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Woche vom 15.08.2010 bis 21.08.2010




Dr. Gotthard Fuchs

Von Dr. Gotthard Fuchs, Wiesbaden, Katholische Kirche

Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein

Samstag, 21. August 2010     [Druckversion]

Ingeborg Bachmanns Hymnus an die Sonne bewegt mich noch immer: „Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht, / schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht, / viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen. /Und zu weit schönerem berufen als jedes andere Gestirn, / Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne." Eine Binsenweisheit vielleicht. Aber das vermeintlich Selbstverständlichste will doch eigens gewürdigt sein - und dazu bietet jeder Morgen Anschauungsunterricht, jeder Sonnenaufgang. Mit dem Licht der Sonne öffnet sich der Horizont, wir sehen klarer. Alles Leben betet die Sonne an, jede Pflanze gibt die Lebensrichtung vor.
„Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein..", so sagt es Ingeborg Bachmann, der die Schwermut nicht fremd war und die viel von den Dunkelseiten des Lebens wusste. Oft genug sah es für sie finster aus, und doch ist sie eine förmliche Sonnenanbeterin- und wer von uns wäre das nicht? In den alten Religionen betrachtete man die Sonne förmlich als Gott, und ihre Strahlen sind wie Segenshände, die sich jedem Einzelnen zuwenden. „Schönes Licht, das uns warmhält, bewahrt und wunderbar sorgt,/ das ich wiedersehe und das ich dich wiedersehe!" Die Sonne als Inbegriff des strahlenden Lebens, als schier unerschöpfliche Licht- und Segensquelle!
In diesem Sinne spricht die Bibel von dem Gott, der seine Sonne aufgehen lässt über Guten und Bösen. Alles überstrahlend und erwärmend, ist noch die schlimmste Untat eingeborgen in dieses göttliche Licht.
„Gelobt bist du, Bruder Sonne" singt entsprechend Franz von Assisi im 13. Jahrhundert. Noch angesichts des Todes, mitten in tiefster Krankheit und nach schwerer Depression, dichtete er seinen Sonnengesang, sein Loblied auf Bruder Sonne und Schwester Mond, seinen Hymnus auf die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt. Und in einem Lied des Protestanten Christian Knorr von Rosenroth im 17. Jahrhundert heißt es: „Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschaffenen Lichte/ schickt uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte, und vertreib durch deine Macht unsre Nacht." Nichts ist weniger selbstverständlich als das Strahlen der Sonne, als ein strahlendes Gesicht, als glänzende Augen. Nicht zufällig sprechen wir vom Licht der Vernunft, vom Licht des Glaubens. Ingeborg Bachmann hat recht: „Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein."

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Würdest du hören?

Freitag, 20. August 2010     [Druckversion]

„Wenn die Propheten einbrächen / durch die Türen der Nacht / und ein Ohr wie eine Heimat suchten- / Ohr er Menschheit / du nesselverwachsenes, / würdest du hören?" Diese Frage ist über 60 Jahre alt. Kurz nach dem 2. Weltkrieg wurden die ersten Gedichte von Nelly Sachs bekannt. Selbst gerade noch aus Nazideutschland gerettet, ist es jetzt die Sprache, in der sie Verlorenes zu retten versucht. Nicht zufällig erinnert die deutsche Jüdin an die Propheten Israels, an mutige Menschen also, die sich im Glauben an Gott mit dem bestehenden Desaster nicht abfinden und nach Alternativen suchen. Dazu aber muss Unrecht beim Namen genannt werden, dazu muss Gewohntes und Gewöhnliches schmerzhaft verändert werden, „durchschmerzt", sagt Nelly Sachs. Aber wer wagte sich schon an diese Trauer und Reue, wer hätte den Mut zu genauer Erinnerung und Auseinandersetzung?
„Wenn die Stimme der Propheten / auf dem Flötengebein der ermordeten Kinder/ blasen würde,/ die vom Märtyrerschrei verbrannten Lüfte/ ausatmete- / wenn sie eine Brücke aus verendeten Greisenseufzern/ baute -/ Ohr der Menschheit / du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes, / würdest du hören?" Gedichte nach Auschwitz - sie müssen Mord und Totschlag beim Namen nennen, sie müssen der ermordeten Kinder und Alten gedenken. In dieser „Landschaft aus Schreien" ist Dichtung immer nah am Klagegebet, am Stöhnen und Seufzen. Denn ohne Erinnerung keine Zukunft, ohne Auseinandersetzung mit dem falschen Bestehenden keine Hoffnung. Dichter und Propheten sind Menschen, die sich beunruhigen lassen und beunruhigen, im Namen Gottes und des wahren Lebens. Sie geben sich mit dem kleinen Lauschen nicht ab. „Mit ihren Worten Wunden reißend / in die Felder der Gewohnheit" müssen sie, selbstverletzt und beunruhigt, Ursachen benennen, Täter und Täterinnen, im Namen der Opfer, für eine bessere Zukunft.
Gottseidank sind hierzulande die Zeiten anders als damals vor mehr als 60 Jahren. Viel Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit wurde seitdem geleistet, auch dank Nelly Sachs. Angesichts all der Gewalt- und Leidensgeschichten auch heute bleibt freilich die Schlussfrage ihres Gedichts aktueller denn je: „Wenn die Propheten aufständen/ in der Nacht der Menschheit/ wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,/ Nacht der Menschheit/ würdest du ein Herz zu vergeben haben?"

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Sprache zum Überleben

Donnerstag, 19. August 2010     [Druckversion]

Vor 70 Jahren den Nazis entronnen, vor 40 Jahren in Stockholm verstorben - Nelly Sachs in ihren Gedichte und Dramen ist neu zu entdecken. Wenige haben das Leiden so im Licht biblischer Geschichten zu bewältigen versucht, wie sie. Indem sie den Schmerz der Gegenwart bis zum Verrücktwerden zulässt, und spürt, liest sie die Bibel neu. Als schriebe sie von sich selbst, so dichtet sie von dem biblischen König David: „aber im Mannesjahr / maß er, ein Vater der Dichter, / in Verzweiflung/ die Entfernung zu Gott aus, / und baute der Psalmen Nachtherbergen / für die Wegwunden." David , nicht irgendwer, denken wir an den Davidsstern, ein Großer Israels, nach der Überlieferung der Dichter der Psalmen. Die aber sind eben nicht am grünen oder runden Tisch entstanden, sie sind das stotternde Dokument der Vermessung der Welt in Verzweiflung. So groß ist die Entfernung zu Gott geworden, so gottlos das Treiben der Menschen und so weltlos das göttliche Wirken, dass es einen förmlich zerreißt. Bis in die sprachliche Gestalt hinein sind die Gedichte von Nelly Sachs gebrochen. Aber dichtend zwingt sie doch noch zusammen, was vollends auseinander gebrochen ist. Dürfen wir von der Kraft der Sehnsucht sprechen, vom verzweifelten Mut des Glaubens? Die Psalmen der hebräischen Bibel sind in der Lektüre von Nelly Sachs Ausdruck gewagter und bewältigter Verzweiflung, sprachgewordene Gottvermessung , und gerade so „Nachtherbergen für die Wegwunden". Da kann man auf der Flucht ausruhen, da gibt es für einige Stunden wenigstens ein Dach über dem Kopf und einen bergenden Sprachraum. Was Nelly Sachs von den Psalmen Davids sagt, gilt für ihre eigenen Gedichte. Deshalb dürfen sie nicht vergessen werden, gerade unter Christen und Juden nicht. Wo sonst könnte man lernen, die Bibel zu lesen und zu leben? Wo sonst wären die Kraftquellen zu spüren, um das Leben biblisch zu lesen und zu bewältigen ?
Realistisch nennt die Dichterin auch die Verbrechen Davids, immerhin hatte er noch vom Sterbebett aus viele Gegner ermorden lassen. Keine Schönfärberei also bei der Dichterin, aber auch keine Schuldzuweisung an Täter oder gar Opfer. Die Schlussstrophe des Gedichts sagt viel über die Sehnsucht von Nelly Sachs, viel über den biblischen Glauben; denn vom Engel ist die Rede, vom Licht, auch von Gott, von David. „Sterbend hatte er mehr Verworfenes/ dem Würmertod zu geben/ als die Schar seiner Väter- / denn von Gestalt zu Gestalt/ weint sich der Engel im Menschen / tiefer in das Licht!"

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Morgengrauen

Mittwoch, 18. August 2010     [Druckversion]

Vor 40 Jahren ist ihre Stimme erloschen. Die deutsche Jüdin starb im schwedischen Exil, in Stockholm. Ich spreche von Nelly Sachs, in Berlin behütet aufgewachsen und dann in den nationalsozialistischen Terror geraten. Am 16. Mai 1940 konnte sie zusammen mit Ihrer Mutter gerade noch nach Schweden entkommen. Dort ringt sie noch 30 Jahre lang dem Schrecken der Shoah ihre Gedichte und Dramen ab. Zeitlebens trauert sie um ihren Geliebten, vernichtet von den Nazis und im Dunkel der Geschichte nie mehr zu erreichen. Immer wieder steht sie in der Gefahr, förmlich verrückt zu werden; des öfteren bedarf sie psychiatrischer Behandlung.
Immer wieder bezieht sich Nelly Sachs in ihren Gedichten auf biblische Gestalten, auf jüdische Mystik auch. In der Geschichte von Jakobs Gotteskampf findet sie das eigene Schicksal wieder, das Geschick Israels. „O Israel / Erstling im Morgengrauenkampf / wo alle Geburt mit Blut / auf der Dämmerung geschrieben steht. / O das spitze Messer des Hahnenschreis / der Menschheit ins Herz gestochen, / o die Wunde zwischen Nacht und Tag / die unser Wohnort ist!" So beginnt eines Ihrer Jakob-Gedichte. „Morgengrauenkampf" - alle Metaphern haben einen doppelten Boden, sind brüchig wie die Realität selbst. „Morgengrauen" - das meint zunächst doch einfach nur der Übergang in einen neuen Tag, heute Morgen zum Beispiel. Hier aber ist es auch das Grauen über die Vernichtung der Juden und die Gewalt von Menschen über Menschen. Und das Blut der Geburt der Geburt ist zugleich das Blut des Menschenmords, des millionenfachen. Und der Hahnenschrei ist eben nicht nur die lebenslustige Begrüßung des neuen Tages durch die krähende Kreatur, es ist das Zeichen des Verrates. Nichts von Selbstmitleid, nichts von Hass oder Rache, wohl aber Klage und Schrei angesichts der leidenden Kreatur überall, „der Menschheit ins Herz gestochen". Was ihr geschah, was so vielen Juden geschah, es betrifft alle.
Jakob, der Stammvater, hatte im Kampf mit Gott den Ehrennamen Israel bekommen: Gotteskämpfer. Auch in der dunkelsten Nacht lässt er nicht von seinem Gott, er kämpft mit ihm, bis er ihn segnet. Dieser Jakob ist für Nelly Sachs zum Realsymbol geworden für das Geschick Israels insgesamt, für das Geschick der leidenden Menschheit. Jakob damals hatte es geschafft, „selig entbunden" in den Morgen eines neuen Lebens hinein, zwar angeschlagen, aber gesegnet. In ihm, dem Stammvater, ruft die klagende Dichterin einen neuen Morgen auf, ohne das schreckliche Grauen - einen gesegneten Morgen.

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Die geschenkte Blume

Dienstag, 17. August 2010     [Druckversion]

„Zwischen einer gepflückten Blume und der geschenkten/ das unausdrückbare Nichts" . Das ist ein Gedicht von Guiseppe Ungaretti. „Eterno" heißt sein Titel, „Ewig", für immer. Es kreist um das Wunder des Schenkens - nicht zu verdienen, nicht zu leisten, nicht zu erzwingen, nicht einzufordern. Einfach geschenkt. Und im Grunde ist es nicht zu fassen, dass mir jemand wirklich etwas schenkt - ohne Hintergedanken, ohne Nachforderungen, einfach so. Es fehlen einem die Worte, denn in jedem wirklichen Geschenk geht es um Freiheit und Liebe. Selbst ein so deftiges Sprichwort wie „einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul" erzählt noch davon. Es ist deshalb eine große Kunst, sich etwas wirklich schenken zu lassen , große Kunst dankbar zu sein und dies auch zu spüren und zu zeigen. Geschenke sind absolut nicht selbstverständlich, im Geben nicht und im Annehmen nicht.
In der Tat: ich kann mir Rosen kaufen, Bücher oder Pralinen - aber wenn ich sie geschenkt bekomme: Welten liegen dazwischen.
„Du bist ein Geschenk für mich", sagen Liebende. Auf Geburtsanzeigen steht es vom erwünschten Kind, in der Freude junger Eltern ist es lebendig. Immer ist es dieses „unausdrückbare Nichts", es fehlen einem die Worte, es haut einen um, es macht einen überglücklich. So reden Christen nicht zuletzt von Jesus: er ist für sie das Gottesgeschenk schlechthin, in ihm macht Gott sich selbst zum Geschenk. Unverdient, nicht herzustellen, nicht zu leisten, einfach so. In diesem Jesus hat Gott den Menschen alles gegeben, was er geben kann, sich selbst: er ist der Geber und die Gabe. So lebensnah und fremd ist er wie dieser Jesus von Nazareth, in ihm begegnet Gott als der Gebende und die Gabe. In ihm bittet er darum, dass der Mensch sich beschenken lässt und diese Gabe annimmt.
Das nannte man früher Gnade, ein missverständliches Wort, wenn man Begnadigung mithört oder Herablassung spürt. Nein, gemeint ist das Geheimnis des Schenkens. Wie viel ärmer wäre die Welt, wenn es dieses Gottesgeschenk nicht gäbe und solche nicht, die es empfangen und dann weitergeben.
Verschenke ich Blumen beim Besuch am Wochenende, dann ist die Antwort absehbar: „Och, das war doch nicht nötig", sagt die Gastgeberin. Und sie hat recht: Geschenke sind nicht nötig, aber ohne sie wären wir arme Schlucker.

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Am Morgen

Montag, 16. August 2010     [Druckversion]

Mit „Mattina", also mit „Morgenfrühe", ist eines der kürzesten Gedichte überschrieben, und eines der schönsten, von Guiseppe Ungaretti. Zwei Zeilen nur: „ ich erleuchte mich/ durch Unermessliches". Im Original: "Mattina // M'illumino / d'immenso." Im Italienischen kommen diese Verse daher wie Rhythmus und Musik, nur Vokale bestimmen den Ton. Ich denke an das Zwitschern von Vögeln, an den Sonnenaufgang, an gute Energie in mir und um mich herum. „M'illumino / d'immenso"- ich lasse mich erleuchten durch Unermessliches. Da ist etwas Größeres, in dem ich mich immer schon vorfinde - nennen wir es Leben, nennen wir es Atem, nennen wir es Licht. Mit mir geschieht etwas, was größer ist als ich.
Nichts ist überraschender als das Selbstverständliche, jedenfalls bei Licht besehen. Dass jeden Morgen die Sonne aufgeht, bleibt erstaunlich genug, auch in Zeiten künstlicher Beleuchtung. Früher wusste man das elementarer: jedes Verschwinden der Sonne am Abend war eine Katastrophe, jede Nacht bedeutete auch ein Stück Tod - immer mit dabei die bange Frage, ob sie es schafft, die göttliche Sonne, am nächsten Morgen wieder hoch zu kommen und mit ihrer Ausstrahlung das Leben zu ermöglichen. „Ex oriente lux", heißt der alte Spruch: - auch das vermeintlich ganz selbstverständlich: „im Osten geht die Sonne auf". Weil im Orient die Sonne aufgeht und ein Horizont entsteht, können wir uns orientieren. Sonne und Licht sind eben mehr als Vorgänge in der Natur, sie ermöglichen den Rhythmus des Lebens, sie ermöglichen „Erleuchtung", wie der Dichter sagt, Klarheit innen und außen, Klärung von Problemen, Aufklärung. Was seit alters fasziniert: das Licht ist das, wodurch wir sehen, und es ist das, was wir sehen. So immens ist das, so überwältigend, dass uns beim Blick in die Sonne schwarz wird vor den Augen .
„In deinem Licht sehen wir das Licht", heißt es in den Psalmen Israels (36,10). Seit uralten Zeiten ist die Sonne ein Symbol Gottes: er ist das Licht, das sich gerecht verteilt und uns einander sehen lässt, auch im Schatten. „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf in unserer Zeit;, singen wir Christen aus gutem Grund. Und der Apostel Paulus schreibt: „Gott ist in unseren Herzen aufgeleuchtet auf dem Angesicht Christi..." (2 Kor 4,6) Was also jeden Morgen in der weiten Schöpfung geschieht, das geschieht Paulus in der Entdeckung Jesu. Was Tag für Tag von der Sonne ausgeht, das geht für Paulus von Jesus aus: eine wohltuende Ausstrahlung, eine lebensstiftende Wärme, eine berührende, ja zärtliche Nähe. Nichts war für Paulus umwerfender als das, nichts unermesslicher, nichts immenser. Jeder Morgen wird dann ein Stück Ostermorgen, jeder Morgen ein Stück neuen größeren Lebens. „Mattina // M'illumino / d'immenso"

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