, vorbildlich und Maßstäbe setzend wie eh und je. Dann trete ich ein paar Schritte aus dem Marktgeschiebe heraus, gehe ich den Dom - und bin ganz woanders. Welch ein Kontrast in der Gotthardkapelle drinnen zu dem Treiben und Trubel draußen! Die uralte Hofkapelle der Mainzer Erzbischöfe ist ein bergender Raum. Schon der konsequent quadratische Grundriss tut gut, alles klar geordnet und sammelnd - so als kämen im Geviert des Raumes die vier Weltelemente und Temperamente selber ins Lot. Und ins Schwingen. Die tragenden Säulen, ins Obergeschoß sich verjüngend, vermitteln Ruhe und Verlässlichkeit, und Licht ist genug da, Weite und Ruhe - ein Ort der Stille und Anbetung. In der Apsis hängt vor blauem Grund das uralte Kreuz, sehenden Auges schaut Jesus mich an, mit den offenen Augen und dem gezeichneten Leib, groß und in der Lebensspannung der ausgebreiteten Arme - der rettende Christus, dessen Geburtstag weihnachtlich wieder bevorsteht . Dann wieder gehe ich hinaus auf den lauten Jahrmarkt, in das warme Menschengeschiebe, bis zu den Geschenkangeboten und Essecken. Wieder der unglaubliche Dom, groß von innen eben noch und jetzt groß von außen, Ort kontemplativer Stille drinnen und geschäftiger Umtriebe draußen. Beides zusammen kriegen wie Einatmen und Ausatmen - das wär's. Die Stille in der Gotthardskapelle nimmt den ganzen Wochenmarkt ins Gebet, und das muntere Treiben draußen ist nicht minder erfüllt vom göttlichen Segen. Beides zusammen: draußen und drinnen - das entspricht der Weihnachtsgeschichte, im Stall und im Hirtenjubel, auf Erden und im Himmel.

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Odilienberg

Montag, 19. Dezember 2011     [Druckversion]

Der Odilienberg. Südlich von Straßburg, thront er da. Fast 800 Meter hoch. Als letzter Vorsprung der Vogesen ragt er in die Rheinebene. Ein uralter Ort heilender Energie. Die Kelten siedelten da oben, von der Römerstrasse sind noch Reste erhalten, die sogenannte Heidenmauer umspannt mit ihren Riesenquadern das ganze Plateau. Und es ist eine uralte christliche Stätte.
Odilie, eine fränkische Herzogstochter, lebte dort. Noch heute stehen von ihrem Kloster einige Reste. Odilie war von Geburt an blind, so erzählt die Legende. Aber mit zwölf Jahren habe sie doch das Augenlicht geschenkt bekommen, just im Zusammenhang mit ihrer Taufe. Seitdem habe sie den Durchblick gehabt, nach außen und nach innen. Das ist natürlich voller Symbolik. Denn Taufe hat mit Erleuchtung zu tun, nicht nur um die physische Sehkraft geht es, auch um die Augen der Seele. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Blindheit ist bis heute ein Thema. Immer Menschen hierzulande erkranken an Macula-Degeneration, einer Art Augenkrebs. Das Scharfsehzentrum im Auge, die Macula, verliert seine Kraft und Klarheit. Die ganze Außenwelt verschwimmt. Am Ende bleiben nur letzte Umrisse von Hell und Dunkel vor der großen Finsternis, wortwörtlich aussichtslos. Am Schlimmsten ist es, wenn auch die Augen der Seele krank werden; dann machen sich Resignation oder gar Verzweiflung breit. Die heilige Odilie steht für die Sehkraft des Glaubens. Und deshalb pilgern viele auf ihren heiligen Berg und bitten um Fürsprache. Neben der Kreuz- gibt es die Tränenkapelle. Da liegt ein ausgewaschener Sandstein. Der Legende nach habe Odilie da so viele Tränen vergossen. Sie ist offenkundig eine einfühlsame Frau, sie hat die Gabe der Tränen und des Mitgefühls wie Jesus selbst. Sie weiß aus eigener Erfahrung um die große Augennot und Sehschwäche. Und sie hat das dritte Auge des Glaubens, sie schaut die Dinge im Osterlicht, auch und gerade das Kreuz. Zaubern freilich kann sie nicht, und Gott auch nicht. Aber alle Wunder geschehen in der Nacht, in der Weihnacht. Der Odilienberg mit seinen Räumen des Gebets ist in der Tat ein heiliger Ort. Man kann, wenn man sehen darf, weit hinausschauen ins Rheintal. Man kann lernen, nach innen zu schauen und den Augen des Glaubens zu trauen. Man kann eine Ahnung bekommen von der Sehkraft des dritten Auges. Das sieht in der mickrigen Krippe Jesu den heruntergekommenen Gott. Das sieht mit dem Herzen gut. Selbst in der bitteren Macula-Erkrankung weiß es um die tröstende Kraft dessen, der Blinde heilt und alles neu sehen lässt, wunderbar getröstet.

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